(Bild: Matthias Mineur)
Im Frühjahr 2026 war Sibun mit seiner dreiköpfigen Begleitband auf Deutschlandreise, wir haben ihn bei einem Konzert in der Nordenhamer Jahnhalle besucht und dabei einen überaus freundlichen und auf wunderbare Weise dankbaren Musiker kennengelernt.
Innes, du wirst nicht müde, immer wieder zu erwähnen, wie wichtig das Engagement bei Robert Plant für deine künstlerische Laufbahn war. Seinen Einfluss erkennt man auch auf deinem aktuellen Album ‚The Preacher‘!
Danke, das freut mich! Robert ist bekanntlich unfassbar vielseitig. Er mag Rock, er liebt den Blues, steht aber auch auf arabische und auf nordafrikanische Musik, mag Pop und Soul, er ist ein echter Musikhistoriker. Und nun hör dir mal meinen Song ‚Incantation‘ von ‚The Preacher‘ an, den wir auch heute Abend spielen werden. Alles das, was Robert Plant liebt, findet man dort auf eine bestimmte Weise wieder, wenn auch in meiner eigenen Spielweise.
Die Nummer ‚Time Is Tight‘ gibt es auf ‚The Preacher‘ sogar in gleich zwei unterschiedlichen Versionen! Die Reprise am Ende der Scheibe hast du mit niemand Geringeren als Charlie Jones und Clive Deamer aufgenommen.
Stimmt, zwei tolle Musiker mit unfassbar viel Erfahrung! Ich habe größte Hochachtung vor ihnen.
Charlie Jones kennst du aus deiner Robert-Plant-Zeit, oder? Und Clive Deamer ist mir vor allem im Zusammenhang mit Radiohead und Portishead ein Begriff.
Charlie war viele Jahre Robert Plants Bassist, auch Clive hat für Robert gespielt, zwei grandiose Instrumentalisten, die mich sehr inspiriert haben. Clive, Charlie und ich haben während des gesamten Studiotags nach der besten Version für die erwähnte Reprise gesucht. Sie fing als eine Art Gospelsong an, dann haben wir es als Funk-Nummer ausprobiert und am Ende wurde es dann eine Ballade. Am Piano war übrigens John Baggott, auch er hat schon in Robert Plants Band gespielt. Es ist großartig, mit solchen Könnern zu arbeiten, denn dadurch konnte ich ‚The Preacher‘ nahezu komplett live aufnehmen, mit nur wenigen minimalen Overdubs.
Im Grunde genommen war es Zufall, dass du 1993 bei Robert Plant gelandet bist, oder? Du selbst hattest am allerwenigsten mit einem Engagement gerechnet.
Es war reines Glück! Ich spielte zu der Zeit in einer Band mit Charlie Jones, der mit Roberts Tochter Carmen verheiratet war. Eines Tages erzählte Charlie mir, dass Robert mitten auf seiner ‚Fate Of Nations‘-Tour einen seiner beiden Gitarristen ersetzen muss und für Amerika schnellstmöglich Ersatz benötigt.
Ich ließ sofort alles stehen und liegen und fuhr direkt nach Birmingham, um mit Charlie und Roberts Schlagzeuger Michael Lee zu jammen. Wir spielten Blues und Westcoast über irgendeinen indisch-fernöstlichen Sound. Charlie hatte mir vorher verraten, dass Robert Westcoast- und Blues-Musik liebt. Robert kam rein, sprach kein Wort, er sang auch nicht, sondern spielte einfach nur mit uns Gitarre.
Abends fuhr ich wieder nach Hause und freute mich, eine echte Legende getroffen zu haben, war mir jedoch sicher, dass ich den Job nicht bekomme. Eine Woche später erhielt ich jedoch plötzlich den Anruf, dass ich zur amerikanischen Botschaft nach London kommen und dort mein Arbeitsvisum für Amerika abholen solle. Ich konnte es kaum glauben!
Später habe ich herausgefunden, dass viele berühmte Gitarristen den Job gerne gehabt hätten, Robert aber jemand Unbekannten wollte. Und dass er mein Bluesspiel liebte.
Das muss für dich der absolute Traum gewesen sein!
Und ob, man musste mich kneifen, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Wir probten eine Woche lang in London und flogen dann nach Miami, wo die Tour startete. Es war schier unfassbar: Plötzlich stand ich in Amerika mit Robert Plant auf der Bühne und spielte Songs von Led Zeppelin!
Obendrein durftest du mit Buddy Guy oder auch James Cotton jammen!
Der Wahnsinn, oder!? Wir traten zwei Nächte in Chicago auf, Robert rief Buddy Guy und James Cotton an. Sie kamen zur Show und spielten mit uns. Manchmal besuchten wir nach unseren Konzerten kleine Clubs und jammten dort mit weiteren berühmten Musikern. Ich erinnere mich noch gut an den Gig im Frank Erwin Center in Austin, Texas. Anschließend fuhren wir zum Antone’s Nightclub…
… wo schon B.B. King, Muddy Waters, Ray Charles oder James Brown gespielt haben, und wo Stevie Ray Vaughan entdeckt wurde.
Stimmt, Stevie lebte zu dem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr. Aber in Antone’s Nightclub jammten wir mit Chris Leighton, Chris Duarte und David Grissom, sie alle kamen vorbei, um mit uns zu spielen. Robert liebte diese Jamsessions, und für mich war es der reinste Nervenkitzel.
Auf der ‚Fate Of Nations‘-Tour hast du zum allerersten Mal mit einer Gibson Les Paul gespielt!
Mann, du bist wirklich gut informiert! Ich musste mir als Junge immer irgendwelche Gitarren borgen, unter anderem eine großartige Tokai Telecaster, da ich nicht genügend Geld für ein eigenes Instrument besaß. Als ich es mir endlich leisten konnte, kaufte ich mir eine Fender Stratocaster, vor allem wegen Jimi Hendrix, aber auch weil mir eine Les Paul zu teuer war.
Ich hätte ebenso gerne eine Gibson SG gehabt, mir gefiel dieser scharfe Sound der P90s. Aber das Geld war zu knapp für mehr als nur eine Gitarre, und ich musste ja bereits meine Fender mit 20 englischen Pfund pro Woche abstottern. Ergänzend dazu hatte ich einen Fender-Super-60-Combo aus der Red-Knob-Serie. Der war klein, günstig und passte in jedes Auto.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, geschweige denn einen eigenen PKW, daher musste ich zu Proben und Gigs immer abgeholt werden. Und da war ein kleiner, möglichst handlicher Amp natürlich Grundvoraussetzung.
Wer waren damals deine musikalischen Vorbilder?
Eigentlich stamme ich aus einer vollkommen unmusikalischen Familie. Meine Mutter hat früher zwar Radio gehört, aber mein Vater interessierte sich ebenso wenig für Musik wie meine Schwestern. Anfangs begeisterte ich mich mehr für Fußball, ich war ständig zum Kicken auf dem Sportplatz.
Okay, ich mochte Punkrock, die Sex Pistols und The Damned, manchmal hörte ich auch Soul und Motown. Doch dann entdeckte ich im Radio B.B. King, er war der Grund, weshalb ich unbedingt eine Gitarre haben wollte. Also begann ich mit zwölf, Zeitungen auszutragen, und kaufte mir für zehn Pfund eine Akustikgitarre.
Ich besorgte mir das B.B.-King-Album ‚Live At The Regal‘ und versuchte, die Songs mitzuspielen. Etwas sonderbar für einen zwölfjährigen Jungen, findest du nicht?
Man nennt so etwas Leidenschaft!
Das kann man wohl sagen! Ich saß die halbe Nacht kerzengerade vor meinem Plattenspieler, hatte bis drei Uhr morgens mein Ohr direkt am Lautsprecher, damit ich niemanden aufwecke, und versuchte mitzuspielen. Damals gab es ja noch kein YouTube, wo man den Gitarristen auf die Finger schauen kann. Also musste ich die Songs rein nach Gehör lernen.
Gab es keinen Lehrer, der es dir hätte zeigen können?
Oh doch, aber ich hatte mir eine ziemlich miese Technik angewöhnt, ich spielte überwiegend mit meinem Daumen. Es hieß: „Du musst aufhören so zu spielen, du musst deine schlechten Gewohnheiten ablegen.” Aber das wollte ich nicht, mit 15 wollte ich sowieso lieber in Punk- und Reggaebands spielen, anstatt zu üben.
Ich hatte einen Nachbarn, einen großen Jazzfan, der mir ‚Kind Of Blue‘ von Miles Davis auslieh, und eine Woche später eine John-Coltrane-Platte. So entwickelte sich meine Liebe zum Jazz. Ich verstand diese Musik zwar nicht, und konnte sie auch in keiner Weise selbst spielen, aber ich liebte sie, besonders die Balladen mit dem Saxophonisten Ben Webster.
Hast du eine Erklärung dafür, weshalb aus dir dennoch ein respektierter und erfolgreicher Berufsmusiker geworden ist?
Ich liebe generell Musik, alle Arten von Songs. Ich mag Bob Dylan, ich mag Django Reinhardt, ich liebe Blues, Soul, Motown, verehre Joe Pass, Barney Kessel, Kenny Burrell oder auch Donny Hathaway. Und ich habe mir ganz genau angehört, wie es andere großartige Musiker machen.
Einige meiner Lieblingsgitarrensoli sind total simpel strukturiert, dabei aber sehr melodisch und absolut zum Song passend. Zwei Beispiele: ‚Goodbye To Love‘ von The Carpenters, das Gitarrensolo ist perfekt! Oder ‚Easy Like Sunday Morning‘ von den Commodores. Ohne dieses Solo wäre es ein anderer Song!
Du analysierst also sehr genau?
Weißt du, ich hatte zwar nie Unterricht, dafür aber das Glück, dass erfahrene Musiker mich mit ihnen spielen ließen. Anfangs muss ich schrecklich geklungen haben, trotzdem ließen sie mich mitmachen. Und ich denke: Der beste Weg, um zu lernen, ist so häufig wie möglich live zu spielen, in Pubs und Clubs, mit Musikern, die deutlich besser sind als man selbst.
Mein etwas unorthodoxer Weg hat mich zwar oft dumm dastehen lassen, aber er hat mir beigebracht, nie damit aufzuhören, live zu spielen, und weiter an seinen Fähigkeiten zu arbeiten.
(erschienen in Gitarre & Bass 07/2026)