Thom Fowle im Interview

Do it yourself: Gibson Custom Shop Week

Ende September veranstaltete Session in Frankfurt eine Gibson Custom Shop Week. Es war Europas größte Les Paul Ausstellung mit über 200 antestbereiten Instrumenten sowie Modellen von Limited Runs, Collector’s Choice und der True-Historic-Serie.

Thom Fowle, Export- Manager für Europa, Asien und Kanada (Bild: Dieter Roesberg)

Aber nicht nur dass, es war das erste mal, dass in Europa das „Made To Measure Road Case“ vorgestellt wurde. In einem übergroßen Flightcase sind jede Menge ausgesuchte Ahorndecken-Rohlinge gelagert, und der Kunde kann sich selber seine Decke aussuchen, aus der im Gibson Custom Shop dann sein Wunschinstrument gebaut wird. Bisher haben das Händler in Nashville für ihre Kunden gemacht. Jetzt kann der Kunde selber aussuchen. Begleitet wurde die Ausstellung von Simon Gauf, Einkaufsleiter bei Session und Gibson-Fachmann sowie von Thom Fowle aus den USA, der den Export der Custom-Shop-Instrumente leitet. Wir stellten ihm einige Fragen zum Custom Shop.

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Thom, du bist bei Gibson für den Custom Shop verantwortlich, richtig?

Thom Fowle: Rick Gembar, unser Geschäftsführer, ist seit 23 Jahren, seit die Abteilung gegründet wurde, hauptverantwortlich für den gesamten Shop. Es gab nie jemanden außer ihm, obwohl es viele Umbesetzungen und Wechsel gab. Dadurch war immer eine gewisse Kontinuität gewährleistet. Als ich vor 20 Jahren zum Custom Shop stieß, wurde ich als Vertriebsleiter angestellt und war damit für den nationalen und internationalen Vertrieb zuständig. Im Laufe der Zeit übergab ich den nationalen Vertrieb in den USA mehr und mehr meinen Kollegen, sodass ich mich auf den internationalen Bereich konzentrieren konnte. Inzwischen nehme ich nicht einmal mehr an Meetings zum amerikanischen Markt teil, sondern kümmere mich exklusiv um Europa, Asien und Kanada. Und das macht den größeren Anteil unseres Geschäfts aus. Der Markt außerhalb der USA ist einfach größer. Mein Job und meine persönliche Mission ist es, dafür zu sorgen, dass es weiterhin einen starken Fokus auf Europa und Deutschland gibt. Denn seien wir ehrlich, unsere Abteilung wird von einem Haufen Amerikaner dominiert. Das sind gute Jungs, aber das Problem dabei ist, dass du amerikanisch denkst, wenn du Amerikaner bist, solange du nicht durch die Welt gereist bist und dir klar geworden ist, dass es wichtigere Märkte gibt. Da möchte ich nachhelfen.

Ein Rohling für die Decke und ein Muster für einen Korpus. Der Kunde kann daus einer großen Anzahl von Tops auswählen. (Bild: Dieter Roesberg)

Es gab vor Jahren diese Gerüchte, dass die ganzen guten Custom-Shop- Gitarren in den Staaten bleiben und nur die übrig gebliebenen den Weg nach Europa finden.

Thom Fowle: Ja, das ist gut möglich. Aber nicht, weil es den Leuten in den USA egal war, sondern sie konnten es einfach nicht beurteilen. Ich hätte genauso gedacht. Bevor ich zu Gibson kam, hatte ich schon für ein paar andere Hersteller in den USA gearbeitet, und mehr kannte ich nicht. Seit 1970 bereise ich nun die ganze Welt, war überall, in Südamerika, Südafrika, Europa, Skandinavien, Asien. Und dadurch erst haben wir gelernt, wie gewaltig der Markt außerhalb der USA ist.

In den zwei Jahrzehnten ist viel passiert!

Thom Fowle: Als die Custom-Shop-Abteilung vor 23 Jahren ins Leben gerufen wurde, nannte sie sich Custom, Art & Historic Division. Custom und Historic sind offensichtlich, aber hinter dem Namensteil „Art“ steckte die Erkenntnis der Gibson-Leute, dass es an der Zeit war, ein kleines Team aus der Hauptfabrik herauszunehmen und es etwas herstellen zu lassen, was dort nicht möglich war. Wenn man jetzt 23 Jahre vorspult, sieht man, dass häufig Gitarren aus der Hauptfabrik kommen, bei denen zum Beispiel ABR-Brücken verwendet werden. Ich will nicht sagen, dass das schlecht ist, aber es verwirrt den Kunden, denn die Gitarren sehen dann zwar gleich aus, sind es aber nicht. Unser Holz und unsere Materialien haben eine andere Herkunft. Wir haben einen festen Holzlieferanten für unsere leichten, einteiligen Mahagoni-Bodies. Als ich anfing, war der Custom Shop der größte Kunde für Rohmaterialien bei Gibson USA. Sie kauften das ganze Holz dort. Edwin Wilson, der schon immer unser Historic Manager war, wählte das Holz aus, das wir für den Custom Shop brauchten.

Simon Gauf, Session, vor seinen für die Show ausgewählten Paulas (Bild: Dieter Roesberg)

Irgendwann kamen wir an einen Punkt, wo wir mehr und besseres Holz brauchten. Deswegen bezogen wir unser Holz von einem externen Lieferanten und dieser Typ war unglaublich. In den frühen Jahren gingen wir zum Sägewerk, wo palettenweise Mahagoni-Blocks in Rechteckform lagerten und unser Lieferant wiegt sie, bevor er sie zum Verschicken auf die Paletten packte. Heute zahlen wir ihm ein bisschen mehr, und er schneidet die ungefähre Les Paul Form aus, aber das Gewicht des originalen Rohlings schreibt er trotzdem auf das Holz. Das durchschnittliche Gewicht eines 58er-/59er-/60er-Burst-Rohlings liegt bei 9 bis 9,1 pounds (ca. 4 kg). Früher konnten wir vorher nie genau sagen, ob wir leichte Mahagoni-Bodies zur Verfügung haben würden. Wenn heute ein Kunde kommt und eine Chambered Les Paul möchte, dann frage ich ihn: „Willst du die Kammern, weil du eine leichte Gitarre haben möchtest oder weil du nach speziell diesem Sound suchst?“ Und neun von zehn Kunden wollen die Kammern aufgrund des geringeren Gewichts.

Diese Schablone dient dazu, den richtigen Ausschnitt zu wählen. (Bild: Dieter Roesberg)

Warum hab ihr 2015 das Programm geändert?

Thom Fowle: Die preiswerteren Modelle waren immer noch gefragt. 2016 entschieden wir, diese Gitarren Standard Historic zu nennen und die True Historics so zu belassen wie sie sind. Jetzt sind die Standard Historics sehr beliebt, denn für den Ottonormalverbraucher, also den normalen Custom- Shop-Kunden, sind die Standard Historic 59, 58 oder Gold Top perfekt. Die True Historics sind für, ich will nicht sagen Puristen, aber für die Kunden, die genau das wollen und vielleicht schon ein Original haben. Das Tolle an True Historic ist – und das ist etwas worauf Edwin von Anfang an bestanden hat – dass jeder Prozess in der Fertigung etwas Spezielles hat im Vergleich zu dem bei der Standard Historic. Bei den True Historics gibt es für jeden Fertigungsschritt einen oder mehrere Personen, die nur für diese Reihe zuständig sind. Dadurch klingen die Gitarren einfach anders und fühlen sich anders an. Das Binding ist speziell, der Hals ist von der Maserung her an den Body angepasst. Und solche Kleinigkeiten machen den Unterschied aus. Wobei ich immer sage: „It only makes a difference to the person who cares.“ Aber das Schöne an Gibson ist ja, dass wir für jeden etwas im Angebot haben. Du kannst ein Low-End-Instrument mit unserem Namen darauf haben, genauso wie ein hochpreisiges.

Wer sind denn eure Kunden?

Thom Fowle: Klar, manche Gitarren-Fans spielen auch, aber wenn ich Gitarristen sage, meine ich Leute, die das als Fulltime-Job machen oder deren Hauptleidenschaft es ist, neben ihrer täglichen Arbeit. Da herausnehmen würde ich Leute wie J.D. Simo oder Bonamassa, denn das sind Artists. Aber ich zum Beispiel bin Gitarrist. Wenn ich zu Hause bin, spiele ich jede Woche irgendwo und da sind mir die Details und Nuancen bei meinem Instrument und in der Musik einfach wichtiger als zu der Zeit, als ich noch ein Star werden wollte. Ich war nah dran, bin nur nie reich oder berühmt geworden. Es gibt Spieler und Fans. Manche sind Anfänger und andere wiederum sind Sammler, weil sie die Gitarre als Kunstobjekt schätzen. Und ich denke, nur die Gitarristen verstehen die Unterschiede in den Details zwischen den True Historic, der Standard Historic und anderen Linien.

Ca. 30 Tops finden im Made-To- Measure-Case Platz. (Bild: Dieter Roesberg)

Bist du zum ersten Mal mit dieser Art Show in Europa?

Thom Fowle: Ja, wir zeigen hier zum ersten Mal die Rohmaterialien in Europa.

Gibt es weitere Pläne?

Thom Fowle: Ja, wir wollen so etwas wie eine Road Show auf die Beine stellen und damit zu Händler-Events gehen. Wir wollen damit quasi die Fabrik zum Kunden bringen, sodass er sich direkt das passende Top auswählen kann. Wir nennen es das „Made To Measure Road Case“. Made To Measure Work ist einfach ein anderer Ausdruck für Custom Made. Wenn wir jetzt damit Erfolg haben, wollen wir es gerne wiederholen. Der Markt ist natürlich begrenzt, aber eine solche Aktion ist gut zur Veranschaulichung und natürlich super für jemanden, der sich ein Maple-Top aussuchen möchte. Es ist nichts, was du jede Woche in einem anderen Land anbieten kannst.


Aus Gitarre & Bass 01/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Yesterday, I had the very real pleasure and privilege to be given a tour of the Custom Shop by Thom.

    A real gentleman, who has given me an even greater appreciation for wthe artistry and craftsmanship that goes into Gibson’s guitars.

    Thank you very much Thom!

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