„You can’t fool the blues!“

Ben Harper & Charly Musselwhite im Interview

Ben Harper und Charlie Musselwhite
(Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

15 Jahre dauerte es, bis die beiden Blues-Ikonen ihre Terminkalender abgeglichen hatten, um schließlich gemeinsame Sache zu machen. Das Warten hatte sich gelohnt: Mit ‚Get Up!‘ räumten der Gitarrist und der Harp-Player gleich mal einen Grammy ab. Jetzt folgt mit ‚No Mercy In This Land‘ die Zugabe – der beste Beweis, warum sie als Meister der Zwölftakter gelten.

Never change a winning team: Zusammen mit den Relentless7-Musikern Jason Mozersky und Jesse Ingalls an Gitarre und Bass knüpft das Überraschungsduo an sein Vorgängeralbum an. Aufgenommen im Machine Shop Studio im kalifornischen Santa Monica mit alten Verstärkern und Mikrofonen, orientiert sich das Duo an der Klangästhetik zeitgenössischer Blues- Scheiben der 50er- und 60er-Jahre. Harpers und Musselwhites Zielsetzung lag diesmal darin, die bewährten Stellschrauben nur moderat zu verändern und Nuancen zu verfeinern. Und beide Blues-Meister sind sich einig, einen Schritt vorangekommen zu sein, um den Blues auch für die junge Musikergeneration attraktiv zu machen.

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Interview

Ihr habt für ‚Get Up!‘ einen Grammy als „Best Blues Album“ abgeräumt. War das zusätzliche Motivation?

Charlie: Der Grammy war mir ziemlich Schnurz. Wir glauben an diese Musik. Das ist es, was uns antreibt. Würden wir unsere Musik nach Erfolg ausrichten, bekämen wir mit Sicherheit ein Problem authentisch zu sein. Die Musik würde definitiv darunter leiden.

Ihr wart zwei Jahre auf Tour. Welche Eigenheiten habt ihr da aneinander entdeckt?

Charlie: Ich hätte nie erwartet, dass Ben ein Skater ist! Ein so guter noch dazu!

Ben: Ich habe an Charlie entdeckt, dass er den Willen hat, immer besser zu werden. Er versucht sich immer zu fordern. Und mich inspiriert es, dass ich mit viel Arbeit auch auf meinem Instrument besser werden kann.

Ben Harper und Charlie Musselwhite
(Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Ihr spielt eigentlich „nur“ Blues. Aber dessen Feinheiten, Nuancen und Akzente inszeniert ihr meisterhaft. Kann man das erlernen oder muss man das fühlen?

Charlie: Genau diese Feinheiten machen die Schönheit des Blues aus. Sie geben ihm Tiefe und Raffinesse. Dann spricht der Blues zu dir. Manche Musiker dröhnen dich zu, geben dir permanent auf die Ohren, dabei ist der Blues cool und subtil. Das erregt deine Aufmerksamkeit und lässt dich hinhören.

Ben: Ich denke, der Blues besteht aus einem Teil erlernter, einem Teil gelebter und einem Teil gefühlter Musik. Der Blues reflektiert Gefühle, Leidenschaft und Persönlichkeit. Wenn du nichts davon mitbringst, kannst du den Blues auch nicht authentisch spielen. Dann hast du nichts zu bieten, hast nichts zu sagen. You can’t fool the Blues!

Charlie: Ich habe Blues-Musiker kennengelernt, die studiert hatten. Und das hast du sofort gehört. Sie klangen sehr steif, ganz exakt, fast steril. Ein Musiker aus dem Süden dagegen hat den Blues im Blut. Auch das hörst du gleich. Man kann den Blues nur bis zu einem gewissen Punkt erlernen.

Ben, du sagst über Charlie, er spiele Tonfolgen, die einerseits vertraut und doch brandneu klingen. Wie meinst du das?

Ben: Ich beschäftige mich nun schon viele Jahre mit dem Blues, habe eine Menge Musik gehört und selbst gespielt. Aber wenn ich Charlie höre, fällt mir auf, dass er nie das gleiche spielt, sich nie wiederholt. Es kommt mir vor, als hätte ich ihn noch nie zuvor gehört. Ich tauche tiefer und tiefer in sein Spiel ein und das ist immer neu und erfrischend.

Ben Harper
(Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Obwohl man davon ausgehen kann, dass du im Laufe deiner Karriere schon alle Phrasierungen und Licks kennengelernt hast!

Ben: Ich glaube, Charlie könnte in jedem Genre spielen und wäre immer ein Meister! Aber es ist manchmal schwer zu sagen, wie man seine Lieblingsmusik findet. Man sollte das einfach akzeptieren und nicht zu sehr vertiefen, sonst wird das metaphysisch und du klingst wie ein Verrückter. Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht erklären. Die sollte man einfach akzeptieren.

Charlie, so wie du im Titelstück die Noten spielst und ziehst, klingt deine Harp fast wie eine Gitarre!

Charlie: Für mich ist es einfach eine Harp! (lacht) Ben sagt mir, was er gerne hören würde, ich spiele etwas und hoffe, dass es so klingt, wie er sich das vorgestellt hat.

Ben: Inzwischen fragen die Fans nicht mehr mich, was ich spiele und wie ich das mache, sondern Charlie! Wie kriegst du diesen Sound hin? Das klingt ja wie ein Saxofon! (lacht) Und es stimmt: Manchmal klingt seine Harp wie eine Kirchenorgel, manchmal wie eine Gitarre. Er überrascht auch mich immer wieder.

Charlie: Die meisten Harp- Player hören sich nur gegenseitig zu. Ich dagegen habe alle möglichen Musiker studiert, hab genau aufgepasst wie sie spielen: Gitarristen wie Grant Green, Bläser wie Chet Baker – ich habe allen zugehört, um auf neue Ideen zu kommen.

Du hast mit Legenden wie z.B. Muddy Waters, Howlin’ Wolf oder auch John Lee Hooker gespielt. Wie siehst du Ben im Vergleich?

Ben: Oh, Lord! (lacht)

Charlie: Was ich bei Ben sehe, ist der Anspruch, den Blues ins 21. Jahrhundert zu bringen, sodass die Kids ihn fühlen und verstehen. Wir spielen alte Musik auf moderne Art. Wir versuchen traditionell und dennoch modern zu klingen. Wir hatten das Glück mit viel verschiedener Musik aufzuwachsen. Bens Familie hatte ein Musikgeschäft, alle machten Musik. Und ich habe als Teenager in Memphis alle Second-Hand-Läden abgeklappert, auf der Suche nach Schallplatten. Ich habe alles gekauft, was irgendwie interessant aussah, Singles für ein paar Cents, mit verrückten Covern in Sprachen die ich nicht kannte und von Musikern von denen ich noch nie gehört hatte. Manchmal war das seltsames Zeug, manchmal ein Schatz. Und obwohl ich die Sprache nicht verstand, fühlte ich trotzdem, ob derMusiker betrübt oder fröhlich war. All diese Einflüsse und Erfahrungen haben Ben und ich eingebracht, als wir uns entschlossen, zusammenMusik zumachen. Wir sind Blues-Fans, wir denken, fühlen und verstehen den Blues. Es wäre toll, wenn wir die junge Generation dazu bringen könnten, den Blues zu entdecken – eineMusik von der sie vielleicht noch nie gehört haben.

Ben, du giltst als engagierter Mensch und Musiker, der seine Weltsicht aus der persönlichen Reflexion heraus beschreibt. Worum geht es bei ‚No Mercy In This Land‘?

Ben: Es ist schwierig gleichzeitig Autor und Rezipient zu sein. Das Problem in der Kunst generell ist, dass sie vom Betrachter, Leser oder Hörer stets anders empfunden wird. Was kann ich also sagen? Ich will nicht unhöflich, sein, denn deine Frage ist berechtigt. Nun, mit dem Titel ist eigentlich alles gesagt. Wir sollten um Gnade beten!

Was man als Statement zum derzeitigen gesellschaftspolitischen Klima in den USA deuten sollte?

Ben: Dieses Statement ist natürlich politisch gemeint. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Fans das auch so interpretieren und der Titel so verstanden wird. Das Gute ist: Musik kommuniziert ja mit den Menschen wie keine andere Kunstform.

Charlie: Ich habe die Hoffnung, dass Trump seinen Job derart schlecht macht, dass die Leute endlich aufwachen und ihn nicht mehr unterstützen.

Ben: Der Albumtitel scheint einen Nerv getroffen zu haben, zumindest in Europa. Das haben wir in den Gesprächen mit den Journalisten hier erfahren.

Gear

Zum Equipment. Was für Gitarren hast du eingesetzt?

Ben: Wann immer du eine akustische Gitarre hörst, ist das meine Martin Signature, eine HM 000-28 (Palisander und Alaska-Fichte). Für die Slide-Soli habe ich eine National 1133 benutzt, ein sogenanntes „Student Model“ aus den 30er- Jahren. Als 12-Saitige kam meine Fraulini zum Einsatz, von einem Gitarrenbauer aus Wisconsin, der Gitarren der 20er- und 30er-Jahre exakt kopiert. Er baut zum Beispiel verblüffende Repliken alter Stellas (jene Gitarren die Blues-Legenden wie Lead Belly oder Blind Willie McTell spielten, d. Red). Und schließlich hatte ich eine National Triolian Square Neck dabei, auf der das Solo von ‚No Mercy In This Land‘ entstand.

Ben Harpers Fender Telecaster
Ben Harpers Fender Telecaster (Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Im Video zu ‚Trust You To Dig My Grave’ sieht man dich noch mit einer Martin D-18.

Ben: Genau! Die hatte ich mir geliehen, weil mein Kram schon für die Tour verladen war. Das war mein Backup, eine neuere D-18 der Vintage-Serie. Eine Killergitarre!

Welche Amps kamen zum Einsatz?

Ben: Nur mein Dumble Overdrive Special, über den habe ich eine Tele und eine Strat gespielt. Diesen Verstärker hat Alexander (Dumble) vor sechs Jahren für mich gebaut – und er klingt von Jahr zu Jahr besser.

Fraulini 12-String
Die Fraulini 12-String (Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Auf ‚The Bottle Wins Again‘ klingt dein Solo-Sound sehr vintage, auch dein Rhythmus-Sound auf ‚Found The One‘. Im authentischen Blues ist die Transparenz des Sounds sehr wichtig. Du verzichtest gänzlich auf Distortion.

Ben: Ja, ich setze auch keinerlei Effekte ein, wenn ich mit Charlie spiele. Der Sound kommt ausschließlich vomAmp. Ich war da sehr zurückhaltend, das war eine ganz sensible Angelegenheit. Die Gitarre durfte nicht mehr „Schmutz“ ins Klangbild bringen als die Harp. Beide Instrumente sollten sich auf Augenhöhe begegnen. Ich habe früher nie so gearbeitet. Um ehrlich zu sein, habe ich mein ganzes Leben auf so einen Gig wie diesen gewartet! (lacht)

Bens Martin Signature HM 000-28
Bens Martin Signature HM 000-28 (Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Euer Album ist sehr altmodisch gemischt, Schlagzeug und Bass klingen sehr weich im Hintergrund, Gitarre und Harp sehr nah im Vordergrund, das erinnert teilweise an die Klangästhetik der legendären Chess-Records- Aufnahmen. Absicht?

Ben: Danke, dass du so genau hinhörst. Das gibt mir das Gefühl, dass unsere Arbeit im Studio nicht umsonst war. Es gibt bei Aufnahmen zunächst den Amp als Quelle. Aber es gibt eben noch den Raum selbst. Warum sollte der Sound am Lautsprecher den du abnimmst der Beste sein? Wir haben also Mikrofone überall im Raum aufgestellt und gesucht, wo der „Sweet Spot“ ist, wo der Raum am besten klingt und dann beide Signale gemischt. Das bringt eine Menge Optionen, war aber auch eine Menge Arbeit, bis man das Geheimnis gefunden hatte, das einen Song nach vorne bringt. Ich bin froh, dass du das bemerkt hast! Das ist es, was Charlie meint, wenn er sagt, dass wir die Tradition neu erfunden haben.

In einigen Tagen beginnt eure Welttournee im Fillmore in San Francisco. Charlie, was können die Fans erwarten?

Charlie: A good time! Bring your dancing shoes! Come early, stay late! Nobody leaves without a smile! Although it’s the blues, it’s good time blues!

Ben Harper und Charlie Musselwhite
(Bild: Niki Kamila, Danny Clinch)

Discografie

Get Up! (2013)

No Mercy In This Land (2018)

Websites

www.benharper.com

www.charliemusselwhite.com

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

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