Die extra Schippe Dreck 

Der Orange OB1-300 im Test

Orange OB1

Als hätte Orange mit dem AD200 MK3 und der Terror-Bass-Linie nicht schon genug Rotzkisten im Programm, präsentiert der Hersteller nun einen volltransistorisierten Verstärker, bei dem das Thema Overdrive ganz explizit im Fokus steht – der OB1 ist da!

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Der neue Amp ist nicht nur der erste Orange im 19″-Rack-Format, er bringt mit seinem komplett eigenständigen Preamp auch klanglich frischen Wind in das überschaubare Line-Up der Briten – die bisherigen Bass-Topteile teilen sich nämlich im Wesentlichen alle das gleiche Vorstufen-Design. Mit dem OB1 will Orange Overdrive- Freunden entgegenkommen, die es gewohnt sind, einen zusätzlichen Gitarren- Amp für die Zerre mitzuschleppen und verspricht die perfekte All-in-One-Lösung auf kompakten 2 HE. Warum aber das Ganze auf Transistor Basis wenn es doch um Verzerrung geht? Nun, weil viele der begehrten Bass-Overdive-Sounds eben ganz ohne Röhren auskommen – man denke an den Tech 21 Sansamp VT-Bass, oder an Billy Sheehans guten alten Pearce Preamp. Frisch von der Musikmesse hat es in unseren Test die 300 Watt Variante geschafft, für besonders entschlossene Radaubrüder gibt es das Topteil aber auch mit 200 Watt mehr Leistung.

k o n s t r u k t i o n

Die erfahrenen Engländer wären sich wohl selbst nicht treu geblieben, wenn die neue Kiste nicht mal wieder extrem geradlinig aufgebaut wäre. Lediglich sechs Regler auf der Front – das scheint ziemlich idiotensicher! Und ohne zuviel vorweg zu nehmen, liegt genau hier die große Stärke des OB1: Wo andere Hersteller mit mischbaren Kanälen, parametrischen Mitten und regelbaren High- und Low-Pass Filtern einen Riesenaufwand betreiben, gibt uns Orange eine Handvoll Regler an die Hand, mit denen man einfach nicht viel falsch machen kann. Ganz links angefangen trifft man neben dem Ein-/Aus-Schalter mit zugehöriger Betriebsleuchte zunächst auf einen Klinke- Fußschalter-Anschluss, mit dem sich die Zerre bei Bedarf zu- und abschalten lässt.

In direkter Nachbarschaft ist der übergroße Volume-Regler schon aus der Ferne nicht zu übersehen und tatsächlich findet sich – ganz oldschool – kein Master-Volume an diesem Amp, sodass für Knusper-Sounds zwangsläufig die Overdrive-Abteilung bemüht werden muss. Es folgt ein schnörkelloser aktiver 3-Band-EQ, der mit +/– 15 db im Bass- und Mitten- sowie +/– 20 db im Höhen-Band arbeitet und wie alle weiteren Bedienelemente mit den Orange-typischen Symbolen beschriftet ist – das war‘s auch schon im Clean-Bereich. Die ebenfalls übersichtlich gestaltete Zerr- Sektion zwackt vor dem EQ einen Teil des Eingangssignals ab und schickt es durch ein paar Extra-Gainstufen, welche sich wie gewohnt am ganz rechts gelegenen Gain-Poti regeln lassen. Zusammengeführt werden cleanes und dreckiges Signal mit dem unter Bassisten bestens bekannten Blend-Regler, an dem sich das Mischungsverhältnis beider Klangfarben stufenlos regeln lässt. Für pegelstarke und aktive Bässe steht neben der Input-Buchse zuletzt noch der obligatorische Pad-Schalter bereit, mehr braucht es auf der aufgeräumten Front nicht.

Wie zu erwarten, geht es hinten nicht weniger spartanisch weiter: Außer einem temperaturgesteuerten Lüfter gibt es hier nur ein Paar parallel verdrahteter Speakon-Buchsen, sowie einen Line-Out in XLR- und Klinke-Ausführung zu entdecken. Die Lautsprecher- Anschlüsse erlauben eine Minimal- Impedanz von insgesamt 4 Ohm, ein Ground-Lift-Schalter beseitigt eventuelle Brummschleifen auf dem DI-Signal. Löblich ist die per Schiebeschalter auf amerikanischen Standard (110 V) anpassbare Netzspannung. Das geradlinige Konzept in allen Ehren − ein Einschleifweg hätte doch wenigstens drin sein können …

Ein letzter Blick unter die Haube zeigt eine solide Verarbeitung nach aktuellen Industriestandards, wobei sich Orange entgegen des Class-D-Trends bei beiden Ausführungen des OB1 für eine klassische Class A/B Transistor-Endstufe mit fettem Ringkerntrafo entschieden hat. Zwar wurde der Verstärker ursprünglich unter dem Namen OB1K auf der Namm 2014 mit einem 1000- Watt starken Class-D Power-Modul vorgestellt, Probleme bei der Zuverlässigkeit ließen Entwickler Ade Emsley jedoch auf das klassische Transistor-Design umschwenken, woraus schließlich der OB1 entstand.

Orange OB 1 Aufbau

p r a x i s

Mit seinen moderaten 9,5 kg ist das neue Topteil schnell auf die Box gewuchtet und findet dort dank rutschfester Gummifüße einen soliden Stand. Ehe wir jedoch im Praxis- Test aufmerksam die Ohren spitzen, stellen sich im Wesentlichen noch zwei Fragen: 1. Wie macht sich das neue Topteil im Vergleich zu der preislich vergleichbaren Terror- Bass-Linie? Die Produktion dieser beliebten Class-D-Zwerge läuft schließlich dieses Jahr aus, sodass der OB1 in Zukunft die einzige Alternative zum deutlich teureren AD200 MK3 sein wird. 2. Wie gut ist die Zerr-Sektion? Hat sie das Zeug, unsere geliebten Treter oder gar den zweiten Overdrive-Amp zu ersetzen?

Gepaart mit einer anständigen Box stellt der 300 Watt Orange zunächst unmissverständlich klar, welche Klangkultur er vertritt: Schon im Clean-Betrieb tönt der Amp rau, latent dreckig und für einen modernen Verstärker vor allem überraschend tiefmittig. Die starke Mittenabsenkung der AD200/Terror Bass Vorstufe ist ihm fremd, genauso wie die eher röhrigen Klangattribute seiner Brüder: In den Bässen und Höhen spielt der OB1 vergleichsweise steif und wirkt fast etwas eindimensional und reserviert.

Fundament und Ansprache wirken weniger direkt, plastisch und dynamisch als bei einem Röhren-Amp, das tight fokussierte Low-End bleibt dafür jedoch auch bei hohen Lautstärken stabil ohne auszufransen und lässt sich zudem an dem ungewohnt effektiv arbeitenden EQ wunderbar aufblasen. Ziemlich entschlossen packt auch das Mitten-Poti zu und ermöglicht, anders als bei den Terror-Zwergen, wirklich drastische Eingriffe in das Klangbild – von starkem Scoop im Cut-Bereich bis hin zu fast megaphonartigen Sounds bei maximalem Boost ist fast alles möglich. In der Praxis sind es jedoch vor allem die subtilen Dämpfungen, die das extrem dichte Mitten-Spektrum merklich aufklaren lassen und manch einen Bass detailreicher und weniger verschnupft präsentieren.

Rückseite

 

Am oberen klanglichen Ende lässt sich das letzte bisschen Spritzigkeit ebenfalls gut am EQ nachregeln, wenngleich die gefeatureten Obertöne einen Tick sahniger sein könnten – tatsächlich erfüllt der OB1 hier zu einem gewissen Grad das alte Transistor-Klischee. Wer einmal einen Terror Bass 500 an eine halbwegs effiziente Box angeschlossen hat, wird wissen, wie abartig laut dieser unscheinbare Winzling losbrüllen kann – dagegen können auch die durchaus potenten 300 Watt des „kleinen“ OB1 nicht anstinken.

Wo der Terror jedoch besonders im Dröhn-Bereich nur schwer zu bändigen ist, punktet das neue Rack-Head mit tadelloser Transparenz und Ortbarkeit, sodass spätestens die 500 Watt Version alle Sorgen bezüglich Lautstärke und Durchsetzungsfähigkeit beseitigen sollte. Für wen der Terror Bass außerdem aufgrund seiner überschaubaren Clean-Reserven bisher nicht in Frage kam, für den könnte der OB1 eine echte Option sein, schließlich lässt sich hier die Zerre fein dosieren: Das Gain-Poti bringt besonders auf dem ersten Drittel des Regelweges bemerkenswert harmonische Verzerrungen zu Tage, die Range reicht dabei von subtilem Schmutz bis hin zu sattem Overdrive.

Jenseits von 11 Uhr betritt man unweigerlich brutal dreckiges und auch leicht statisches Distortion-Territorium, bei Vollgas bilden Akkorde eine monumentale Wand mit schier endlosem Sustain. Die Gain- Struktur ist dabei ein guter Kompromiss aus feiner Säge und grober, leicht fuzziger Verzerrung – sprich: nicht zu kühl und modern für erdigen Rock, aber auch nicht zu wollig und defensiv für aggressives Hardcore-, Sludge- oder Metal-Gebolze.

Für ein möglichst organisches Klangbild empfehlen sich meist Blend-Einstellung jenseits von 12 Uhr, da die beiden Signale sonst nicht restlos harmonisch miteinander verschmelzen; ist die richtige Balance gefunden, geht das ganze schon stark in Richtung organische Röhren-Zerre. Ohne die Overdrive-Qualitäten des OB1 schmälern zu wollen, sei zum Schluss noch erwähnt, dass auch Standard-Tretminen wie die gute alte Pro Co Rat hervorragende Ergebnisse an diesem Verstärker liefern – mit etwas Hilfe vom Bass-Poti sogar allemal auf Augenhöhe mit dem internen Overdrive.

Übersicht orange

a l t e r n a t i v e n

Die wirklich heißen Alternativen zum OB1 wurden ebenfalls auf der Musikmesse vorgestellt und kommen aus dem Hause Tech21. Zum einen wäre da das Dug Pinnick (Kings X) Signature-Topteil, der dUg Ultra Bass 1000, welcher ebenfalls auf Zerr- Sounds spezialisiert ist, mit seinen vielen Reglern jedoch eine eher fummelige Alternative darstellt. Deutlich straighter kommt der VT Bass 500 daher – im Wesentlichen handelt es sich hierbei um den beliebten VTBass- Preamp kombiniert mit einer 500 Watt starken Class-D Endstufe. Beide Geräte erscheinen zeitnah hier im Test.

r e s ü m e e

Der neue OB1 ist zweifellos ein würdiger Nachfolger für die beliebte Terror-Bass- Serie. Ähnlich geradlinig im Aufbau, zeigt sich das Topteil von klanglicher Seite kontrollierter, nüchterner und flexibler als sein Vorgänger ohne dabei den Orange-typischen Schmutz vermissen zu lassen. Zwar liefert die genial simple Zerr-Sektion überzeugende Overdrive-Sounds in verschiedensten Schattierungen, einem guten Pedal ist sie trotzdem nicht zwangsläufig überlegen. Der neue Orange ist daher kein echter Gamechanger und ersetzt sicherlich kein heiß gefahrenes Röhrenamp-Duo; ein mehr als solides Arbeitsgerät für alle Overdrive- Freunde, die keine Lust haben monatelang nach dem richtigen Treter zu suchen, ist er jedoch allemal!

 

P l u s

  • Optik
  • Konzept
  • Geradlinigkeit, einfache Bedienung
  • heiße Zerr-Sounds
  • Verarbeitung

M i n u s

  • kein Einschleifweg

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