Pointed sisters

Ibanez AFC155-JBB/AFC151-SRR, E-Gitarren im Test

Mit den in China hergestellten Hollowbody-Gitarren AFC155-JRR und AFC151-SRR setzt Ibanez ein Zeichen für die moderne Interpretation des Jazz. Die für Jazzgitarren ungewohnt grellen Lackierungen fallen ins Auge und signalisieren die ungebrochene Vitalität des Genres … nö, jetzt aber nicht schon wieder diesen überstrapazierten Zappa-Spruch.

(Bild: Dieter Stork)

Die prinzipiell baugleichen Modellversionen AFC155-JRR und AFC151-SRR aus der Contemporary Archtop Series unterscheiden sich in der Farbgebung und vor allem in der elektrischen Ausstattung, aber lediglich geringfügig im Preis.

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Konstruktion

Widmen wir uns zunächst stichwortartig den Fakten: Der gemessen am Zargenkopf vorn jeweils 7 cm tiefe und 15 3/4 Zoll große Korpus besteht aus laminiertem Ahorn von schöner Flame-Optik, die aufgesetzte und von zwei parallel gesetzten Balken unterbaute Decke mit zwei traditionellen f-Löchern aus laminierter Fichte. Der Hals ist dreiteilig aus Ahorn/Mahagoni gefügt und wurde in Höhe des 14. Bundes in den Korpus eingeleimt. Eine Volute verstärkt am Halsrücken den Übergang zum abgewinkelten Kopf. Das Griffbrett aus Ebenholz von 305 mm (12“) Radius wurde mit 20 klaglos sauber verarbeiteten, mittelstarken Bünden samt Artstar Fret Edge Treatment und MoP Offset Block Inlays zur Lagenkennung ausgestattet. Auf der abgewinkelten Kopfpatte mit Firmenlogo finden wir goldfarbene gekapselte Mechaniken mit schwarzen Flügeln.

Am Korpus laufen die Saiten über eine traditionelle Aufsatzbrücke aus Ebenholz. In das frei über der Decke schwebende VT14/AFC Special designed Tailpiece werden die Saiten von unten eingehängt. Die Elektrik: Der Ibanez Magic Touch Mini Humbucker ist vorn am Hals angeschraubt (bei beiden Archtops); der Floating Bridge Pickup Ibanez Magic Touch Mini Humbucker (nur AFC155) ist an das beim Doppel-Pickup-Modell zusätzlich mit einer Schraube auf der Decke stabilisierte AFC Special designed Pickguard montiert. Die passiven Tonabnehmer arbeiten mit Alnico-Magneten. Der Pickup- Wahlschalter (3-Weg Toggle) der AFC155 wurde vorn oben auf die Decke platziert und mit den passenden Reglern (Knöpfe aus Ebenholz) verbunden: 2x Volume, 2x Tone. Die Single-Pickup-Version AFC151 kommt dagegen mit 1x Volume und 1x Tone aus.

„Magic Touch“ Floating Pickups (Bild: Dieter Stork)

Die Mensur der Instrumente beträgt 62,8 cm. Die AFC155-JRR ist in Jet Blue Burst lackiert; die AFC151-SRR kommt in Sunrise Red. Die rundum gut verarbeiteten Archtops werden in festen Koffern geliefert.

Praxis

Mit den augenfälligen Ibanez-Modellen AFC155-JRR und AFC151-SRR haben wir Archtops von 15 3/4 Zoll Korpusgröße auf dem Knie, ein noch komfortabel spielbares Format, das dank der breiten Zarge mit guter Armauflage aufwartet. Die griffigen, bestens verrundeten Hälse der Schwesterinstrumente bieten denn auch mit den aufgezogenen Flatwound-Saiten in den Stärken .011 auf .050 beste Handhabung und achtbaren Zugang selbst zu den hohen Bünden. Zu loben sind auch die fluffig glatten Oberflächen der mittelstarken Bünde, welche der linken Hand dank Fret Edge Treatment zudem mit vollkommen gratfreien Bundenden schmeicheln. Die Saitenlage ist perfekt eingestellt, nicht zu tief, aber lässig zu handhaben, lässt also ansatzfrei dynamisches Spiel zu und schon geht’s los: Das akustische Klangbild tritt mit guter Resonanztiefe und famoser Geschlossenheit im Akkord an. Warm gerundet, mit schönem Timbre und atemreichem Schwingverhalten wähnt man sich sofort auf der sicheren Seite gehobener Instrumentalkultur.

Ebenholzgriffbrett mit „Offset Block Inlays“ (Bild: Dieter Stork)

Schon klar, es handelt sich keineswegs um von kunstfertiger Meisterhand geschaffene Instrumente mit handgeschnitzten Decken etc., das hier sind natürlich Industrieprodukte. Um so erfreulicher dann aber die klangliche Substanz, die wir damit aufzurufen in der Lage sind. Da erfreut schon das akustische Spiel mit sauberer Saitenseparation und entsprechend plastischer Darstellung von harmonisch bestens ausgeleuchteten Akkorden. Auch Linien rollen mit eindrücklicher Definition und perkussivem Touch vom Griffbrett, erweisen sich zudem über das komplette Register hinweg als ausgewogen und präsent. Da auch die Tonlänge für Archtops nichts zu wünschen übrig lässt, freuen wir uns jetzt auf die Umsetzung am Verstärker: Die Magic-Touch-Mini-Humbucker sind natürlich nicht auf Leistung gewickelt, gehören folglich zu den an Output ärmeren Designs.

Als Floating Typen sind sie so montiert, dass sie die Deckenschwingun gen nicht, oder, wie bei der Montage des zweiten Pickups der AFC155-JRR an das abgestützte Pickguard, nur wenig beeinträchtigen. Beide Modellversionen bieten über ihre Hals-Pickups Sounds, die wir als absolut solide und volltönend im Sinne des berühmten Handschuhtons beschreiben können, dem bekanntlich eine gewisse charakteristische Seidigkeit eigen ist. Sicher, die geschliffenen Saiten haben auch einen gewissen Anteil daran. Allerdings erweist sich sofort das rote 1-Pickup-Modell als das grundsätzlich lautere. Der prüfende Blick zeigt dessen Tonabnehmer denn auch etwas näher an den Saiten.

Nun, das nehmen wir jetzt einfach mal so hin, denn es gibt ja bei diesen Pickups keine Polschrauben die man höher drehen könnte. Der dynamisch steuerbare Anschlag wird jedenfalls in beiden Fällen pointiert herausgestellt, der spontanen Tonentfaltung gesellen sich bei gehaltenen Noten luftige Obertöne bei. Linienspiel wird dann auch nicht nur im Jazz-Kontext mit klarer Kontur schön griffig umgesetzt, selbst mit zurückgenommenem Tone-Regler profitiert jede Fingeraktion noch von der guten Definition. Die beschriebenen Eigenschaften gelten für beide Instrumente, aber im direkten Vergleich liegt die AFC-151 in Sachen Präsenz und Ausdruck doch deutlich vorn.

Hochglanz-Chic: AFC Tailpiece und Pickguard (Bild: Dieter Stork)

Die blaue AFC155-JRR lässt mit ihrem zweiten Pickup dagegen natürlich mehr Möglichkeiten der klanglichen Ausgestaltung zu. In Alleinschaltung wird der Magic Touch Mini Humbucker am Steg im Jazz-Kontext wohl eher ein Nischendasein führen, obwohl der doch einiges zu bieten hat. Er tönt schön griffig rund – schon hell, aber ohne grätzende Höhen und das macht sich für einen bestimmten Klanggeschmack wirklich gut.

In Kombination gespielt, öffnet sich uns die AFC155-JRR mit angenehm kehligem, eher hellem Timbre, das die Noten schön rollen lässt. Auch damit lässt sich sehr gut arbeiten und die Regelarbeit via Potis sorgt für besten Abgleich in der Klangfarblichkeit. Natürlich bleibt der Einsatzradius dieser Archtops baubedingt begrenzt, was die Lautstärke angeht. Wie immer bei Hollowbody- Gitarren, droht bei gehobener Verstärkerleistung Feedback, aber wem erzähl ich das.

Alternativen

Suchen wir nach Archtops unter € 1000 mit Floating Pickups, so bleibt das Angebot übersichtlich. Im eigenen Haus findet man bei Ibanez z. B. mit der AF71F aus der Artcore-Reihe sogar ein Single Pickup-Instrument schon für unter € 500. Will und kann man etwas mehr ausgeben, so sollte die kleine George-Benson- Signature-Ausführung vielleicht auch noch einen persönlichen Test wert sein. Gretsch bietet mit der G100CEBK Synchromatic Cutaway ein preisgünstiges Modell, auch die Electromatic G9555 New Yorker Archtop ist vielleicht zu nennen, aber diese Gitarren sind recht rückwärts gewandte Modelle für den eher traditionell eingestellten Spieler.

Von Guild ist da noch das Modell A-150 Savoy Blonde mit tatsächlich massiver Fichtendecke (um € 1200). Für den Jazz-Mann interessant sind natürlich auch die D’Angelico EXL-1- Modelle, leider auch schon wieder etwas teurer. Eastman lohnt auch immer einen Blick auf Archtop-Modelle mit einzelnem Tonabnehmer, aber die mit Floating Pickup liegen preislich wiederum höher. In die engere Wahl genommen werden sollten dank ihres guten Preis/Leistungsverhältnisses (unter € 800) auch die Blue Tone Archtops mit kleinem Jazz-Humbucker am Hals von Höfner.

Resümee

Hm, Jazz lässt sich natürlich nicht einfach umlackieren, um wieder hip und aktuell zu sein und doch ist die Ambition unbedingt zu loben. Ibanez versucht ja über die Jahrzehnte hinweg immer wieder, die Jazzgitarre zu revitalisieren, ja zu popularisieren und das mit Designs unterschiedlichster Preisklassen. Die Modelle AFC155-JRR und AFC151-SRR bieten mit günstigen Preisen jüngeren Spielern – aber (wozu die Einschränkung?) auch allen anderen Enthusiasten – Zugang zum Jazz-Genre, ohne dass ein Gefühl von faulem Kompromiss aufkommt. Die Archtops fühlen sich mit ihren rundlich geschnittenen Hälsen und sehr gut gemachten Bundierungen nicht nur bestens an, sie erweisen sich mit den Magic Touch Mini Humbuckern auch als elektrisch durchaus konkurrenzfähig.

Das rote Modell AFC151-SRR ist im direkten Vergleich über den Hals-Pickup das stärkere mit dem fokussierteren Sound (kann bei der nächsten Ausführung schon wieder anders sein). Die blaue AFC155-JRR dagegen punktet mit klanglicher Erweiterung und einer insgesamt doch sehr lobenswerten Performance. Gut, die Wahl zu haben. Nun noch das Beste: diese angenehm leichten und ungewöhnlich lackierten Jazzgitarren strahlen nicht nur eine moderne sympathische Frische aus, sondern sind auch noch für unter € 1000 zu haben und damit wahrlich kein schlechtes Angebot. Ausprobieren!

Plus

  • stimmiges Design
  • moderne Optik
  • Schwingverhalten
  • Floating Pickups
  • Sounds
  • Hälse/Bundierungen
  • Handhabung
  • Verarbeitung

Aus Gitarre & Bass 06/2017

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