Die nächste Ära?

Hughes & Kettner Acoustics era 1

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(Bild: Dieter Stork)

Bereits 1999 hatte Hughes&Kettner versucht, ein Häppchen von der 1989 durch MTV ausgelösten Unplugged-Welle abzubekommen. Da dem damaligen Montana-Combo nicht der erwartete Erfolg beschert war, verschwand er bald von der Bildfläche. Kürzlich starteten die Saarländer mit dem era 1 einen vielversprechenden zweiten Versuch.

Design und Features wecken unweigerlich Assoziationen zu den Produkten eines anderen deutschen High-End-Herstellers: Kompaktes Gehäuse, zahlreiche kleine Potiknöpfe und gehobene Ausstattung. Aufmerksame Leser unseres Fachmagazins mögen sich an das Interview von Dieter Roesberg mit Stefan Fischer (Hughes&Kettner) und era-1-Entwickler Michael Eisenmann in G&B 07/2017 erinnern, in dem Letzterer erzählt, dass er 2011 nach über 20 Jahren AER aus privaten Gründen verlassen hat und Ende 2014 zu H&K kam.

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mechanik & ausstattung

Der era 1 kommt in einem ebenso kompakten wie stabilen Birkensperrholzgehäuse, wahlweise und zum gleichen Preis im Woody-Look oder mit schwarzem Strukturlack, beide Modelle mit verrundeten Kanten aber ohne zusätzliche Eckenschoner. Ein Lochblech mit Textilbespannung, vibrationsfrei zwischen die Außenwände geklemmt, schützt den 8″- Mitteltieftöner und die 1″-Hochtonkalotte, die über eine passive 2-Wege-Frequenzweiche betrieben werden. Da der Combo von oben bedient wird, fungiert das aus 1,1 mm Stahlblech gebogene Verstärkerchassis gleichzeitig als Rückwand, an der sämtliche Anschlüsse zu finden sind.

Im Inneren trifft man auf vier sorgfältig montierte Platinen, klar getrennte Baugruppen und einen kaum vernehmbaren 50 mm Radiallüfter, der sich wenige Sekunden nach Inbetriebnahme des Amps wieder abschaltet und sich erst dann wieder meldet, wenn die Endstufe eine bestimmte Temperatur erreicht hat. Die Lautsprecherkammer ist vollständig geschlossen, die Wände hat man mit schallabsorbierendem Noppenschaum gedämmt, die Kabeldurchführung der Lautsprecher mit Silikon isoliert.

Um das Ampchassis vom Holzgehäuse zu trennen, müssen lediglich vier Gewindeschrauben und eine gesteckte Kabelverbindung gelöst werden. Große, flache, ca. 2 mm eingelassene Gummifüße gewähren sicheren Stand, der in die Gehäusedecke eingearbeitete und optimal ausbalancierte Griff problemlosen Transport. Apropos: Zum Lieferumfang zählt u. a. ein hochwertiges gepolstertes Cover mit Seitentasche für Zubehör sowie ein in den Gehäuseboden steckbarer Stahlbügel, mit dem sich der era 1 rückwärtig um 25° bzw 35° neigen lässt. Ein eingelassener Kunststoffflansch gestattet sogar den Aufbau auf einem Hochständer. Für Detaillösungen, Konstruktion, Design und Verarbeitung fährt der Hughes&Kettner era 1 schon mal erste Punkte ein, wenngleich die Kunststoffachsen der Potis doch ein wenig wackeln. Immerhin werden die Knöpfe durch den vorstehenden Gehäuserand geschützt.

Kommen wir zu den Features. Digitale Vorstufe mit 250 Watt starker Class-D-Endstufe lässt erwarten: klein aber oho! Die Kanäle 1 und 2 sind identisch aufgebaut: XLR/Klinke-Eingangsbuchse mit 24V Phantom-Power-Zuschaltung, Clip-LED, -10dB-Pad zur Pegelabsenkung, Shape-Schalter für Vorentzerrung (Mittenabsenkung und Höhenanhebung zur Akzentuierung des Bass/Mittenbereichs und der Obertöne), Mute-Schalter, Gain-Regler, EQ Mode 2 Switch (verändert die Frequenzbereiche der Klangregler, z. B. für Steel- und Nylonstring-Gitarren), Bass (+/-10 dB @ 80/110 Hz, zweiter Hz-Wert = EQ Mode 2), Mid (+/- 6 dB @ 700/1200 Hz), Treble (+/- 10 dB @ 10/12 kHz), FX Preset (Wahlschalter für 16 Efftektprogramme) und FX Volume.

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Komplette Ausstattung (Bild: Dieter Stork)

Channel 3 bietet einen 3,5 mm Stereoklinkeneingang mit Pegelregler. Kanal 4 kann als serieller FX Loop oder als weiterer Eingang (FX Return, Stereoklinke, Level-Poti) verwendet werden. In der Master-Sektion der oberen Bedienfläche finden sich noch ein Notch Filter, das Feedbacks oder Resonanzen durch steilflankige Filterung im Bereich von 40-180 Hz eliminiert, sowie der Regler für die Gesamtlautstärke. Die ohnehin schon üppige Ausstattung komplettieren auf der Rückseite Anschlüsse für Stimmgerät, Fußschalter (Amp Mute/FX on/off), symmetrischen XLR D.I. Out mit den Schaltern Ground Lift und Pre/Post EQ, Kopfhörer, Stereo Line Out (Klinke) mit Level-Poti, optischen S/PDIF Out sowie Netzkabel mit Power-Schalter.

Zusätzlich hat Hughes&Kettner noch zwei versenkte Minitaster installiert, die mit einem spitzen Gegenstand betätigt werden müssen. Der eine aktiviert Auto Sleep, einen Stromsparmodus, der den era 1 nach 90 Minuten Ruhephase automatisch ausschaltet. Durch erneutes Aus- und wieder Einschalten per Power-Schalter wacht der Amp wieder auf. Der andere, gleichermaßen zu handhabende Factory Reset Switch, der den era 1 auf die Werks-Settings zurückversetzt, zeigt, dass sich hier offenbar irgendetwas editieren und speichern lässt. So ist es auch, denn durch eine versteckte Funktion können Effektparameter wie Reverb Decay Time, Delay Time, Chorus Rate und Flanger Rate mit Hilfe des EQ-Mode-Tasters und des Aux-In-Level-Reglers teilweise sogar pro Kanal getrennt variiert werden.

Das Effektangebot ist üppig, geboten werden die folgenden Einzel- und Kombi-Effekte:

1. Reverb Room Dark

2. Reverb Room Bright

3. Reverb Hall Warm

4. Reverb Hall Bright

5. Reverb Church

6. Delay Short

7. Delay Mid

8. Delay Long

9. Delay + Pan Delay

10. Delay + Reverb

11. Chorus

12. Chorus + Reverb

13. Chorus + Delay

14. Flanger

15. Flanger + Reverb

16. Flanger + Delay

klang & handling

Selbstverständlich kommen beim Test diverse akustische Instrumente mit unterschiedlichen Pickups zum Einsatz, als da wären Sigma 000MR mit Shadow M-Sonic Nanoflex V, Larrivée OM mit Fishman Rare Earth Schallloch-Humbucker, Cuenca CTW.50 Nylon mit Fishman Prefix PRO-Blend, Washburn M5 Mandoline mit Fishman Piezo Bridge und National Style O mit Highlander IP-1x Pickup. Ein Shure SM58 für Sprache/Gesang darf natürlich auch nicht fehlen.

Zum Einstellen des Eingangspegels sind nicht nur der Gain-Regler, sondern vor allem die Clip-LED, deren gelegentliches Flackern bei Pegelspitzen kein Problem darstellt, wie auch der -10dB-Pad eine große Hilfe. Der aktive 3-Band EQ greift eher nuanciert ins Geschehen ein, speziell Treble zeigt schon fast defensive Wirkung. Da Michael Eisenmann die Grundcharakteristik des H&K era 1 jedoch sehr geschmackvoll und praxisorientiert abgestimmt hat, liefern bereits die einrastenden 12-Uhr-Reglerpositionen ausgesprochen gute Ergebnisse. Somit erweisen sich die EQs für leichte Korrekturen als ausreichend.

Während ich im Bandkontext die Shape-Vorentzerrung für einen ausgewogeneren Klang und erhöhtes Durchsetzungsvermögen außen vor lassen würde, macht sie beim Solo- oder Duoauftritt absolut Sinn, da die Gitarre dann crisper, luftiger und akzentuierter klingt. Klangregeltechnisch erweitert EQ Mode 2 die Flexibilität des era 1 erheblich, und tatsächlich kommt diese Variante einer Nylonstring zugute. Sehr schön. Während der Shadow Nanoflex wunderbar offen, breit und transparent übertragen wird, benötigt der Fishman Schallloch-PU Unterstützung von der Shape-Schaltung, gibt sich allerdings weniger Feedback-empfindlich. Mandoline und Resonator erfordern indes lediglich geschmacklich bedingte Klangkorrekturen.

Nicht ganz so glücklich bin ich mit dem Layout des FX-Select-Drehschalters, dessen 16 Positionen kaum zu erkennen sind, erst recht nicht im Stress und Licht einer Bühne. Um nicht das falsche Preset zu erwischen muss man hier also ganz genau hinschauen. Das Notch Filter knöpft sich störende Frequenzen im Bereich von 40-180 Hz vor, die es steilflankig und damit effizient eliminiert. Bei Feedbacks oberhalb dieses Bereichs hat man allerdings nur noch Chancen durch Umpositionierung des Instruments.

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Mit Lupe und Pinzette an die FX Presets (Bild: Dieter Stork)

Obgleich die Hersteller von Wiedergabegeräten inzwischen fast vollständig auf Miniklinke umgerüstet haben, würde ich mir für Channel 3 eine 6,35 mm Buchse wünschen, die notfalls auch noch ein Instrument aufnehmen könnte. Der Return des problemlos funktionierenden seriellen FX Loops (Channel 4) bietet jedenfalls diese Möglichkeit, zumal hier auch noch ein Level-Poti zur Verfügung steht. Der Tuner-Ausgang lässt sich ebenfalls als Line Out „missbrauchen“ und bleibt auch dann aktiv, wenn beide Kanäle gemutet sind.

Sehr praktisch ist die Möglichkeit, das D.I.-Signal wahlweise vor oder hinter den EQs abzugreifen. So hat der FOH (früher „der Mann am Mischpult“) eine Chance auf sein eigenes EQ-ing. Auch das Vocal-Mikrofon findet im era 1 sowohl beste verstärkende als auch klangliche Unterstützung. So lassen sich Stimmen vom sonoren Radiomoderator bis zur durchsetzungsstarken Rockröhre in Szene setzen.

Nun zu den „Hidden Functions“ und zum „Customizing“ der Effekte. Zunächst wählt man das zu editierende FX-Preset (1-16) des gewünschten Kanals. Dann hält man EQ Mode 2 drei Sekunden gedrückt (LED blinkt = Programmiermodus). Jetzt mit dem Aux-In-Regler den jeweiligen Parameter ändern (1 Parameter je Preset). Gespeichert wird durch erneutes 3-sekündiges Drücken des EQ-Mode-2-Tasters (LED leuchtet). Selbstverständlich kann der Editiervorgang jederzeit abgebrochen und die Speicher auf Werkseinstellung resettet werden.

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Umfangreiches Bedienpanel (Bild: Dieter Stork)

Nicht unterschlagen möchte ich, dass die Effekte 8 und 9 nicht gleichzeitig und getrennt für beide Kanäle nutzbar bzw. editierbar sind. Parameteränderungen dieser Presets wirken sich stets auf beide Kanäle aus. Klanglich ist das Effektangebot durchaus von guter Qualität, auch wenn der Chorus auf der Höhe einer jeden Amplitudenkurve eine Art Sprung zu machen scheint und damit nicht sonderlich homogen klingt. Da hilft nur das Reduzieren des FX Levels.

resümee

Unterm Strich präsentiert sich der Hughes&Kettner era 1 als sehr gut klingender Acoustic-Amp, der die individuellen Sounds der angeschlossenen Instrumente authentisch und natürlich überträgt, dabei sehr gute Dynamik zeigt und sich zudem extrem rauscharm gibt. Jedoch sollte man die angegebene Endstufenleistung von 250 Watt nicht überschätzen, denn erst kürzlich hatte ich einen 50-Watt-Acoustic-Amp (Halbleiter) auf dem Tisch, den ich tatsächlich deutlich lauter in Erinnerung habe. Der era 1 bietet eine luxuriöse Ausstattung (und auch was fürs Auge), wurde vorbildlich verarbeitet, gibt sich dank seiner kompakten Maße äußerst transportfreundlich und wird professionellen Ansprüchen gerecht. [1639]

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