Interface zwischen Technik und Ohr

Interview mit dem Entwickler des neuen Hughes & Kettner Akustikamps era 1

Hughes & Kettner ist immer wieder für Überraschungen gut. In der über 30-jährigen Geschichte hat es stets Produkte gegeben, die aufhorchen ließen: Ob Cream Machine, Red Box, Triamp, Tube Master, Rotosphere, Tubemeister und noch vieles mehr, es waren fast immer Geräte für E-Gitarristen. Mit dem era 1 kommt ein Produkt für eine neue Zielgruppe auf den Markt: Ein Akustik-Gitarren-Verstärker mit Digital Vorstufe und Class-D-Endstufe.

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Anfang Juni 2017 sollten die ersten era 1 ausgeliefert werden, kurz vor dem Start besuchten der Entwickler Michael Eisenmann und Stefan Fischer von Hughes & Kettner die Gitarre-&-Bass-Redaktion mit einem Vorseriengerät im Gepäck. Hier nun Auszüge aus dem Interview, das wir mit den beiden führten.

Michael, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Hughes & Kettner?

Michael Eisenmann: Ich habe über 20 Jahre lang für AER gearbeitet. Dann habe ich die Firma 2011 aus privaten Gründen verlassen. Danach habe ich mich als Consultant selbstständig gemacht und habe nach Partnern für meine Akustik-Verstärker-Leidenschaft gesucht.

Wie hast du gelernt?

ME: Ich habe Elektrotechnik studiert. Gegen Ende des Studiums habe mich entschlossen, in die Audio-Technik zu gehen, was schon immer meine Leidenschaft war. Ich habe mich 1985 selbstständig gemacht und ein Geschäft für professionelle Audio-Technik aufgemacht. Ich habe Signal Controller für aktive Lautsprecher entwickelt. Irgendwann ist mir ein Gitarrist über den Weg gelaufen, und wir haben zusammen die Firma AER gegründet.

Spielst du selber Gitarre?

ME: Nein. Aber ich habe das Instrument bei meiner Arbeit kennengelernt. Ich war ja eher auf der reproduzierenden Seite: PA-Verleih und Beschallungstechnik. Und dann habe ich die Instrumente kennengelernt, auch akustische, und das hat auf mich einen großen Reiz ausgeübt. Daraus ist die Idee entstanden, einen Gitarren-Verstärker für akustische Instrumente zu entwickeln. AER ist weltweit eine anerkannte Marke und war Vorreiter. Die Unplugged Welle hat ja den Weg für Akustik-Amps geöffnet und fast jeder hatte plötzlich ein solches Gerät im Programm.

Aber mit dem, was ihr gemacht habt, haben die meisten Amps nicht viel gemeinsam?

ME: Wir sind von Anfang an einen anderen Weg gegangen. Bei uns war es eine Art geniale Symbiose eines Technikers und eines Musikers, die die Köpfe zusammengesteckt haben und ein Gerät mit Hilfe von moderner Audio-, Beschallungs- und Messtechnik entwickelt haben.

Braucht ein Akustik-Gitarrist eigentlich heute noch einen Akustik-Verstärker?

ME: Eigentlich braucht er keinen. Denn er ist ja völlig glücklich mit seinem Instrument. Er braucht ihn erst, wenn die akustische Leistung nicht mehr ausreicht. Er braucht ihn nicht zum Sounddesign wie ein E-Gitarrist. Aber wenn die natürliche Lautstärke nicht ausreicht, dann muss er sich halt verstärken. Da fängt unser Job an. Wir sind das zweite Glied in der Kette. Diesen Job muss man machen. Und den macht man, indem man ihm ein einfach zu bedienendes Gerät hinstellt. Plug in and play. Flat einstellen, einstecken und los geht es.

Es ist also eine kleine Mini-PA für denjenigen, der sein akustische Instrument lauter machen will?

ME: Das kann man so sagen. Man feilt ein bisschen dran, damit die Anpassungen funktioniert, und das Ergebnis nah am authentischen Ton ist. „Nah dran“ ist richtig, denn eigentlich ist man ja chancenlos, da über ein Pickup-System ja nur ein Bruchteil der ursprünglichen Klang-Informationen kommen. Und in dieser Annährung liegt das Geheimnis, damit man diese Transmission hinkriegt.

Wir haben uns eben ein Vorserienmodell des neuen Hughes & Kettner era 1 angehört. Ihr habt wirklich an fast alle Möglichkeiten gedacht: Instrument und Gesang verstärken, PA-Anbindung, Recording-Out.War das Voraussetzung oder ist das bei der Entwicklung gekommen?

ME: Das war Voraussetzung von Anfang an, auch schon vor 20 Jahren. Der Amp ist ja sozusagen ein Interface. Im kleinen Club reicht er schon aus. Aber wenn eine Beschallung dazukommt – und ich komme nun ja daher – dann muss man das auch bedienen können und in guter Qualität anbieten.

Wie bist du denn mit Hughes & Kettner zusammengekommen?

ME: Nachdem ich AER verlassen hatte, habe ich Partner gesucht, um weiter Akustik-Amps zu bauen. Ein Bekannter in der PR-Branche hat mir den Kontakt zu Stefan Fischer von Hughes & Kettner gelegt, den ich Jahre zuvor schon auf der Tonmeistertagung kennengelernt hatte. 2013 haben wir dann Kontakt aufgenommen, Stefan Fischer hat sich meine Ideen angehört und Ende 2014 hat er mich nach St. Wendel eingeladen, dort habe ich die Ingenieure und Lothar Stamer (Mitinhaber, Anm. d. Red) kennengelernt. Die Chemie passte von Anfang an. Ich habe dann ein Konzept erstellt und es rollte los. Für mich war es auch besonders reizvoll, einen AkustikAmp für eine Rock-’n’-Roll-Company zu entwickeln.

Stefan Fischer: Die Handschrift und Philosophie bei AER haben mich von Anfang an fasziniert. Ich hatte das Gefühl, das hat jemand gemacht, der weiß, was er da tut. Wir haben vor Jahren ja mal als Stiefkind auch einen Akustik-Amp gemacht, weil unsere Kunden das haben wollten, aber seitdem war uns klar, dass man dafür einen ganz anderen Fundus an Erfahrung und Wissen benötigt – Erfahrungen, mit dem, was den Charakter eines Akustik-Amps ausmacht, und was so ein Amp auf der technischen Seite tut, um dem Spieler das Gefühl zu geben, er spielt weiterhin sein Instrument und nicht ein verformtes Monster. Ich glaube, es gibt nicht viele Ingenieure auf der Welt, die so etwas machen können. Da ist so vieles im Spiel: Instrument, Eingangsstufe, Vorverstärker, Effekt, Endstufe, Lautsprecher, Gehäuse.

ME: Aber jedes Teil muss zum anderen passen. Und trotzdem sind es oft nur Kleinigkeiten. Man muss hier und da die richtige Schraube drehen, es ist keine Hexerei. Die wesentlichen Merkmale beim Akustik-Amp sind: Klein und handlich, und er muss die Dynamik verarbeiten können. Wenn du siehst, wie manche Akustiker in die Saiten gehen, da passiert richtig was. Wenn ein Dual-Source-System verwendet wird, entstehen da enorme Schalldrücke, die sind alle so sauber wie möglich zu verarbeiten. Da brauchst du Dynamik. Wenn du irgendwo einen Flaschenhals hast, verlierst du einfach tonale Information. Da sind zwar alles Kleinigkeiten, am Ende des Tages ist es aber das, was den Unterschied macht. Ganz entscheidend ist auch, dass die Endstufe den Spannungshub bewältigt, dass sie die Dynamik umsetzen kann. Es geht dabei nicht um Leistung. Nicht um 100 oder 150 Watt. Darum haben wir eine leistungsstarke Class-D-Endstufe eingesetzt. Sie gibt uns einfach eine Menge Dynamik, einen hohen Spannungshub. Der erste Attack, der kommt, wenn du die Saite anschlägst, ist wichtig, dann ist der Ton da und dann kann er auch abfallen. Die mittlere Leistung ist, verglichen dazu, minimal.

Wir verwenden einen 8″-Lautsprecher, natürlich hat der Grenzen. Aber das, was er macht, was er zulässt, das macht er sauber. Man kann sogar Bass darüber spielen. Natürlich müssen wir den Speaker auch schützten. Das geht mit der Digital-Endstufe ideal.

Auch die Vorstufe arbeitet digital?

SF: Diese Diskussion darüber, ob analog oder digital, hat die eine oder andere Woche aufgebraucht, wobei meine Erfahrung ist, dass sich 2017 die Einstellung positiv verändert hat. Ich erlebe das jetzt gerade in letzter Zeit mit den Beta-Testern, die sagen mir, Hauptsache es klingt gut, ich höre den Charakter und die Persönlichkeit meines Instruments – und es rauscht nicht.

ME: Ich komme ja aus dem Bereich, wo ich hauptsächlich mit den klassischen Gitarristen zu tun hatte, sowie mit Singer-Songwritern, und nicht mit denen, die in der Popkapelle mal für eine Ballade ein Akustikinstrument in die Hand nehmen. Deswegen ist immer auch ein bisschen Vorsicht geboten, Singer-Songwriter sind m. E. n. sehr konservativ gegenüber der Technik; und bei den Klassikern hört der Spaß ganz auf. Die sind immer schon bitterböse enttäuscht, wenn sie einfach einen Verstärker brauchen, weil die akustische Leistung nicht reicht.

Was unterscheidet den era 1 von anderen Akustik-Amps?

ME: Die Dynamik, die wir deutlich verbessern konnten. Und es ist nicht nur eine digitale Endstufe drin, sondern es gibt auch digitale Signalverarbeitung. Das gestattet uns natürlich eine völlig andere und sehr komfortable Art des Equalizings.

Das ist das, was ihr quasi aus der PA-Abteilung HK-Audio als Benefit nehmen konntet?

SF: Ja. Denn wir können Basistechnologien zur Verfügung stellen. So schützen wir auch den Lautsprecher. Da kann man deutlich komfortabler und effizienter Dinge abfangen, die der Lautsprecher eh nicht abstrahlen würden. Man kann ihn deutlich besser entzerren. Das Ganze kann man gleicherweise dynamisch machen. Ein Beispiel: bei kleineren Pegeln gestattet man ihm etwas mehr Bass, und wenn es an die Grenze kommt, nimmt man Dampf weg. Aber das muss man dann fein abstimmen.

ME: Die digitale Plattform hat deutlich mehr Möglichkeiten der Varianz, also man kann auch mal schnell etwas ändern.

Die Entwicklungsarbeit ist also, das aufeinander abzustimmen?

ME: Ja. Und natürlich muss man gucken, dass man das audiotechnisch hinbekommt. Ich bin Techniker, ich möchte auch, dass es wenig rauscht, dass es nicht an Dynamik verliert.

SF: Für mich gibt es zwei Erfolgsebenen: Fühlt sich der Musiker wohl damit? Wie funktioniert es im Kontext? Wenn ich beim Spielen das Gefühl habe, ja das ist mein Instrument – nur größer, dann ist das Ziel erreicht.

Es gibt sicher Musiker, die sagen: Das brauche ich nicht, ich gebe mein Instrument auf mein Mischpult und höre es über den Monitor. Was würdest du dem sagen, warum man den era benutzen soll?

ME: Mit dem era 1 bist du näher an der Quelle und hörst den Original-Sound. Beim Monitor ist ja jede Menge dazwischen. Der Monitor ist zur Feedbackvermeidung mit Equalizern bearbeitet, und so hat das ja nicht zwingend was mit dem Originalsound zu tun. Beim In-Ear-Monitor ist das gegebenenfalls anders, natürlich gibt es immer die Fälle, wo das auch funktioniert, aber ich glaube, wenn der Amp auf der Bühne steht und man dicht dran ist, dann ist das ein anders akustisches Erlebnis. Außerdem gibt es ja auch Konzerte, wo die PA nur ein bisschen Unterstützung ist. So hat man das eigene Monitoring im Griff, mit der Hoffnung, dass der Ton dann auch vorne ankommt.

SF: Ich denke, dass heute jemand, der in einer Band bei nur ein paar Nummern Akustik-Gitarre spielt, wahrscheinlich auch noch in einer anderen kleineren Besetzung oder alleine zu Gange ist. Das war vor 10 Jahren noch anders. Es gibt viele, die sich schon mal einen Akustik-Amp gekauft hatten, aber dann gemerkt haben, eigentlich brauche ich was, das in einer anderen Liga funktioniert. Für den wird so ein Amp die beste Lösung sein. Ein wirklich hochwertiges Preamp-Pedal kostet auch schnell mal ein paar Hundert Euro; aber beim era 1 muss er sich eigentlich ziemlich wenig Gedanken drüber machen, ob der nächste Gig jetzt im Cafe Dingenskirchen oder in der Stadthalle Soundso stattfindet, er hat immer eine hochwertige Basislösung – auch fürs Recording: Der Amp bietet einen optischen S/PDIFOut.

Welche Vorteile haben die DSP-Eigenschaften?

Weil das Equalizing und das Limiting, also das Schützen des Lautsprechers, so komfortabel und hochwertig geht, kann eine geschlossenen Box verwendet werden. Bassreflex Boxen haben oft den Nachteil, dass sie bei bestimmten Frequenzen Geräusche von sich geben. Das können wir verhindern und dabei trotzdem eine angenehme Übertragung im Bassbereich erzielen.

Was ist bei der Entwicklung wichtiger. Das technische Know-how oder das Ohr?

ME: Beides. Ich sage dir mal, wie das funktioniert. Schaltung entwickeln, Engineering machen, messen, am Ende des Tages kommt das Ohr, der Musiker. Das sind Welten. Es ist nach wie vor so, dass man nicht alles das messen kann, was man hören kann, und umgekehrt. Also abstimmen, feintunen, und dann nochmal mit Musikern hören. Ich habe das in meinem Umfeld gemacht und dann bin ich nach St. Wendel gefahren, mit dem Produkt für die akustische Abnahme, und habe alles nochmal mit Mario quergecheckt. (Ein erfahrener Musiker, der dort arbeitet, Anm. d. Red) Er hat Erfahrung, er besitzt viele Amps, er war genau mein Mann.

Du bist aber mehr als ein Techniker?

Als bei AER alles gut lief, da habe ich mich für die wissenschaftliche Seite interessiert. Wie funktioniert Hören, wie funktionieren Musikinstrumente? Aspekte aus der musikalischen Akustik, aus der Psychoakustik, aus der Audiotechnik. Wie funktioniert das? Wie ist Wahrnehmung? Das Spannende und die Herausforderung liegt doch beim Instrument, wenn du einen Amp dafür entwickelst, dann hast du einen realtime A-B-Vergleich, wie sonst nirgendwo.

Du bist also das Interface zwischen Technik und Ohr. Ein Entwickler muss auch nicht unbedingt ein guter Musiker sein.

Du musst zuhören können. Ich glaube, als Entwickler muss man den technischen Hintergrund kennen, wie funktioniert Wahrnehmung und wie funktioniert das Musizieren. Eine herrliche Symbiose. Ich bin froh, dass das bei Hughes & Kettner auch so kultiviert wird.

Warum ein DSP-Preamp mit digitalen Effekten?

SF: Ein Argument, was bei mir in Richtung DSP Preamp gestochen hat, war mit variablen Filtersettings umzugehen. Wähle Mod 1 an, es ist nicht nur irgendein Widerstand, der zugeschaltet wird, es ist ein Shaping. Auch bei den EQs gibt es Mod 1 oder Mod 2, für Steelstring, Nylon oder Mikrofon.

ME: Der Musiker soll mehr oder weniger simpel live in einer Situation einfach per try und error ausprobieren und schnell zum Ergebnis kommen. Er hat auf diese Art und Weise ein mächtiges Werkzeug, wofür er aber keine Führerschein-Prüfung ablegen muss.

Es ist eure Aufgabe ein Instrument zu machen, mit dem der Musiker glücklich ist?

Ja. Aber unser Zielmusiker ist schon ein bisschen fortgeschritten. Das ist nicht der Einsteiger.

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