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Fender 57er Custom Shop Stratocaster Relic im Test

1957 war ein bemerkenswertes Jahr in der Fender-Geschichte, ein Wendedatum mithin, das Instrumente mit besonderen Ausprägungen hervorbrachte. Merkmale, die nur für kurze Zeit Geltung hatten, aber genau deswegen heute so begehrt, ja sündhaft teuer sind. Eine auch nicht eben preiswerte Alternative zum schier unerreichbaren Original liegt uns mit dem 57er Masterbuilt Stratocaster Relic Modell aus dem Fender Custom Shop vor. Ob die auch was kann?

Fender Stratocaster (1)
FOTO: Dieter Stork

Eric Clapton kombinierte für „Blackie“, seine wohl berühmteste Gitarre, einen 56er Body mit einem 57er Hals und nahm Pickups aus einer weiteren 50er-JahreStrat dazu. 1970 hatte er gleich sechs dieser seinerzeit kaum mehr beachteten gebrauchten Gitarren im Sho-Bud Guitar Shop in Nashville für jeweils $ 200 oder $ 300 erworben. Zurück in England verschenkte er zunächst drei davon an seine Freunde George Harrison, Steve Winwood und Pete Townshend und schraubte dann aus den übrigen drei Exemplaren die berühmte Blackie-Strat zusammen. Er gehört erklärtermaßen zu den Freunden des nur 1957 von Fender realisierten „V“-Halsprofils, ein Neckshape von namensgerecht mehr oder weniger stark ausgeprägtem V-Zuschnitt. Dieses Profil macht die Gitarren aus der Zeit nicht nur eigen, ihnen haftet auch der Nimbus des extraordinären Tons an.

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Konstruktion

Natürlich erfüllt Fender die typischen 50s Attribute seines alten Tausendsassas von der Kopfplatte bis hin zu den korrekten Korpuskonturen akkurat. Ob aber dieses Red Gold Sparkle Finish damals auch schon zur Verwendung kam, lässt sich schlecht nachprüfen. Auf den ersten Blick ist es kaum zu sehen, aber diese 57 Strat wurde mit einer leichten Relic-Barbeitung auf angenehme Weise künstlich gealtert. Der zweiteilig gefügte Korpus aus Erle, ein ausgesuchter Lightweight Body, weist zeitgerechte Konturen auf und nur bei entsprechendem Lichteinfall sind die Imitationen der charakteristischen Lackrisse eines alten Nitro-Finish zu erkennen.

Der aufgeschraubte, nitrolackierte, einteilige Ahornhals mit zum Glück nur leichter Relic-Bearbeitung deutet die berühmte V-Form lediglich an, gibt sich ansonsten und vor allem aufsteigend eher rundlich, was im Prinzip eine gelungene Mischung aus rundlichem 50s-Hals und dem speziellen 57er-Profil ergibt. Kein Baseballschläger, aber schon kraftvoll. Als wunderbar verrundet erweisen sich nun die Griffbrettkanten (besser: Übergang zur Greiffläche, denn beim Einteiler ist ja gar kein Griffbrett aufgeklebt). Die absolut akribisch bearbeitete Bundierung mit perfekt an diese Kantenrundungen angepassten Bundenden verdient ein besonderes Lob. Typisch für Einteiler ist der Skunk Stripe, eine mit Nussholz verschlossene Fräsung zur Implantation des Halsstabs (50s Truss Rod), welcher natürlich traditionell korrekt vom Halsende aus zu korrigieren ist.

Die kleine Kopfplatte ist wie üblich parallel nach hinten versetzt, trägt das authentische Spaghetti-Logo auf der Front, den Custom-Shop-Masterbuilder-Sticker von Paul Waller hinten und ist mit Fender Logo Relic Tunern ausgestattet. Die hohen zwei Saiten werden von einem Stringtree niedergehalten. Sauber bearbeitet und nur leicht gekerbt ist der schmale Sattel aus Knochen, über den die Saiten in der bekannten Mensur von 648 mm hinüber zum guten alten Fender Tremolo (Vibrato) laufen. Alt hier auch wegen der rostig angelaufenen Saitenreiter aus Bugblech, mit schön scharf herausstehenden Inbusschrauben, wie sich das natürlich im Vintage-Kontext gehört.

Drei Custom Shop Hand-Wound 50s Strat Singlecoil Pickups, der mittlere RW/RP, sind auf ein einfaches weißes Pickguard im 50er-Jahre-Stil montiert. Geschaltet wird aber modern, also 5-Wege mit Zwischenpositionen. Verwaltet ebenfalls in aktualisierter Manier mit generellem Volume-Regler und zwei Tone-Reglern (250k-Pots), von denen der letzte auf den Mittel- und den Steg-Pickup zugreift. Alle Plastikteile zeigen sanfte Relic-Spuren, lediglich die Coffee-White-Knöpfe etwas stärkere. Verarbeitung: Relic hin oder her – diese Gitarre kommt aus den Händen eines Chefs.

Masterbuilder Paul Waller macht seinem Job und Titel alle Ehre, denn er hat nicht nur die richtigen Teile gefunden und perfekt bearbeitet, sondern sie auch zu einem tönenden Kunstwerk zusammengefügt.

Einteiliger V-Hals mit perfekter Bundierung
FOTO: Dieter Stork
Einteiliger V-Hals mit perfekter Bundierung

Praxis

Kleiner Exkurs vorweg: Kommt ein Gitarrist mit seiner Frau im Schlepptau in den Laden, findet einen lange gesuchten Treter und geht zur Kasse. Darauf seine Frau entrüstet: Aber du hast doch genau denselben schon in grün! Klar, nicht? Nur weil uns etwas bekannt erscheint, muss es nicht zwangsläufig das beinhalten, was wir erwarten. Fangen wir also möglichst neutral an und gehen dem leichtgewichtigen Glitzervogel (knapp 3,1 kg) erst einmal an den Hals. An diesen schönen, kräftigen Hals mit seinem leichten V-Profil, der perfekt gemachten, glänzend polierten Bundierung und der fabelhaften Kantenrundung – ein Traum. Hm, schon vorbei mit der Neutralität, denn man greift ja nicht, ohne auch zu schlagen und zack, schon ist man verliebt.

Wenn eine Gitarre den Begriff „Bell Tone“ verdient, dann nämlich diese. Selten bekommt auch das geübte Testerohr solch harmonisch geschlossene und offen herausjubelnde Klänge zu hören. Akkorde mit solcher Präsenz und Vitalität, von solcher Klarheit und Interaktion der Stimmen, befeuert von prachtvoll aufblühenden Obertönen … Mann-omann, das weckt Begehrlichkeiten, lässt aber auch sofort Probleme ahnen mit all den Geliebten, die man ja bereits besitzt. Was hat die, was ich nicht habe, etc.? Nun, es gibt im engeren Sinne ja nicht die Beste, wie es sie oder ihn auch in der Musik nicht gibt, wohl aber gibt es die Richtige und die wiederum muss nicht unbedingt die Schönste sein. Wir sprechen auch von einer Pyramide: nach oben hin werden die Schritte halt immer kleiner.

Das war früher so und warum sollte es heute anders sein: immer wieder einmal sticht ein Instrument heraus, bei dem alles stimmt und bei dieser Strat stimmt einfach alles. Was zuvor akustisch abgehört schon geradezu freudigen Schrecken auslöste, kann doch elektrisch so schlecht nicht sein? Richtig gedacht: Die verbauten 50s Strat Pickups werden ihrer Aufgabe gerecht und wandeln in leuchtend offene Klangbilder, anders lässt sich das kaum einfangen. Eine enorme Transparenz und famose harmonische Geschlossenheit prägen den Sound. Ein glasklarer Ton, der sofort da ist und der sich in ein wunderbar ebenmäßiges Sustain lässig ausstreckt, von kraftvoll einschwingenden Obertönen eskortiert – schlicht fabelhaft!

Fender Stratocaster (4)
FOTO: Dieter Stork

Die verschiedenen Pickup-Positionen charakterisieren wie gewohnt den Klang, geben aber in dieser Gitarre eine Palette von klassischen Strat-Sounds in absoluter Spitzenqualität heraus. Kehlig, höchst definiert und doch tiefgründig tönt es über den Hals-Pickup. Harfengleich blättern Akkorde auf, Bässe knacken perkussiv unter dem Plektrum, federn leichtfüßig ab. In den höheren Lagen nehmen Linien besonders leicht emotionale Kraft auf, denn die fest artikulierende Note lässt sich perfekt modulieren, die Fingeraktion wird detailgenau umgesetzt und dieses Schmatzen im Overdrive ist die reine Wonne. Das gilt auch für den mittleren Pickup, der die Mitten etwas stärker herausstellt und bei rhythmischer Attacke noch besser knackt. Das Messer zücken wir, wie eigentlich immer, mit dem Singlecoil in der Stegposition. Aber der über ihn zur Schau gestellte harte Twang zeigt nicht nur eine knochentrocken scharfe Intensität mit immenser Durchsetzungskraft, der heftige Biss lässt sich dank der modernen Schaltung mit dem letzten Tone-Regler auch feinnervig abstimmen.

Die handgewickelten 50s-Strat-Pickups setzen brillante, zeitgerechte Sounds in Szene, was uns in den Zwischenpositionen dann noch sehr schön heisere Spalt-Sounds an die Hand gibt. Wäre schon schade, die mit superauthentischem Dreiwegschalter nicht zur Verfügung zu haben. Auch gut: Die Regler laufen leicht, das Volume-Poti lässt Fadings mit dem kleinen Finger locker zu, dennoch verstellt es sich nicht gleich bei jeder Berührung – optimal. Das Fender Tremolo ist der bekannte klassische Vintage-Typ – man arbeitet damit. Aber klingt das alles denn auch wie eine gute alte Strat aus den 50ern? Nein, das tut es nicht!

Sagen wir mal so: so viel Widmung hat damals kein einziges Instrument bei Fender erfahren. Wenn also ungelernte mexikanische Arbeiter etwas zusammenschrauben konnten, das heute diese frappante Wertschätzung genießt, wie viel mehr Potential hat dann eine Gitarre dieser Qualität? Eine Frage der Zeit … und doch sie wird anders klingen!

Kleine Kopfplatte mit Fender Relic Tuners
FOTO: Dieter Stork
Kleine Kopfplatte mit Fender Relic Tuners

Resümee

Wow, was für eine Strat! Diese Charakter-Gitarre ist nicht leicht loszulassen, auf die möchte man sich schlicht draufsetzten, damit die einem bloß kein anderer weggrapscht. Okay, die Farbe muss man mögen, oder akzeptieren, aber wenn man die Augen zumacht und einfach nur hört, ist man verliebt. Nun kann man ja nicht jede wunderbare Frau besitzen – gibt doch nur Ärger. Also schau ich auf meinen Harem und bleib damit eigentlich auch ganz zufrieden. Dennoch, fast schon unwahrscheinlich, wie gut eine Strat sein kann, wenn alles stimmt, bzw. wenn jemand Hand anlegt, der nicht nur die richtigen Komponenten auswählt, sondern dieselben auch mit Akribie, Sachkenntnis und nicht zuletzt mit viel Gefühl aufeinander abstimmt. Masterbuilder Paul Waller ist so ein Mann und er hat mit dieser fabelhaft klingenden und toll zu spielenden 57 Stratocaster Relic ein Trauminstrument erschaffen. Punkt!

Plus

  • Retro/Relic-Design
  • offensives Schwingverhalten
  • 50s Pickups • kraftvolle Sounds
  • rundlicher V-Neck
  • Hals- & Bundierungsbearbeitung
  • großartige Spieleigenschaften
  • meisterliche Verarbeitung

Minus

  • hoher Preis

 

Fender Stratocaster (6)
3 Kommentare zu “Fender 57er Custom Shop Stratocaster Relic im Test”
  1. Schöner Testlauf. Danke. Aber wo ist jetzt der Unterschied zur aktuellen Eric Clapton Signature aus dem Custom Shop in verträglichem schwarz und im Vergleich auch bezahlbar? Die harten Fakten der beiden Gitarren sind jedenfalls identisch. Wie wäre es mal mit einem charaktervergleich der Custom Shops? 😉

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  2. Les Pauly

    Woher soll Gitarre & Bass das wissen? Da solltest Du bei Fender nachfragen, an welchen Händler diese Gitarre ging.

    Antworten
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