Boah! Koa!

Test: Taylor 722ce

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(Bild: Dieter Stork)

Andy Powers hat es wieder getan. Er hatte bei der Einführung des V-Class-Bracing vor einigen Jahren angekündigt, dass er damit in der Lage ist, Feinheiten verschiedener Holzsorten besser herauszuarbeiten. Jetzt hat er sich die 700er-Serie vorgenommen, die bislang mit Fichtendecke und Palisander-Korpus ausgestattet war, und irgendwie immer zwischen allen anderen Serien hing. Die Bodys der neuen Modelle 724ce und 722ce sind nun komplett aus massivem Koa gefertigt!

Das hat zwei Gründe: Zum einen gibt das Holz der 700er-Serie eine eigene Identität, zum anderen hat Taylor seit 2015, durch die Kooperation mit einem Holzlieferanten in Hawaii, besseren Zugang zu Koa. Dort hat man ähnliche Erfahrungen gemacht wie mit Ebenholz aus einer früheren Kooperation in Afrika: Aus gefällten Bäumen kann man insgesamt mehr und qualitativ unterschiedliches Holz gewinnen als nur das schwarze Ebenholz bzw. das extrem gemaserte Koa – und diese Art der Verwertung ist nachhaltiger.

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NACHHALTIGKEIT & KOA

Nachhaltigkeit ist Taylor Guitars ein großes Anliegen. 2015 ging das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Tonholzlieferanten Pacific Rim Tonewoods auf Hawaii ein und gründete die Firma Siglo Tonewoods. Man schützt bestehende Bäume, pflanzt neue an und sorgt dafür, dass sie sinnvoll nachwachsen. Durch Verträge mit lokalen Landbesitzern trägt man zur Wiederherstellung der Wälder bei. Es darf nur eine bestimmte Anzahl von Koa-Bäumen gefällt werden und im Gegenzug investiert Taylor in eine Reihe von Waldverbesserungsprojekten.

Da Taylor die Bäume nun selbst aufschneiden kann, entdeckte man, dass ein Baum mehr hergibt als nur die bisher bekannten, extrem gemaserten Teile. Einige Stücke zeichneten sich durch besondere Farben und schöne Streifen aus. Sie erhielten die Klassifizierung „select-grade“ und inspirierten Andy Powers zum Entwurf der 700er-Serie. Das Restholz wird für diverse andere Dinge verwendet, von Verstrebungen über Kleinteile bis hin zu Gitarrenwandhaltern und andere Gebrauchsteile.

WEISSENBORN

Koa ist ein Holz, das nur auf Hawaii wächst. Es ist sehr dunkel, kann ganz extrem gemasert sein, aber auch schlicht und einfacher. Taylor benutzt Koa schon seit 1980, und 1983 kam die erste Koa-Serie auf den Markt. Später wurde Koa vor allem für Böden und Zargen oder für die Decken bei der elektrischen T-5 verwendet. Koa ist kein neues Klangholz, es wurde immer wieder von Gitarrenbauern verwendet. Und die berühmten akustischen Lap-Steel-Gitarren des von Deutschland nach Los Angeles ausgewanderten Instrumentenbauers Weissenborn wurden schon in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aus Koa gefertigt. Auch Martin baute in den 1920er-Jahren viele Instrumente wie Ukulelen aus Koa. Wenn man Fotos von den alten Instrumenten ansieht, stellt man fest, dass auch da die Maserung des Holzes sehr unterschiedlich sein kann (siehe dazu auch www.weissenborns.com)

GRAND CONCERT

Zum Testen haben wir die Taylor 722ce V-Class erhalten, ein Grand-Concert-Modell mit Cutaway. Gitarristen haben schon immer den reichen tonalen Charakter und die schöne Ästhetik von hawaiianischem Koa geschätzt. Die neue 722ce bietet einen Boden, Zargen und eine Decke aus ausgewähltem Koa, zusammen mit der V-Class-Verstrebung, der Grand-Concert-Korpusform und einem nur 0,2 mm dünnen, matten Finish, das eine optimale Resonanz bewahrt. Das Modell überzeugt mit kühnem, lebhaften Attack, einer lebendigen Mitteltonwiedergabe, makellosen Höhen und einem warmen Low-End, das mit der Zeit und dem Spielen weicher wird. Andy Powers hat bei dieser Gitarre die Verbalkung des Bodens im Vergleich zu anderen V-Class-Modellen etwas verändert, um der Gitarre etwas mehr Fülle zu geben.

Ebenholzgriffbrett mit den neuen „Fountain“-Einlagen (Bild: Dieter Stork)

Mit der natürlichen Farbvariation von Koa, einem Palisander-Korpus-Binding, einer Paua-Muschel-Rosette, einem dunkel gebeizten Ahorn-Schlagbrett und neuen Griffbretteinlagen aus Perlmutt namens Fountain-Inlays sieht dieses neue Modell so auffällig aus, wie es sich anhört. Dazu kommen Bridge-Pins aus Ebenholz.

Aufwendige Rosette aus Paua-Muschel
und ein Schlagbrett aus gefärbtem Ahorn
(Bild: Dieter Stork)

Der Hals mit verstellbarem Stahlstab – der Zugang zur Nachstellmutter ist unter einem Ebenholzplättchen an der Kopfplatte – und der Korpus sind mit der von Taylor patentierten Halsverbindung ausgestattet, die es einem Fachmann jederzeit ermöglich, eine Anpassung des Halswinkels vorzunehmen, wenn es denn mal nötig sein sollte. Es werden leichte, gekapselte Taylor-Mechaniken aus poliertem Bronze verwendet. Der Sattel aus schwarzem Graphit und die kompensierte Stegeinlage aus Micarta sind Standard, der Steg selbst ist wie das Griffbrett aus Ebenholz.

Edel: Mechaniken aus polierter Bronze, Fountain-Einlage aus Perlmutt (Bild: Dieter Stork)

AUSSTATTUNG

Die 722ce ist mit dem Taylor Expression System 2 ausgestattet und wird mit dem Taylor-Deluxe-Hardshell-Brown-Koffer geliefert. Die Anschlussbuchse, der Gurtpin und das Batteriefach mit 9-Volt-Block sind in einer ovalen Einheit am Korpusende untergebracht, ein zweiter Gurthalteknopf ist am Hals montiert. Die Gitarren kommen mit einem Light-Saitensatz (.012 – .053) in der beschichten Version von D’Addario (Coated Phosphor Bronze).

PRAXIS

Die Grand Concert liegt mit ihrer kürzeren 633mm-Mensur gut in der Hand, spielt sich wunderbar und die Saitenlage ist exzellent. Andy Powers erklärt dazu, dass man die Saiten flacher legen kann, wenn man eine stabile, nicht ganz so flexible Decke hat, wie es bei einer Fichtendecke der Fall ist. Das ist bei Decken aus Mahagoni und Koa auch so. Aber noch verblüffender ist der Klang und wie er sich entwickelt. Kraftvoll und warm, mit schönen Mitten und feinen, nicht zu dominanten Höhen, aber mit einer sehr direkten Ansprache.

Die ersten paar Tage wirkte der Ton etwas gebremst, mit längerer Spieldauer aber spielt sich das Koa-Holz ein, die Bässe werden wärmer und weicher, der Ton schwingt noch mehr als zu Beginn und die Mitten/ Höhenbalance ist perfekt. Ein toller Ton, ganz anders als mit Fichtendecke, aber auch sehr unterschiedlich zu einem Instrument mit Mahagoni-Decke, das weicher und sanfter klingt. Hier kommen mehr Biss und etwas mehr Brillanz zutage. Nachdem ich das Instrument circa einen Monat spielen durfte, hat sich ein perfekter Fingerpicking- und leichter Strumming-Sound entwickelt, der einfach anders ist, als man es von den „üblichen“ Holzkonstruktionen kennt. Direkt und trocken, aber sehr ausgewogen. Und das Taylor-Tonabnehmersystem kann diesen Sound in gewohnter Manier transportieren.

RESÜMEE

Ich bin begeistert. Koa sieht nicht nur fantastisch aus, sondern es liefert auch einen besonderen, eigenen Ton. Praxisfreundlich. Angenehm. Anders. Die 722ce und ihre große Schwester 724ce (Grand Auditorium) sind eine sinnvolle Ergänzung des Programms und geben der 700er-Serie einen völlig neuen Sinn.

PLUS

● Strumming- und Fingerpicking-Sound
● ausgewogener Klang
● direkte Ansprache
● Bespielbarkeit
● Intonation
● V-Class-Bracing
● Verarbeitung
● Verwendung nachhaltiger Hölzer

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022
Gitarre & Bass 5/2022
IM TEST: Zoom B6 +++ Framus Wolf Hoffmann WH-1+++ Valco FX KGB Fuzz, Bloodbuzz und Five-O +++ Sandberg California Central +++ Origin Effects Bassrig +++ Lava ME 2 Freeboost & ME 3 +++ One Control Strawberry Red +++ Fender Player Plus Meteora HH & Active Meteora Bass +++ Marshall 2525H & JVMC212 Black Snakeskin LTD

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