Viel hilf viel

Test: Lowden Jon Gomm Signature

George Lowden und Jon Gomm – der eine ein irischer Luthier der absoluten Spitzenklasse, der andere ein Gitarren-Virtuoso der alleine mit seinem Instrument zum Orchester wird …

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Wenn dann der eine dem anderen eine Signature-Gitarre baut, darf man sich mit Sicherheit auf ein besonderes Instrument freuen. Das tat ich auch – und als der Koffer mit der exklusiven Lowden-Acoustic bei mir eintrudelte, (vielen Dank an Resident Guitars, Mannheim!!) fragte ich mich, ob da wohl ein Cello oder Ähnliches angeliefert wird. Aber nein, die JonGomm-Signature hat einfach sehr üppige Maße. Noch etwas sei vorangestellt, bevor der Test endlich losgeht: Ich kann natürlich nicht im Entferntesten so spielen wie dieser verrückte Saiten-Magier aus Blackpool, England – aber da bin ich sicher nicht alleine und eine gute Gitarre kann schließlich jeden Player beflügeln …

viel umbaute luft

Unser Test-Objekt ist ein Jumbo-Modell mit Cutaway und basiert auf Jons alter Lieblingsgitarre – einer Lowden O32C (als er die eines Tages völlig runtergespielt zur Reparatur an George Lowden übergibt, schlägt dieser vor, ihm lieber gleich eine Neue zu bauen – das Ergebnis liegt uns hier vor). Boden und Zargen sind aus American Black Cherry gefertigt – ein attraktives helles Holz, farblich changierend zwischen Ahorn-Blond und leicht rötlichen Nuancen. Für das Binding wurde Walnuss verwendet, etwas ganz Besonderes hat man sich bei der Decke ausgedacht. Gomm braucht ein Top, das die Hiebe eines Percussionisten wegsteckt und gleichzeitig die filigrane Saitenarbeit optimal projiziert. So kam er auf die Idee einer zweischichtigen Decke. Lowden baute sie ihm – oben drauf Fichte für Klarheit und Ansprache, darunter Rotzeder für die wärmeren Anteile im Klangbild. Die Richtung der Maserungen hat er gegeneinander im Winkel versetzt, das ergibt eine unschlagbare Stabilität.

Der große und extra-tiefe Korpus (Zargentiefe 10,5 – 12,8 cm!) wirkt durch die Hölzer und das grandiose Finish sehr edel, gleichzeitig – dank durchsichtigen Schlagbretts und einfacher Schalllochumrandung – aber auch schlicht. Der schön geschnittene Palisandersteg kommt ohne Saitenpins aus (die Saiten werden durchgefädelt) und beherbergt zwei Stegeinlagen – eine für E, A, D, G und eine für H und E.

Auch beim Hals treffen die Attribute schlicht und edel aufeinander. Er ist aus drei Streifen Maple und zwei Streifen Palisander zusammengefügt. Beim Griffbrett kommt eine weitere Holzart zum Einsatz: Ebenholz. 21 Bünde sind perfekt eingesetzt, abgerichtet und poliert, auf Einlagen wurde gänzlich verzichtet. Zur Orientierung sind aber kleine Dots in die Griffbrettkante eingelassen. Die Kopfplatte punktet mit Walnuss-Oberfläche und güldenen Gotoh-Mechaniken mit Ebenholz-Stimmwirbeln. Ach ja, wir haben es mit einer Mensur von 650 mm zu tun, Die Saiten liegen auf Sattel und Stegeinlagen aus Knochen.

Eine One-Man-Band wie Jon Gomm (bitte unbedingt auf YouTube entdecken) braucht natürlich ein Pickup-System, das im Stande ist, all das adäquat zu transportieren, was dieser Verrückte mit seinem Instrument anstellt. Die Wahl fiel auf das L.R.Baggs Anthem. Schon im Test in Heft 07/2016 erwies sich die Kombination Lowden/Baggs als schlagkräftig.

viel bewegte luft

So großvolumig die Lowden auch ist, sie liegt sehr bequem auf dem Schoß, der rechte Arm hat reichlich Auflagefläche und das Plektrum kommt ganz natürlich und entspannt am hinteren Ende des Schalllochs in Startposition. Auch die linke Hand kann sich nicht beschweren – sie hat es mit diesem tollen Hals zu tun, der mit sanftem V-Profil und satten 44 mm Breite am Sattel seine Charme-Offensive startet. Der Sound hält dann, was der Korpus verspricht. Vollmundig tönen die Akkorde mit frischer Ansprache, breiten Schultern, tollem Sustain. Die Bässe sind dabei nicht etwa übertrieben laut oder wummerig, sondern einfach satt, trocken und abgehangen. Ich war neugierig, ob diese zweilagige Decke überhaupt im Stande ist, intensiv zu schwingen – und ja, das ist sie, und liefert so, zusammen mit dem schwingstarken Boden, eine überzeugende Dynamik-Range. Und die braucht natürlich ein Jon Gomm … und jeder Spieler, der gitarristisch etwas auszudrücken hat. Entscheidende Frage: Was geht über Anlage? Der Anthem bietet ja eine frei mischbare Kombination aus Element-Pickup und Mikro. Letzteres ist natürlich entscheidend dafür zuständig, die perkussive Arbeit von Mr. Gomm möglichst effektiv zu übertragen. Und das funktioniert bestens: Mit dem Daumen mittig hinter den Steg getrommelt, hole ich mir eine recht fette „Bassdrum“ – mit dem Ringfinger auf den Decken rand geschlagen, bekomme ich einen knalligen Bongo-artigen Punch – auf der Zarge lassen sich etliche weitere Percussion-Klänge erzeugen. Und auch die Gitarrenklänge werden mit viel Wucht und Natürlichkeit ins elektrische übersetzt.

FOTO: Phil Ermiya
Fingerstyle-Virtuose Jon Gomm spielt am Freitagabend auf der Guitar Summit Acoustic Party.

Das macht übrigens dermaßen Spaß, dass es ewig dauert, bis ich aufhöre zu spielen, um endlich diese Zeilen zu schreiben. „I feel like King Arthur holding Excalibur for the first time.“ (Gomm über seine Signature-Lowden)

Luftsprünge?

Oh ja. Diese opulente Jumbo-Steelstring ist einerseits perfekt auf die Bedürfnisse eines Jon Gomm ausgerichtet, andererseits macht sie das aber auch zu einer Allrounderin auf höchstem Niveau, denn niemand kann ernsthaft etwas gegen hohe Stabilität, traumhafte Haptik und potentes Klangvermögen haben. Ich zum Beispiel hatte einen diebischen Spaß dabei, die beiden E-Saiten auf D runterzustimmen und ein paar alte Neil-YoungSongs wie z. B. ‚Ohio‘ oder ‚Cinnamon Girl‘ mit nie gekannter Wucht zu spielen. Sollte sich dir die Möglichkeit bieten diese Lowden zu testen – tu es!

PLUS

  • schlicht-edles Design
  • Hölzer, Hardware
  • Hybrid-Decke
  • Verarbeitung, Finish
  • Bespielbarkeit, Haptik
  • Klang akustisch & elektrisch

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Ein Kommentar zu “Test: Lowden Jon Gomm Signature”
  1. Was ist der große Unterschied zwischen einer ‘laminated’ bzw. Sperrholzdecke zu dieser “zweilagigen Decke” bei der auch noch die “Richtung der Maserungen gegeneinander im Winkel versetzt” ist?

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