Godin MultiOud Nylon im Test

Oud von Godin, stehend
FOTO: Dieter Stork

 

Dieses Instrument ist neu und uralt zugleich. Hightech und „Back to the roots“ in einem. Eine Offenbarung für jeden, der orientalische Musik mag, aber auch eine Einladung in neue musikalische Welten. Robert Godin hat es einmal mehr geschafft, ein innovatives Instrument zu kreieren.

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Der / die / das Oud

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da fielen die Mauren aus Nordafrika in Spanien und Portugal ein. Als sie ein paar Jahrhunderte und tausendundeine Nacht später wieder gehen mussten, hinterließen sie nicht nur hübsche Gebäude wie die Alhambra im spanischen Granada, sondern auch ein Instrument, das sich Oud nennt (auch Ud oder Aoud sind gebräuchlich). Wörtlich aus dem Arabischen übersetzt, bedeutet Oud: „DAS Holz“. Musikwissenschaftler kennen das Instrument auch als „DIE orientalische Kurzhalslaute“. Um dieses orientalische Märchen noch spannender zu machen: Im Arabischen ist Oud männlich, also muss es korrekterweise „DER Oud“ heißen, auch wenn man aufgrund der Ähnlichkeiten zur Gitarre noch so gerne „die“ Oud sagen möchte. Es gäbe auch historische Gründe. Aus DEM (!) Oud ist DIE Laute mit Darmbünden hervorgegangen. Im spanischen Wort für Laute „Laúd“ kann man die Verwandtschaftsverhältnisse noch gut erkennen. Aus der Laute hat sich wiederum DIE Gitarre mit festen Bünden entwickelt. Von denen, die dabei waren, lebt keiner mehr. So ungefähr sieht es jedoch die Wissenschaft.

 

Traditioneller Oud

Der markante Klang eines traditionellen Oud rührt aus seiner Konstruktion und Spielweise. Der Korpus hat einen Kugelbauch, der einer aufgeschnittenen länglichen Wassermelone gleicht. Aufgrund dieser Bauweise können die Wände sehr dünn, das Instrument sehr stabil und dennoch leicht sein. Wer einmal eine Laute gespielt hat, weiß jedoch auch, dass der Kugelbauch dem eigenen Bauch im Wege sein kann. Schlanke sind klar im Vorteil. Die Unterseite des Korpus ist obendrein rund und (Vorsicht Gefälle!) für Ungeübte ziemlich rutschig. Oudspieler spielen in der Regel mit Fußbank unter dem rechten Fuß oder mit verschränkten Beinen. Die Anschlaghand greift vom Korpusende über den Steg und schlägt die Saiten nahe des Stegs an und hält so auch den Oud auf dem Oberschenkel. Die Mensur des Oud ist kürzer als bei einer Gitarre. Der bundlose Hals ist in der Regel im siebten Bund (wenn es ihn gäbe) an den Korpus gesetzt. Daher auch der Begriff „Kurzhalslaute“. Manchmal hört man auch den Begriff „Knicklaute“, der wiederum daher rührt, dass die Kopfplatte in einem Winkel von 45 – 90° an den Hals gesetzt ist. Einen traditionellen Oud zu stimmen, geht aufgrund der verwendeten Holzstimmwirbel (wie bei einer Geige, allerdings ohne Feintuner!) alles andere als schnell und leicht. Die Stimmwirbel werden je nach Luftfeuchtigkeit mit Kreide oder Seife bearbeitet. Der Sattel wird meist nur durch den Zug der Saiten gehalten. Die Saiten sind ein weiteres Geheimnis des besonderen Klangs. Wenn eine Gitarre 11 Saiten hat sind das meist fünf zu viel oder man spielt eine 12-Saiter und eine Saite ist gerissen. Der Oud hat in seiner heutigen verbreiteten Form 11 Saiten, von denen fünf doppelchörig sind. Man stelle sich also einfach eine 12-saitige Gitarre vor, bei der alle Saiten bis auf die tief gestimmte „E“-Saite doppelt und nicht (!) oktaviert sind. Die Schwebungen gepaart mit dem bundlosen Spiel machen wesentlich den Sound des Oud aus.

 

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FOTO: Dieter Stork

 

MultiOud

Der MultiOud bricht mit einigen Oud-Traditionen. Kurz formuliert: Er lässt sich fast wie eine Gitarre spielen, klingt aber wie ein Oud. Ausführlicher: Der Korpusrücken ist flach und schmiegt sich komplett an den Körper. Gurtbefestigungsknöpfe erlauben somit erstmalig auch ein Spiel im Stehen. Eine Einbuchtung an der Unterseite hält den Oud auch ohne Fußbank oder überschlagene Beine auf dem Oberschenkel. Gitarristen werden das als ergonomisch angenehm empfinden. Ein Cutaway erlaubt überdies auch das sichere Spiel in höheren Lagen. Der obere Korpusbogen erinnert dagegen an das traditionelle Oud-Design. Kurioserweise erinnert auch das Godin-typische Schalllochdesign an die bei traditionellen Ouds zu findenden ein bis drei, manchmal ornamentierten Schallöffnungen. Das größte Problem des traditionellen Oud ist seine Stimmstabilität. Nicht nur in seinen traditionellen Verbreitungsgebieten mit meist extremen Temperaturschwankungen gestaltet es sich schwierig, einen Oud in guter Stimmung zu halten. Dieses Problem löst der MultiOud mit eigens hierfür entwickelten offenen Mechaniken (ähnlich einer Klassik-Gitarre), die das Stimmen erheblich vereinfachen. Dadurch entfällt auch die Notwendigkeit einer stärker angewinkelten Kopfplatte. Hier gleicht der MultiOud einer Gitarre, wodurch die Stimmwirbel leicht und auf vertraute Weise zu bedienen sind. Korpus und Hals sind aus Mahagoni gefertigt. Dies trägt zum Klang bei, erhöht allerdings auch das Gewicht im Vergleich zu einem traditionellen Oud auf 2,9 kg. Das ist immerhin noch deutlich leichter als eine Les Paul. Die Decke ist aus Fichte.

 

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FOTO: Dieter Stork

 

Elektronik des Godin MultiOud Nylon

Der MultiOud kann rein akustisch gespielt werden. Die Lautstärke kommt nicht ganz an einen traditionellen Oud ran. Zum Üben und für kleinere akustische Besetzungen reicht es allemal. Im größeren Rahmen können sich auch traditionelle Ouds nicht mehr unverstärkt durchsetzen. Einen Oud live zu mikrofonieren ist aufwendig, anfällig für Rückkoppelungen und klanglich oft unbefriedigend. Vereinzelt wurden bereits elektrische Ouds ohne Korpus gesichtet (à la Frame Guitar). Der MultiOud bietet in einem akustischen Instrument die erste einfache, professionelle Lösung für alle diese Probleme. Verwendet wird ein luxuriöses aktives Fishman Aura Pro System mit 9-V-Block. Unter dem ebenfalls neu konzipierten Ebenholzsteg befindet sich der Tonabnehmer. Die auf der oberen Zarge günstig gelegene Klangregelung umfasst Regler zur Anhebung oder Absenkung von Höhen, Mitten und Bässen. Darüber hinaus kann eine von vier Aura-Mikrofonsimulationen verwendet werden. Sie können den Klang und seinen Obertongehalt deutlich verändern. Den verschiedenen Klangidealen bezüglich des Oudspiels kommt das zusätzlich entgegen. Simulation und Pickup können gemischt werden. Presets können programmiert werden. Ein Phasenumschalter, Anti-Feedback, ein chromatisches Stimmgerät, Input Trim, Speichertaste und USB-Anschluss zu Laptop und Aura Gallery runden das eingebaute „Minimischpult“ ab. Die englische Bedienungsanleitung kann man hier runterladen: www.fishman.com/files/aura_pro_user_ guide.pdf

 

Der Godin MultiOud Nylon in der Praxis

Hilfe, wo sind meine Bünde? Wer zum ersten Mal einen bundlosen Oud spielt, braucht Vertrauen und etwas Übung. Man sollte aber auch die Zuversicht in sich tragen, gerade die Tür zu einer neuen musikalischen Welt zu öffnen. Das bundlose Spiel ermöglicht ein sehr expressives Spiel mit Slides und Vibrato. Verzierungen und Melismen (Umspielungen des Zieltons) sind das Markenzeichen berühmter Oudspieler. Das arabische Maquam System mit seinen „Tönen zwischen den Tönen“ (ein bisschen wie die Blue Notes im Blues) ist überhaupt erst so auf einem Saiteninstrument wie dem Oud machbar.

Der getestete MultiOud Prototyp verfügt zur besseren Orientierung über drei seitliche Punkte in der 5., 7. und 12. Lage. Mehr Punkte wären, gerade für Einsteiger, vielleicht besser. Bei einigen Oudvirtuosen kann man sogar durchgehende Bundmarkierungen finden. Ein guter Gitarrenbauer kann da ggf. nachhelfen. In jedem Fall sollte man beachten, den Finger vor dem „Bund“ aufzusetzen, will man reine Töne erhalten.

Für Akkordspiel ist ein Oud übrigens nicht wirklich gedacht. Eine Leersaite plus gegriffener Ton ist dagegen nicht unüblich. Meistens werden jedoch nur einzelne Töne angeschlagen. Dies jedoch mitunter in beachtlicher Geschwindigkeit, unterstützt durch die kürzere Mensur und das Fehlen von Bünden. Hat man einmal einen Oud gespielt, versteht man auch die tiefere Bedeutung der Erfindung von Bünden. Akkorde, die man auf dem Oud schwer oder gar nicht sauber greifen könnte, lassen sich dagegen auf Laute bzw. Gitarre spielen. Diesem kleinen, aber bedeutenden Umstand verdanken wir u. a. nicht weniger als die Entwicklung der westlichen Polyphonie. Bünde waren die Geburtshelfer von Minnelied bis Rock’n’ Roll. Aber das nur am Rande.

Das Testinstrument erreichte mich gut eingestellt und mit optimal niedriger Saitenlage. Der Cutaway ist eine echte Bereicherung gegenüber der traditionellen Bauweise. Der Hals lässt sich wunderbar bespielen. Der an der Kopfplatte zugängliche Spannstab des geschraubten Halses ist eine weitere willkommene Innovation gegenüber dem traditionellen Oud.

Bespannt ist der MultiOud ab Werk ähnlich einer Konzertgitarre mit Nylonsaiten für das hohe h und e (Zur Stimmung siehe Kasten). Die restlichen sieben sind umwickelt. Das eingebaute Stimmgerät ist bei 11 Saiten ein sinnvolles Feature. Gezupft wird der Oud mit einer Reihe von oft selbstgefertigten Plektren aus Holz oder Plastik. Ein Gitarrenplektrum geht aber auch gut.

 

Resümee

Der MultiOud ist ein gelungenes Instrument, clever konzipiert, hochwertig verarbeitet und klanglich überzeugend. Er führt den Spieler in neue musikalische Welten. Nach wenigen Minuten meint man das orientalische Gegenstück zu Ry Cooders Slide Solo im Wim Wenders Film „Paris Texas“ gefunden zu haben. Der Oud ist ein romantisches Instrument (weshalb ich am Ende dieses Tests eigentlich immer noch DIE Oud sagen will). Der Oud ist aber auch ein afrikanisches Instrument, das rhythmisch und virtuos sein kann. Jede Kultur hat ihren eigenen Blues. Wer als Gitarrist den orientalischen, nordafrikanischen, irakischen, türkischen oder den Blues des mittleren Ostens etc. kennenlernen will, braucht einen Oud. Wer immer schon mit dem Gedanken gespielt hat, sich ein solches Instrument anzuschaffen, sollte den MultiOud unbedingt anspielen. Wer bereits einen Oud sein eigen nennt, kann mit diesem Instrument viele bekannte Probleme des traditionellen Oud wie Lautstärke, Stimmstabilität etc. auf einen Schlag lösen. Unser Verhältnis zu Nordafrika, dem Mittleren Osten und selbst der Türkei ist oft geprägt von Angst und Unkenntnis einer anderen, aber ebenso reichen Kultur. Musik verbindet Menschen. Irgendwie hat dieses Instrument Potential zur Völkerverständigung. Dafür und für ein wirklich spannendes Instrument: Kompliment an Robert Godin.

 

Tipps

Ähnlich wie die Gitarre, wird der Oud in vielen Varianten gestimmt. Es gibt tiefer gelegte Stimmungen, moderne, traditionelle, arabische, türkische etc. und sogar regionale Varianten. Man kann diese Traditionen studieren oder eigene Stimmungen ausprobieren und ganz eigene Einsatzmöglichkeiten entdecken. Auch die uns Gitarristen vertraute Stimmung (EADGBE) ist machbar, allerdings sollte man sie bei den mitgelieferten Saiten lieber einen Ganzton tiefer stimmen (DGCFAD). Wer sich von einer mehrere hundert Jahre alten Musikkultur inspirieren lassen will, kann z. B. im Internet junge und alte, traditionelle und innovative Oudvirtuosen entdecken. Da ihre Namen nicht so geläufig sind wie Eric Clapton und sich auch für uns ungewohnt schreiben, hier ein paar Vorschläge: zu den jüngeren modernen Spielern zählen Rabih Abou-Khalil (Libanon), Anouar Brahem und Dhafer Youssef aus Tunesien, Naseer Shamma und Munir Bashir aus dem Irak. Zu den bedeutenden klassischen ägyptischen Oudspielern gehören u. a. Farid Al-Atrach, Riyad al-Sunbati oder Mohamed El-Qasabgi. Wer die MultiOud hören und sehen will, sucht nach dem türkischen Oudprofi und Godin-Vorführer Fatih Ahiskali. Unter www.mikeouds.com findet sich ein interessantes englischsprachiges Forum zum Oud. Über die verschiedenen traditionellen Stimmungen informiert www.oudcafe.com.

 

Übersicht

Hersteller: Godin

Modell: Multioud Nylon

Typ: 11-saitiger akustisch/elektrischer Oud

Herkunftsland: Kanada

Mensur: 585 mm

Hals: Mahagoni 4-fach geschraubt, mit Spannstab, 24″ Radius, Sattelbreite 40,64 mm, Ebenholzgriffbrett, fretless

Mechaniken: offen, custom

Decke: Fichte, massiv

Korpus: Mahagoni mit zwei Klangkammern

Oberflächen: Natur Hochglanz

Steg: Ebenholz

Maße: Länge (mit Gurtpin) 94cm, breiteste Stelle 34 cm, Korpushöhe 7cm (dickste Stelle)

Gewicht: 2,9 kg

Elektronik: Fishman Aura Pro aktives Steg-Tonabnehmer-System, Acoustic

Matrix PU mit Mikrofon-Simulationen (betrieben mit 9V Block)

Regler: Blend, Lautstärke, Höhen, Mitten, Bässe

Schalter: Play/Edit, Antifeedback, eingebautes chromatisches Stimmgerät, Phasenumkehrung, vier Custom Presets, Input Trim,

Mini-USB Anschluss

Vertrieb: PB International BV

NL-6045 GM Roermond

www.godinguitars.com

Preis: 2043 inkl. Formkoffer

 

Plus

  • Innovation
  • Verarbeitung
  • Klang
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