(Bild: Dieter Stork)
Mit Citadel Electronics betritt ein noch relativ neuer Hersteller die Bühne, der angibt, sich bewusst von den üblichen Branchenpfaden lösen zu wollen. Hinter der jungen Marke stehen allerdings keine Neulinge, sondern Entwickler mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bau von Gitarrenverstärkern und Effektgeräten.
Wenn in der Welt der Gitarrenpedale eine neue Marke auftaucht, handelt es sich ja nicht selten um ein ambitioniertes Ein-Mann-Projekt aus der Garage – viel Enthusiasmus, einem Lötkolben auf dem Küchentisch und im besten Fall auch ein paar wirklich gute Ideen. Bei Citadel Electronics liegt der Fall jedoch etwas anders.
Das Unternehmen wurde 2025 von Santiago Alvarez gegründet, der manchen Musikerinnen und Musikern vor allem durch seine Arbeit als technischer Direktor bei Marshall ein Begriff sein dürfte. Gemeinsam mit dem finnischen Entwickler Tommi Otsavaara (ehemaliger Entwickler bei Darkglass) und weiteren Branchenveteranen verfolgt Alvarez mit Citadel das Ziel, eigene Ideen ohne die üblichen Konzernstrukturen umzusetzen.
Dabei soll es weniger darum gehen, den viertelvorzwölften Klon eines Klons auf den Markt zu bringen, sondern vielmehr darum, bestehende Konzepte weiterzudenken. Citadel spricht von durchdachtem Design, technischer Präzision und praktischer Innovation – große Worte, die man in dieser Branche durchaus öfter hört.
Entwickelt von erfahrenen Ingenieuren und aktiven Musikern, sollen die Geräte vor allem eines sein: zuverlässige Werkzeuge für den musikalischen Alltag – und im Idealfall solche, die man nach dem Einschalten nur ungern wieder ausschaltet. Ob dieses vollmundige Versprechen eingehalten werden kann, oder ob Citadel die Mauern hier ein wenig zu hoch gezogen haben, finden wir nun im Test heraus.
AUFBAU
Um es direkt vorwegzunehmen: Alle der sechs zum Test vorliegenden Pedale machen einen durchweg hochwertigen Eindruck. Die präzise gefrästen Aluminiumgehäuse sind sauber entgratet, farblich eloxiert und sorgen für einen modernen Look. Positiv sei die Verschraubung mit großen T8-Schrauben erwähnt – meine Hoffnung darauf, dass dies eines Tages der Branchenstandard werden möge, ist also doch noch nicht begraben.
Alle Potis drehen mit angenehmem Widerstand und die Klinkenbuchsen packen kräftig zu. Heraus sticht vor allem das Overtuber Overdrive: Da wäre zum einen das deutlich größere Gehäuse, zum anderen die innen liegende ECC83-Vorstufenröhre, die das Gerät vom Rest der Serie unterscheidet.
Für den Betrieb dieses Pedals sind dann auch satte 500mA notwendig, bei allen anderen Pedalen reichen 150mA. Alle Pedale (bis auf den Bus-Driver-Kompressor und das Noise Gate) bieten die Möglichkeit, mittels eines kleinen Schiebeschalters festzulegen, ob das Gerät bei Verbindung mit der Stromquelle im aktiven oder inaktiven Modus startet. Die Fertigung der Citadel-Pedale erfolgt in China und lässt weder optisch noch handwerklich Grund, etwas zu bemängeln.
OVERTUBER
(Bild: Dieter Stork)
Beginnen wir doch gleich mit dem großen Flaggschiff: Das Overtuber Overdrive ist – wie könnte es auch anders sein – von dem ikonischsten aller Röhrenpedale inspiriert: dem legendären BK Butler Overdrive. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich hier um eine reine Neuauflage dieses Klassikers handelt – das würde ja auch keineswegs zu dem vom Hersteller ausgerufenen Konzept passen.
Neben den obligatorischen Level- und Tone-Potis bestimmt ein mit der Bezeichnung „Body” versehener Regler, wie viel Bassgehalt das Signal hinter der Zerrstufe haben soll. Die Drive-Sektion ist neben dem normalen Gain-Regler mit einem weiteren Poti namens „Girth” ausgestattet. Dahinter verbirgt sich eines der zentralen Features des Overtubers: Hier wird die Sättigung der tiefen Frequenzen bestimmt, was einen ganz erheblichen Einfluss auf den Klangcharakter des Geräts hat.
Für den Praxistest schalte ich den Overtuber vor einen neutral klingenden und vollkommen clean eingestellten Verstärker und lasse alle Regler in der Zwölf-Uhr-Position. Zu hören ist ein ausgesprochen warmer und sehr dynamischer Sound, der in erheblichem Maß auf die Anschlagsintensität meiner rechten Hand reagiert. Erster Eindruck: bemerkenswert!
Die Obertöne des Geräts haben einen süßlich-schweren Charakter, der mich immer wieder dazu treibt, irgendwo jenseits des zwölften Bundes gedankenverloren auf dem Halstonabnehmer herumzududeln. Durch das interaktive Zusammenwirken der Gain-, Girth- und Body-Regler bekommt das Pedal eine ungeahnte Vielseitigkeit.
Während sich das Signal mit dem Body-Poti gewaltig aufblasen lässt, sorgt „Girth” vor allem dafür, den borstigen „Wollfaktor” im Sound bis in fuzzige Gefilde hochzuschrauben – quasi vom dickhäutigen Elefanten bis zum Mammut. Hier spielt vor allem die Wahl der Gitarre eine nicht unerhebliche Rolle: Während mir Humbucker schnell etwas zu träge im Ansprechverhalten werden, steht der etwas fuzzige Zerrcharakter bei hochgedrehtem „Girth”-Poti Singlecoils durchaus gut.
Wem die nicht unerheblichen Gain-Reserven des Overtuber noch nicht ausreichen, kann mit dem schaltbaren Boost noch einen Nachbrenner zünden. Hier nimmt die Verzerrung abermals deutlich zu, was in einem maximal gesättigten Overdrive-Sound endet, dem seine weiche, durchaus gutmütig klingende Natur aber auch bei maximaler Zerre nicht abhandenkommt.
Wer also ein ausgesprochen dynamisch agierendes und klanglich vielseitiges Overdrive sucht, muss kein Eric-Johnson-Fan sein, um hier mal ein Ohr zu riskieren.
PARTICLE DRIVE & DYNAZERO GATE
(Bild: Dieter Stork)
Wem der Overtuber dann doch etwas zu weich und gutmütig klingt, der kann mit dem Particle Drive mindestens drei Gänge nach oben schalten. Neben den drei Reglern für „Level”, „Drive” und „Tone” gibt es neben einem „Character”-Minischalter noch ein regelbares Noise Gate.
Auch dieses Pedal schalte ich zunächst vor einen völlig cleanen Amp und merke sofort, dass hier im Vergleich zum Overtuber ein ganz anderer Wind weht. Das weiche, schmatzende Attack des Röhrenpedals weicht einer klaren Kante mit bissigen Mitten und angriffslustigen, explosiven Obertönen. Die Gain-Reserven bilden einen fließenden Übergang von sattem Overdrive hin zu gesättigten Distortion-Sounds.
Als zentrales Feature erweist sich der Character-Switch: Hier sind drei unterschiedliche Voicings abrufbar, die den Klangcharakter des Particle Drives maßgeblich beeinflussen. Im „Classic”-Mode bekommt man breitschulterige Mitten, die mich automatisch in 80er-Jahre-AOR-Riffs verfallen lassen. Der junge George Lynch hätte hier seine helle Freude gehabt.
Im „Balanced”-Modus werden die Mitten ein klein wenig zurückgenommen, sodass mehr Platz für das Attack des Plektrums entsteht und der Sound in den Höhen ein wenig offener wird. Im „Modern”-Mode verstärkt sich dieser Effekt noch einmal deutlich; hier wird der Sound bedeutend gescoopter in den Mitten, was wiederum Platz für mehr Biss im Presence-Bereich schafft.
Im Zusammenspiel mit dem Tone-Poti ergibt sich ein breites Spektrum an High-Gain-Voicings, die das Particle Drive erstaunlich vielseitig machen. Vor einem leicht crunchig eingestellten Verstärker hat mir das Particle Drive sogar noch ein wenig besser gefallen, weil der Sound insgesamt noch etwas organischer wird – die Unterschiede des Charakter-Schalters werden in diesem Szenario allerdings ein wenig dezenter.
Ebenfalls bemerkenswert gut verhält sich das eingebaute Noise Gate: Natürlich ist bei hochverzerrten Sounds ein gewisses Aufkommen an Rauschen kaum zu vermeiden. Dreht man nun das Threshold-Poti langsam auf, sinkt der Nebengeräuschpegel, bis ab einem bestimmten Punkt Ruhe im Karton herrscht. Absolut bemerkenswert finde ich, dass das Gate sich ansonsten unauffällig verhält und dem Gitarrensignal nicht in die Quere kommt.
(Bild: Dieter Stork)
Wem das Gate so gut gefällt, dass er es gerne mit anderen Pedalen kombinieren möchte, kann auch einfach zum Citadel Dynazero Gate greifen. Hier bekommt man ein Noise Gate, das in erster Linie unheimlich benutzerfreundlich ist. Ausgelegt für die Vier-Kabel-Methode wird das Signal der Gitarre als Trigger für das Gate genutzt, die eigentliche Bearbeitung erfolgt aber im FX-Loop des Verstärkers.
In der Praxis funktioniert das mit einem alten Peavey 5150 ganz hervorragend. Mit dem Threshold-Regler kann ich das Grundrauschen des Verstärkers erfolgreich eliminieren, habe aber ein ausgesprochen schnell und dynamisch ansprechendes Gate, das keinerlei Einfluss auf den Sound nimmt. Erst bei sehr hohen Threshold-Einstellungen – beispielsweise für extreme Gate-Sounds (man denke hier an alte Fear-Factory-Alben) – ist ein leichter Verlust in den Höhen hörbar.
Der kleine Soft/Hard-Schalter entscheidet über die Arbeitsweise des Gates und trägt dadurch ebenfalls zur Anpassung an den jeweiligen Einsatzbereich bei. Aber auch ohne FX-Loop des Verstärkers arbeitet das Dynazero Gate hervorragend. Meinen wie einen Wasserfall rauschenden Arion-Metalmaster-Verzerrer habe ich einfach in den Einschleifweg des Citadel Gates geschaltet und siehe da: himmlische Ruhe und ein perfekt ansprechendes Noise Gate trotz brutal verzerrter Death-Metal-Kettensäge. So mögen wir das!
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