Verdammt Wahnsinnig

Captain Sensible von The Damned im Interview

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(Bild: Sacha Lecca)

Fast auf den Tag genau 50 Jahre, nachdem der britische Gitarrist/Sänger Captain Sensible aka Raymond Ian Burns bei der Punkband The Damned einstieg, hat er jetzt mit drei Originalmitgliedern der Gruppe und einem langjährigen Weggefährten ein neues Damned-Album veröffentlicht. Name der Scheibe: ‚Not Like Everybody Else‘.

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Weltweit berühmt wurde der 72-Jährige in den frühen Achtzigern als Solokünstler, der mit der Prä-Rap-Single ‚Wot‘ und deren prägnanten Strophenzeile „He said captain, I said wot, he said captain, I said wot d‘ya want“ einen veritablen Disco-Ohrwurm landete.

Von den Dance-Tracks ist Raymond Burns schon lange wieder abgerückt, seit Jahren frönt er mit seiner alten Band einen urwüchsigen, speziell in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern verhafteten Roots-Punk-Rock mit leichtem Psychedelic-Einfluss. Exklusiv für Gitarre & Bass blickt er auf ein bewegtes Leben zurück.

Raymond, was für ein Typ warst du 1976, als du mit gerade 22 Jahren zu The Damned kamst?

Ich sage immer, dass ich mich bis 1967 kaum für Musik interessiert habe. Dann entdeckte ich die Bands der Psychedelic-Ära, mit Pink Floyd, The Chocolate Watchband oder The Electric Prunes. Von diesem Moment an war das Einzige, was ich machen wollte, eine Art Psychedelic-Garage-Rock. Seltsam, dass ich dann bei The Damned gelandet bin.

Zumal du eigentlich mit Keyboards angefangen hast, nicht wahr?

Mein erstes Instrument war eine Bontempi-Orgel, bei der man mit einem Finger der linken Hand die Akkorde spielte und mit der rechten Hand die Melodie. Ich habe das Teil total geliebt, aber natürlich war es keine echte Orgel. Also habe ich versucht, richtig Keyboards zu lernen, bin aber kläglich gescheitert. Deshalb fing ich nach etwa einem Jahr an, meine Eltern damit zu nerven, mir doch bitte eine Akustikgitarre zu kaufen.

Ich fand Gitarrespielen viel einfacher, man lernt eine Tonleiter und verschiebt sie einfach auf dem Hals hoch und runter. Eine einzige Skala deckt also alles ab. Dies herauszufinden war für mich ein magischer Moment, den man nicht unterschätzen darf. Ich habe erst kürzlich meine Enkelin zu überzeugen versucht, Gitarre zu lernen. Ich habe ihr gesagt, dass jeder einzelne Taylor-Swift-Song, der je geschrieben wurde, auf einer Gitarre zu finden ist, man muss ihn nur heraussuchen.

Das galt auch für mich in meinen jungen Jahren: Alle Songs, die ich seinerzeit liebte, von den Kinks, The Move, The Small Faces, Donovan, konnte man auf dieser einen verdammten Gitarre spielen. Ich musste nur die richtigen Akkorde finden.

The Damned waren eine Punkrock-Band, und Punkrock stand damals für Minimalismus und politische Radikalität. Passte dies überhaupt zu dir?

Punk ist ein nur schwer zu definierendes Wort. Es bedeutet all das, was du gesagt hast, und noch vieles mehr, es war eine Art Revolution. Vor Punkrock war alles irgendwie konservativ mit einem kleinen „k“. In der Comedy wurden einfach blöde Witze erzählt, und das Fernsehprogramm war nur für Schwiegermütter geeignet.

Mit Punkrock wurde plötzlich alles edgy und auch ein bisschen gefährlicher. Punkrock hatte also viele verschiedene Konzepte unter einem Dach. Ich hatte bis dato Jimi-Hendrix-Licks kopiert und liebte Peter Green, ich mochte Carlos Santana, Tony McPhee von den Groundhogs und Michael Rother von Neu!, all diese psychedelischen Typen. Dann traf ich Brian James, der gerade Musiker für seine neue Band rekrutierte und eine kulturelle Revolution lostreten wollte.

Er sagte mir, er wolle der britischen Musik gehörig in den Arsch treten, es würde sehr aufregend und aggressiv werden. Er wollte unbedingt, dass ich mitmache, denn aus seiner Sicht konnte ich schon ein bisschen spielen und hatte auch die richtige Einstellung. Denn in den Siebzigern war ich zu 50 Prozent Musiker und zu 50 Prozent Fußball-Hooligan. Ich bin Crystal-Palace-Fan und habe mich oft geprügelt.

Ich bin nicht stolz darauf, aber als Punkrock aufkam, passte ich da irgendwie rein. Ich war Gitarrist, doch Brian suchte einen Bassisten. Die Art, in der er Gitarre spielte, hatte ich so noch nie gehört, diese durch Adrenalin getriebene Virtuosität, wie Chuck Berry auf Speed. Also habe ich mir einen Bass besorgt und gesagt: „Bitte nimm mich mit auf die Reise!“

Später bist du zur Gitarre zurückgekehrt, von Beginn an zu einer Gibson SG, nicht wahr?

Ich besaß eine großartige Telecaster, die aber nicht den richtigen Sound für The Damned hatte. Brian hingegen konnte seine SG Standard richtiggehend singen lassen, perfekt für The Damned. Also habe ich mir auch eine SG besorgt, und dazu einen Hiwatt-Amp. Wir waren Punkrocker, zu unseren Freunden zählten unter anderem die Sex Pistols, die berüchtigt waren für den Diebstahl von Instrumenten berühmter Bands.

Steve Jones hatte seine Les Paul von irgendjemanden schlichtweg gestohlen. Wir dagegen haben uns die Instrumente – na, sagen wir mal – ausgeliehen, weil Diebstahl ja eigentlich nicht sehr nett ist, vor allem nicht unter Musikerkollegen. Mir wurden später auch Gitarren gestohlen, und das tat sehr weh. Meinen Lieblingsverstärker, einen Mesa/Boogie-Mark-II-Combo mit einer hellen Frontbespannung, den ich 1979 auf ‚Machine Gun Etiquette‘ gespielt habe, hatte ich mir von Mick Ronson von Mott The Hoople „ausgeliehen“.

Nachdem wir das Album aufgenommen hatten, fand Mick es heraus, denn natürlich gab es nicht viele Punkbands, die einen solchen Mesa/Boogie besaßen. Als man ihm erzählte, wo sich sein Amp jetzt befindet, schickte er eines Tages ein paar unfreundliche Roadies los, um – leider unmittelbar vor einer The-Damned-Show – den Amp zurückzuholen. Okay, fair enough! Also habe ich mir einen eigenen Mesa/Boogie gekauft, der aber nicht so gut klang wie der von Mick.

Bist du Mesa/Boogie bis heute treu geblieben? SGs spielst du ja noch immer!

Ich habe mich aus offensichtlichen Gründen immer für alte Röhren-Amps interessiert, weil ich ihren Klang mag. Ich habe vieles ausprobiert, da wir oft junge Leute in der Crew haben und zu hören bekommen: „Ihr solltet mal einen Tempo-Amp testen, oder einen Victory“, du weißt schon, bla, bla, bla. Deshalb habe ich so ziemlich jeden Verstärker ausprobiert und mir sogar mal einen Kemper gekauft, den ich allerdings gehasst habe.

Ich kann mich mit diesen digitalen Sounds einfach nicht anfreunden. Daher habe ich mir vor etwa 15 Jahren einen Mesa/Boogie Triaxis zugelegt. Davor hatte ich ein paar Racks und einige richtig gute Endstufen, ein paar Mesas und einige Marshalls. Der Triaxis hat zwar noch die alte Technologie, aber die Dinger gehen nie kaputt. Ich besitze vier von ihnen, zwei in Europa, zwei in den USA.

Und ich benutze einen Marshall EL84 2020. Er ist nicht sonderlich laut, hat nur 20 Watt, aber wir benutzen auf der Bühne sowieso In-Ear-Monitoring, um die Lautstärke niedrig zu halten und unsere Karriere zu verlängern, denn wir alle haben nach 50 Jahren on the road mittlerweile ein stark geschädigtes Gehör.

Benutzt du Effektpedale?

Kaum. Manchmal sehe ich Punkbands mit großen Pedalboards. Ich denke dann jedes Mal: Was soll das bringen, wenn man es auch auf die Angus-Young-Art machen kann? Also mit nur einer Gitarre und einem Verstärker. Allerdings haben wir ein paar 80er Gothic-Songs im Set, und für die brauche ich Echo, daher habe ich in der Signalschleife eine Echoeinheit, und manchmal auch ein Wah-Wah, mehr nicht.

Kommen wir auf das neue The-Damned-Album ‚Not Like Everybody Else‘ zu sprechen, auf dem man neben einigen neuen Songs auch ein paar Cover-Nummern findet, unter anderem von Eric Burdon, den Rolling Stones oder Pink Floyd. Welche Bedeutung haben diese Stücke für dich?

(Bild: Soledad Amarilla)

Wir waren 2025 auf einer sechswöchigen Tournee durch die USA, was für uns eine lange Zeit ist. Während der Tour bekamen wir die schreckliche Nachricht, dass Brian James verstorben ist. Ohne Brian würde diese Band nicht existieren, außerdem war er ein absolut netter Kerl. Deshalb wollten wir etwas für ihn tun, quasi als Hommage.

Also haben wir ein paar der Lieder aufgenommen, die er früher oft in der Garderobe gehört hat, eine kleine Sammlung von Brians Lieblingsstücken. Auch seine Witwe hat uns von Songs erzählt, die er besonders liebte und die er sich als Kind gekauft hatte. Weißt du, die ersten Singles, die man sich von seinem Taschengeld kauft, von denen man sich nur alle paar Wochen eine neue leisten konnte und für die man eisern gespart hatte, sind immer etwas ganz Besonderes.

Von einigen Stücken waren wir überrascht, denn für mich war Brian der ultimative Riffmaster, mit einem harten, sehr aggressiven Gitarrenstil. Deshalb war ‚See Emily Play‘ von Pink Floyd eine totale Überraschung.

Inwieweit ist ‚Not Like Everybody Else‘ noch mit eurem 1976er Debüt ‚Damned Damned Damned‘ vergleichbar?

Beide Scheiben wurden exakt gleich aufgenommen, sprich: alle Musiker gemeinsam und mit Kopfhörern in einem Studioraum. Wir haben die Songs einfach immer wieder gespielt, bis die beste Version im Kasten war. Es gibt lediglich ein paar wenige Overdubs, beschränkt auf Handclaps, Background-Vocals und einige kurze Gitarrensoli. Es ist also fast alles live.

Die Scheibe wurde in nur fünf Tagen eingespielt, bei unserem Debütalbum waren es damals sogar nur zwei. Seinerzeit kannten wir die Songs in- und auswendig, das war diesmal anders, da wir die alten Sechziger-Cover-Nummern lernen mussten. Es war also ziemlich intensiv, wir haben viel gelacht, es hat riesigen Spaß gemacht, und ich denke, das hört man.

Studioarbeit ist für mich kein Job, ist ein verdammtes Vergnügen! Der größte Unterschied zwischen 1976 und 2026 ist, dass ich in der Zwischenzeit unendlich viel über Studioarbeit gelernt habe. Ich weiß, was funktioniert und was nicht, weil ich immer schon gerne experimentiert habe. Damals machten wir alle möglichen verrückten Dinge.

Wir haben den Tontechniker angewiesen, das Masterband mit den Gitarrenaufnahmen rückwärts abzuspielen, Dinge, die auch meine Helden Jimmy Page, Jimi Hendrix und all diese Leute gemacht haben. Ich wollte alles ausprobieren und ein paar neue Tricks erfinden. Wir haben zum Beispiel den Klavierflügel geöffnet und mit Trommelstöcken auf die Saiten geschlagen.

Wir haben die Mikrofone aus dem Studio geschleppt, um ein Gewitter aufzunehmen. Heutzutage kann man in seinem Schlafzimmer mit einem Laptop, mit Logic oder Pro Tools und leistungsstarken Plug-ins alles allein machen. Man kann ein komplettes Album in seinem Schlafzimmer aufnehmen und dann mit Autotune alles glattbügeln.

Schrecklich! Wenn ich mit meiner Frau in den Supermarkt gehe und diese grässliche Popmusik höre, mit Autotune und so, werde ich wahnsinnig. Dann sage ich zu meiner Frau: „Geh du alleine einkaufen, ich warte draußen, ich halte das nicht aus!“ Du weißt schon, Taylor Swift oder wer auch immer es dann gerade ist. Es macht mich verrückt!

Deshalb würde ich jedem jungen Musiker empfehlen: Kauf dir ein paar klassische Alben aus den Siebzigern und vielleicht auch einige aus den Sechzigern und hör sie dir an! Sie klingen vielleicht nicht so perfekt und weniger geschmeidig, aber sie haben einen wunderschönen, ehrlichen Sound.

Ich meine so etwas wie die Neu!-Alben, wie ‚Rumours‘ von Fleetwood Mac. Die Songs sind tadellos aufgenommen und großartig arrangiert. Mitunter erkläre ich im Studio dem Toningenieur: „Lass uns hier einfach einen Lindsey-Buckingham-Sound nehmen!“ Ich liebe die Schlichtheit seines Spiels, ich mag auch The Byrds, aber ich fürchte, diese Zeit ist vorbei und wird nicht wiederkommen.

Zum Schluss noch: Womit hast du dir eigentlich den Spitznamen Captain Sensible eingehandelt? Warst du früher bei euch tatsächlich der Vernünftigste?

(lacht) Überhaupt nicht! Als ich 1976 zu meiner ersten professionellen Band kam, konnte ich kaum glauben, wie viel kostenloser Alkohol in der Garderobe herumstand. Ich dachte: Wow, wie im Paradies! Was für ein Job! Natürlich wollte ich kein einziges Bier zurücklassen, aber es waren zu viele Flaschen, um sie alle abzutransportieren, also habe ich so viele wie möglich ausgetrunken.

Ich hatte den Ruf, völlig auszuflippen, wenn ich betrunken bin. Jemand von einer anderen Band, ich glaube es war Larry Wallis von den Pink Fairies, sagte zu Brian: „Da hast du dir aber einen verdammten Captain Sensible eingefangen!“ Natürlich war es als Beleidigung gemeint, aber der Name blieb hängen und so bin ich bis ins hohe Alter Captain Sensible geblieben.

Dabei war ich damals überhaupt nicht vernünftig, sondern – ganz im Gegenteil – ein verdammter Wahnsinniger!

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2026)

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