Allman Brothers

Die Allman Brothers Band ist die erste und gleichzeitig auch eine der wichtigsten Bands des Southern Rock. Um die Relevanz der ABB aufzuzeigen, werfen wir einen Blick zurück in die späten 1960er Jahre…

In den späten 60er Jahren entstanden viele Bands, die althergebrachte musikalische und stilistische Grenzen sprengten. Die Auswirkungen dieses kollektiven Aufbruchs sind noch heute zu spüren. Zu Beginn der Dekade der Swinging Sixties dominierten Beat-Combos die Charts, bei denen der Gesang im Single-kompatiblen Songwriting die unangefochtene Hauptrolle spielte. Instrumental gespielte Hits wie ‚Apache‘ von den Shadows waren eine schon fast exotisch anmutende Ausnahme.

In der zweiten Hälfte der Dekade erfuhr die instrumentale Komponente in der Pop-Musik eine enorme Aufwertung. Angeregt durch ihren Produzenten George Martin, einen mit allen Wassern gewaschenen Komponisten und Arrangeur, integrierten die Beatles zunehmend orchestrale Beiträge in ihre Songs. Mit der Veränderung der Instrumentierung, am deutlichsten hörbar beim epochalen 1967 erschienenen Album ‚Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band‘ wurden die Lennon/McCartney-Songs auch formal und harmonisch zunehmend komplexer. Und in Live-Konzerten von Bands wie Cream rückten ellenlange Soli den Fokus immer mehr auf die Instrumentalisten.

Was im Rhythm & Blues und Jazz schon lange selbstverständlich war, wurde zunehmend auch in der Rock-Musik zum Standard. Und das von den Shadows mit begründete Genre des Instrumental-Hits erlebte einen enormen Popularitätsschub. ‚Samba Pa Ti’ vom 1970 erschienenen Album ‚Abraxas’ war der erste einer ganzen Reihe von rein instrumentalen Smash-Hits des Gitarristen Carlos Santana.

Die Zeit war also reif, als 1969 die Brüder Duane (g) und Gregg Allman (voc/org) die Allman Brothers Band gründeten. Die beiden waren zunächst Fans der Beatles und Rolling Stones, später dann von der Musik von Eric Clapton und Cream mehr als angetan. Und sie standen auf Soul und Rhythm & Blues.

Les-Paul-Fan Duane Allman war als Session-Gitarrist ziemlich aktiv, ein ausgewiesener Slide-Gitarrist, dessen Qualitäten bis heute eigentlich unerreicht sind. Vor allem hatte Duane ein unglaubliches Gespür für Ton und Dramatik in seinem Spiel. So war er als Studiomusiker gefragt und auf Produktionen von Künstlern wie Wilson Pickett, Aretha Franklin, John Hammond, und King Curtis zu hören. Der Ex-Otis-Redding-Manager Phil Walden beschwor ihn, mit der Studio-Arbeit aufzuhören und seine eigene Band zu gründen.

Gregg traf sich mit dem Gitarristen Forrest Richard Betts (genannt Dickey), dem Bassisten Barry Oakley und den beiden Schlagzeugern Claude Hudson (aka Butch) Trucks und Jaimoe Johanson, und am Ende einer Mammut-Jam-Session stand seine Combo. Für die noch vakante Stelle des Sängers ließ sich Gregg Allman nicht lange bitten. Und Walden war von dem Potenzial der Allman Brothers Band so begeistert, dass er sie für sein neu gegründetes Label Capricorn unter Vertrag nahm.

Bevor die Band ins Studio ging, absolvierte sie ein Menge Gigs in Florida und Georgia. Auf dem Debüt-Album ‚The Allman Brothers Band‘ (Polydor 1969) ist solider Blues-Rock zu hören, und ein Band-Sound, der hauptsächlich beim Spielen auf der Bühne entstand.

Das zweite Album der Allman Brothers ‚Idlewild South‘ (Polydor 1970) wurde von Tom Dowd produziert. Der war damals schon eine Legende, er hatte für Atlantic die Stereo-Aufnahme-Technik entwickelt, und ihm verdankt die Nachwelt den räumlichen Sound des John-Coltrane-Albums ‚Giant Steps‘ (1959).

Auf ‚Idlewild South‘ ist auch die erste Version von ‚In Memory Of Elizabeth Reed‘ zu hören. Im März 1971 spielte die Allman Brothers Band – auch ABB abgekürzt – einige Shows im legendären Fillmore East, der Konzerthalle des Impresarios Bill Graham, damals das Mekka für progressiven Rock und Jazz. 1971 traten dort u. a. Black Sabbath, Santana, Tower Of Power, Elton John, Emerson, Lake & Palmer, Grateful Dead, Ten Years After und der Jazz-Saxophonist Roland Kirk auf.

Bill Graham, geboren 1931 in Berlin als Wolfgang Grajonka, betrieb zudem das Winterland und das Fillmore West in San Francisco. In seinen Clubs entstanden zahllose Live-Alben, die Rock-Geschichte schrieben. Da war klar, dass Tom Dowd als Produzent und riesiger Fan der Allman Brothers Band die Gelegenheit beim Schopf packte und alle Shows aufnahm.

Für das Doppel-Album ‚At Fillmore East‘ (Polydor 1971) montierte er teilweise die besten Momente aus verschiedenen Gigs, was dem künstlerischen Resultat nicht schadete. Die Kritiken waren überwältigend und die Allman Brothers Band hatte endgültig den Durchbruch geschafft. Am 14. Oktober 1971 erreichte das Album Goldstatus.

Aber nur 14 Tage später starb Gitarrist Duane Allman an den Folgen eines Motorradunfalls. Die Allman Brothers Band war zu diesem Zeitpunkt mitten in den Aufnahmen ihres neuen Doppelalbums ‚Eat A Peach’ (Polydor 1972). Dickey Betts spielte die noch fehlenden Gitarren-Parts ein. ‚Eat A Peach’ ist das klingende Vermächtnis des viel zu früh verstorbenen Duane Allman, der nicht mehr erleben durfte, dass zum ersten Mal eine ABB-Langrille in die Top 10 vorstieß.

Am 11. November 1972 schlug das Schicksal erneut zu, als Bassist Barry Oakley nur wenige Blocks entfernt von der Stelle, an der Duane Allman starb, ebenfalls einen tödlichen Motorradunfall erlitt.

Das nächste Allman Brothers Album ‚Brothers And Sisters‘ (Polydor 1973), eingespielt mit dem Pianisten Chuck Leavell, und auf einigen Tracks mit dem neuen Bassisten Lamar Williams, erreichte nicht die künstlerische Qualität der ersten drei LPs, war aber dafür ein enormer kommerzieller Erfolg. Dickey Betts trat als nunmehr einziger Gitarrist der Band, und als Komponist und Sänger immer mehr in den Vordergrund, und der musikalische Schwerpunkt verschob sich vom Blues zum Country-Rock. Im Kielwasser des Erfolgs der ABB begannen die Karrieren von Southern-Rock-Bands wie Lynyrd Skynyrd oder Blackfoot.

1974 begann das Fundament der Allman Brothers Band zu bröckeln, als Dickey Betts und Gregg Allman Solo-Projekten nachgingen. Gregg heiratete die Sängerin und Schauspielerin Cher gleich zweimal, und entfernte sich auch mental von der Band. 1976 brach die ABB auseinander.

1978 gab es eine Reunion in neuer Besetzung – endlich wieder mit zwei Gitarristen. Aber erst 1989 gelang der Allman Brothers Band ein künstlerisch bedeutendes Comeback. Wieder unter der Regie von Tom Dowd, und verstärkt durch den großartigen Gitarristen Warren Haynes und den Bassisten Allen Woody, entstand mit ‚Seven Turns‘ (Epic 1990) ein Album, das an die Glanzzeit der frühen 70er Jahre anknüpfen konnte.

Seither ist die Allman Brothers Band quicklebendig und vor allem als Live-Act äußerst aktiv. Absolutes Highlight der jüngeren Veröffentlichungen ist das phantastische Live-Album ‚One Way Out‘ (Sanctuary 2004) mit einem Gregg Allman in der besten Form seines Lebens und Warren Haynes und Derek Trucks an den Twin-Lead-Guitars. Und Derek hat ohne Frage das Potenzial, in die Fußstapfen seines legendären Vorgängers in dieser Band, Duane Allman, zu treten.

Autor: Wolfgang Kehle

Anzeige