(Bild: Jon R. Luini)
Bei diesen Namen schnalzt jeder Musikgeschichtskundige genüsslich mit der Zunge: Hinter dem eher unprätentiösen Bandnamen Beat verbergen sich die Weltstars Steve Vai, Tony Levin, Adrian Belew und Danny Carey. Ums kurz zu machen: Belew hat diese um die drei King-Crimson-Alben der Achtziger, namentlich ‚Discipline’ (1981), ‚Beat’ (1982) und ‚Three Of A Perfect Pair’ (1984) auf die Bühne zu bringen. Wie das klingt, konnten Fans in Amerika bereits mit eigenen Augen und Ohren begutachten.
In diesem Sommer kommt die Allstar-Band nun auch nach Deutschland (siehe Tourdaten). Wer nicht bis dahin warten möchte, kann mit ‚Neon Heat Disease – Live In Los Angeles’ bereits jetzt eine Doppel-CD inklusive Blu-Ray von einer Show im The United Theater On Broadway vom November 2024 erwerben. Wir haben mit Basslegende Tony Levin (u.a. John Lennon, Peter Gabriel, Jeff Beck, Pink Floyd) über das ungewöhnliche Abenteuer dieser spektakulären Gruppe gesprochen. Aber Vorsicht: Beat spielen keinen Mainstream, kein Easy-Listening, sondern einen hochkomplex-experimentellen Progressive-Rock mit Anleihen im Jazz, im Metal, bei Ethno und Funk! Typisch King Crimson also!
Tony, welcher Typ Musiker warst du Anfang der Achtziger, als du erstmals zu King Crimson kamst? Und was für eine Band waren King Crimson zu diesem Zeitpunkt?
Das ist lange her, also müssen wir jetzt mal kurz mein Gedächtnis testen: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits auf vielen verschiedenen Platten mitgewirkt, Rock-Alben, Pop-Scheiben, ich hatte sogar Klassik gespielt. Außerdem kannte ich seit 1976 Robert Fripp, den Gründer von King Crimson, mit dem ich auf Peter Gabriels erstem Soloalbum und auch auf der anschließenden Tournee gearbeitet hatte.
Robert bat mich, auf seiner Scheibe ‚Exposure’ zu spielen, das zwar kein King-Crimson-Album, aber dennoch der Musik von King Crimson sehr ähnlich war. Wenig später bat mich Robert um ein Treffen in New York, um mit einer neuen Band zu jammen und zu schauen, was passiert. Erst später fand ich heraus, dass es sich um eine reguläre Audition handelte, dass also verschiedene Bassisten getestet wurden. Doch das verriet er mir seinerzeit nicht.
Wie hast du dich auf diese erste Session vorbereitet, mit welchen Instrumenten bist du dorthin gefahren?
Ich hatte einen Bass und meinen Chapman Stick dabei. Bei der Session traf ich zum allerersten Mal Adrian Belew und Bill Bruford. Wir fingen an, Songs zu spielen, die Robert, Adrian und Bill in den Wochen zuvor komponiert hatten. Ich merkte sofort, dass sich diese Konstellation von jeder anderen unterschied, mit der ich jemals zuvor gearbeitet hatte.
Aber es gefiel mir, zumal ich gut zurechtkam und mich schnell in ihre Songs und in diesen Groove-Mix aus R&B und Heavy Rock einfinden konnte. Jeder Anwesende im Raum spielte sein Instrument völlig anders als jeder andere Musiker auf der Welt. Ich schaute auf meine beiden mitgebrachten Instrumente und entschied mich für den Chapman Stick, weil er genau das lieferte, was diese Musik und vor allem das Zusammenspiel mit Bill Bruford brauchten.
Dann holten sie ein Stück namens ‚Larks’ Tongues in Aspic Part II’ von King Crimson heraus, das ich bis dato noch nicht kannte, und baten mich dazu zu improvisieren. Ich hatte das Arrangement schnell verstanden und performte offensichtlich gut genug. So kam diese Band dann tatsächlich zustande, die zunächst Discipline heißen sollte, später aber unter King Crimson lief.
Wie stark unterscheiden sich die drei King-Crimson-Alben der Achtziger?
Wir haben jeweils versucht, neues Terrain zu betreten und unterschiedliche Dinge auszuprobieren. Wir waren vier sehr kreative Musiker, die ihre gesamte Musik ständig hinterfragten und bei denen jeder versuchte, mit den jeweils drei anderen mitzuhalten. Wir hatten keine Ambitionen, möglichst viele Platten zu verkaufen oder unserem Publikum gerecht zu werden.
Wir genossen es einfach, gemeinsam Songs zu schreiben und möglichst oft auf Tournee zu sein. Denn erst dadurch entwickelte sich die Musik weiter. Vor allem meine Bassparts profitierten sehr von den Live-Auftritten. Nichts blieb gleich, wir reproduzierten die Platten nicht einfach, sondern entwickelten das Material permanent weiter.
(Bild: Jon R. Luini)
Warum endete 1985 diese Episode bereits nach dem dritten Album?
Es war Robert Fripps Entscheidung. Zehn Jahre später löste er King Crimson bereits nach nur einem Album wieder auf, insofern war es bemerkenswert und sehr besonders, dass wir immerhin drei Scheiben aufgenommen haben. Ehrlich gesagt habe ich nie erfahren, was er dazu sagt. Nach den wahren Gründen müsstest du ihn selbst fragen.
Warst du enttäuscht?
Wenn man sein Leben lang freiberuflicher Musiker ist, gewöhnt man sich an Enttäuschungen ebenso wie an die wunderbaren Zufälle, bei denen man Glück hat und alles gut läuft. Ich war also nicht untröstlich, aber natürlich enttäuscht, vor allem darüber, wie ich es erfahren habe: Ich bin Opernfan und war in der Metropolitan Opera, wo ich eigentlich nicht berühmt genug bin, um erkannt zu werden.
Aber in der Pause kam ein Besucher auf mich zu und sagte: „Ich habe gehört, eure Band hat sich aufgelöst?” So habe ich das Ende von King Crimson also von einem fremden Typen in der Oper erfahren.
In gewisser Weise gibt es die Band jetzt ja wieder, zwar unter anderem Namen, aber mit dem Material der drei King-Crimson-Scheiben in den Achtzigern. Wie kam es überhaupt dazu?
Adrian Belew hatte bereits jahrelang darüber nachgedacht. Ich weiß das genau, weil ich mit ihm schon früh darüber gesprochen habe. Anfangs war ich für die Band noch nicht im Gespräch, Adrian überlegte nur, wie und mit wem er es machen sollte, und wie er es am besten organisiert. Dann kamen die Covid-Lockdown-Jahre und alles wurde schwierig, zumal ihm die Besetzung sehr wichtig war.
Wir wussten, dass es mit Steve Vai terminlich nicht einfach wird und auch Danny Carey ziemlich beschäftigt ist. Immerhin sollten Danny und Steve Songs lernen, die sie noch nie gespielt hatten. Für mich dagegen war es vertrautes Terrain, da ich die Musik schon einmal gespielt hatte und sie einfach zurück ins Gedächtnis rufen musste.
Die größte Herausforderung war herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn wir die Songs gemeinsam proben, welche Stücke überhaupt funktionieren und wie weit sie sich dann von den Originalen unterscheiden. Um ehrlich zu sein: Ich wusste, dass es funktionieren würde, aber ich habe nicht geahnt, dass es so gut wird. Ich war mit dem Spiel von Steve Vai und Danny Carey nicht so vertraut, und ich verrate gerne: Die beiden haben mich musikalisch in den Schwitzkasten genommen und mich hart arbeiten lassen.
Es war nicht einfach, aber ich fühle mich geehrt, dass sie mir zutrauten, mit ihrem hohen musikalischen Niveau und den stilistischen Veränderungen Schritt halten zu können. Es war allerdings herausfordernder, als ich erwartet hatte.
Wenn sich eine Band mit Weltklasse-Musikern trifft, um bekanntes Material zu spielen, kommen dann alle perfekt vorbereitet ans Set? Kennt jeder seine Rolle, so dass man einfach nur alles zusammenfügen muss?
Es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass alle gut vorbereitet sind. Ich habe auch schon mit sehr guten Musikern gespielt, die ihre Hausaufgaben nur unzureichend erledigt hatten, vielleicht, weil sie so talentiert sind, dass sie sich nicht gezielt vorbereiten mussten. Sie kamen einfach zur Probe und damit begann das Abenteuer. In unserem Fall aber waren alle bestens vorbereitet.
Für Steve Vai war es besonders schwer, weil er nicht exakt Robert Fripps Parts übernehmen sollte. Robert besitzt eine einzigartige Technik, die sich von Steves stark unterscheidet. Also suchte er einen Mittelweg zwischen seiner und Roberts Spielweise. Ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden Steve vor unseren gemeinsamen Proben damit verbracht hat, alles in die richtige Balance zu bringen.
Danny Carey dagegen wuchs als Fan von Bill Bruford auf und kannte sämtliche Details der Alben fast auswendig. Ich glaube nicht, dass er viel üben musste, er kam zur ersten Probe mit dem vollen Wissen um seine Rolle.
Inwieweit unterscheiden sich Beat spielerisch von der King-Crimson-Besetzung der Achtziger?
Ich verrate dir zunächst mal einen nicht ganz so fundamentalen Unterschied: Ich kann nicht mehr so hoch singen wie früher. Deshalb habe ich einige der Background-Vocals um eine Oktave tiefergelegt. Aber auch alles weitere ist völlig anders. Es ist zwar dasselbe Material, wird aber extrem unterschiedlich gespielt.
Steve Vai performt völlig anders als Robert Fripp, auch wenn er in seiner Grundidee Roberts Rolle einigermaßen treu bleibt. Vor allem seine Soli – und es gibt viele Gitarrensoli, sowohl von Adrian als auch von Steve – sind komplett verschieden. Danny Carey ist … nun, wie soll ich sagen? Bill Bruford ist ein ikonischer Schlagzeuger und guter Freund, er ist unfassbar kreativ und dafür bekannt, nie zweimal Dasselbe zu spielen.
Danny hat exakt die gleiche Mentalität, er überrascht uns jeden Abend, da er ständig etwas spielt, was er vorher noch nie gespielt hat, vermutlich sogar noch nie in seinem Leben. Danny ist musikalisch eine unberechenbare Kanone, aber auf eine sehr inspirierende Art. Ich liebe es, wenn jemand wie er in der Band ist, und reagiere darauf.
Denn das animiert mich, entweder stärker in seine Richtung zu tendieren oder es eben gerade nicht zu tun, um den Groove zusammenzuhalten, damit Danny noch wilder spielen kann. Es herrscht halt große musikalische Kreativität, wenn Musiker wie er involviert sind. Das macht jedes Konzert zu einem noch spannenderen Ereignis, anstatt auf die Bühne zu gehen und das Material immer auf die gleiche Weise zu spielen.
(Bild: Jon R. Luini)
Wie sieht dein aktuelles Equipment bei Beat aus?
Ich spiele jetzt wieder meinen gelben fünfsaitigen ‚Three Of A Perfect Pair’-Bass. In den Achtzigern habe ich angefangen, ihn in den Farben der jeweiligen Tour zu lackieren. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich ihn auch schon 1980 auf dem John-Lennon-Album eingesetzt habe. Ich weiß nur, dass der Bass vorher weiß mit einem schwarzen Sechseck war, analog zur Peter-Gabriel-Tour.
Nach der ‚Three Of A Perfect Pair’-Tour habe ich ihn dann nicht mehr verändert. Das gilt auch für meinen Chapman Stick, der fast immer dabei ist. Außerdem habe ich statt meiner 10-saitigen Gitarre wie in den Achtzigern jetzt ein 12-saitiges Modell dabei, das aber ganz ähnlich klingt.
Und hast du immer noch so viele Effekte wie damals?
Nein. Früher hatte ich mitunter 30 Pedale auf der Bühne, die leider unsagbare Nebengeräusche verursachten. Heutzutage benutzen viele Musiker, mich eingeschlossen, ein Multi-Effektpedal, in dem alle Sounds integriert sind. In meinem Fall ist es ein Neural DSP Quad Cortex. Dadurch klingt es vielleicht nicht mehr ganz so einzigartig und individuell wie früher, aber es ist deutlich einfacher zu handhaben.
Man drückt einfach einen Knopf und bekommt nahezu das gleiche Echo-Delay oder was auch immer wie 1980 von Vintage-Pedalen. Das Quad Cortex hilft mir auch beim Einsatz meines Chapman Sticks. Der Stick hat oben Bass- und unten Gitarrensaiten, über einen Stereo-Ausgang. Früher war ich deshalb auf gleich zwei Verstärker angewiesen, durch das Multi-Effektpedal kann ich es jetzt intern trennen lassen.
Letzte und wohl offensichtlichste Frage: Wird es von der aktuellen Besetzung irgendwann auch ein Studioalbum mit neuen Songs geben?
Diese Frage wird mir natürlich oft gestellt. Ich habe darauf keine befriedigende Antwort. Tatsache ist: Es gibt keinen Plan, es wird aktuell nicht darüber gesprochen. Es ist nicht so, dass wir es nicht gerne machen würden, aber ein solches Album als komplette Band zu produzieren kostet viel Zeit und Engagement. Und es ist schon schwer genug, ausreichend Zeit für eine gemeinsame Tour zu finden.
Würden wir im Sommer lieber auf Tournee gehen oder an einem Album arbeiten, das ein Jahr später erscheint? Ganz klar, wir wollen lieber auf Tour gehen! Aber ich sage nicht, dass es ein Album mit neuem Material nie geben wird.
(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)