Interview

Steve Lukather: Luke goes Jazz

Mit den CDs, auf denen Steve Lukather zu hören ist, lassen sich ganze Regale füllen. Der amerikanische Ausnahmemusiker, Gitarrist und Gründungsmitglied der Edel-Pop-Rocker Toto zählt zu den begehrtesten Studio-Cracks der Welt.

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(Bild: Matthias Mineur)

Steve Lukather: Die Liste an Künstlern, mit denen Lukather bereits zusammengespielt hat, umfasst Stars wie Eric Clapton, Jeff Beck, Paul McCartney, George Harrison, Eddie Van Halen, Michael Jackson, Elton John oder Quincy Jones. Dass Luke, wie ihn seine Freunde nennen, auch und vor allem ein brillanter Fusion-Gitarrist ist, wissen seine Fans seit vielen Jahren. Lukather kooperierte mit der Band Chicago, mit Joni Mitchell oder George Benson und zelebriert einen ganz eigenwilligen StilCocktail mit der Formation Los Lobotomys. In diesem Sommer allerdings tourte Lukather mit seiner Solo-Band durch Japan und Europa und präsentierte seinen Anhängern eine farbenfrohe Mischung aus Latin-Music, Rock und Jazz. Wir trafen ihn bei einem Konzert in der Hamburger Fabrik und befragten ihn gezielt zu seinen aktuellen Ambitionen. Und die liegen unüberhörbar – neben Toto, die soeben ihr 15. Studiowerk eingespielt haben – in einer Musikrichtung mit großem Improvisationsanteil.

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Steve, du siehst ausgesprochen zufrieden aus. Läuft die Tour gut?

Steve Lukather: Ja, sehr gut sogar. Es macht irrsinnigen Spaß, mit dieser tollen Band vor einem sehr speziellen Publikum zu spielen. Die Leute sind ausgesprochen dankbar, so dass wir jeden Abend eine große Party feiern können.

Ich habe vorhin eine Menge Fans gesehen, die Toto-Scheiben zum Signieren mitgebracht haben. Erwarten die Leute nicht eine völlig andere musikalische Direktive?

Steve Lukather: Nein, ich denke, sie wissen genau, was sie erwartet. Sie kennen meine Arbeit mit den Los Lobotomys, sie kennen meine SoloAlben und sie wissen, dass ich auf einer SoloTournee normalerweise kein Material von Toto spiele. Toto ist eine weiterhin aktive Band, es gibt also keinen Grund, außerhalb einer regulären Toto-Show Stücke der Band zu spielen. Es wäre etwas anderes, wenn die Gruppe sich aufgelöst hätte. Aber solange Toto existieren, gehören ihre Songs ausschließlich in den Toto-Zusammenhang.

Es kommen aus dem Publikum also keine Forderungen nach ,Rosanna‘, ,Hold The Line‘ oder ,Africa‘?

Steve Lukather: Nur ganz vereinzelt. Gestern in Holland hatten wir einen Witzbold im Publikum, der ständig Scherze machen wollte und nicht aufhörte, über Toto zu quatschen. Aber solche Menschen sind ja für mich ein gefundenes Fressen. Wenn es darum geht, dumme Sprüche zu machen – und ich meine damit humorvolle dumme Sprüche, also keine negativen Vibes – dann kann es kaum einer mit mir aufnehmen. Zumal: Ich stehe oben und habe das Mikrophon, er aber steht unten und kann in puncto Lautstärke nichts gegen mich ausrichten. Nein, ich nehme solche Dinge mit Humor und beantworte Zwischenrufe dementsprechend.

Macht dir eine solche Tour mehr Spaß als die gigantischen Shows mit Toto?

Steve Lukather: Das kann man so nicht sagen. Es sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Ich liebe beides. Ich mag diese perfekten Toto-Shows, diese pompösen Pop-Songs, die perfekten Arrangements, die großen Hallen. Ich mache dies seit vielen Jahren und wenn ich dazu keine Lust mehr hätte, wäre ich lange ausgestiegen. Aber Toto ist eben nun einmal nur ein Teil meines Lebens. Ich bin ein Typ, der nicht nur alle Jubeljahre ein Album aufnehmen und damit auf Tour gehen will. Ich bin heiß aufs Spielen, möchte jeden Tag irgendetwas Neues erleben. Und da machen solche Dinge wie die Shows mit Nuno oder jetzt mit dieser Band einfach riesigen Spaß.

Übrig geblieben von den Shows mit Nuno Bettencourt ist diese Band, mit der du jetzt auf Tour bist. Kannst du sie bitte einmal kurz vorstellen?

Steve Lukather: Ja klar, gerne. Am Schlagzeug haben wir Joey Heredia. Ein wahnsinnig talentierter Drummer, der scheinbar mehr Gliedmaßen zur Verfügung hat als jeder andere Schlagzeuger. Wenn man nicht hinschaut, denkt man immer, dass wir einen Schlagzeuger plus einen zusätzlichen Percussionisten verpflichtet haben. Am Keyboard haben wir ein musikalisches Genie: Steve Weingart. Mit ihm zu spielen ist eine Ehre und Freude gleichzeitig. Und der Bassist heißt Oskar Cartaya. Sein Name war mir schon lange ein Begriff. Ich hörte mehrmals von ihm, außerdem wurde er mir von Joey Heredia empfohlen. Ich sah Oskar das erste Mal bei einer Show in Paris. Ich war mit meinen Los Lobotomys dort, wir hingen in einem Hotel ab und wollten abends noch einmal auf die Piste. Dabei gerieten wir mehr oder minder in ein Konzert von Eddie Palmieri. Eigentlich wollte ich nur ein Bier an der Theke trinken, aber die Band war fabelhaft und der Bassist eine echte Sensation. War doch klar, dass ich zu ihm irgendwann einmal Kontakt aufnehmen würde.

Gestaunt habe ich auch, dass du den wohl berühmtesten Gitarrenroadie der Welt dabei hast: Bob Bradshaw, den Meister der Switching Pedals.

Steve Lukather: (grinst) Tja, was soll ich dazu sagen? Es ist jeden Abend dasselbe: Kaum entdeckt ein Journalist ihn, schon bin ich nur noch zweite Wahl. Nein, ganz im Ernst: Bob ist seit vielen Jahren ein sehr enger Freund von mir. Es ist nicht ganz einfach, ihn aus seiner Firma in Los Angeles loszueisen und mit auf Tour zu nehmen. Normalerweise macht er so etwas kaum noch, aber bei mir hat er eine Ausnahme gemacht.

Was ist seine Aufgabe auf dieser Tournee?

Steve Lukather: (grinst noch breiter) Putzen, wischen, neue Saiten aufziehen, auf- und abbauen. Was ein Roadie halt so macht. Oder was hattest du gedacht?

Ganz ehrlich? Das hätte ich nicht erwartet.

Steve Lukather: Sieh es doch einmal so: Bob und ich sind befreundet. Ich tue ihm jeden Gefallen, er hilft mir, wo immer er kann. Außerdem besteht diese Band sowieso nicht aus Typen mit einem übergroßen Ego. Ich meine: Ich könnte mit Toto in den größten Hallen spielen, von morgens bis abends den Rockstar raushängen lassen und mir zwischendurch ein faules Leben machen. Aber was mache ich stattdessen: Ich gehe mit einer kleinen Band auf Tour und spiele in kleinen Clubs. Wer sich dazu zu schade ist, hat in dieser Band nichts zu suchen.

Worin besteht für dich der größte Spaß einer solchen Tournee?

Steve Lukather: Zunächst einmal darin, dass ich überhaupt spielen kann. Ich bin immer noch hungrig auf Konzerte. Wo sonst sollte ich hübsche Frauen kennenlernen? Wo sonst bekomme ich Bier umsonst? (lacht) Und musikalisch ist es einfach ein riesiger Spaß. Wir haben uns ein paar Stücke vorgenommen, werfen uns dabei die Bälle zu und lassen den Improvisationen jeden Abend freien Lauf.

Wie groß würdest du den improvisatorischen Anteil der Konzerte einschätzen?

Steve Lukather: Wenn ich sage: 90%, dann klingt das vielleicht etwas übertrieben, aber es kommt der Wahrheit durchaus nahe. Wir spielen das Thema eines Songs an und driften dann sofort in lange Improvisationen ab. Mal gibt Steve Weingart die Richtung vor, manchmal Oskar Cartaya und manchmal eben ich. Man weiß nie, was genau passiert.

Und man weiß offenbar auch nie, welche Songs ihr überhaupt spielt. Seit gestern ist auch ,Birdland‘ von Weather Report mit auf der Setliste.

Steve Lukather: Ja, eine spaßige Sache, nicht wahr!? Irgendjemand im Tour-Bus pfiff die Melodie vor sich hin, so kamen wir darauf. Ich fragte: „Hat jemand Bock darauf, den Song zu spielen?“ Alle waren von dieser Idee angetan. Also nutzten wir den Soundcheck, um das Stück einzuproben.

Und auch den Soundcheck heute Abend, um es noch weiter zu perfektionieren.

Steve Lukather: Ja, ich merkte gestern Abend, dass ich an einer bestimmten Stelle nicht 100%ig die Melodieführung traf. Deswegen musste ich sie mir heute noch einmal zeigen lassen. Aber ansonsten klappte es hervorragend.

Überhaupt scheint diese Band sehr flexibel zu sein. Oskar Cartaya erzählte mir, dass es vor der Tour nur gerade mal zwei kurze Proben gegeben habe.

Steve Lukather: Ja, das stimmt. Mit diesen Könnern musste man nicht öfter proben. Ich schickte allen eine Liste an Songs, die sie lernen sollten, und der Feinschliff wurde dann bei den zwei Probeterminen vorgenommen.

Diese jazzigen Licks, die du hier massenweise spielst, kann man zwischen durch immer auch mal bei Toto entdecken. Umgekehrt findet man in deinem Soloprogramm auch das eine oder andere Toto-Zitat. Wer beeinflusst denn nun wen?

Steve Lukather: Ich glaube, wer jemals Steve Lukather pur sehen wollte, der kann es auf dieser Tour. Bei Toto gibt es andere Vorgaben. Vieles ist deutlich stärker auf den Gesang ausgerichtet. Außerdem gibt es da diese bombastischen Pop-Produktionen, die Steve Porcaro so liebt und so perfekt arrangiert. Ich lasse einen großen Teil meiner Persönlichkeit in Toto einfließen, aber dennoch bin ich da Teil eines großen Puzzles. Das ist auf einer Tournee wie dieser völlig anders. Hier gibt es keinerlei Vorgaben, keinerlei Beschränkungen. Hier kann ich genauso spielen, wie ich es will. Ich kann zeigen, was ich drauf habe und den Leuten demonstrieren, woher ich meine Einflüsse bekomme. Wer weiß: Vielleicht kann ich mit dieser Tour sogar mehr junge Gitarristen inspirieren als dies mit Toto der Fall ist.

Apropos junge Gitarristen: Wie entwickelt sich denn dein Sohn Trevor als Musiker?

Steve Lukather: Ganz großartig. Er ist ein echtes Talent. Manchmal kann ich es kaum glauben, zu was er in der Lage ist. Er ist mittlerweile 18 und wird sicherlich mal ein großer Musiker.

Du hast ihm also nicht von diesem unsteten Leben eines Berufsmusikers abgeraten?

Steve Lukather: Nein, das heißt eigentlich: Jain. Anfangs, als er noch jünger war, konnte ich mir nicht ganz sicher sein, ob dies die richtige Berufswahl für ihn ist. Das ist ja auch immer eine Frage von Mentalität und psychischer Stärke. Allerdings, so richtig abraten konnte ich ihm natürlich auch nie, denn er sah ja immer, wie viel Spaß ich am Musizieren habe. Und er bekam mit, welch ein aufregendes Leben ich führe. Wie gesagt, als er jünger war, wusste ich nicht genau, zu was ich ihm raten sollte. Aber mittlerweile sehe ich, dass er auf einem guten Weg ist und seine eigenen Entscheidungen treffen kann.

Spielst du häufig mit ihm zusammen?

Steve Lukather: So oft es geht. Wir haben bereits diverse Male zusammen auf der Bühne gestanden. Aber natürlich geht so etwas nicht immer, da ich viel auf Tournee bin.

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In der Fabrik wird hart gearbeitet (Bild: Matthias Mineur)

Die neue Toto-Scheibe ist bereits im Kasten?

Steve Lukather: Ja, das stimmt. Wir haben sie vor wenigen Wochen abgeschlossen. Sie wird wohl in den nächsten Monaten veröffentlicht werden.

Was kann man von ihr erwarten?

Steve Lukather: Ich finde, sie ist fabelhaft geworden. Für Toto-Verhältnisse ausgesprochen progressiv.

Was heißt das konkret?

Steve Lukather: Ungewöhnlich lange Stücke mit sehr progressiven Arrangements. Dazu natürlich dieser tolle Sound. Die Fans werden das Album lieben.

Wer hat auf der Scheibe gesungen?

Steve Lukather: Bobby Kimball ist nach wie vor in der Band.

Gibt es schon einen Titel für das Album?

Steve Lukather: Nein, oder sagen wir mal so: keinen, der mir zurzeit bekannt ist. Es waren einige Titel im Gespräch, als ich meine Gitarrenspuren aufnahm. Aber seit ich auf Tour bin, habe ich nichts Neues mehr gehört.

Letzte Frage: Wenn ich es richtig gesehen habe, hat sich dein Equipment nicht sonderlich verändert.

Steve Lukather: Das stimmt. Es ist im Grunde genommen seit einigen Jahren das gleiche. Zwischenzeitlich hatte ich mal Rivera-Vorverstärker, bin mittlerweile aber wieder zu dem von Bob Bradshaw entwickelten System zurückgekehrt. Natürlich wurde hier und da etwas verändert, aber das grundsätzliche Prinzip ist gleich geblieben. Es ist ja auch bewusst so konzipiert, dass es flexibel funktioniert, also sowohl für meine Solotourneen als auch für Toto einsetzbar ist. Meine Gitarren sind weiterhin von Music Man. Sie sind für meine Spielweise einfach die besten.

Du besitzt aber doch auch noch deine Sammlung antiker Les Pauls, oder?

Steve Lukather: Ja, natürlich. Diese Sammlung existiert immer noch. Aber diese Gitarren sind zu wertvoll, um sie mit auf Tournee zu nehmen. Wer schleppt schon mehrere Hunderttausend Euros mit auf eine Tournee, auf der so viel kaputtgehen kann?

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