Meilenstein 1970

Santana: Abraxas

Die Karriere des mexikanischen Gitarristen Carlos Santana kam Ende der 60er-Jahre rasant in Fahrt. Der bis dahin relativ unbekannte Musiker, der in San Franciscos Bay Area lebte, hatte mit seinem Mix aus Rock und Latin im August 1969 beim Woodstock Music & Art Festival viel Aufmerksamkeit erregt.

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FOTO: SONY, COLUMBIA

Im selben Monat erschien das Debüt-Album ,Santana‘, die Single ,Evil Ways‘, verkaufte sich über zwei Millionen mal. Nicht nur beim Publikum sondern auch bei Kritikern und Musikerkollegen hatte dieser neuartige Sound positive Resonanzen hervorgerufen. Und plötzlich standen Santana und seine Band – Michael Shrieve (dr), Dave Brown (b), Greg Rolie (voc/kb), Jose Areas (perc) und Mike Carabello (perc) – unter Druck. Aufgenommen wurde das anstehende zweite Album mit einer Ausnahme im Wally Heider Recording Studio in San Francisco. Und beim Hören von ,Abraxas‘ wird deutlich, dass die Musiker einen Schritt weitergehen wollten.

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Es beginnt mit einer majestätischen Pianomelodie, ein prasselndes Glockenspiel und Becken kommen hinzu, dann wird eine verzerrte Gitarre abrupt eingeblendet, und die Stimmung wandelt sich. Ein hypnotischer Bass- /Percussion-Groove gibt die Richtung vor, ein Fender-Rhodes-E-Piano im psychedelischen The-Doors-Modus setzt sich darauf, und immer wieder werden verzerrte Gitarren eingeblendet. ,Singing Winds, Crying Beasts‘ heißt dieser atmosphärische Auftakt. Er geht über in einen der berühmtesten Orgel-Einsätze der Rock-Geschichte, gefolgt von einer der einprägsamsten Gitarren-Melodien der 70er. ,Black Magic Woman‘, geschrieben von Fleetwood-Mac-Gitarrist Peter Green, gleitet schließlich hinein in ,Gypsy Queen‘, ein Instrumental des ungarischen Jazz-Gitarristen Gábor Szabó. Dies klingt alles sehr frei und rockig.

Unglaublich, wie dynamisch sich Santanas Gitarren-Licks vor einem schnellen, von Percussion befeuerten Beat entfalten. Im Anschluss daran bildet Tito Puentes ,Oye Como Va‘ einen eingängigen und melodischen Kontrast. Dann geht in ,Incident At Neshabur‘ über einem stetig wiederholten Thema die Jazz-Rock-Post ab. Spannende Soloeinlagen wechseln in scharfe Breaks oder Taktwechsel, die von Drummer Michael Shrieve virtuos inszeniert werden. Schließlich klingt die Nummer ganz ruhig aus. Santana beeindruckt oft mit einer eigenwilligen Phrasierung, teils werden die Töne geradezu vorsichtig intoniert. In ,Mother‘s Daughter‘ wird vergleichsweise konventionell gerockt, was an Bands wie Free oder Cream erinnert.

Das Instrumental ,Samba Pa Ti‘ ist beim Wiederhören ein Zeitsprung direkt in die 70er-Jahre. Besonders in dieser Nummer wird der lebendige und plastische Gesamtklang des Albums spürbar. Keine Frage, das Intro mit der Gitarrenmelodie oder später die markanten Unisono-Bendings sind für die Ewigkeit. Genauso wie Santanas unverkennbarer Gitarrenklang. Hierfür setzte er Gibson SGs ein, u.a. jene rote SG Special mit P-90-Tonabnehmern, die er auch beim Woodstock-Festival gespielt hat. Santana hat bei der Suche nach einem fetteren Sound für dieses Album im Vorfeld verschiedene Verstärker von Fender und Marshall ausprobiert. Er landete dann aber − wie schon beim Debüt −bei einem Fender Twin Reverb, der im Studio weit aufgerissen wurde.

Im September 1970 wurde ,Abraxas‘ in den USA veröffentlicht und landete auf dem Spitzenplatz der Charts, in England knackte man zwei Monate später die Top Ten. ,Black Magic Woman‘ und ,Oye Como Va‘ avancierten zu den großen Hits dieses Albums. Aber sie alleine wurden und werden ,Abraxas‘ nicht gerecht. Bereits das einprägsame und psychedelische Cover-Artwork des deutschen Künstlers Mati Klarwein (1932-2002), der auch Miles Davis‘ ,Bitches Brew‘-Album gestaltet hatte, signalisierte, dass hier etwas Besonderes geboten wurde. Es gehört zu den Legenden um dieses Album, dass während der Studio-Sessions Jazz-Pionier Miles Davis anrief um Hallo zu sagen und seine besten Wünsche zu übermitteln. Das dürfte für den damals 23-jährigen Carlos ein inspirierender und anspornender Moment gewesen sein.

Wie packend auf ,Abraxas‘ Latin, Rock und Jazz miteinander verschmelzen, ist auch über 45 Jahre später noch ein Erlebnis. Santana hat mit diesem Album die reiche Musiktradition südlich der USA auf die Landkarte des Rock gebracht. Und das wirkt bis heute nach, wenn etwa ZZ-Top-Gitarrist Billy Gibbons auf seinem aktuellen und ersten SoloAlbum ,Perfectamundo‘ texanischen Boogie-Rock mit afrokubanischen Roots verknüpft.

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3 Kommentare zu “Santana: Abraxas”
  1. Wilhelm Krikcziokat

    Ein in Deutschland erscheinendes Fachmagazin liefert einen online-Artikel mit einem eingebetten YouTube-Video, das “in Deutschland leider nicht verfügbar” ist. Toll!

    Antworten
    • Stefan Braunschmidt

      Hallo Wilhelm!
      Es gibt leider Dinge, die wir nicht beeinflussen können. 😉
      Dafür gibt es jetzt ein schönes Live-Video.

      Beste Grüße!
      Stefan

      Antworten
  2. Wer die “Abraxas” kennt, erfährt hier nicht viel neues.
    Frage zur Überschrift: Was ist ein “Meilentstein” ?

    Antworten
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