Paris für Musiker

Pigalle: Red Lights für Gitarren-Freaks

Hormongetriebene Herren und GAS-gesteuerte Gitarristen trifft man jede Menge, wenn man in Paris die Metro der Linie 12 oder 4 am Pigalle verlässt. Mich hatte ein Posting im G&B-Online-Forum gitarrebass.de/talk dorthin getrieben, in dem auf Anfrage eines Users ein paar Tipps gegeben wurden, die sich extrem interessant anhörten.  Und was ich dann da in den kleinen Straßen links und rechts von der berüchtigten Touristenfalle Folies Pigalle zu sehen bekam, war extrem hoch dosiertes Vintage-&-More-Vergnügen.

Gitarren in Paris

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Hier findet man Spezialläden für alles: E-Gitarren, klar, aber auch Acoustic-Stores, Bass-Läden, einen Mikrofonhändler, ein anderer Laden heißt eindeutig „Metal Guitar“, außerdem gibt’s hier ein Fachgeschäft für Bodentreter namens „La Pédale“ – dieser Shop in der Rue Victor Massé 37, 75009 Paris bietet eine Menge Raritäten aus der Welt zwischen Stangenware, Boutique und Custom-Order.

Und direkt am Platz, am Boulevard de Clichy, befindet sich ein großer Musikhändler, überwiegend mit Neuware.  Kurz: Wer sich, wie ganz sicher die meisten Leser dieses Magazins, für Instrumente interessiert und einmal in Paris unterwegs ist, sollte sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen, um hier herumzustöbern. Ich bin auf einige sehr freundliche Händler getroffen, gleichzeitig unaufdringlich und hilfsbereit. Leider oder glücklicherweise hatten einige Läden wegen des französischen Nationalfeiertags 14. Juli nicht geöffnet, ansonsten hätte ich hier einen kompletten Tag verbringen müssen.  Montags sind übrigens auch zahlreiche Musikläden geschlossen, vermutlich mangels Publikums, dass sich vom Wochenende kuriert.

Les Röckärs …

Ein Tipp ist auch die vom Pigalle nach Süden abgehende etwas größere Rue Des Martyrs, mit vielen kleinen Läden, Restaurants und Cafés, wo man eventuell anderweitig interessierte Mitreisende parken kann.

Die drei folgenden Gitarrenläden haben mir besonders gut gefallen –die Auswahl ist allerdings rein subjektiv, und vollständig ist sie natürlich auch nicht. Ich empfehle in jedem Fall, selbst am Pigalle auf Entdeckungs-Tour zu gehen.

 

GUITAR LEGEND

Ein sympathischer, heller Eckladen mit ganz großem Schaufenster: Was zuerst etwas nach langweiliger Neuware von der Stange aussieht, ist bei genauerem Hinsehen durchsetzt mit ein paar ganz feinen mittelalten und echten Vintage-Teilen, und geprägt von einer geschmackvollen Auswahl: So hat dieser Händler gleich sechs verschiedene Trussart-E-Gitarren zum Antesten bereit. Wer aber gerade keine 3500 bis 4500 Euro flüssig hat, so wie ich, konnte hier ein paar sehr gut aussehende Squier-Jaguar-Modelle entdecken, für 309 Euro; sie stammen aus der gerade erschienenen neuen Vintage-Modified-2012-Serie, und diese authentischen Kopien in Sunburst, Olympic White, Candy Apple Red oder dem sehr schönen Surf Green schrien mich förmlich an: „Isch wille disch, Chérie!“, worauf meine Begleiterin mit ihrem Standard-Sample „So eine hast du doch schon!“ diesmal ausnahmsweise Unrecht hatte. Eine Vintage-Wand mit alten Gibsons, Fender, Gretsch etc. rundete das nette Angebot ab.

58 Rue Pigalle, F-75009 Paris

 

OLDIES GUITARS

Eins vorab: Die etwas spröde und knapp bestückte Website gibt so ungefähr garnichts von diesem wirklich atmosphärischen, wunderbaren kleinen Gitarrenladen wieder, der ein absolutes Muss für Paris-Besucher mit Vintage-Vorlieben ist. Tolle alte Gretsch- und Guild-Jazz-Gitarren, eine schöne 1957er ES-175 mit PAF-Pickup eine 1962er Gibson ES-125 TDC mit zwei P90 (3200 Euro!!!), eine Strat und eine Tele von 1969, und neben zwei schönen Gibson Melody Makers von 1963 entdecke ich eine schräge alte Mahagoni-Framus, ebenfalls aus den 60ern.

Sehr ansprechend ist die Dekoration dieses Ladens: Der Besitzer hat Plakate, Flyer und LP-Cover von Bob Dylan, John Lee Hooker, Jimi Hendrix und Muddy Waters zwischen den Instrumenten platziert man fühlt sich wie in einem gut gemachten Vintage-Buch. Etwas aus dem Rahmen fallen da die bizarren Metallgitarren des französischen Herstellers Loïc Le Pape, der eine gewisse Seelenverwandtschaft mit James Trussart nicht leugnen wird, aber auch ein paar sehr eigenständige Modelle im Programm hat.

31 Rue Victor Massé, F-75009 Paris

 

GUITARE COLLECTION

Meinen Favoriten entdeckte ich in der Rue De Douai. Im Schaufenster steht eine lebensgroße Elvis-Puppe mit Wandergitarre, daneben, dahinter und eigentlich überall im Laden sieht man schon beim ersten Blick durch die Scheibe hochwertigstes Material. Kein Wunder, dass die Tür erst nach einem kurzen Klingeln geöffnet wird.

Der wachsame Besitzer entpuppt sich sofort als ein sehr freundlicher und humorvoller Mensch, erzählt ein bisschen über seine Schätze. „Die ES-335 willst du? 30000. … OK, sagen wir 28000. Es ist eine 1959er, und sie sieht doch sehr gut aus.“. Meine Kreditkarte schüttelt kurz den Kopf und ich stürze mich in das standesgemäßere Vergnügen, echte Vintage-Raritäten mal von ganz nah betrachten zu können: alte Gibson Flying V, Gold Tops, wieder eine sehr schöne ES-125-Thinline mit einem P-90 und Cutaway, rechts an der Wand hängen kultige Ex-Cheapos von National, Silvertone, Eko & Co., gegenüber Fender Strats, Jazzmaster, eine rote Jaguar, eine extrem seltene Höfner Colorama II mit Toaster-Pickup und etliche schrille Teles. Dazwischen stehen ein paar kleine Amps von Fender und Vox, und ich habe auch noch irgendwo einen auf einem Steinzeit-Keyboard chillenden Teddybär gesehen. Und jede Menge steinalte Koffer, wahrscheinlich mit weiteren Schätzen – auf Anfrage. Sympathisch schräg.

2, Rue De Douai, F-75009 Paris

 

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