Meilenstein 1976: AC/DC – Dirty Deeds Done Dirt Cheap

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Live in den 70ern (Bild: WEA / ATLANTIC)

Vor 45 Jahren erschien in Europa das zweite Album der australischen Hardrock-Band AC/DC. In ihrer Heimat war es bereits die dritte LP nach ,High Voltage‘ und ,T.N.T.‘ (die beiden Alben sind nur in Australien herausgekommen. Ein Mix aus den besten Songs der beiden befand sich dann auf der bekannten internationalen Fassung von ,High Voltage‘).

AC/DC zählten 1976 zu den Top-Bands in Down Under. Endlich hatte sich auch eine feste Besetzung herausgebildet, die aus Malcolm Young (g), dem jüngeren Bruder Angus (g), Bon Scott (voc), Phil Rudd (dr) und Mark Evans (b) bestand. Man war also bereit, jetzt auch außerhalb Australiens den Erfolg zu suchen. ,Dirty Deeds Done Dirt Cheap‘ präsentierte eine gereiftere Form ihres straighten Rock’n’Roll, zumindest in Teilen, denn es gab Höhen und Tiefen auf diesem Album.

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Zu Ersteren zählte der eröffnende Titeltrack. Der treibende Rocker lebt von dem, was nicht gespielt wurde, eben den langen Pausen zwischen den Akkordschlägen, während Bass und Drums ihre 4/4tel-Grooves durchpumpen. Fahrt nimmt das Stück mit dem Solo auf, das mit einigen knackigen Licks startet, um dann mit flüssigen Abziehern das Griffbrett hochzujagen. So richtig fies klingen hier auch die Background-Vocals, ganz passend zu den Lyrics über einen Typen, der für einen Dumping-Lohn „schmutzige Angelegenheiten“ erledigte. Die Idee ging wohl zurück auf Angus Young, der sich an die Zeichentrickfilmserie Beany and Cecil erinnerte, die er als Kind geschaut hatte. Der Bösewicht hieß Dishonest John, auf dessen Visitenkarte stand: „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“.

Die sehr coole Shuffle-Nummer ,There’s Gonna Be Some Rockin’‘ zeigt die Blues-Wurzeln der Band und speziell die von Angus. ,Problem Child‘ ist eines der frühen Riff-Monster der Young-Brüder, das unfassbar nach vorne geht. Zudem verdichtet sich hier ihr bekannter tragender Crunch-Sound erstmals auf ein Level, das wegweisend für spätere Alben wurde. Während Malcolm mit seiner 1963er Gretsch Jet Firebird einen fast unverzerrten Klang produziert, war Angus auf seiner End-60er Gibson SG Standard mit etwas mehr Verzerrung unterwegs. Beides ergänzt sich gerade in den Riff-Parts zum bekannten AC/DC-Brett. Dazu benutzten beide Marshall-Röhren-Amps und -Boxen.

Noch schneller kommt ,Rocker‘ aus den Startlöchern, letztlich eine komprimierte Bearbeitung dessen, was Idol Chuck Berry in den 50er-Jahren vorgemacht hatte. Nur der Druck der Aufnahme und die Reduktion auf das Allernotwendigste waren neu. ,Rocker‘ stammt ursprünglich vom älteren australischen Zweitwerk ,T.N.T.‘.

Es gibt also viel harten Rock zu hören, doch ein, wenn nicht gar der Höhepunkt des Albums ist die ruhige Blues-Ballade ,Ride On‘. Ruhig? Ballade? Yepp, über einem schleichenden Shuffle-Beat und moderaten Akkordwechseln singt Scott – ohne die ihm eigene ironische Distanz – über einsame Nächte, gebrochene Versprechen und die wohl vergebliche Absicht irgendwann noch einmal von vorne zu beginnen. Doch im Moment hielt er den Daumen in den Wind und fuhr weiter. Im Solo vertonte Angus diese Gefühlslage geradezu kongenial mit dramatischen Bends und schnellen Blues-Licks.

Den Gegenpol zu dieser intimen Nummer bildet das rumpelnde wie ungeschliffene ,Big Balls‘ mit offensichtlichen Zweideutigkeiten, die sich eben alle um „dicke Bälle“ drehen. Hier wie in weiteren Songs des Albums unterstrichen AC/DC nachhaltig ihr Image von der gefährlichen und fast schon kriminellen Band – ein Bild, das die Band nicht nur bei Konzerten, sondern auch in Interviews und sonstigen öffentlichen Auftritten nachhaltig pflegte. Von Beginn an begleitete die Band daher Ärger mit den Behörden und der Polizei.

(Bild: Sony / J. Albert & Son Pty. Ltd.)

Trotz diesem ständigen Gegenwind liefen die Verkäufe in Australien erneut gut, weniger jedoch in England, und in den USA wurde ,Dirty Deeds Done Dirt Cheap‘ von Atlantic Records abgelehnt. Dabei hatte man das ursprüngliche, provozierende Cover mit der cartoon-artigen Zeichnung von Bon und Angus gegen das heute bekannte eher kryptische Artwork ausgetauscht.

(Bild: Sony / J. Albert & Son Pty. Ltd.)

Das stammt von der britischen Design-Agentur Hipgnosis, die bekannt war für ihre innovativen wie surrealen Platten-Cover und u.a. für Pink Floyd und Led Zeppelin gearbeitet hatten. Noch gravierender war dann, dass für den internationalen Markt die Nummern ,R.I.P. (Rock In Peace)‘ und ,Jailbreak‘ ausgetauscht wurden. Ersteres ist ein vergleichsweise schwacher und irgendwie unfertig wirkender Bluesrocker mit einem wenig originellen Refrain. ,Jailbreak‘ hingegen geht mit einem drückenden Riff richtig nach vorne – heute einer der frühen großen Song-Klassiker, den man außerhalb Australiens jedoch erst 1984 mit der ,’74 Jailbreak‘-EP kennenlernen konnte.

Die Geschichte von ,Dirty Deeds Done Dirt Cheap‘ ist damit jedoch noch nicht ganz zu Ende erzählt. Als 1980 ,Back In Black‘ mit dem neuen Sänger Brian Johnson weltweit die Charts eroberte, stieg auch in den USA die Nachfrage nach AC/DC enorm an. Also wurde nun auch dort das einst verschmähte Album im März 1981 veröffentlicht. Und gerade im direkten Vergleich dieser Platten wird noch einmal deutlich, wie rau die Band fünf Jahre zuvor noch geklungen hatte.

Es ist rückblickend auch kein Wunder, dass AC/DC bei ihren frühen England-Auftritten mitunter als Punk-Act bezeichnet wurden – doch dafür war ihr Stil viel zu tief im Blues und Rock’n’Roll der 50er-Jahre verwurzelt.


(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

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