Produkt: Bob Dylan Gitarristen
Bob Dylan Gitarristen
Über achtzig Gitarristen hat Bob Dylan bis dato auf seinen 36 Studio-Aufnahmen beschäftigt.
Weitergedachte Death-Metal-Tradition

Jonas Björler & Jonas Stålhammar: At The Gates

At The Gates(Bild: Ester Segarra)

Nach einer zwischenzeitlichen Auflösung im Sog ihres Schlüsselalbums ‚Slaughter Of The Soul‘ von 1995 sind At The Gates seit ihrem Comeback ‚At War With Reality‘ (2014) wieder ein Garant für Fortschritt im Death Metal. ‚The Nightmare Of Being‘ markiert nun die nächste Phase der Evolution der Schweden, allein komponiert von Mitbegründer Jonas Björler und veredelt von Jonas Stålhammar, der seit 2018 den Leadgitarren-Posten innehält.

JONAS BJÖRLER: DIE EIN-MANN-BAND

Jonas Björler mit Warwick Corvette (Bild: Peter Granberg)

Jonas, du hast als Schlagzeuger mit dem Musikmachen begonnen.

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Mein Bruder Anders und ich waren Spätzünder, was Musik angeht. Obwohl wir schon länger Rock und Metal hörten, bekamen wir unsere ersten Instrumente erst mit 15 oder 16 Jahren. Tomas Lindberg, der heute bei uns singt, war ein Freund von uns und machte zu jener Zeit schon mit Grotesque Death Metal. Wir besuchten die Proben der Band und ließen uns dann von der Welle mitreißen, die diese junge Szene so um 1989 herum lostrat. Anders konzentrierte sich auf die Gitarre, ich probierte mich am Schlagzeug aus, und wir spielten gemeinsam eine Zeitlang als Infestation, bevor wir At The Gates gründeten.

Da bist du dann zum Bass gewechselt – keine naheliegende Wahl für einen jungen Musiker, der vermutlich Rockstarträume hatte.

Nein. (lacht) Der Bass ist ja üblicherweise das, was übrigbleibt, wenn alle anderen Instrumente unter den Bandmitgliedern vergeben sind, und so war es bei uns auch.

Da du schon immer auch Songwriter warst: Identifizierst du dich mit einem bestimmten Instrument, oder würdest du dich als ganzheitlichen Musiker bezeichnen?

Letzteres auf jeden Fall. Ich bin definitiv eher ein Komponist und Arrangeur als ein technisch berauschender Spieler. Darum achte ich darauf, nie zu übertreiben und mehr mit wenigen Tönen auszusagen; simple Ideen sind oft die prägnantesten.

Der Bass ist auf den Alben seit eurer Wiedervereinigung immer weiter in den Vordergrund gerückt – auf deinen Wunsch hin?

Nicht bewusst, aber ich mag von jeher Musik, deren Komponenten man alle gut hören kann. Worin besteht der Sinn, ein Instrument zu verwenden, das sowieso im Mix unter den Tisch gekehrt wird? Yes, King Crimson, Deep Purple und Rush sind meine Lieblingsbands, und bei ihnen spielt der Bass eine tragende Rolle. Die Transparenz, die Produzenten in den 1970ern erzeugt haben, ist im extremen Metal anfangs kaum möglich gewesen, weil niemand wusste, wie man so schnelle und krasse Musik richtig aufnimmt und abmischt.

Lag dieser Stil nahe, weil ihr als Kids einfach noch nicht gut genug wart, um den Idolen nachzueifern, die du genannt hast?

Ja, man war eben jung und wollte sich abgrenzen. Bei aller Rebellion hätten wir aber wirklich auch schon damals gern progressiveres Zeug gemacht, wenn wir dazu imstande gewesen wären.

Wie hat sich die Dynamik innerhalb der Band verändert, seitdem dein Namensvetter bei euch Gitarre spielt?

Dass sein Musikgeschmack dem der restlichen Mitglieder ähnelt, kommt uns sehr entgegen. Dadurch verstehen wir uns blind, weshalb wir im kreativen Austausch miteinander oft gar nicht viel diskutieren müssen. Ich sage ihm höchstens mal etwas wie: „Dieses Solo sollte sich nach den alten Genesis anhören“, und er setzt das dann fast perfekt um.

Solche Vorgaben machst du?

Klar, denn ich skizziere Soli in der Regel nur grob, weil ich keine so flotten Finger habe. Solche Entwürfe dienen dann als Grundlage, auf der sich Jonas uneingeschränkt austoben darf. Er hat zudem ein gutes Händchen für Sounds und Stimmungen.

Bei Bass-Vorbildern tippe ich mal auf Chris Squire und Geddy Lee, doch wie sieht es mit Gitarristen aus?

Das stimmt schon, auch wenn ich heutzutage keine so großen „sportlichen“ Ambitionen mehr habe, dass ich ihnen nacheifern könnte. Roger Glover von Deep Purple ist mir auch wichtig, weil er auch viel zum Songwriting beiträgt. Was die Gitarre angeht, steht David Gilmour von Pink Floyd ganz oben.

Bassisten verbinden idealerweise die rhythmische Komponente einer Band mit der melodischen. Siehst du dich da als ehemaliger Drummer im Vorteil?

Ich würde schon sagen, dass ich ein Gespür dafür habe, sozusagen eine Brücke zwischen dem Schlagzeug und den Gitarren zu schlagen. Da ich aber im Prinzip alle Instrumente bei uns spielen kann, ist das Strukturieren von Songs für mich umso leichter, zumal ich meistens sehr klare Vorstellungen davon habe, wie etwas klingen soll.

Da wundert es, dass du, im Gegensatz zu deinem Bruder, bisher noch kein Soloalbum herausgebracht hast. Planst du etwas in dieser Richtung?

Komplett ausschließen würde ich es nicht, aber momentan besteht dafür keine Notwendigkeit. Spätestens mit dem neuen At-The-Gates-Album habe ich mich in kreativer Hinsicht so weit ausgetobt, wie ich es auch solo tun würde. In meinen Augen gibt es nicht mehr viel, was wir mit dieser Band nicht machen könnten, zumindest nichts, was unserem eigenen Musikgeschmack entspricht, und zu etwas anderem hätte ich sowieso keine Lust.

Du stehst offensichtlich auf Film-Soundtracks und orchestrale Musik, wie man auf ‚The Nightmare Of Being‘ stellenweise erkennt.

Ja, der Anteil dieser Parts hat im Vergleich zu unserer letzten Platte weiter zugenommen. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, da mein Großvater Violine spielte und einem Orchester angehörte. Das hat Anders und mich schon früh geprägt. Die sinfonischen Passagen auf dem Album wurden von acht Musikern aufgenommen, die Partituren dazu habe ich selbst am PC via MIDI in Cubase erstellt, bevor der Cellist kleine Korrekturen vorgenommen hat, um sie leichter spielbar zu machen.

Welche Komponisten magst du?

Ganz allgemein mag ich die moderne Ära ab ungefähr 1900, vor allem Russen wie Dmitri Schostakowitsch, Igor Strawinski, Sergei Prokofjew und Pjotr Tschaikowski. Hinzu kommen jüngere, wie Krzysztof Penderecki, Philip Glass –, aber Bach und Beethoven gefallen mir natürlich auch. Hauptsache, es ist düster. (lacht)

Du bist tatsächlich nicht hauptberuflich als Musiker tätig, oder?

Ich bin gelernter Buchhalter und habe meinen Lebensunterhalt 15 Jahre lang überwiegend in dieser Funktion verdient. Heute kann ich die Musik als reines Hobby mit meinem Job vereinbaren, das ist wunderbar. Müsste ich heute neu mit einer Band anfangen, würde ich mir wahrscheinlich selbst von diesem Karriereweg abraten, weil es so schwierig geworden ist, sich ausschließlich mit Musik über Wasser zu halten.

Björlers Pedalboard mit ProCo Rat 2, Radial Engineering J48, Lehle P-Split, Mooer Radar & Palmer PAN 01 (Bild: Jonas Björler)

An deinem Equipment – Warwick-Bässe und EBS-Amps – hat sich nichts geändert?

Nichts Wesentliches. Live benutze ich den EBS TDE 650 oder 660, dazu als Verzerrer die ProCo Rat. Im Studio setzen wir größtenteils auf Software-Plug-ins. Dass die Amp-Simulationen mit der Zeit verdammt gut geworden sind, ist ja kein Geheimnis; daneben braucht man nur einen guten Equalizer und Compressor, um professionelle Ergebnisse zu erzielen. Auf Re-amping kannst du dann eigentlich verzichten.

Jonas Stålhammar: Der Klangfarbmaler

Jonas Stålhammar im Studio mit VGS Eruption Pro (Bild: Peter Granberg)

Wie würdest du deine Aufgabe bei At The Gates beschreiben?

Jonas Björler schreibt zwar das gesamte Material, doch im Demostadium verändern sich die Songs mitunter sehr stark, während die anderen Mitglieder Ideen beisteuern. Ich sehe mich dafür verantwortlich, Jonas Vision umzusetzen, was Sound und Atmosphäre betrifft.

Du bist Multi-Instrumentalist. Begreifst du dich trotzdem vornehmlich als Gitarrist?

Ja, ich glaube schon. Den Bass habe ich mir bislang nur für Studioaufnahmen umgehängt und davon einmal abgesehen liegt mein Augenmerk im Grunde nur auf alten Analogkeyboards. Ich bin kein toller Techniker, aber fasziniert von den Klängen, die sich beispielsweise aus einem Minimoog oder Mellotron herausholen lassen. Sie sind so geschichtsträchtig, dass man jeweils eine bestimmte musikalische Ära damit verbindet. Logischerweise geht es mir deshalb auch auf der Gitarre eher um Feeling als Shredding.

Du bist also niemand, der sich noch bewusst zum Üben hinsetzt.

Das habe ich als Teenager wie verrückt getan, wohingegen ich heute Songwriting an sich als Übung ansehe. Du lernst mit jedem weiteren Solo dazu, das du ausarbeitest. Unabhängig davon muss man sich natürlich auf Tourneen vorbereiten.

Wie bist du eigentlich Musikfan und schließlich aktiver Musiker bei At The Gates geworden?

Kiss waren auf jeden Fall meine Initialzündung. Als ich Ace Frehleys rauchende Gitarre sah, wusste ich, was ich mit meinem Leben anstellen wollte. (lacht) Bis ich allerdings etwas Vorzeigbares auf einer Gitarre zustande bringen konnte, war ich schon fast volljährig. Ich machte aber rasch Fortschritte, wobei meine Einflüsse eher nicht im Metal-Bereich lagen.

Zu wem hast du aufgeschaut?

Nach einer kurzen Yngwie-Malmsteen-Phase begann ich, mich eher für Brian Robertson und Scott Gorham von Thin Lizzy, Michael Denner von Mercyful Fate und Michael Schenker bei UFO zu interessieren. Später kamen dann Pink Floyds David Gilmour und Andrew Latimer von der Band Camel hinzu – Langsamspieler mit einem besonderen Vibe.

Bist du stärker auf Melodien oder Riffs ausgerichtet?

Auf Melodien, vor allem in Soli. Es gibt nichts Schöneres als eine geschmackvolle Solopassage, die sehr viel ohne Worte aussagt und gewissermaßen zu dir spricht. Eine einzelne Note kann dir mehr geben als zehn, wenn Gefühl drinsteckt.

Du bist auch in mehreren anderen Bands aktiv; wie unterscheidet sich deine Arbeit dort von jener bei At The Gates?

Mit meinem neuen Projekt Venus Principle veröffentlichen wir bald unser Debüt, dort lebe ich meinen inneren David Gilmour aus und kopiere Joe Walsh von den Eagles. (lacht)

Auf Fotos sieht man dich fast immer mit Gibson-Gitarren, hast du bestimmte Instrumentenvorlieben?

Meine Freunde witzeln immer, von wegen ich würde alles spielen, was man mir in die Hand drückt, und das stimmt auch bis zu einem gewissen Grad. Im Grunde ist es mir egal, bloß dass man durchaus darauf achten sollte, was man im Studio beziehungsweise auf der Bühne verwendet; in der jeweiligen Situation ist das eine oder andere Instrument schlicht praktischer, ganz zu schweigen von alternativen Stimmungen, zu denen manche Gitarren eher nicht taugen. Ich spiele wirklich viel auf Les Pauls, habe aber auch eine Fender Tele und ein Bariton-Modell.

Das wäre in der Frühphase des skandinavischen Death Metal verpönt gewesen. Die Saiten mussten schlackern, was dann zusammen mit dem Boss-HM-2-Pedal diesen ikonischen Sound erzeugt hat.

Darauf stehen ja heute wieder eine Menge junger Bands, aber ich kann diesen Sound nicht mehr hören, weil er zu matschig ist und ich mehr Wärme brauche. Übrigens benutzt David Gilmour auch ein HM-2, also kommt es in erster Linie darauf an, wie man mit Geräten umgeht. Generell suche ich in Musik nach Freiräumen, die genauso wichtig sind wie das, was man vordergründig hört.

Nichtsdestotrotz machen At The Gates oder auch deine andere Band Bombs Of Hades streckenweise ordentlich Tempo.

Klar, aber Dynamik ist das A und O. Versteift man sich auf ein Extrem, hört es schnell auf extrem zu sein. Laut und leise, langsam und schnell entfalten ihre Wirkung nur im Wechsel miteinander.

Irgendwelche Amp-Präferenzen? Stichwort Röhre, Transistor, Digitaltechnik …

Im Grunde nicht. Hier ist es wirklich beinahe so, dass ich nehme, was ich kriege, obwohl wir bei At The Gates einen Peavey 6505 benutzen. Zu Hause habe ich auch Modelle von Orange, einen Fender-Combo und einen Marshall JCM 800. Als die ersten Verstärkersimulationen auf den Markt kamen, wehrte ich mich vehement dagegen, weil ich der Ansicht war, sie würden mies klingen, doch sie haben sich dermaßen weiterentwickelt, dass ich im Studio ungern darauf verzichten würde, vor allem in puncto Clean-Sounds. Live jagen wir die Gitarren über Fractal-Effektgeräte durch die Peaveys.

Das Fractal AX8 wird vor allem live für Effekte benutzt. (Bild: Jonas Stalhammar)

Sammelst du, abgesehen von Synthesizern, Effekte oder andere Instrumente?

Ich habe das Way Huge Fuzz für mich entdeckt, weil ich den klassischen Big-Muff-Sound von Electro-Harmonix liebe, deren neuere Modelle furchtbar klingen. Außerdem suche ich immer noch nach dem perfekten Delay und Phaser, doch einige Freunde von mir sind wesentlich fanatischer und richtige Pedal-Nerds. Kürzlich habe ich einen Teil meiner Sammlung verkauft, weil ich nur noch besitzen will, was ich auch tatsächlich benutze. Noch habe ich mir diese „muss ich kaufen“- Marotten nicht komplett abgewöhnt, aber der Weg ist das Ziel. (lacht) Bei Schallplatten geht es mir auch so; ich träume immer noch davon, mir den gesamten Katalog des Labels Vertigo ins Regal zu stellen.

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2021)

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