Aus der neuen Ausgabe:

John Petrucci über seinen neuen Mesa/Boogie Amp

Für Dream-Theater-Gitarrist John Petrucci entwickelt sich das Jahr 2016 zu einem ganz besonderen: Vor wenigen Monaten hat er mit dem Doppel-Konzept-Album ,The Astonishing‘ ein überaus ambitioniertes und rundum gelungenes Monumentalwerk seiner Band veröffentlicht, gefolgt von einer dazugehörenden opulent ausstaffierten Welt-Tournee, und jetzt präsentiert er seinen ersten Signature-Amp: den Mesa/Boogie JP-2C.

John Petrucci_Signature-Amp (1)
(Bild: Matthias Mineur)

Aufsehenerregend an Petruccis neuem Boogie-Amp sind nicht nur Klang und Features des 100 Watt starken Vollröhrenverstärkers, sondern auch die Tatsache, dass John der weltweit allererste Künstler ist, dem Mesa/Boogie einen Signature-Amp auf den Leib geschneidert hat. Natürlich verabredeten wir uns mit dem amerikanischen Ausnahmemusiker, um über diesen spektakulären Coup zu sprechen und spannende Details zur Geschichte des JP-2C-Amps zu erfahren.

Anzeige

John, bevor wir über deinen neuen Verstärker sprechen: Bitte fasse kurz die persönliche Geschichte deiner bisherigen Gitarren-Amps zusammen. Wie fing alles an?

John Petrucci: Meinen allerersten Gitarrenverstärker bekam ich im Alter von 12. Ich wechselte dann öfters: Anfangs waren es meistens kleine Combos, z. B. von Peavey, die ich entweder zu Weihnachten geschenkt bekam oder aber mir selbst leisten konnte. In meiner Nähe gab es einen Gitarrenladen, und ich erinnere mich, dass da irgendwann jemand zu mir sagte: „John, du solltest unbedingt mal einen Boogie testen!“ Mir gefiel sofort der Name, ich war neugierig geworden, und schon nach meinem ersten Versuch war ich von Mesa/Boogie-Amps infiziert. Ihr Design, die hohe Fertigungsqualität und natürlich dieser großartige Ton, das alles gefiel mir auf Anhieb.

Heilige Gral des Gitarrentons

Welches Modell war dein erster eigener Mesa/Boogie?

John Petrucci: Ich glaube es war ein Quad-Preamp, zusammen mit einem 295-Simul-Class-Power-Amp und dem Midi Matrix Switching sowie einem alten Abacus Footcontroller. Seitdem habe ich nahezu alle Modelle der Firma schon einmal besessen, sämtliche Versionen der Serien Mark I bis Mark V, dazu Dual Rectifier, Triaxis, Road King, Formula Preamp, Lone Star. Sie alle haben etwas Magisches, eine eigene Identität. Auf unserer vorigen Scheibe wurde unter anderem auch ein Transatlantic eingesetzt. Insofern habe ich bereits eine lange Historie mit Mesa/Boogie.

Ein guter Freund, der früher meine Racks gebaut hat, sagte eines Tages: „Du musst unbedingt den Mark II C+ spielen!“ Er selbst hatte mehrere Exemplare, einige davon mit Holz-Chassis, alle etwas unterschiedlich, mit verschiedenen Trafos und unterschiedlichen Sounds. Aber welche Version man auch wählte, immer klang es wie der Heilige Gral des Gitarrentons: fett, klar, unterschiedliche Distortion-Stufen, transparent, einfach großartig. Deswegen spiele ich bei Dream Theater schon seit Langem den Mark II C+, sowohl im Studio als auf der Bühne.

Beeinflussten deine Amps auch, wie du dich als Gitarrist entwickelt hast?

John Petrucci: Ja, ich denke schon. Ein Amp ist ja kein passives Element, sondern beeinflusst das eigene Spiel. Ein Amp nimmt Einfluss auf deine Technik und auf den Musikstil, zu dem du dich hingezogen fühlst, darauf wie man ein bestimmtes Riff spielt, und so weiter. Gitarristen wurden zu allen Zeiten auch durch ihre Verstärker beeinflusst. Ich denke, mein Stil hat sich deshalb in diese spezielle Richtung entwickelt, weil ich Mesa/Boogie bereits so früh in meiner musikalischen Laufbahn entdeckt habe. Diese rhythmischen Riffs, die ich so mag und die ja auch typisch für Dream Theater sind, würden ohne einen Mesa/Boogie nicht funktionieren. Auch bei meinen Soli lasse ich mich durch den vollen, sehr flüssigen Ton eines Boogies inspirieren. Und wenn ich schnelle Tonfolgen spiele, liebe ich den Sound des Plektrum-Anschlags, den der Boogie so wunderbar liefert.

Du bist der allererste Künstler, dem Mesa/Boogie einen eigenen Signature-Amp gebaut haben. Wann wurde es dir zum ersten Mal angeboten?

John Petrucci: Um ehrlich zu sein: Ich selbst habe Mesa/Boogie ständig darum gebeten, einen solchen Amp zu bauen. Ich kenne die Mitarbeiter seit vielen Jahren, habe immer Boogie gespielt, nie etwas anderes, und war in viele Promotion-Aktionen involviert. Vor einigen Jahren war ich dann selbstbewusst genug zu fragen: „Wann bauen wir eigentlich meinen Signature-Amp? Ich hätte gerne dies und das, jene Features, und so weiter.“ Normalerweise machen Mesa/Boogie so etwas nicht, nicht einmal für ihre langjährigen Endorser. Die einzige kleine Ausnahme war die Replik des Mark I von Carlos Santana, der explizit darum gebeten hatte, sodass Mesa/Boogie ein paar Hundert davon auf den Markt brachte. Aber einen reinrassigen Signature-Amp hat es bei dieser Firma bislang noch nicht gegeben.

John Petrucci_Signature-Amp (13)
(Bild: Matthias Mineur)

Du hast ihnen also quasi die Pistole auf die Brust gesetzt.

John Petrucci: Nein, ich habe sie einfach nur jahrelang damit genervt. (lacht) Wenn wir mit Dream Theater in Nordkalifornien spielten, fuhr ich hin und fragte: „Wann bauen wir das Teil?“ Eines Tages, als ich wieder einmal anfragte, lautete plötzlich die Antwort: „Okay, wir machen’s!“ Ich weiß nicht, ob ich sie überzeugt oder einfach nur bequatscht habe. (lacht) Aber als sie erst einmal eingewilligt hatten, waren alle mit absolutem Feuereifer bei der Sache. Alle standen bereit − Randall Smith, Doug West, Jim Aschow, das gesamte Team, alle sagten: „Okay, lasst es uns machen!“ Von diesem Punkt an entwickelte sich die Sache quasi von ganz allein.

Haben sie dir irgendwelche Bedingungen für die Zusammenarbeit genannt? Oder hast du ihnen deine Bedingungen diktiert?

John Petrucci: Weder noch. Wir waren uns einig und fingen sofort mit konkreten Planungen und technischen Detailfragen an. Randy fasste alle technischen Einzelheiten zusammen, ich fuhr zur Firma nach Petaluma in Nordkalifornien und testete ein paar Dinge. Ich nahm meinen Lieblings-C+ mit, damit man alles mit ihm vergleichen konnte. Alles lief Hand in Hand, was nicht besonders schwer war, weil wir uns untereinander so lange und so gut kennen.

Wie viele Prototypen gab es, bis ihr den perfekten Amp gefunden hattet?

John Petrucci: Es war großartig: Die ersten drei Prototypen kamen genau rechtzeitig, um mit ihnen das neue Album ,The Astonishing‘ aufzunehmen; es wurde also komplett mit meinem JP-2C eingespielt.

Worin unterscheiden sich die drei?

John Petrucci: Nicht so sehr im Sound, sondern lediglich bei einigen Features, die wir ausprobieren wollten. Das Tollste aber: Als alles in trockenen Tüchern war und sie mir das erste Serienmodell schickten, das ich in mein Bühnen-Rig für die aktuelle Tournee eingebaut habe, klang der Serien-Amp sogar noch besser als die drei Prototypen, was ich mir nur so erklären kann, dass bei den Prototypen das eine oder andere Einzelteil noch ausprobiert und ausgetauscht wurde, während das Serienmodell wirklich von allem nur das Beste bekommen hat. Es hat noch mehr Gain, klingt noch klarer, ich bin wirklich positiv überrascht.

Gehört zu den wichtigsten Kriterien eines Verstärkers, dass er im Studio wie auf der Bühne gleichermaßen gut klingen sollte? Oder muss man diese beiden Extreme unterscheiden?

John Petrucci: Nicht jeder gute Studio-Amp klingt automatisch auch auf der Bühne großartig, und umgekehrt. Dennoch gilt erst einmal grundsätzlich: Schließe einen Verstärker an eine 4x12er-Box an und gehe mit der Gitarre direkt in den Amp, ohne Effekte, ohne alles. Wenn er dann gut klingt, dann taugt er etwas. Wenn man erst mit ihm kämpfen muss, ist das halbe Rennen schon verloren. Ein guter Amp klingt von Natur aus warm, druckvoll, transparent, dynamisch. Und genau darauf achtete ich, als die Leute von Mesa/Boogie mir die Prototypen ins Studio schickten.

Wenn man dann gute Mikrofone, gute Gitarren und einen fähigen Toningenieur im Studio hat, sollte das Aufnehmen kein großes Problem sein. Für die Umsetzung meines Live-Sounds habe ich mich anschließend mit Maddi (Matthew Schieferstein, Petruccis Gitarrentechniker) zusammengesetzt, der für mein Rig verantwortlich ist. Aber da mein JP-2C relativ simpel aufgebaut ist, konnte man auch auf der Bühne kaum etwas falsch machen. Der einzige Unterschied sind die Mikrofone, die wir verwenden, aber das hängt damit zusammen, dass wir im Studio und auf Tour zwei verschiedene Tontechniker mit unterschiedlichen Geschmäckern haben.

Worin besteht denn der klangliche Unterschied zwischen deinem neuen Signature-Modell und deinen bisherigen C+-Custom-Versionen?

John Petrucci: Es gibt mehrere Unterschiede, fangen wir mit dem größten an: Mein Signature-Modell ist vielseitiger als der originale C+. Der C+ hat zwei Sounds, einen Clean- und einen Crunch/Lead-Sound, allerdings nur eine Klangregelung. Wenn man also seinen Sound auf Crunch/Lead eingestellt hat, gilt diese Einstellung auch für den Clean-Sound. Das ist nicht ganz unproblematisch, weil der Gain bei einem cleanen Sound natürlich möglichst gering sein sollte, bei einem Crunch/Lead-Sound dagegen deutlich größer. Wenn man also den perfekten Crunch-Sound eingestellt hat und zu Clean wechselt, dann geht man einen Kompromiss ein, den man eigentlich nicht will. Es sei denn, der Amp ist modifiziert. Der C+ besitzt auch nur einen Graphic-EQ, den sich die beiden Grund-Sounds teilen müssen. Mein neuer JP-2C dagegen hat drei völlig eigenständige Kanäle. Der cleane Sound steht für sich ganz allein und hat die komplette Klarheit und Transparenz, die man benötigt. Hinzu kommen gleich zwei eigenständige Lead-Kanäle, sodass man den einen beispielsweise perfekt auf Crunch und den anderen auf Lead einstellen kann, jeweils mit einem eigenen EQ. Deshalb ist mein neuer Amp natürlich weitaus vielseitiger und in den einzelnen Kanälen viel konkreter.

Um das gleiche Ergebnis wie mit meinem JP-2C zu erreichen bräuchte man drei C-+-Heads plus einen Amp-Switcher. Der zweite wesentliche Unterschied: Der C+ wurde über einen längeren Zeitraum in den 80ern entwickelt und gebaut, und daher gibt es Modelle mit unterschiedlichen Röhren und Trafos, die eben auch unterschiedlich klingen. Man muss schon sehr genau suchen, wenn man einen ganz bestimmten Sound haben möchte. Mein Signature-Amp dagegen ist nagelneu und mit modernsten Bestandteilen gebaut, er klingt daher immer wie der beste C+, den man sich vorstellen kann. Jeder JP-2C klingt gleichermaßen gut, darauf kann man sich blind verlassen. Man muss also nicht lange suchen, um das bestmöglich klingende Exemplar zu bekommen, immer in der Hoffnung, dass es genauso gut klingt wie das eines Freundes oder Kollegen. Bei jedem JP-2C bekommt man die gleichbleibend hohe Mesa/Boogie-Qualität.

Worin bestand für die Techniker die größte Herausforderung, um deinen Wünschen gerecht zu werden?

John Petrucci: Nun, es gab natürlich ein paar knifflige Aufgaben zu meistern. Eine bestand darin, alle meine Wünsche in einem kleinen Chassis unterzubringen, damit es in mein Rack passt. Für Randall stellte sich die Frage: Drei Kanäle mit jeweils sechs Knöpfen plus zwei Graphic-EQs, wie soll das alles da reinpassen? Und für Randall geht es auch um das Design des Amps: Wie sieht er optisch aus? Wie passt er zum jeweiligen Benutzer? Deswegen nahm er sich viel Zeit, um das bestmögliche Design zu entwerfen, ganz unabhängig vom Innenleben und dessen komplizierter Schaltung. Ich mag es auch, wenn bei einer Kanalumschaltung der Sound sofort da ist.

Bei vielen modernen Amps gibt es aber einen kurzen Mute-Moment, weil sie so viele verschiedene Features haben, sodass beim Umschalten der Sound für den Bruchteil einer Sekunde kurz unterbrochen ist. Diese Aussetzer sollten bei meinem Amp unbedingt vermieden werden. Außerdem hat er ein kleines Feature, das sich „Shred“ nennt und das bei Aktivierung in den höheren Frequenzbereichen etwas mehr Gain hinzufügt. Dieses Feature ist technisch sehr schwer zu kontrollieren. Man musste dafür sorgen, dass es keinerlei negative Auswirkungen auf die Effekt-Loops und die Abschirmung der Röhren hat. Solche Überlegungen waren riesige Herausforderungen für die Techniker, besonders für John Marshall. John sorgte dafür, dass alles perfekt funktioniert: die Effekt-Loop und die Shred-Funktion. Das alles hat einige Zeit gedauert.

Stand von Beginn an fest, dass es nur 100-Watt-Versionen geben wird?

John Petrucci: Im Prinzip ja. Aber Combos sind sicherlich irgendwann denkbar, ich kenne die aktuellen Planungen von Mesa/Boogie allerdings nicht so genau. Es wäre natürlich toll, wenn es irgendwann auch 2x12erCombos geben würde. Die 100-Watt-Version war deshalb gesetzt, weil ich – wie bereits gesagt – Mesa/Boogie meinen besten C+ als Vorlage gab, und das war halt die 100-Watt-Version.

Integrität und Loyalität

Wie stehst du eigentlich zu Zakk Wyldes Entscheidung, nicht nur Signature-Instrumente für andere Hersteller zu entwickeln, sondern jetzt sogar eine eigene Firma zu gründen? Wäre das auch ein Geschäftsmodell für dich?

John Petrucci: Zunächst einmal finde ich es toll, dass Zakk so etwas macht. Für mich wäre das allerdings nichts …

Das Risiko wäre dir zu groß?

John Petrucci: Natürlich ist so etwas immer auch mit einem gewissen Risiko verbunden, auch wenn ich nicht weiß, wie sein Deal genau aussieht. Noch wichtiger für mich aber ist: Alle Signature-Modelle, die ich bisher entwickelt habe, entstanden in enger Kooperation mit Leuten, die ich seit vielen Jahren kenne. Diese Menschen und ihre Firmen haben eine lange Tradition. Ich habe Instrumente dieser Firmen bereits gespielt, als an eigene Signature-Modelle nicht einmal im Traum zu denken war. Weil ich diese Instrumente liebe und weil sie auch zu einem Teil meiner Persönlichkeit geworden sind. Für mich ist dies ein wesentlicher Faktor. Meine Signature-Modelle sind nicht aus einer Laune heraus entstanden oder wurden mit irgendwelchen kurzlebigen Firmen realisiert.

Meine Instrumente stammen von echten Koryphäen wie Larry DiMarzio, Randall Smith, Stirling Ball, Jimmy Dunlop, tolle Typen, die Großartiges vollbracht haben und zu denen ich seit Jahren eine enge Beziehung pflege. Dieser Kontakt ist mir sehr wichtig, weil er auf Integrität und Loyalität basiert. Die Kunden wissen, dass sie ein tolles Instrument in höchster Qualität bekommen, wenn sie ein John-Petrucci-Signature-Modell kaufen, und dass mit diesem Instrument eine lange Historie und eine jahrelange Zusammenarbeit zwischen mir und der betreffenden Firma verbunden sind. Ich denke, dass all dieses für Kunden sehr wichtig ist.

Für dich käme eine Firma wie Wylde Audio also nicht in Frage?

John Petrucci: Nein, aber ich habe allergrößten Respekt vor dem, was Zakk da an den Start zu bringen versucht. Ich jedenfalls wünsche ihm aller erdenklich Gute bei seinem Vorhaben.

Danke, John, und wir wünschen Dir viel Erfolg mit deinem neuen Amp!

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hrmpf… John Petrucci sieht jetzt aus wie räuber Hotzenplotz :-D,
    Ob man ihm mal ein Buch schicken sollte ??

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: