Blues aus der Seele

Interview: Kirk Fletcher

Fragt man zeitgenössische Blues-Gitarristen nach den meistgeschätzten Kollegen ihrer Generation, fällt der Name Kirk Fletcher besonders häufig. Dem 41jährigen Amerikaner wird neben seiner tadellosen Fingertechnik vor allem ein herausragendes emotionales Ausdrucksvermögen attestiert, wo jeder Ton direkt aus seiner Seele zu kommen scheint. Bereits als junger Musiker tourte Fletcher mit BluesLegenden wie Hubert Sumlin oder Ronnie Earl, spielte danach mit Larry Carlton, Robben Ford oder Michael Landau, und besonders gerne und häufig mit seinem Freund Joe Bonamassa, der ihn nach Ablauf der gemeinsamen „Three Kings Tour“ als „einen der besten Blues-Gitarristen der Welt“ verbal adelte.

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Erstmals weltweit auf sich Aufmerksam machte Fletcher vor zehn Jahren als Mitglied der Fabulous Thunderbirds, wo er zusammen mit dem 2012 verstorbenen Gitarristen Nick Curran ein absolutes Traum-Duo bildete. Auch seine Verpflichtung für die Band von Italo-Popster Eros Ramazotti hat seine glänzende Reputation als vielgefragter Ausnahmemusiker noch weiter verstärkt.
Anfang April war Fletcher anlässlich eines Workshops mit Kollege und Freund Josh Smith im Guitar Point in Maintal zu Gast. Wir besuchten ihn dort und erfuhren einige spannende Einschätzungen über seine wahre Erfüllung als Musiker.

Kirk, seit wann spielst du Gitarre? Und wer hat dich als Kind dazu animiert?

Kirk Fletcher: Ich fing mit etwa acht Jahren an. Mein älterer Bruder zeigte es mir, er spielte bereits einige Jahre und trat regelmäßig in der Kirche meines Vaters auf. Dort schaute ich ihm immer zu, er war mein erster wichtiger Einfluss. Ich liebte die Art, wie er die Gitarre hielt, seinen Ton, seine gesamte Einstellung zum Instrument. Anschließend entdeckte ich die unterschiedlichsten Gitarristen, von Jimi Hendrix bis Eddie Van Halen, gleichzeitig mochte ich auch Leute wie Roy Ayers oder Steely Dan.

Hast du nie über ein anderes Instrument nachgedacht?

Kirk Fletcher: Nicht eine Sekunde. Ich liebte die Gitarre, noch bevor ich überhaupt einen Ton spielen konnte. Ich schaute mir die Bilder in den Gitarrenmagazinen an, bewunderte jeden Musiker, der Gitarre spielte, ihre Instrumente, einfach alles, was mit diesem Instrument zusammenhing.

Bist du, wie dein Bruder, ebenfalls in Kirchen aufgetreten?

Kirk Fletcher: Ja, auch ich habe von klein auf in Kirchen- und Gospel-Bands gespielt. Mit 15 fing ich dann an, in richtigen Gruppen zu spielen, zunächst vornehmlich Gospel, dann kamen die ersten Top-40-Bands, mit Songs aus den Sechzigern und Siebzigern, vor allem Funk, Soul und Blues.

Siehst du dich eher als typischen Stratocaster- oder als Les-Paul-Typ?

Kirk Fletcher: Das ändert sich immer mal wieder. Meine erste E-Gitarre war eine japanische Squier Stratocaster. Squier waren in den späten Achtzigern ziemlich angesagt und bauten damals wirklich hochwertige Instrumente. Später hatte ich dann eine Hamer-, anschließend eine PRS-Gitarre. Die meisten Instrumente verkaufte ich allerdings sofort wieder, wenn ich ein anderes Modell haben wollte. Ich besaß einige Kramer- und Aria-Gitarren, so ziemlich alles, was der Markt hergab. Die Suche endete erst, als ich meine Fender-Stevie-Ray-Vaughan-Strat bekam. Diese Gitarre begleitete mich während meiner gesamten High-School-Zeit.

Was waren die wichtigsten Lektionen deiner musikalischen Jugend?

Kirk Fletcher: Vor allem die Erkenntnis, welche Parts funktionieren und welche nicht. Ich weiß nicht, ob ich immer alle Parts absolut korrekt gespielt habe, aber ich konnte lernen, wie man darauf achtet, dass sie zum Rest des Songs und vor allem zum Gesang passen. Jeder Gitarren-Part muss dem Song, vor allem dem Gesang dienen und darf niemals zum reinen Selbstzweck werden. Das war eine wichtige Lektion, die ich in meinen jungen Jahren verstanden habe. Meinen eigenen Stil habe ich erst sehr viel später entwickelt, aber die grundlegende Bedeutung der Gitarre für den gesamten Song lernte ich in meiner Jugend.

Wie steht es bei dir mit Notenkenntnissen und Harmonielehre?

Kirk Fletcher: Meine musiktheoretischen Kenntnisse sind allenfalls rudimentär vorhanden. Ich weiß von allerhöchsten der Hälfte der Akkorde, die ich spiele, die Namen.

Welches waren die für dich prägendsten Jahren deiner bisherigen Laufbahn?

Kirk Fletcher: Als ich 19 war, fing ich an, in Clubs zu spielen. Eigentlich war ich dafür noch gar nicht alt genug, aber ich machte es trotzdem. Ich begleitete unterschiedliche Blues-Musiker, unter anderem die großartige Kris Wiley. Dann traf ich Jeff Rivera, den Gitarrentechniker von Robben Ford. Durch ihn lernte ich viele bekannte Musiker kennen, wurde zu Studio-Sessions eingeladen und konnte beobachten, wie andere Profimusiker arbeiten. Der Job bei Kris Wiley sorgte dafür, dass ich eine Menge über Blues und Improvisationen lernte. Ich schaute mir auch sehr viel von Chris Caine ab, ich sog alles auf, was mit Musik und vor allem mit Blues zu tun hatte. Ich traf Michael Landau, hinsichtlich seiner Berufsauffassung ebenfalls ein echtes Vorbild für mich.

Ab wann entwickelte sich dein Songwriting, so wie wir es heute kennen?

Kirk Fletcher: Das passierte Stück für Stück. Songwriting ist einerseits eine Frage von Erfahrung, andererseits aber mitunter auch eine natürliche Gabe, für die man jugendliche Naivität benötigt. Als junger Musiker akzeptiert man keinerlei Grenzen, man testet alles aus. Man versucht wie Muddy Waters zu klingen, gleichzeitig ein Riff im Stile Billy Gibbons von ZZ Top zu integrieren und dazu ein Solo von Eddie Van Halen einzubauen – alles auf einmal. (lacht) Man denkt gar nicht darüber nach, sondern macht einfach das, worauf man Lust hat. Wobei in meinem Fall irgendwie alles mit Blues zu tun haben musste. Ich versuchte immer schon, jedem Song etwas Bluesiges abzugewinnen, etwas Gefühlvolles. Für mich sind Blues und Gospel unmittelbar miteinander verwandt. Und je älter ich werde, um so stärker entwickelt sich meine Liebe dazu.

Du komponierst angeblich nicht so gerne?

Kirk Fletcher: Oh doch. Es ist einfach nur nicht mein Hauptanliegen.

Und was ist dein Hauptanliegen?

Kirk Fletcher: Für mich ist die Kommunikation auf der Bühne das absolut Größte. Wenn alles ineinandergreift und man die Welt um sich herum vergisst, dann bin ich in meinem Element. Es gibt nichts Großartigeres, außer vielleicht die Liebe zu seinem eigenen Kind. Manche Leute kommen zu mir und sagen: „He Kirk, du musst mehr an dich selbst denken und daran, was du mit deinem Instrument ausdrücken willst.“ Aber für mich ist die Kameradschaft und die Freundschaft auf der Bühne etwas Spirituelles. Das ist es, wonach ich mein gesamtes musikalisches Leben stets ausgerichtet habe.

Kommen solche Momente der absoluten Glückseligkeit häufig bei dir vor?

Außer wenn man mit irgendwelchen total verrückten Freaks spielt, erlebt man solche Situationen drei bis vier Mal pro Konzert. Normalerweise entdecke ich jeden Abend etwas, woraus ich meine Erfüllung ziehe und was mir dieses unbeschreibliche Glücksgefühl beschert. Und je freier ein Konzert angelegt ist, umso leichter fällt es mir, glücklich zu sein. Wenn etwas allzu stringent vorgegeben wird, ist es für mich schwieriger, wirklich den spirituellen Moment zu finden. Mir ist es auch egal, wenn man mal einen Fehler macht, denn es gehört zur Magie eines Konzertes dazu, dass man nicht fehlerfrei spielt, sondern dem folgt, was einem das Herz sagt, auch wenn dies hier und da mal daneben geht. (lacht)

Welche Seiten des Musikerlebens magst du weniger?

Weißt du: Jahrelang fand ich es toll, so viel in der Welt herumzureisen. Aber vor einigen Jahren habe ich mich neu verliebt. Man weiß dann seinen festen Anlaufpunkt, sein Zuhause noch viel mehr zu schätzen. Insofern ist es mitunter schwierig, das Musikerleben mit all seinen Schattenseiten zu akzeptieren. Man muss versuchen, eine ausgewogene Balance zu finden. Mir hilft es, wenn ich mich daran erinnere, woher ich komme und wie alles anfing. Wie ich als 19-Jähriger nur einen Wunsch hatte, nämlich von der Musik leben zu können. Die Erinnerung daran hilft mir dabei, die negativen Seiten des Jobs zu akzeptieren.

Etwas ganz Ähnliches hat mir auch Joe Bonamassa erzählt. Er ist sozusagen dein Lieblingskollege, oder?

Oh ja, absolut, Joe ist einer meiner engsten Freunde. Genauso wie Josh Smith verbindet mich mit ihm weit mehr als nur die Liebe zum Blues. Auch wenn seine Karriere völlig anders verläuft als meine, so haben wir doch eine vergleichbare Geschichte. Auch er liebt Gitarren über alles, hat sämtliche verfügbaren Musikermagazine geradezu verschlungen, kennt sich glänzend mit Equipment aus. Außerdem ist er erfolgreich und bodenständig zugleich, man kann ihn nur bewundern. Joe ist ein echter Freund. Ich lebe seit vergangenem September in der Schweiz und habe ihn deshalb seither nicht allzu häufig getroffen. Aber wir stehen in ständigem Kontakt und werden garantiert in absehbarer Zeit mal wieder etwas gemeinsam machen.

Letzte Frage. Was steht bei dir in diesem Jahr an?

Ich toure unter eigenem Namen in Südamerika, Australien und Japan, in Japan übrigens zusammen mit Josh Smith und John Scofield. Das wird garantiert ein Mordsspaß.

Und dein neues Album?

Ich weiß, weshalb du das fragst, aber diesmal meine ich es ernst: Ich werde es in diesem Jahr fertigstellen! Versprochen! Das habe ich zwar schon öfters behauptet, aber diesmal wird es funktionieren. Drei oder vier Songs sind bereits im Kasten, und demnächst geht es zurück ins Studio

 

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