Zum Tod des amerikanischen Sängers und Gitarristen

Ein Nachruf auf Tom Petty

Tom Petty starb am 02. Oktober im Alter von 66 Jahren an einem Herzstillstand. Unser Autor Niki Kamila beschäftigte sich ausführlich mit Tom’s Biographie. Im Artikel erfahrt ihr alles über das Leben und die musikalische Entwicklung des amerikanischen Sängers und Gitarristen.

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Ein schlaksiger Mann mit blonden Haaren, der nicht nur in seiner Heimat als sympathischer Songwriter gilt, als Mensch, der sein Herz auf der Zunge trägt, dem große Glaubwürdigkeit attestiert wird und von dem man ohne Vorbehalte einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Vor allem aber genießt er Respekt weil er seinen Traum, den Amerikanischen Traum, gelebt hat. Der beginnt in der kleinen Universitätsstadt Gainesville in Florida.

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(Bild: Warner)

Dort wird Thomas Earl Petty am 20. Oktober 1950 geboren und wächst in einer der typischen weißen Mittelstandsfamilien auf. Die Kids der Nachbarschaft spielen in den Vorgärten Baseball, nur Tom hockt vor dem heimischen Plattenspieler und lauscht hypnotisiert den Songs des „Rock & Roll Cowboy“, der gerade dabei ist, die Herzen der Jugend im Sturm zu erobern: Elvis Presley. „Ich hab seine Platten so oft hintereinander gespielt, dass meine Eltern begannen, sich Sorgen zu machen“, sagt Petty heute rückblickend.

Mit 13 gibt ihm dann eine britische Pop-Kapelle den Rest. Die Beatles aus Liverpool haben ihren (heute legendären) Auftritt bei TV-Showmaster Ed Sullivan und erobern Amerika – inklusive dem Wohnzimmer der Pettys. „Ich sah sie spielen und wusste sofort: Genau das will ich machen!“ Für den strengen Vater, einen Versicherungsvertreter, hat Petty später nicht all zu viel Lob übrig. Er wird es seinen Dad jedoch nie vergessen, dass er ihm eine elektrische Gitarre schenkte. „Because I won’t shut up!“ liefert Petty den Grund hinterher.

Tom rekrutiert seine erste Band aus Schulfreunden. Jeder, der ein Instrument hat, ist willkommen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Muddy Waters, Chuck Berry, Elvis Presley und natürlich die Beatles. „Wir gingen zu mir nach Hause, stöpselten uns alle in einen Amp und es öffnete sich der Himmel für mich!“ blickt Petty zurück. „We‘re doing it! We‘re making music!“

Wir schreiben das Jahr 1968. Aus der unbeholfenen Hobby-Band Sundowners ist die ambitionierte Hobby-Band Epic geworden, die das erste Mal auf einem Schulfest spielt. Genau drei Songs. Mit Erfolg. Deshalb spielen Epic die gleichen drei Songs noch einmal. Die Teenager schaffen sich daraufhin ein Repertoire an Cover-Nummern drauf, spielen in Bars und bekommen erste, kleine Gagen. „Meine Mutter dachte ich stehle, als sie das Geld entdeckte. Sie dachte ich sei auf der schiefen Bahn angekommen“, erinnert sich Petty.

Die Band hat sich inzwischen in Mudcrutch umbenannt, „weil das so schön dreckig klingt und die spießigen Erwachsenen abhalten würde“, findet Petty, der damals noch den Bass bedient. Er lernt Gitarrist Mike Campbell kennen, der „eine billige japanische Gitarre anschleppte und damit ziemlich uncool wirkte.“ Aber als der ‚Johnny B. Goode‘ anspielt, klappt Petty die Kinnlade runter: „Du bist in der Band, Mann!“ Darauf Campbell: „Ich weiß nicht so recht …“ Petty: „Aber ich weiß es!“

Mudcrutch bekommen ein Engagement im Dubs Club in Gainesville, einer Bar mit Live-Music. Was die Band beim ersten Gig nicht weiß: Der Laden ist nicht nur Live-Club, sondern auch eine Strip Bar. Wärend die Jungs loslegen, erscheint eine Riege junger Damen am Bühnenrand und beginnt sich zu entkleiden. „Wir wurden augenblicklich rot und schauten beim Spielen verschämt auf den Boden“, erinnert sich Keyboarder Benmont Tench. Immerhin gibt es dafür 100 Dollar Schmerzensgeld pro Show. Nur Petty weiß bereits: „Das hier beginnt mir allmählich richtig Spaß zu machen.“

der deal

1973 nehmen Mudcrutch ein erstes Demo-Band auf. Die restlichen ersparten Dollars legt die Band für Benzingeld zusammen, damit Band-Boss Petty mit dem Auto quer durch die USA nach Los Angeles fahren kann, um einen Plattendeal klarzumachen. Seine erste Anlaufstelle ist Playboy Records, wo ihm der zuständige Musik-Manager nach nur 30 Sekunden unmissverständlich zu verstehen gibt, er habe genug gehört und Petty solle sich verziehen. Es folgen Capitol Records, MGM, London Records – und jeweils weitere Absagen.

Petty telefoniert desillusioniert nach Hause, findet jedoch in der Telefonzelle einen zerknüllten Zettel mit Telefonnummern – von lauter Plattenfirmen! „Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Einerseits war ich glücklich über all diese Telefonnummern. Aber andererseits: Mann, wie viele Leute versuchen eigentlich hier ihr Glück?“ Viele. Und viele davon vergeblich. Für Tom Petty ist es jedoch ein Wink des Schicksals. Er trifft sich mit Denny Cordell von Shelter Records der von den Songs begeistert ist und ein Album mit den Newcomern wagen will.

1975 erscheint die Single ‚Depot Street‘. Die Band glüht vor Enthusiasmus. Doch bereits kurz darauf eröffnet das Label seinen Newcomern, dass man eigentlich nur an Petty interessiert sei. An der Band nicht. Die Familie droht zu zerbrechen. Petty beharrt jedoch darauf nicht als Solist Musik machen zu wollen. Er strebt einen Kompromiss an: Die Band trägt seinen Namen funktioniert aber wohl gemerkt als Band – seine Band. Als Namensvorschläge kursieren Tom Petty & Nighttruck, Tom Petty & The King Bees und schließlich Tom Petty & The Heartbreakers. Bingo.

Dazu gibt‘s passend das bis heute gültige Tattoo-Logo mit Herz und Flying-V-Gitarre. Zu den Herzensbrechern gehören Pettys Mudcrutch-Sidemen Keyboarder Benmont Tench und Gitarrist Mike Campbell, neu hinzu kommen Schlagzeuger Stan Lynch und Bassist Ron Blair. „Diese Band kann einfach alles spielen“, jubelt Petty. „Ich gebe ihr eine Idee und sie macht etwas besseres draus, als ich es je könnte“, sagt er zur Single ‚American Girl‘, die klingt wie ein verschollener Song der Byrds. Interessanterweise wird Roger McGuinn die Nummer später covern.

Ende 1975 erscheint Pettys Debüt-Album, das allerdings nur 6500 Stück verkauft. Doch mit fleißigem Touren bis nach Großbritannien, wo der Melody Maker ihm eine Titelgeschichte widmet („More Than A Petty Face“) erreichen die Newcomer Ende 1977 mit ihrem nächsten Album ‚You‘re Gonna Get It‘ bereits Platz 40 der US-Charts.

Petty gelingt der clevere Spagat den amerikanischen Westcoast-Sound mit britischem Gitarren-Pop zu verbinden. Mehr und mehr Anhänger aus beiden Lagern und Kontinenten entdecken die aufstrebende Band. ‚You‘re Gonna Get It“ erlangt Goldstatus. Dennoch meldet Petty Insolvenz an. Ein geschickter Schachzug, um einen neuen, aus seiner Sicht faireren Plattenvertrag auszuhandeln.

fliegen lernen

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(Bild: Warner)

Mit ‚Damn The Torpedos‘ gelingt Petty 1979 der kommerzielle und künstlerische Durchbruch. Er wird zum Zugpferd seines neuen Labels MCA und bestimmt daraufhin gleich mal, dass das folgende Album ‚Hard Promises‘ (das auf Platz 3 der US-Charts landen wird) vom Label nicht teurer in die Läden gestellt werden darf, als zum Preis des Vorgängers. Der Mann denkt an seine Fans.

Tom Petty & The Heartbreakers werden rasant erfolgreicher, und haben einen randvollen Terminkalender. Sie supporten Stevie Nicks’ ‚Stop Draggin’ My Heart Around‘, nebenbei produziert Petty ein Album für Sänger Dale Shannon und ersetzt nebenbei den abwanderungswilligen Ron Blair auch gleich durch Shannons Bassist Howard Epstein, der seine ersten Noten 1982 auf ‚Long After Dark‘ spielt. Nach rund zehn Jahren on the road verabschiedet sich Petty mit diesem Goldalbum und dem Hit ‚You Got Lucky‘ in eine verdiente, dreijährige Pause.

1985 läutet Tom Petty mit ,Southern Accents‘ die Rückkehr ein. Selten zuvor klang der Heartbreakers-Sound so voll, elektrisch, straff und entschlossen. Die Band geht mit viel Energie auf Tour, was sie im Jahr darauf mit ‚Pack Up The Plantation – Live‘ dokumentiert. Sie klingt gefestigt und gereift, exzellente Cover-Versionen von ‚So You Want To Be A Rock & Roll Star‘ von den Byrds und ‚Needles And Pins‘ von den Searchers zeigen die Klasse der Herzensbrecher.

Kommerziell ist Petty inzwischen in der Platinliga angekommen. Doch die Euphorie ist angesichts des anstrengenden Tourens schnell wieder verflogen. Das Folgewerk von 1987, ‚Let Me Up – I‘ve Had Enough‘ wirkt für viele fast wie ein Hilfeschrei. Und tatsächlich: Petty verlautbart länger zu pausieren. Doch es kommt natürlich ganz anders …

gebrüder wilbury

An dieser Stelle steht Petty einmal mehr das Glück zur Seite. Es braucht nicht viel Überredungskunst, um ihm den Job als Backing-Band für sein Idol Bob Dylan schmackhaft zu machen. Tom sagt natürlich nicht nein. Als Support fungiert sogar ein weiterer Star: Der ebenfalls von Dylan hoch geschätzte Roger McGuinn. Im September tritt dieser US-Rock-Zirkus vor 100.000 Fans in Deutschland, genauer gesagt in Ost-Berlin, auf.

Die Musiker freunden sich an, es entsteht ein enger Zirkel, dem schnell auch Roy Orbison, George Harrison, und Jeff Lynne angehören. Daraus entsteht die Idee eines gemeinsamen Projekts. Petty berichtet dem Journalisten Harold McWonderlea über die Entstehung der Wilburys: „Es fing damit an, dass ich Jeff und George in London traf, als wir eine Woche lang mit der Dylan-Show in der Stadt waren. George und Bob waren schon lange befreundet und so kam es, dass wir oft zusammensaßen, spät nachts Witze gerissen haben und es entstand eine wirklich herzliche Atmosphäre.

Eines Abends trafen Jeff und ich George in einem Restaurant. Ich lud beide ein und wieder hingen wir herum und klampften vor uns hin, wie das eben so ist. Während Jeff und ich an den ersten Tracks für mein Album arbeiteten, hatte Jeff gleichzeitig auch Kontakt mit Roy Orbison aufgenommen, denn er wollte ihn dazu überreden, mal wieder etwas aufzunehmen. Roy kam dann nach L.A. und Jeff, Roy und ich beginnen gerade ein paar Songs zusammen zu schreiben, als George mit der Schlüsselidee herausrückt und sagt: ‚Jungs, ich muss diese Single machen und dafür brauche ich einen Song!‘

Am nächsten Tag holten mich die Burschen ab und wir fuhren zu Dylans Haus, wo er ein Studio hat. Auf einmal interessierte sich auch Bob für die Sache und so kam es, dass wir alle gemeinsam diesen Song schrieben in dem wir mit akustischen Gitarren in Bobs Garten saßen. Als der Song aufgenommen war, merkten wir schnell, dass es doch etwas mehr war, als nur eine George-Harrison-Single. Irgendwie fanden wir das alle gut, denn es hatte tierisch Spaß gemacht diesen Titel gemeinsam zu produzieren. So wurden wir quasi über Nacht zu den Traveling Wilburys.“

Der auslösende Song war übrigens ‚Handle With Care‘, dessen Titel sich perfekt in die Riege der oft banal begründeten Song-Namen einreiht: Er ist benannt nach einem Aufdruck eines Kartons in Dylans Garage. Gelüftete Geheimnisse können ja so ernüchternd sein. In nur zehn Tagen entsteht das Traveling-Wilburys-Album ‚Vol. 1‘, für das die Musiker auf Bitte ihrer jeweiligen Plattenfirmen (die das Projekt natürlich grundsätzlich gutheißen) unter Pseudonym agieren.

So ist Tom Petty Charlie T. Jr. Wilbury (beim zweiten Album Muddy Wilbury), Jeff Lynne ist Otis Wilbury (später Clayton Wilbury), Roy Orbison ist Lefty Wilbury, George Harrison ist Nelson Wilbury (später Spike Wilbury) und Bob Dylan ist Lucky Wilbury (später Boo Wilbury). Für die Sessions kommen noch die Herzensbrecher Mike Campbell und Howie Epstein, sowie die Schlagzeuger Phil Jones und Jim Keltner hinzu.

Das Debüt der neuen Supergroup erreicht Platz 3 der US-Charts, wird mit einem Grammy als Best Rock Performance dekoriert und später vom Rolling-Stone-Magazin als eines der 100 besten Alben aller Zeiten gerühmt. Kurz nach Veröffentlichung verstirbt Roy Orbison. Das verbliebene Quartett legt im Oktober 1990 das Folgealbum ‚Vol. 3‘ nach, widmet es seinem Freund und Kollegen.

Um den Albumtitel ranken sich mehrere Gerüchte: Zum einen ein bloßer Scherz von Lynne: „Es gab so hohe Erwartungen an Teil 2, dass wir gleich zu Teil 3 übergingen.“ Zweitens als Reaktion auf ein zwischenzeitlich erschienenes Bootleg-Album mit Demos, das unter dem Titel ‚Vol. 2‘ erscheint. Und letztlich der Respekt vor Orbison, da man die Studioaufnahmen mit ihm nicht veröffentlichen will. Beide Traveling-Wilburys-Vinyl-Alben sind inzwischen vergriffen und haben sich zu gefragten Liebhaberstücken unter Sammlern entwickelt.

solo & siedepunkt

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(Bild: Warner)

Petty wird für seine Arbeit mit den Wilburys 1989 mit einem Grammy ausgezeichnet. Parallel meinen nicht wenige Fans, sein gerade erschienenes Solodebüt ‚Full Moon Fever‘ könne man getrost als ‚Vol 2‘ der Wilburys betrachten, da bis auf Dylan (und Orbison natürlich) alle Kollegen als Gäste vertreten sind. Petty dagegen erklärt zum Album lapidar: „Wenn der Mond voller wird, tendiere ich dazu, seltsame Sachen zu machen. Wenn ich nicht genau weiß, warum ich etwas mache, ist meistens der Mond dran Schuld.“ Ach so.

Und angesprochen auf den Unterschied zu den Songs seiner Heartbreakers ergänzt er: „Nun, im Grunde muss ich hier zuerst Jeff erwähnen, denn wir benutzten eine Menge seiner kleinen, aber speziellen Tricks, die ich vorher auch noch nicht kannte. Er ist wirklich ein brillanter Studiomusiker. So haben wir alle Songs auf akustischen Gitarren komponiert, wobei ich meist 12-saitige Gitarre spielte. Allein der Sound von uns beiden auf akustischen Gitarren – das war es! Wir wollten die Stücke eigentlich arrangieren, aber im Endeffekt haben wir die Basic-Tracks dann genauso aufgenommen, nur mit akustischen Gitarren und Schlagzeug. Manchmal doppelten wir die akustischen Gitarren sechs bis zehn Mal, aber es klang wie eine Gitarre. Das fand ich wirklich clever. So etwas hätten die Heartbreakers nie gemacht. Früher haben wir alles so gut wie live eingespielt. Sogar mit Gesang.“

‚Full Moon Fever‘ überzeugt durch seine Natürlichkeit, hält aber durch die detailreiche Produktion eine Menge Überraschungen für die Fans bereit und wächst mit mehrmaligem Hören. Songs wie ‚Free Fallin‘ oder ‚I Won‘t Back Down‘ sind beste Beispiele für eine unaufgeregte, lässige Produktion. Zum Songwriting sagt Petty gegenüber dem Fachblatt Musik Magazin: „Normalerweise nehme ich mir die Gitarre oder setze mich ans Klavier. Da gibt’s keinen allgemeingültigen Weg. Manchmal habe ich ein gewisses Melodiefragment im Kopf. Aber meistens ist es die Gitarre, die mich inspiriert.“

Drei Millionen Käufer sprechen für sich. Das Nachfolgealbum ,Into The Great Wide Open‘, erneut unter eigenem Namen veröffentlicht, aber dennoch mit seinen Heartbreakers eingespielt, wird von vielen Fans angesichts großartiger Singles wie ‚Learning To Fly‘ und dem Titelstück zu einem Höhepunkt des Jahres 1991.

Petty ist inzwischen 37 und auf dem Zenit des Erfolges. Er ist geschätzt, beliebt, respektiert. Selbst bei der jungen Grunge-Generation: So sagt Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder über ihn: „Wenn du einen neuen Tom-Petty-Song hörst, denkst du sofort, das ist ein Klassiker.“ Ex-Nirvana-Trommler Dave Grohl: „Ich hatte schon immer den Eindruck, der Mann ist eine Institution.“

Eigentlich wollte die Institution nur ein paar Bonus-Tracks für ein Best-Of-Album aufnehmen, doch die Sessions entwickeln sich derart gut, dass sich Petty entschließt, die Proben voran zu treiben. „Hier entsteht ein neues Album“, hat er im Gefühl. „Ein paar Wochen, bevor wir ins Studio gingen hatte ich mit dem Schreiben angefangen. Dann nahmen wir zunächst zwei Songs auf. Ein paar schrieb ich allein, ein paar mit Jeff. Dann brachte Mike noch ein paar Basic-Tracks dazu die Jeff und ich zu Ende brachten. Wir arbeiteten immer einen Song aus, gingen ins Studio und nahmen ihn auf“, berichtet Petty.

Das Ergebnis beschert ihm einen Album-Klassiker der MTV-Generation. Auf die Frage, warum er sich in Deutschland so rar mache, antwortet Petty wahrheitsgemäß, er sei mit Geld gezwungen worden: „Was sollte ich machen? Nach einer sehr erfolgreichen US-Tournee hat man mir dort enorme Summen für eine zweite Runde geboten. Stattdessen hätte ich natürlich auch nach Deutschland gehen und vor 2000 Leuten spielen können. Aber da hätte ich Minus gemacht. Die Leute fragen mich immer: ‚Warum spielst du nicht bei uns?‘ Ganz einfach: Weil ihr mich nicht mögt. Kauft ein paar hunderttausend Platten und ich komme, Baby!“ (lacht)

Zum neuen Album ‚Wildflowers‘ gleicht Petty optisch Bruce Springsteen fast wie ein Bruder: Ausgewaschene Jeans, Boots, T-Shirt und Karohemd, eine blonde Tele an der Hüfte. Michael Fuchs-Gamböck schreibt damals im WOM Journal: „Wem Bob-Dylan-Songs auf Dauer zu monoton und Bruce-Springsteen-Lieder zu hemdsärmelig daherkommen, der hat seit 20 Jahren einen Joker im Ärmel: Tom Petty aus Florida: Petty näselt nicht weniger ergreifend und verfügt über ebenso einprägsame Melodien wie Springsteen.“

Der Mann aus Florida verbindet die Gitarren-Sounds der Byrds mit dem erdigen Rock ‘n‘ Roll der Rolling Stones. Und bleibt damit in der Erfolgsspur: Denn jedes seiner zehn Studio-Alben ist bislang erfolgreicher als der Vorgänger. Die Karrierekurve weist noch immer nach oben. Seine neuen „Wildblumen“ blühen trefflich. Allerdings wirkt Petty zum ersten Mal in Songs wie ‚You Don’t Know How It Feels‘ oder ‚You Wreck Me‘ nachdenklich, melancholisch, resigniert.

„Diesmal sind mir wirklich nur traurige Songs eingefallen“, sagt er. „Das will aber nichts heißen, weil viele Lieder nie all zu viel mit mir zu tun hatten. Ich bin keiner aus der Riege der autobiographischen Selbstzerfleischer. Jedenfalls darf man aufgrund meiner Alben keine großen Rückschlüsse auf mich ziehen.“ Auffällig ist die Natürlichkeit der Produktion, für die Petty erstmals die Dienste des kultigen Rauschebarts Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers, Neil Diamond) in Anspruch nimmt. „Rubin“, so Petty, „mag jede Form von Musik in der Engagement und Leidenschaft stecken, An diesem Punkt treffen wir uns. Und er steckt voller kindlichem Enthusiasmus. Der hat ‚Wildflowers‘ ungemein geprägt.“ Und wieder setzt es einen Grammy.

Später wird Petty mit Rubin zu Johnny Cash für die legendären American Recordings arbeiten, worauf Cash wiederum eine Version von Pettys ‚Southern Accents‘ und ‚I Won’t Back Down‘ aufnimmt. Amerika: Deine Helden, deine Recordings.

rhythm & rickies

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(Bild: Warner)

Petty kennt man mit vielen Gitarren-Modellen vor dem Bauch. Am ehesten jedoch sicherlich mit seinen Rickenbackers. „Ich spiele sie seit meinem 16. Lebensjahr“, sagt er im Fachblatt-Interview. „Dementsprechend habe ich eine ganze Menge Exemplare. Aber es sind die alten Modelle, die ich am meisten mag. Wenn du mich nach meiner Lieblingsgitarre fragst, dann muss ich sagen, dass es meine 12-saitige ist. Das ist eine Semi-Hollow-Body aus den Sechzigern.

Auf vielen Fotos bin ich mit der roten Solidbody zu sehen, aber das ist nicht die Gitarre, die ich am meisten spiele. Rickenbacker wollen diese Gitarre als Tom-Petty-Modell herausbringen (inzwischen mit der Signature 660/12TP realisiert), was für mich ehrlich gesagt etwas komisch ist, denn ich ziehe das Roger-McGuinn-Modell (Rickenbacker 370 FG) wirklich vor.

Jedenfalls besitze ich eine ganze Reihe Rickenbacker-Gitarren. Für die Studioarbeit ziehe ich oft meine Doppelhalsgitarre (Rickenbacker 362 FG) vor. Der obere Hals ist 12-saitig, der untere 6-saitig. Ein tolles Instrument, aber leider viel zu schwer, um live damit zu spielen. Es ist ebenfalls eine Semiakustik, aber durch den riesengroßen Korpus hat sie einen vollen und satten Ton.

Die Zusammenarbeit mit Rickenbacker ist sehr gut. Sie haben mir diese Solidbody gebaut, mit der man auch Solo spielen kann, denn dafür sind die normalen Modelle ja nicht so geeignet, eher für Rhythmussachen und Akkorde. Jedenfalls hat die Gitarre, die übrigens auf dem Cover des Albums (‚Full Moon Fever‘) abgebildet ist, einen etwas breiteren Hals und sie ist recht gut – aber auch ziemlich schwer.“

Später wird er zum Thema noch hinzufügen: „Ich bin ein ziemlich guter Rhythmusgitarrist. Das ist ja eine aussterbende Rasse. Mike (Campbell) hat mich immer ermutigt, er ist mein Lehrer und mein Guru. Es gibt nichts, was er nicht kann. Er ist der beste Gitarrist den ich kenne.“ Das freundschaftliche Verhältnis ist verständlich. Im Laufe der Jahre verbindet die Beiden ein blindes Verständnis bei der Arbeit im Studio wie Petty weiter berichtet. „Wir sind in der Lage Songs aus dem Stehgreif zusammenzubringen. Ich weiß nicht, ob das sonst irgend jemand schafft.

‚Swingin‘ (vom Album ‚Echo‘) ist so entstanden. „Wir haben das Band danach noch mal abgehört und gedacht: Haben wir das wirklich gespielt? Ist das ein Song von jemand anderem? Wo würde ich jemand wie Mike Campbell finden? Ich wäre ohne ihn total aufgeschmissen.“ Vielleicht hat Petty ihn als Dankeschön den Song ‚I Don‘t Wanna Fight‘ singen lassen. Zurück zum Instrumentarium.

Auch die Marke Fender ist bei Petty bevorzugt mit blonden Telecasters durch die Jahre hinweg regelmäßig vertreten. „Ich besitze eine Menge Gitarren“, sagt er später. „Mike und ich haben ein ganzes Warenlager voll. Wir sind förmlich verrückt nach Instrumenten. Es ist heute (1989) nicht mehr so leicht an gute, Originale ranzukommen. Ich mag vor allem die Pre-CBS-Modelle mit Rosewood-Griffbrett. Mike und ich sammeln Gitarren aus den 50er- und 60er Jahren. Wenn wir einen Tag frei haben, gehen wir in jeden Second-Hand-Shop. Wir lesen die Kleinanzeigen, um nach alten Instrumenten zu suchen, von Rickenbacker zu Gretsch, von Fender zu Yamaha. Einfach Alle!“

Petty ist sicher das perfekte Synonym für einen natürlichen, luftigen, ungekünstelten Rhythmus-Sound, der einerseits von der Transparenz seiner 6-String-, andererseits von der flirrenden Fülle seiner 12-saitigen Gitarren geprägt ist. „Effektpedale benutze ich gar nicht, weil bei den Dingern die Batterien immer leer sind“, sagt er. „Nick Lowe kam mal auf die Bühne, lugte in meinen Amp (einen Vox AC-30) und fragte: Wo ist die Kiste? Wo hast du deine Effekte? Ich sagte nur: Da ist gar nichts. Nur die Gitarre und ein Kabel! Es ist die Art wie man spielt, wie man anschlägt. Roger McGuinn verwendet einen Kompressor, das ist eine Sache die ich ganz gut finde, denn in der McGuinn-Gitarre ist er direkt eingebaut. Vielleicht werde ich das demnächst mal ausprobieren. Bisher habe ich live noch nie einen Kompressor benutzt, wohl aber bei Studioaufnahmen.“

So gibt es unzählige Fotos von Petty die ihn mit ebenso vielen Gitarrentypen zeigen, mit Strats und Teles, diversen Rickenbackers natürlich, mit Vox-Teardrop-Gitarren, Gibson Firebirds, Gretsch-Modellen und Danelectros. Auf der Frankfurter Musik Messe sind Ende der 80er Jahre am Stand von Fred Gretsch dann sogar „Wilbury Guitars“ zu bestaunen.

„Ich habe eine alte Danelectro-Gitarre“, berichtet Petty. „George Harrison war bei mir zu Hause, spielte auf ihr herum und sagte: ‚Mensch, das Ding ist ja super!‘ Ich meinte: Ja, und das Gute daran ist, dass es nur 100 Dollar gekostet hat. Ein wirklich hässliches Teil, aber mit einem interessanten Sound. Nach und nach kamen wir auf den Gedanken selbst eine Gitarre zu entwerfen. Sie sollte relativ preiswert sein, sodass sich Jedermann auf der Straße ein solches Instrument zulegen konnte. Jeff kam dazu und wir setzen uns hin, machten Zeichnungen und riefen dann Fred Gretsch an, den George gut kennt. Er flog ein und wir erzählten ihm von unseren Ideen. Ich nahm meine Danelectro von der Wand und gab sie ihm.

Im Grunde basieren die Wilbury-Gitarren auf der Danelectro, obwohl sie völlig anders gestaltet sind. Es gibt vier verschiedene Modelle, darunter eine Dreiviertel-Version, dann die großen mit entweder einem oder zwei Pickups, sowie mit einem Floyd-Rose-Vibrato. Die Hauptidee war eine hübsche Gitarre mit guten Pickups anzubieten, die nicht viel kostet. Sie kommt im Pappkarton mit Wilbury-Aufdruck.“

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(Bild: Warner)

1996 lässt es Petty wieder mal ruhig angehen und verbringt einen Teil des Jahres damit den Soundtrack zum Kinofilm ‚She‘s The One‘ zu schreiben. Erst drei Jahre später erscheint sein nächstes Studiowerk ‚Echo‘, erneut von Rick Rubin produziert, dem Petty im Fachmagazin Musiker-Szene eine „Seelenverwandtschaft“ attestiert.

„Rick ist gut für mich weil er ein brutal ehrlicher Mensch ist. Ich muss bei ihm hart arbeiten. Wenn ich auf mich selbst gestellt bin, trickse ich immer ein wenig. Rick sagt dann: Das ist schon OK, aber versuch’s noch mal. Vielleicht kannst du es ja noch besser machen. Er ist derjenige, mit dem ich alles bespreche. Ich bin sehr glücklich ihn zu haben.“

Das Album promotet Petty mit Club-Shows – auch in Deutschland. Da spielt also der Mann, der in seiner Heimat Stadien füllt, im vergleichsweise übersichtlichen Club Hamburger Docks vor ein paar Hundert treuen Fans. Sein Equipment: Ein gutes Dutzend Gitarren, als Hauptinstrumente eine Gibson Firebird und eine blonde Tele die er durch einen 63er Fender Bassmann und einen Vox AC-30 schickt.

Auf seinem Effekt-Board (also doch!) befinden sich ein Tube Screamer, ein Boss Reverb, ein Vox Wah und ein Tremolator. Der Vollständigkeit halber hier das Setup von Mike Campbell: Eine Gibson ES-335, eine blonde Tele und eine Fender Jazzmaster als Hauptinstrumente über zwei Vox AC-30, einen Fender Bassmann und einen Blackface Fender Princeton Reverb.

das spätwerk

2002 erscheint ‚The Last DJ‘, dessen Titelstück als Attacke gegen das amerikanische Format-Radio aufgefasst wird und für kontroverse Diskussionen sorgt. Der Song ‚Like A Diamond‘ dagegen klingt nach den Beatles und – so munkelt man – sei seinem inzwischen verstorbenen Freund George Harrison gewidmet. Da lässt sich gut nachvollziehen, dass Petty im November 2002, ein Jahr nach dem Tod Harrisons, in der Londoner Royal Albert Hall am Gedenkkonzert für den ehemaligen Weggefährten teilnimmt.

Eine eher heitere Randnotiz der Pop-Geschichte dürfte dagegen sein Gastauftritt in einer Folge der TV-Familie Simpsons sein, für die er seine Zeichentrickfigur selbst synchronisiert. Doch der jugendliche Elan täuscht. Petty ist müde. „Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich diesen Job noch mache“ sagt er gegenüber dem WOM Journal. „Ich meine, das Leben ist nicht besonders interessant oder? Und das wenige Interessante wird rücksichtslos von irgendwelchen Langweilern und Spießern weiter beschnitten: Freie Liebe, Drogen, die Kraft der Natur. Ich bin eben ein unverbesserlicher Hippie, der am liebsten vor der Realität flieht. Und ein trauriger Hippie dazu. Aber wenigstens ein Hippie, dessen Platten sich millionenfach verkaufen. Das finde ich prima und das hält mich vermutlich noch eine Weile auf diesem Planeten.“

Und er macht weiterhin Musik. Auch wenn er sich dafür mehr Zeit nimmt. Erst 2006 zeigt ‚Highway Companion‘, 2006 einen in sich ruhenden sympathischen Star, der sich im 30. Karrierejahr nur von seinen Freunden Mike Campbell und Jeff Lynne begleiten lässt. Ein ruhiges, beschauliches Alterswerk mit dem Petty sein Leben als Roadmovie reflektiert.

Das WOM befindet: „Der Westen ist weit. Und die großem Songs passen trotzdem nur knapp rein.“ Parallel spielt Petty in Gainesville ein gefeiertes Konzert vor mehren zehntausend Fans. Dort hat er angefangen, vor 30 Jahren. Wer die komplette Geschichte visuell erleben will, dem sei die 4-DVDBox ‚Running Down A Dream‘ (SPV) empfohlen, dessen Kernstück der Film ‚Runnin‘ Down A Dream‘ ist, bei dem kein Geringerer als Kinolegende Peter Bogdanovich Regie führte. Ein Roadmovie über den Mann, der seinen Traum verfolgte und ihn wahr werden ließ.

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Tom Petty wurde geboren am 20. Oktober 1950, nicht wie oben geschrieben am 20. Oktober 1952, RIP

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    1. Danke für den Hinweis! Wir haben es korrigiert…

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