Produkt: Treble Booster im Test
Treble Booster im Test
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Pauls Teil

Test: Tech 21 PL1 Fly Rig

Tech 21 PL1 Fly Rig(Bild: Dieter Stork)

Denkt man an Rammstein, denken wir Gitarristen vor allem an die wirklich unfassbar massiv klingende Wand aus Gitarren, welche Paul Landers und Richard Z. Kruspe erzeugen. Nun gibt es zumindest die eine Hälfte dieses Klangphänomens in einem erstaunlich kleinen Gehäuse mit einer ganzen Reihe richtig ausgefuchster Features.

Der monströse Gitarrensound von Rammstein („Mein Teil“, „Asche zu Asche“ oder auch „Sonne“) setzt sich im Grunde aus zwei maßgeblichen Komponenten zusammen. Da wäre zum einen Richards Vorliebe für Mesa/Boogie-Dual- und -Triple-Rectifier-Sounds. Auf der anderen Bühnenseite dagegen fährt Paul Landers eine ganz andere Schiene. Der sympathische Berliner braucht im Grunde nur seinen geliebten und altgedienten Sansamp GT2 um glücklich zu sein. Im Jahr 2016 geschah dann, was eigentlich längst überfällig war: Tech 21 begann, zusammen mit Paul und Stefan Kühn von Sound Service (deutscher Tech-21-Vertrieb), an einem Signature-Fly-Rig zu arbeiten. Nach sage und schreibe sieben Prototypen liegt nun das fertige PL1 zum Test vor.

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feuer und wasser

Eigentlich kaum zu glauben, dass diese Wall-of-Sound aus nicht mehr als diesem wirklich kleinen Pedal kommen soll, welches mit seinen schmalen Abmessungen (36 x 6,5 x 3 cm) eher an einen Channel-Switch bei einem großen Röhrenverstärker erinnert. Das ganze Gerät ist in schwarz gehalten und hat an der Oberseite die für die Fly-Rig-Baureihe üblichen, beleuchteten Potis, welche besonders im Einsatz auf schlecht ausgeleuchtet Bühnen ein wahrer Segen sind. Auf der linken Seite befindet sich direkt unterhalb des Firmenlogos das berühmte Rammstein-Logo und der Name des Paten des PL1.

Die grundsätzliche Aufteilung unseres Testpedals ist im Grunde relativ einfach. Da wären zunächst die beiden in der Lautstärke unabhängig voneinander regelbaren Sansamp-Sektionen, die einen cleanen („Wasser“) und einen verzerrten („Feuer“) Sound bieten. Letzterer verfügt über einen zusätzlichen schaltbaren Booster, welcher sowohl als normal oder auch als „negativ“ Booster – beispielsweise um eine etwas leisere Passage zu spielen – benutzt werden kann. Außerdem kann man mittels des kleinen „Punch“-Tasters bestimmen, ob man einen klangneutralen oder lieber einen fetten Mid-Boost haben möchte.

Abgerundet wird die Zerreinheit mit der typischen Dreiband-Klangregelung (Bässe, Mitten und Höhen). Die cleane Hälfte unseres Testpedals ist dagegen mit einer simplen Zweiband-Klangregelung ausgestattet und weist neben dem Level-Poti noch einen regelbaren Kompressor auf. Zusätzlich gibt es für (die von Landers laut eigener Aussage verhassten) Crunch-Sounds noch einen „Bite“-Schalter, welcher dem Clean-Kanal etwas mehr Aggressivität und Bissigkeit verleihen soll.

Zu guter Letzt finden wir auf der linken Seite des PL1 ein globales Delay, das neben der Lautstärke in der Wiederholungsanzahl („Repeats“) und der Geschwindigkeit („Time“) regelbar ist. Dazu bekommt man als kleines Bonbon eine Tap-Taste, die bei längerem Drücken auch das integrierte Stimmgerät aktiviert. Ebenfalls für beide Kanäle zuständig ist ein simpler aber durchaus effizienter, regelbarer Ambience-Reverb-Effekt mit zwei verschiedenen Raumgrößen („Size“- Taster), sowie der Vibrato-Effekt, welcher anstelle des Delays aktiviert werden kann.

Als weiteres, richtig schlaues Feature gibt es beim PL1 neben dem normalen Klinkenausgang, eine XLR-Buchse, mit der das Signal direkt zum Mischpult geschickt werden kann und die mit einem Groundlift-Schalter zur Vermeidung nerviger Brummschleifen versehen wurde.

Darüber hinaus war es Paul Landers besonders wichtig, abends im Hotelzimmer ungestört, aber mit gutem Sound, vor sich hin jammen zu können (mehr dazu könnt ihr im Interview in der Ausgabe 11/2018 nachlesen). Daher dient die Output-Buchse gleichzeitig als Möglichkeit, einen Kopfhörer an das PL1 anzuschließen. Mit einem Druck auf die Headphone-Taste, wird das Signal mit einer Speaker-Simulation versehen und in der Lautstärke etwas angehoben. Alles in allem bleibt zu sagen, dass Tech 21 hier wirklich nicht mit Features gegeizt hat und die Ausstattung des PL1 äußerst durchdacht wirkt. Die Verarbeitung ist auf dem gewohnten Tech-21-Standard und macht einen durchweg soliden und robusten Eindruck.

feuer frei!

Bevor wir hier ins Detail gehen sei gesagt, dass Paul Landers absolut kein Freund von Gitarrenverstärkern ist. Er gibt sein Signal direkt vom Sansamp in die PA, ohne dass eine mikrofonierte Lautsprecherbox im Spiel wäre. Dank des eingebauten XLR-Ausgangs ist dies natürlich auch mit dem PL1 möglich – trotzdem habe ich das Gerät für den Test, wie es wahrscheinlich die meisten Nutzer tun werden, auch vor einen normalen Gitarrenverstärker geschaltet. Beides ist laut Hersteller problemlos möglich; den Tone-Stack des Amps habe ich dabei so neutral wie möglich eingestellt.

Starten wir also zunächst mit dem cleanen „Wasser“ Kanal. Hier finden wir einen wirklich gnadenlos cleanen und trockenen Sound vor, der ein klein wenig an Rolands legendären Jazz-Chorus-Verstärker erinnert – natürlich ohne den Chorus-Effekt. Der Ton ist absolut sauber und in den Mitten recht deutlich präsent. Dreht man das Mid-Poti ein gutes Stück zurück, wird der Sound etwas milder, ohne aber weich wie beispielsweise ein Fender-Verstärker zu werden.

Mit Hilfe des Kompressors lässt sich der Sound noch ein bisschen brillanter und „squishiger“ gestalten; allerdings fängt der Effekt bei heißeren Tonabnehmern und abhängig vom Setting an zu pumpen. Hier wäre ein bisschen mehr Headroom schön gewesen. Wer gerne ein leichtes Brutzeln mit in seinem Clean-Sound haben möchte, kann mittels des Bite-Taster eine Art Crunch-Sound abrufen, der das Signal etwas heißer und rauer werden lässt.

Der wichtigste Teil ist natürlich zweifellos die Zerrsektion des PL1 – schließlich sind Rammstein ja nicht gerade für cleanes Geklimper bekannt. Schon nach einem einzigen Akkord wird sofort klar, wohin hier die Reise geht. Wer einen fetten, brachialen und bulligen Distortion-Sound erwartet hat, wird nun möglicherweise ein langes Gesicht machen. Was einen hier anbrüllt, ist der unglaublich aggressive, eher schlanke und absolut erbarmungslose Sound, welcher vor allem auf den ersten beiden Rammstein-Alben ‚Herzeleid‘ und ‚Sehnsucht‘ zu hören ist.

Bereits mit allen Reglern in der Mittelstellung klingt das PL1 unheimlich hart und mittig – von der Wärme eines Röhrenamps ist hier weit und breit keine Spur. Die Klangregelung ermöglicht jedoch ein drastisches Eingreifen in das Klanggeschehen und arbeitet völlig anders, als man es beispielsweise von einem klassischen Gitarrenverstärker erwarten würde. Selbst das geringste Verstellen der Regler ergibt deutliche Klangveränderungen und lässt zum Teil extreme Soundverbiegungen zu. Der Mid-Shift-Taster verschiebt das Mittenspektrum des Distortion-Kanals und ermöglich dadurch eine Art zweiten Grundsound.

Interessant finde ich, dass der Klangcharakter so abgestimmt wurde, dass selbst bei richtig weit aufgedrehtem Bass-Regler, der Sound immer noch nutzbar bleibt und nicht anfängt zu matschen. Selbst deutlich tiefere Tunings – wie sie ja auch von Rammstein benutzt werden – bleiben so klar und differenziert. Ebenfalls schlau finde ich die Arbeitsweise des integrierten Boosters: Hier hat man die Möglichkeit, entweder einen reinen Lautstärke-Boost (bzw. Absenkung) vorzunehmen oder aber das Signal mit Hilfe des Punch-Schalters eher im Klang und der Mittenstruktur zu verändern, was abermals eine weitere, klangliche Facette ermöglicht.

Damit der Gesamt-Sound in letzter Konsequenz dann doch nicht zu trocken und unerbittlich wird, hat man mit dem Ambience-Effekt oder auch mithilfe des Delays die Möglichkeit, dem Ton etwas mehr Tiefe und Leben einzuhauchen – gerade beim Spielen mit Kopfhörern ein gutes Feature.

Im Clean-Kanal zeigt sich auch der leiernde Vibrato-Effekt als tolle Möglichkeit, dem Sound ein wenig Lebendigkeit zu verleihen, ohne aber den Grundcharakter zu verfärben. Richtig klasse ist natürlich die Tap-Funktion des Delays, mit der sich die Wiederholungsgeschwindigkeit wunderbar anpassen lässt. Hält man den Taster ein paar Sekunden gedrückt, wird das Signal gemutet und das Stimmgerät aktiviert. Selbiges arbeitet überaus schnell und genau und ist trotz seiner winzigen Display-Größe vollkommen ausreichend.

die qual der wahl

Ja ja, man hat es nicht leicht als pedalbegeisterter Gitarrist – immer gibt es so eine erschlagende Auswahl. In diesem Falle jedoch nicht; Alternativen zum PL1 sehe ich derzeit praktisch keine. Wer die Idee dieses Mini-Setups mag, mit Paul Landers Transistor-Säge-Sound aber nicht so viel anfangen kann, der wird bei den anderen Varianten des Fly Rigs mit Sicherheit fündig.

adios

Bei dem PL1 Fly Rig haben wir es mit einem wirklich speziell klingenden Pedal zu tun, was aber einfach der Tatsache geschuldet ist, dass es sich hier um ein Signature-Gerät handelt. Paul Landers Klangvorstellungen sind durchaus ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Gitarristen einen fetten Metal-Sound mit einem ebenso fetten Röhren-Topteil assoziieren. Genau darum geht es beim PL1 aber gerade nicht. Wer also einen Ton abseits der bekannten und bewährten Röhrenamp-Klänge sucht, und den bissig-aggressiven Sound der ersten Rammstein Alben mag, der sollte dieses kleine Teil unbedingt einmal antesten.

www.tech21nyc.com

Preis (UVP/Street): ca. € 474/399

PLUS
• Konzept
• kompakte Größe
• (Industrial/Metal) Sounds
• Ausstattung
• integriertes Stimmgerät

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2018)

Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
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