Auf der leichten Schulter

Test: Hemage Paul 2 Gitarre & Paul 3 Bass

Hemage Paul
(Bild: Dieter Stork)

Alle Welt stöhnt über CITES & Co. und übersieht dabei, dass sich schon etliche Hersteller auf den Weg gemacht haben in eine Zukunft, in der die traditionellen Tonhölzer nicht mehr den Vorrang haben werden, den viele Musiker ihnen wohl immer noch einräumen möchten.

Dabei sind sich nahezu alle Hersteller einig, dass es genügend Alternativen zu brasilianischem und indischem Palisander, zu Ebenholz, zu Honduras-Mahagoni und all den anderen gefährdeten Hölzern gibt – nur muss diese Tatsache auch bei den Kunden ankommen; und sie müssen ebenso dazu bereit sein, gewohnte Pfade in Sachen Klang und Optik zu verlassen und sich mit Neuem anzufreunden. So schwer ist das gar nicht, das haben uns unsere Vorfahren in den 50er- und 60er-Jahren doch beispielhaft vorexerziert.

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Hemage – in Gestalt des Gitarrenbauers Hermann Erlacher – ist ein Hersteller, der zwar auch traditionelle Hölzer verbaut, aber exklusiv für die treeme.edition der Fa. Treeme diese beiden Instrumente hergestellt hat – komplett aus dem Holz des Blauglockenbaums, auch Paulownia genannt, das von der Fa. Treeme stammt, die sich die Verbreitung und Vermarktung dieses Holzes auf die Fahne geschrieben hat. Pro Edition und Jahr sollen maximal 20 Exemplare von Erlbacher gebaut werden; jedes Instrument der treeme.edition ist ein Unikat, bei dessen Bau auch gerne Kundenwünsche berücksichtigt werden. Seit September 2017 sind die Instrumente ausschließlich über den Treeme-Shop (www.treeme.shop) erhältlich, in dem neben Premium-Gitarren und -Bässen auch Surfboards und Bikes aus Paulownia angeboten werden. Mehr zu diesem erstaunlichen Holz dann weiter unten.

leichtigkeit des seins

Und zwar mit drei Ausrufezeichen!!! Denn diese Instrumente sind wirklich unfassbar leicht! Und das ohne Chamber-, Thinline-, Semihollow- oder Hollow-Bauweise. Vielmehr sind die beiden Instrumente aus massivem Paulownia gebaut, sowohl der Korpus als auch der Hals! Schauen wir uns erst die Paul 2 Gitarre näher an. Der Hals trägt ein Griffbrett aus stark gemasertem Ahorn und ist auf den Korpus geschraubt, der in seiner Größe etwa einer Les Paul entspricht, aber deutliche Konturen auf Vorder- und Rückseite aufweist. Das Griffbrett weist einen leichten Compound-Radius auf, der sich von etwa 10,5″ in den unteren, bis zu etwa 12″ in den oberen Lagen verändert und für eine exzellente Spielbarkeit und stressfreies Stringbending ohne Grenzen sorgt.

Die Saiten selbst werden durch den Korpus geführt und laufen über eine Hipshot Fixed Bridge, die sowohl haptisch als auch funktional hervorragend ist. Die Saitenreiter sind nicht nur einzeln in Höhe und Oktavreinheit einstellbar, sondern haben auch direkten Kontakt miteinander. Da zudem die beiden äußeren Reiter den hochgezogenen Rand der Brücke berühren, wirkt diese wie eine in sich geschlossene Einheit, was der Schwingungsübertragung deutlich zugutekommt. Von Lindy Fralin kommen die Big-Single-Tonabnehmer, Mini-Humbucker mit Singlecoil-Sound. Master-Volume, Master-Tone, Dreiweg-Schalter – das reicht auch hier! Die Oberflächen von Korpus und Hals sind matt lackiert und fühlen sich sehr schön holzig an.

An der „telegen“ geformten Kopfplatte, die vorne einen Aufleimer aus Ahorn trägt, sitzen die vermutlich kleinsten Gitarrenmechaniken, die der Markt zu bieten hat – die Gotoh Stealth. Aufgrund ihres geringen Eigengewichtes beugen sie der Kopflastigkeit der leichten Paul 2 vor. Obschon sie zierlich aussehen, funktionieren sie Hersteller-typisch hervorragend.

Hemage Paul
Paul 2 ist mit den kleinen Gotoh Stealth-Mechaniken ausgestattet, um einer Kopflastigkeit entgegenzuwirken. (Bild: Dieter Stork)

Paul 3, der Bassbruder von Paul 2, kommt im hochglänzenden Klarlackkleid. Äußerlich erinnert er grob an einen Fender Jazz Bass, und zwar nicht nur durch seine Korpusform und die Konstruktion mit dem geschraubten Hals, sondern auch durch die beiden J-type-Pickups, ebenfalls brummunterdrückende Lindy-Fralin-Aggregate. Von Hipshot stammen sowohl die gute Brücke als auch die offenen Mechaniken, geregelt wird mit Master-Volume und einem Überblend-Regler. Auf einen Tonregler wurde also verzichtet.

Hemage Paul
Hipshot-Ultralight-Mechaniken gegen Kopflastigkeit (Bild: Dieter Stork)

Beide Instrumente sind hervorragend gebaut und verarbeitet. Die sensible, schmeichlerische Konturgebung, die perfekte Einpassung der Hälse in den Korpus, die Formung und Abrichtung des Knochensattels, die perfekte Bundbearbeitung und der allgemeine Ausdruck beider Instrumente zeugen von richtig guter Handwerkskunst!

Hemage Paul
Der Hals ist perfekter als perfekt in den Korpus eingepasst. (Bild: Dieter Stork)

Paulownia

Paulownia, auch Blauglockenbaum genannt, ist ein ursprünglich in China beheimateter Baum, der zu der Gattung der Braunwurzgewächse zählt und seit den 1830er-Jahren auch in Europa wächst.

Die Fa. Treeme vermarktet einen leistungsfähigen und robusten Hybriden des Paulownia, den sie Royal Treeme nennt. Diese Züchtung zeichnet sich vor allem durch einen geraden, astfreien Stammwuchs und seine Witterungsbeständigkeit für den Einsatz in hiesigen Klimaregionen aus und scheint u. a. auch prädestiniert für die Verwendung als Tonholz.

Verblüffende Fakten: Paulownia ist der am schnellsten wachsende Edelholzbaum der Welt! Seine maximale Höhe von bis zu 15 Metern erreicht dieser Baum in den ersten 12 bis 15 Jahren und legt an Gewicht und Höhe in dieser Zeit am meisten zu. Nach bereits 12 Jahren misst der Stammdurchmesser ca. 35 bis 45 cm und kann dann geschlagen werden. Kräftige Jungpflanzen haben einen Höhenzuwachs von nicht weniger als vier Metern pro Jahr! Die Jahresringe erreichen dabei eine Breite von zwei bis vier Zentimetern.

Die Chinesen bauen eine Vielzahl an Musikinstrumenten aus Paulownia, denn das geringe Gewicht und die spezifischen Holzeigenschaften sind für Musikinstrumente erstklassig geeignet.

Hemage Paul
Beide Instrumente gehören zur hochwertigen treeme.edition (Bild: Dieter Stork)

Paulownia ist auch gut zu uns und unserer Umwelt, denn u. a. dank seiner großen Blätter kann es pro Hektar Plantage mit 600 Bäumen pro Jahr ca. 36 Tonnen Co2 absorbieren. In der gleichen Zeit geben diese Bäume ca. 59 Tonnen Sauerstoff in die Atmosphäre ab.

Das Paulownia-Holz trocknet zudem sehr schnell an der Luft. Innerhalb von 30 bis 60 Tagen weist der Feuchtigkeitsgehalt nur noch 10 bis 12% auf. Bei Ofentrocknung ist dieser Zustand schon nach 24 bis 48 Stunden erreicht. Hierbei bleibt das Holz formstabil und verdreht nicht.

Der Flammpunkt des Holzes liegt bei ca. 420°C (zum Vergleich: Eiche brennt ab 200° bis 275°C). Das macht es zu einem idealen Werkstoff für den Innenausbau. In Japan werden teure Kimonos aus diesem Grund vorwiegend in Schränken aus Paulownia-Holz aufbewahrt.

Und, wie schon mehrfach angedeutet: Dieses Holz ist sehr leicht – 300 kg je Kubikmeter (Eiche bringt 540 kg je Kubikmeter auf die Waage) und ist damit ideal für den Einsatz im Boots-, Flugzeug- und Möbelbau und bei anderen gewichtsreduzierten Konstruktionen wie z. B. auch E-Gitarren und -Bässe. Das Paulownia-Holz ist trotz seiner relativ weichen Oberfläche als Hartholz klassifiziert, was sich auf seine Tragfähigkeit und Stabilität begründet.

Fazit: Dieses Holz scheint auf den ersten Blick ein Segen nicht nur für CITES-Geplagte zu sein, denn seine Eigenschaften versprechen Nachhaltigkeit, genügendes Vorkommen, schnelles Wachstum und – in unserem Fall – beste Eigenschaften, um auch als Tonholz zu glänzen.


Praxis

Über das Handling dieser Fliegengewichte ein Wort zu verlieren, wäre fast wie Eulen nach Athen tragen. In den A/B-Tests, in denen ich die beiden Hemages mit anderen Instrumenten verglich, hingen mir nach einiger Zeit meine eigenen Gitarren und Bässe, die alle nicht sonderlich viel wiegen, nun plötzlich tonnenschwer von der Schulter. Irre, wie schnell man sich an etwas gewöhnt, was man als angenehm empfindet. Erlbacher hat es zudem hinbekommen, die Instrumente so perfekt auszubalancieren, dass es trotz der leichten Bodies keine Kopflastigkeit zu vermelden gibt.

Klanglich jedoch sind weder die Paul 2 noch der Paul 3 Leichtgewichte, ganz im Gegenteil. Sie klingen offen, brillant, mit ausreichend Fundament und insgesamt – wie soll ich sagen? – überhaupt nicht auffällig. Halt so, wie gute, dynamische Instrumente dieser Art eben klingen (die in der Regel aus Erle oder Esche gebaut sind). Natürlich geht die Toncharakteristik und das Klangverhalten dank der Bauweise der Instrumente in die Fender-Richtung, und das ist auch sicherlich so geplant.

Eine ideale Ergänzung zum Baukonzept stellen in beiden Fällen die Pickups von Lindy Fralin dar. Die Big Singles der Paul 2 sorgen für einen weit offenen, lauten und klaren Ton, der eher in Richtung Mini-Humbucker/Firebird-Pickup als in Richtung P-90 geht. Perlige Arpeggios, direkt anspringende Rhythmus-Sounds, aber auch ausgewogen und souverän erscheinende Singlenotes kann die Paul 2, die sich auch im Zerrbetrieb stabil, transparent und druckvoll verhält!

Bassbruder Paul 3 klingt Jazz-Bass-like transparent und feinzeichnend. Fette Sounds à la StingRay oder knochig-rockige Töne à la P-Bass sind nicht sein Ding, aber jeder, der einen typischen Jazz-Bass-Sound schätzt, wird sich hier zu Hause fühlen. An Bass-Fundament mangelt es dem leichten Bruder jedenfalls nicht, und spritzige Höhen für Funk und kernige Soul-Sounds auf dem Steg-Pickup werden ebenfalls in bester Manier geboten. Mir persönlich hat der Tone-Regler gefehlt, aber der ließe sich bei einer Bestellung ja einfach noch dazu ordern. Und wäre sicherlich im Preis noch mit drin. Also – insgesamt liefern beide Instrumente eine absolut überzeugende klangliche und spielerische Performance ab, die neugierig macht auf das, was aus diesem Holz in Zukunft noch alles gebaut werden wird.

resümee

Mit dem Holz Paulownia könnten wir heute vielleicht ein Stück Zukunft kennengelernt haben. Denn ein Holz, das dermaßen leicht ist, schnell nachwächst und so gut auch als Tonholz zu verwenden ist, dem gehört in Zeiten, in denen wir uns langsam aber sicher von lieb gewonnenen Holzarten verabschieden müssen, eben ein gutes Stück Zukunft.

Paul 2 und Paul 3 sind zudem hervorragend gebaute Instrumente, zeigen sich bis in die kleinsten Details perfekt, lassen sich bestens spielen und klingen genauso hochwertig, wie sie von Erlacher auch gebaut worden sind. In der treeme.edition, zu der die beiden Hemage-Instrumente gehören, wird gewährleistet, dass die dort angebotenen Instrumente aus dem Royal Treeme, einer speziellen Paulownia-Züchtung, gebaut sind. Daraus lese ich, dass nicht jedes Paulownia gleichermaßen gut für den Instrumentenbau geeignet ist. Dies mag vielleicht die Preisgestaltung der beiden Instrumente erklären. Dass sich genau daran noch etwas ändern muss, wenn Paulownia eine wichtige Rolle im Instrumentenbau der Zukunft einnehmen will, dürfte jedoch klar sein. Denn € 7500 sind letztendlich eine Menge Holz – aber leider eben keines, das genauso schnell nachwächst wie das des Blauglockenbaums … [2917]

Hemage Paul

Hemage Paul

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2017)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Nice but “Still my Guitar Finance gently weeps…..”
    7500,- Euro?

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