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Laney GH50R + GS212VR Box im Test

 

GH50, ohne R, mit L, GH50L, da klingelt doch was?! Jepp, der Amp war lange Zeit ein Renner unter den Brit-Topteilen. Besondere Merkmale: Klassischer Charakter mit hohen Gain-Reserven, freundlicher Preis. Vorgaben, an denen sich sein technisch umgestalteter Nachfolger messen lassen muss.

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Laney GH50R + GS212VR_01
(Bild: Dieter Stork)

Schon einmal sehr erfreulich, der „Neue“ kostet ganze € 30 mehr als der GH50L, ist aber funktional besser ausgestattet. Neben dem Fünfziger ist auch ein GH100R (ca. € 1308) im Programm, sowie zwei Cabinets, eine 4¥12-Box (ca. € 1010) und die hier ergänzend im Fokus stehende 2¥12-Ausführung (ca. € 593). Außerdem ist noch ein 2¥12-Combo erhältlich (ca. € 1545).

Konstruktion

Was manchen vielleicht gar nicht bewusst ist, Laney ist unter den britischen Marken eine Pionier der ersten Stunde, bzw. entstand im Fahrwasser der schnell wachsenden Firma von Jim Marshall, im September 1967, um genau zu sein. Ob sich die beiden schon vorher mal begegnet sind? Wäre jedenfalls bestimmt eine coole Rhythm-Section gewesen, Jim der Trommler und Lyndon Laney, der Bassist. Ja, auch er begann – wie so viele andere in der Zeit – fast schon zufällig mit dem Business. Lyndon baute sich aus Kostengründen selbst seine Amps … na, und was daraus wurde, sehen wir ja jetzt. Als roter Faden zieht sich durch die Firmenhistorie, dass die R&D-Abteilung immer wieder mit interessanten Konzept-Ideen aufwartete.

Die GHR-Amps scheinen auch wieder mit einer Besonderheit aufzuwarten. Während die Vorstufenkonzeption kaum Fragen aufwirft – wir sehen zwei Kanäle mit gemeinsamer Dreibandklangregelung, Bright-Switch im Channel 1 (pull DrivePoti) und Mid Shift (pull Mid-Poti) – soll der Output-Regler in der Master Sektion laut Laney ein einzigartiges („unique“) Schaltungsdetail sein, das perfekt die Abstimmung der Balance zwischen Vor- und Endstufenverzerrungen zulässt. Kein ordinäres Master-Volume also? Genaue Informationen konnte ich leider nicht bekommen.

Laney GH50R + GS212VR_03
(Bild: Dieter Stork)

Ein Indiz dafür, dass es sich tatsächlich um eine ungewöhnliche Lösung handelt ist das Poti selbst: Es handelt sich um zwei gekoppelte Tandempotis, es werden also vier (!) Ebenen gleichzeitig geregelt. Master-Tone gibt weniger Rätsel auf, es handelt sich um eine Höhenblende, die milder arbeitet als eine klassische Presence-Regelung. Hinter dem Reverb-Regler verbirgt sich eine digitale Effektsektion. Mit dem integrierten Pull-Schalter ist der Klangcharakter des Halls umschaltbar. An der Rückseite ist neben fünf Lautsprecherausgängen ein elektrisch symmetrierter XLR-Anschluss mit Ground-Lift vorhanden, der D.I.-Signale anbietet, in der Signalstärke regelbar (Level) und wahlweise mit/ohne Cabinet Emulation.

Auch der Einschleifweg ist in der Funktion umschaltbar: Bypass, 0dB, -10dB. Über die sogenannte Remote-Buchse können zwei Funktionen fernbedient werden, der Kanalwechsel und der Status des Einschleifwegs. Ein passender Fußschalter gehört zum Lieferumfang. Das Kabel ist praxisgerecht knapp fünf Meter lang (kann man schön außerhalb des eigenen Aktionsradius verlegen), LEDs als Statusanzeigen fehlen jedoch. Zu guter Letzt ist auch noch ein Aux-In (3,5 mm Klinke) im Angebot, gedacht zum Einspielen z.B. von Playbacks. Das Erscheinungsbild ist mit seinem Zweifarben-Design ansprechend (erinnert ein bisschen an Engls Retro Tube).

Leider ist das Tolex ziemlich empfindlich, nimmt schnell Schaden. Nun, es gehört eine gute Schutzhülle zum Lieferumfang, insofern relativiert sich der Umstand. Nur willkommen und sehr praktisch sind die in den oberen Kanten des Schichtholzgehäuses eingelassenen Schalengriffe (befestigt mit Einschlaggewinden), Transport leicht gemacht. In dem soliden Stahlblechchassis fällt der Blick auf moderne Platinentechnik, sehr hochwertig und solide aufgebaut. Laney betreibt unter anderem erhöhten Aufwand in Sachen Vermeidung und Minimierung von Störgeräuschen. Der Ringkerntrafo ist, wie auch die Abschirmbleche im Inneren, ein Zeichen dafür.

Laney GH50R + GS212VR_04
(Bild: Dieter Stork)

Vier ECC 83/12AX7 reichen im Übrigen nicht als aktive Bauelemente. Die Schaltung wird an mehreren Stellen von SMD-Halbleitern/ICs unterstützt, wie zum Beispiel im FX Weg und dem D.I.-Out. Die Endstufe ist im Übrigen ganz und gar britisch, Class-AB-Gegentaktschaltung mit zwei EL34, statisch eingestellter Bias-Strom. Die Box ist aus Schichtholz gefertigt und ist mono oder stereo benutzbar. Dank eines ausklappbaren Metallbügels an der Unterseite, kann das Cabinet schräg aufgestellt werden. Für den Amp gibt es allerdings keine Halterung in Form von Standmulden – das würde mir doch etwas Sorgen machen. Außerdem stehen die Klinkenbuchsen hinten etwas über das Gehäuse über, der Transport kann insofern ungesund für sie werden. Ansonsten ist die GS212VR aber qualitativ als hochwertig einzustufen und kommt mit Vintage 30.

Praxis

Laney sagt, beide Kanäle sollen gleichberechtigt Sounds von Clean bis Distortion generieren können. Das erweist sich im Prinzip als richtig. Nur ist die effektive Clean-Lautstärke relativ gering, nicht live-tauglich. Die Clean-Klangfarben sind an sich aber sehr ansprechend, transparent, voluminös, wenngleich sie nicht gerade schmeichelnd ans Ohr dringen. Vorsicht mit den Höhen, da „klirrt“ es gerne aufdringlich, eine Begleiterscheinung der strammen bis harten Ansprache. Der GH50R ist eben kein freundlicher Amp, sondern ein „angry“ Rocker. Weiter aufdrehen, gib Crunch, dann ist sofort klar, was ich meine. Die Verzerrungen sind stets rotzig und aggressiv. In den unteren Mitten baut sich ein fettes Fundament auf.

Bei steigendem Gain klingt der Ton komprimiert, er ist es aber nicht wirklich. Was der Spieler insofern zu spüren bekommt, als er es sich nicht auf einer tragenden Sustain-Welle gemütlich machen kann. Der Amp ist halt ehrlich: wird er gut gefüttert, macht er starke Töne daraus, wer patzt wird abgewatscht. Andererseits kippen je nach Aussteuerung die Noten sehr gerne schon bei niedrigen Lautstärken in Obertöne um. Bevorzugt im Channel 2, der viel höhere Distortion-Reserven bereithält, sich sonst aber nur durch ein etwas komplexeres Mittenspektrum vom Channel 1 unterscheidet.

Deshalb kommen beide auch wunderbar mit der gemeinsamen Klangregelung zurecht, die beherzt zupackt und in der Summe viel Variabilität bietet. Eigenartige bzw. eigenständige und charakterstarke Mischung, die Verzerrungen sind in sich harmonisch strukturiert, das tendenziell offensive Klangbild macht aus dem GH50R dennoch einen rauen Grobian. Aber einen, der trotzdem ein Sensibelchen ist. Und zwar in der Ansprache, wo er feinsten Spielnuancen im Ton folgt und sie präzise verwertet.

Laney GH50R + GS212VR_06
(Bild: Dieter Stork)

Genauso geht er mit den Klangfacetten des Instruments um. Eine (mit guten Pickups bestückte) Stratocaster kann die Stärken ihrer Gattung vollends zeigen und erreicht insbesondere in den Zwischenpositionen optimale Markanz. Ja, selbst wenn der Amp im Channel 2 am Maximum seine überfette Distortion zum Besten gibt. Dem GH50R ist es aber egal, ob ihm eine drahtige Strat einheizt oder eine im Klang korpulente Les Paul, er kommt mit beiden prima zurecht. Was unter anderem damit zu tun hat, dass der Amp im gesund austarierten Bassbereich bis zur Leistungsgrenze sauber definiert bleibt. Dass er dort viel Energie freimacht, kommt auch schon über die kompakte GS212VR zur Geltung. Es ist schon erstaunlich, wie vehement diese Kombination für Druck sorgt. Wenn man voraussetzt, dass sie in harten Musikstilen eingesetzt werden, sind sie ganz klar eine sehr gutes Team. Das ist ja auch das ideale Terrain des Vintage 30.

Ich denke allerdings, dass der Amp auch eine Empfehlung für Blues-Spieler ist, in dem Bereich haben mir mildere Speaker besser gefallen. Warum das Stichwort Blues? Weil der GH50R neben allem anderen auch noch die geschätzte Fähigkeit besitzt, sich im Overdrive, dem ganz feinen Sättigungszerren, sehr subtil zu verhalten. Er gleitet elegant zwischen den Intensitäten hin und her. Channel 1 für die expressiven Passagen mit maximaler Dynamik, Channel 2 mit mehr Gain für reine Lead-Solos, funktioniert klasse. Und der „innovative“ Output-Regler, wie bewährt sich der? Absolut positiv, da er dem GH50R auch bei dezenten Lautstärken zu dichten Sättigungstexturen verhilft. Achtung, das ist kein konventionelles Volume-Poti, auch wenn es nicht unerheblich die Lautstärke beeinflusst.

So, dann kommen jetzt noch eine Hiobsbotschaft und zwei große Fleißkärtchen. Das Minus findet sich im FX-Weg. Der arbeitet seitens der Signalqualität einwandfrei, doch der Signalpegel bereitet Probleme. Er übersteigt schnell, d. h. schon bei geringer Gain-Einstellung bzw. Hörlautstärke die 0dB- bzw. -10-dB-Grenze. D. h., am bzw. vor dem Eingang des Effektgeräts muss man den Pegel erheblich verringern. Wenn dann aber dahinter nicht entsprechend wieder nachverstärkt werden kann – und die meisten Geräte sind dazu eben nicht in der Lage – kann der Amp nicht mehr voll ausgesteuert werden und verliert zumindest an Lautstärke. Doch Rettung naht!

Ein Line-Booster hinter dem Effektgerät, vor dem Return-Input wirkt hier Wunder. Trotzdem müsste natürlich Laney für eine bessere Anpassung sorgen. Die beiden Positiva betreffen zum einen den Reverb, der in beiden Varianten (die eine durchsichtiger, die andere tiefer/dichter) ziemlich „edel“ klingt, zum anderen die Speaker-Emulation, die in den Höhen zwar etwas zu forsch agiert, also schon ein wenig abgeglichen werden muss, aber grundsätzlich günstig abgestimmt wurde.

Laney GH50R + GS212VR_02
Bügel zum Schrägstellen, aber Achtung beim Transport: Die Buchsen stehen über. (Bild: Dieter Stork)

Resümee

Der GH50R setzt sich tonal souverän in Szene. Der Amp hat einen eigenständigen markanten Charakter, ist sowohl klanglich variabel als auch sensibel in der Dynamik und erreicht seine Qualitäten zudem – unterstützt von dem speziellen Output-Regler – in einem weit gefassten Lautstärkebereich. Die Ausstattung überzeugt ebenfalls, nur die Pegelprobleme im FX-Weg werfen einen Schatten auf das ansonsten so günstige Gesamtbild. Der Preis ist in der Summe dennoch lukrativ. Als Vintage-30-Cabinet ist die lebendig und voluminös aufspielende GS212VR eines der preisgünstigsten auf dem Markt. Und insofern ohne Wenn und Aber empfehlenswert.

Plus

  • Sound, charakterstark, variabel
  • Dynamik, Ansprache
  • Ausstattung, Funktionalität
  • Wohlklingender Hall
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

Minus

  • Signalpegel im FX-Weg
  • Reverb nicht fußschaltbar

Laney GH50R + GS212VR_profil

Hinweise zu den Soundfiles:

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 von GT/Alesis, direkt platziert vor einem Speaker (der 2×12-Box), und ein C414 von AKG, das den Raumklang einfing.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor o. jegliche EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt. Ab und an steuert das Plug-In „Platinum-Reverb“ Raumsimulationen bei (im Titel kenntlich gemacht durch den Zusatz „Room“ oder „RVB“).

Bedeutung der Buchstabenkürzel:

CL: Cleansound-Einstellung, null Röhrensättigung.

CR: Crunchsound, etwas mehr Gain als bei Overdrive.

LD: Lead-Distortion.

LP: Les Paul-Gitarre (CS-Signature Leroy Parnell by Gibson).

OD: Overdrive, leichte Anzerrungen.

 

Clip 1 und 2: Ganz clean und “quasi-clean”. In #2 wirkt der Ton unverzerrt und ist doch  leicht “haarig” anzerrend eingestellt, wie man in der Mitte des Clips gut hören kann – erdig.

In den Clips #3 bis #5 gibt das Stack seine Crunch-Qualitäten zum Besten. Großer, fetter Ton, viel Bassvolumen (bis an die Grenze zum Wummern),  bratziger Brit-Charakter mit geringer Kompression in der Ansprache.

 

Clip #6 und #7 präsentieren den GH50R mit ca. 80% Gain-Aussteuerung. Er bleibt auch dann ein Old-School-Naturbursche, spricht ehrlich an, unterstützt wenig das Sustain, der Spieler wird bei der Tonformung nicht weich gebettet.

Clip  #8 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter der von uns getesteten Produkte gewissermaßen auf einer neutralen Ebene vergleichen kann. Die übrigen drei Aufnahmen zeigen funktionelle Details des Amps auf, die Obertonansprache (#9), die beiden Klangfarben des digitalen Reverb (#10), und die Signalqualität der Speaker-Simulation (#11), anhand des RefRiff, das zunächst mikrofoniert zu hören, dann als DI-Signal. Dieses ist etwas zu höhenreich und recht dezent im Bass. Man wird es in der Praxis mit einem EQ nachbearbeiten müssen. Wie hier schon geschehen: bei 106 Hz breitbandige Anhebung, breitbandig bei 2250Hz kräftige Absenkung.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

 

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Zitat: “Als Vintage-30-Cabinet ist die lebendig und voluminös aufspielende GS212VR eines der preisgünstigsten auf dem Markt.”
    Mit zuletzt 499,- wird die Box sogar von Marshall und Blackstar unterboten, von Kandidaten wie Harley Benton, Fame, Palmer etc. ganz zu schweigen. Sie befindet sich damit im oberen Mittelfeld und hinkt den erstgenannten direkten Konkurrenten preislich hinterher, ohne mehr zu bieten. Die vorstehenden Plastik(!)buchsen sind für die Preisklasse und einen Markenhersteller mit Tradition absolut unwürdig.
    Wenn man sich dazu die lieblos runtergeshredderten Werbevideos, die nicht vorhandenen Uservideos und das 80er-Bruce Lee-Tattoo-Design der GHR-Serie anschaut, wird einem langsam klar, warum Laney auch die nächste Dekade nur im Schatten des großen (und eleganten) M verbringen wird.
    Seit wann ist eigentlich fehlende Kompression bei ausgefahrener Röhrenendstufe wünschenswert? Generationen von Gitarrenhelden sind taub geworden bei dem Versuch, selbige Kompression aus ihren Plexis herauszukitzeln. Das macht doch das ganze Endstufe-bei-Zimmerlautstärke-in-die-Sättigung-fahren wieder wertlos. Wer möchte denn, dass sich ein Röhrenbolide mit allen Reglern auf 11 wie ein Akkustik-Kombo verhält?! Und dafür, dass man besonders sauber spielen muss, damit das halbwegs klingt, gibt es auch nirgendwo einen Nerd-Preis. Wer bezahlt den noch dafür, es schwer gemacht zu bekommen?! Verrückte Gitarrenwelt^^

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