Kultivierter Kraftbruder

Test: EVH 5150III LBXII Head

5150, die Zahl hat Geschichte geschrieben und ruft auf der Stelle eine Zeit wach, da E-Gitarrespielen eine radikal neue Dimension erfuhr. Ein dabei freundlich entspannt lächelnder junger Mann vollführte etwas, das sich Tapping und Legato-Style nannte, in höchster Virtuosität, und zeigte der Gemeinde wo ab sofort der Hammer hing. Dauerte nicht lange, da hatte Peavey ihm einen Amp auf den Leib geschneidert, massig Gain und Power, damals ultra-ultimativ – eine Neuzeitlegende ward geboren.

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Ja, und weil das so ist, und wohl jeder weiß worum es hier geht, muss ich die Historie um Eddies Brownsound nicht wieder detailliert auf den Tisch bringen, nicht wahr? Fakt ist, Eddies Deal mit Peavey lief 2004 aus. Er nahm den Namen 5150 mit, fortan bietet Peavey den Amp als Modell 6505 an.

Das Logo 5150 tauchte aber alsbald wieder auf. Fender war jetzt Partner -und ist es bis heute-, was wohl damit zusammenhing, dass zuvor die Kultmarke in Zusammenarbeit mit Eddie eine Signature-Strat auf Basis seiner Frankenstein entwickelt hatte. Hat gepasst, das Teamwork, und so war auch die Tür zum Entwickeln eines neuen 5150 offen. Fenders Werk in Mexiko stellte das Projekt auf die Beine. Eine komplette Neukonstruktion, nun sogar mit den Initialen des „Tapping-Chefs“ als Markennamen, im Ton noch massiver, kompromisslos  in der Dynamik und den Gain-Reserven. Dem ersten großen, dreikanaligen 100 Watt-Topteil folgte alsbald einen kleinerer, etwas abgespeckter 50Watt-Head. 2014 kam das erste Lunchbox-Modell heraus. Neuerdings kann man den 100-Watt-Big-Head in einer EL34-Version bekommen. Und der jüngste Spross in der Familie stellt sich hier dem Test.

neues rezept

Wenn es doch bereits so einen LBX-Head gibt, was soll dann diese neue Version 2.0? Reine Modellpflege? Äußerlich sehen sich die beiden zumindest sehr ähnlich. Ja, auf den ersten Blick vielleicht. Aber dann fällt doch auf, dass das Bedienfeld zwei eigenwillige Regler aufweist. Cremefarbener Ringknopf, vorne drauf ein schwarzer Chickenhead, es handelt sich um konzentrische Dual-Potis, sprich zwei Regler auf einer Achse. Hierin liegt ein entscheidender Unterschied zum Vorgänger-LBX: Die beiden Soundmodes, Green und Blue, teilen sich zwar weiterhin die Klangregelung, sind bei dem neuen Modell aber in Gain und Volume separat abstimmbar. Okay, das ist das, was man vordergründig erkennt. Es stecken aber noch mehr spezielle Eigenheiten in dem Konzept.

Der „Röhrenorganismus“ des LBXII lebt von einer anderen technischen Ausrichtung. Die Gain-Struktur ist anders und wurde unter anderem darauf ausgerichtet, dass echte Cleansounds zur Verfügung stehen. Wohl um sich abzugrenzen, heißen die Kanäle nun auch Green und Blue, während beim Vorgänger-LBX, der viel heißer konzipiert ist und mit Clean nicht viel bis gar nichts im Sinn hat, die beiden Sound-Sektionen als Blue/„Crunch“ und Red/„Full Burn“, benannt sind.

Insgesamt weniger Gain, heißt weniger Vorverstärkungsreserven, respektive geringere Verzerrungen/Distortion. Der Unterschied ist so erheblich, dass der neue LBXII sogar mit einer Vorstufenröhre weniger auskommt. Vier 12AX7S sind bei ihm am Start, während es bei seinem älteren Bruder fünf Stück sind. Die Class-AB-Gegentakt-Endstufe ist mit zwei EL84 bestückt (selektiert, von Groove-Tubes). Zwischen Vor- und Endstufe liegt ein serieller Einschleifweg. Viel Luxus gesellt sich dazu nicht. Immerhin: Damit man den Amp auch leise genießen kann, besteht die Möglichkeit, mit einem Schalter an der Rückseite die Leistung auf ein Viertel zu reduzieren. Die beiden Soundmodes sind wahlweise manuell an der Frontplatte oder über den Footswitch-Anschluss an der Rückseite anwählbar (ein schlichtes Schaltpedal ohne Status-LED gehört zum Lieferumfang). Hinten gibt es außerdem einen Resonance-Regler, der die Bassdynamik beeinflusst – das Pendant zum Presence-Poti, dass die Höhenbrillanz im Zaume hält.

Wie nicht anders zu erwarten in dieser Preisklasse, ist der LBXII rationell in Platinentechnik aufgebaut. Der Aufbau hinterlässt einen hochsoliden Eindruck und zeugt von sorgfältiger Fertigung. Schön, dass sich die Potis zusätzlich zu ihrer Verschraubung an der Frontplatte über Haltebleche an der Platine abstützen. Die Bauteile sind hochwertig. Als einziges kleines Manko fällt auf, dass die drei großen Toggle-Switches, über die Hochspannungen geschaltet werden, nicht mithilfe von Zahnscheiben o. ä. wirklich dauerhaft verdrehsicher montiert sind. Die elektronische Schaltung arbeitet im Übrigen, soweit ich das ohne Schaltplan beurteilen kann, in reiner Röhrentechnik. Das einzige IC (kleine Platine hinter dem Select/Channel-Druckschalter) scheint für die Steuerung der insgesamt drei Relais zuständig zu sein (die übrigens ein deutlich vernehmbares Schaltknacken bei Kanalwechsel verursachen).

überraschung

Die oben beschriebenen Spezifikationen lassen bereits erkennen, dass der LBXII-Head nicht mehr ein direkter Nachfahre des ursprünglichen EVH-5150 sein kann. Die Sound-Ausrichtung hat mit dem großen Muscle-Amp kaum noch Schnittmengen. Dessen wesentliche Eckpfeiler, urwüchsige Dynamik und offensive Ehrlichkeit, sind beim LBXII-Head einer wesentlich „gnädigeren“ Tonalität gewichen. Die Ansprache ist weicher, was viele Spieler als angenehm empfinden werden, weil einen der Amp für Spielfehler nicht gleich abwatscht.

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Volle Hütte, Chassis besetzt bis auf den letzten Platz, aber absolut sauberer Aufbau (Bild: Dieter Stork)

Der LBXII-Head glänzt im Green-Kanal mit warmen Clean-Einstellungen. Glänzt ist wörtlich zu verstehen, weil sich das Höhenspektrum sehr transparent, fast schon glasig entwickelt, wie bei einem alten AC30. Frisch, aber nicht unangenehm klirrig oder gar beißend. Satte Mitten mit feiner Detailzeichnung und ein gesundes Bassfundament sorgen dafür, dass die Clean-Sounds auf ihre Art so viel Charme entwickeln wie der oft als Referenz zitierte Fender Blackface-Deluxe. Passende Speaker vorausgesetzt: Der LBXII-Head harmoniert prächtig mit Vertretern der Greenback-Familie. Aber auch über den Vintage 30 macht der Amp eine sehr gute Figur.

Nachgiebig im Anschlag, schmatzend, kontrolliert in der Balance, sauber definiert, die Cleansounds entwickeln viel musikalisches Format. Aber Obacht, 15 Watt sind nicht die Welt, und wer (wie u. a. die Testkollegen anderer Publikationen) behauptet, dass man damit in einer herzhaft aufspielen Band bestehen kann, spricht schlicht nicht die Wahrheit. Richtig clean mit Headroom? Dafür braucht man schon eine Leistung von ca. 40 Watt, man findet sich sonst sehr schnell im leicht angezerrten Bereich wieder. Erst recht, wenn man womöglich noch ein nicht besonders effizientes 1×12″-Cabinet benutzt. Wer einen Deluxe-Reverb o. ä. spielt, weiß wovon ich rede.

Angezerrt ist ein Stichwort. In diesem tonalen Bereich spielt der Clean-Kanal einen weiteren Trumpf aus. Er gleitet vorbildlich in die Sättigungsfärbungen hinein und bildet Mehrklänge/Akkorde betont harmonisch ab. Die Intensität der Overdrive-Verzerrungen changiert sensibel je nach Stärke des Anschlags. Aus alledem resultiert in der Summe eine musikalisch erfreulich ausdrucksstarke Tonalität. Blues-Gitarristen dürften daran ihre helle Freude haben, genauso wie Grunge-Rocker oder Kollegen, die traditionellen Southern-Rock oder Spielarten à la Mike Campbell (Tom Petty) favorisieren.

Der Blue-Kanal bildet einen vehementen Gegenpol zum Green-Modus. Im direkten Vergleich wirken die Gain-Reserven überbordend hoch. Sie bewegen sich aber absolut gesehen noch nicht auf der High-Gain-Ebene. Noch beeindruckender ist der Unterschied in der Sound-Charakteristik. Der Blue-Kanal erzeugt wuchtige Distortion, sehr fett und tragfähig, im Bassbereich ziemlich mächtig – toll, wie gedämpfte Noten auf der tiefen Saite „schieben“. Dabei braucht der Kanal keinen heftigen Input, sprich tendenziell harte Anschläge, um sich optimal zu entfalten, leichte Attacks genügen.

Flageoletts z. B. flutschen easy aus dem Plektrum. D. h. anders ausgedrückt, dass der Kanal den Spieler erheblich unterstützt und es ihm leicht macht, flüssige (Legato-) Passagen zu spielen. Damit nicht genug, fördert der Amp nachhaltig das Sustain, die Töne klingen lang und sehr gleichmäßig aus. Das sind natürlich genau die Zutaten, die man schätzt, wenn man auch nur im weitesten Sinne im van-Halen-Stil unterwegs ist. Hier haben wir also durchaus eine Schnittmenge mit dem großen Topteil. Und wenn man hinten anstellt, dass der LBXII geschmeidiger und weniger offensiv klingt, trifft auch die Klangfarbe das Klischee des heißen Brownsounds.

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(Bild: Dieter Stork)

Insgesamt gesehen eine tadellose Performance des Blue-Kanals. Es gibt nur einen Punkt, in dem er etwas schwächelt: In den hohen Tonlagen der Saiten e1, h2 und g3 magert die Tonfülle etwas ab. Na gut, angesichts der Preisgestaltung ist dies Nörgeln auf (sehr) hohem Niveau. Mein Tipp: Treble eher niedrig halten und Höhenbiss über den Presence-Regler dosieren, der wie Resonance intensiv anspricht, so stärkt man die hohen Noten.

Ein wichtiges Bewertungskriterium ist bei Verstärkern, die zwei Kanäle über eine Klangregelung führen, ob sich denn ausgewogene Sound-Verhältnisse einstellen lassen und ein gewisses Maß an Variabilität für jeden der beiden garantiert ist. Das kann man hier ganz klar bejahen. Außerdem ist ein dicker Pluspunkt dafür fällig, dass die Klangregelung überdurchschnittlich effizient arbeitet. Der LBXII-Head braucht keine hohen Lautstärken um seine maximale Tonkultur freimachen zu können. Es ergibt sich allerdings eine zusätzliche Dimension, wenn man ihn weit aussteuert und die Endstufe in die Sättigung bringt. Der Amp atmet dann sehr schön und unkontrollierbar. Insofern ist die Leistungsumschaltung ein willkommenes Feature, denn damit lässt sich der Saturation-Arbeitspunkt weit in niedrigere Lautstärkebereiche verlagern.

Das zweite nützliche Extra, der serielle Einschleifweg, besticht mit perfekter Funktion. Hinter den Volume-Reglern angeordnet, übersteigt er selbst bei Vollausstattung bis an die Kante kaum das 0-dB-Pegelniveau. Das Signalverhältnis zwischen Send und Return liegt präzise bei 1:1. Doch merke, Hinweis: Geräte, die am Ausgang das 0-dB-Niveau nicht liefern können, verhindern die Vollaussteuerung der Endstufe!

alternativen

Der EVH 5150III LBXII hat bezogen auf seinen Preis durchaus veritable Nebenbuhler, doch welcher von denen gleicht ihm so weit, dass er als Alternative in Frage kommt?! Schwierig, kaum einer. Engls Gigmaster-Modelle, die luxuriöser ausgestattet sind, einen Hall-Effekt und sogar eine Power-Soak bieten, könnte man in Betracht ziehen. Aber die Tonalität differiert doch so weit, dass man sie nicht als deckungsgleich bezeichnen kann. Ja, der EVH 5150III LBXII steht mit seiner tonalen Ausrichtung derzeit recht eigenständig auf dem Markt.

resümee

Chapeau dem Entwickler-Team, das diesen Amp auf die Beine gestellt hat. Ihm ist es gelungen, geschätzte Tugenden der Röhrentonformung sehr weit ausgereizt und quasi ideal ausbalanciert unter einen Hut zu bringen. Markante, kultivierte Sounds, die eine große Bandbreite abdecken, sowie eine spielerfreundliche Ansprache sind das Resultat. Das Ganze garniert mit einem funktional einwandfreiem Einschleifweg und einer Leistungsumschaltung zu einem Preis, der unterm Strich genauso viel Freude macht wie die Performance des Amps.

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Hinweise zu den Soundfiles

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, das AM11 von Groove-Tubes/Alesis und das C414 von AKG, platziert vor einem Celestion-Vintage 30 im klassischen 4×12-Cab.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und gemastert. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuerte die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine Steinberger GL4-T.

Clip 1 und 2: Der LBX-Head ist quasi aus der Art geschlagen. Er ist kein naher Verwandter des  großen Dreikanal-Topteils, sondern schlägt im Sound eine eigene Linie an. So ist er in der Lage im Green-Channel echte Cleansounds zu erzeugen, und zwar mit schöner Wärme und Präzision in der Detailzeichnung.

Clip 3 bis 6: Auch der recht heiße Blue-Channel  steht nicht in der bisher bekannten Tradition der 5150-Modelle. Er schlägt weichere Töne an, hat aber immer noch etwas Derbes. Dabei bietet er viel Gain und deckt ein breites Einsatzgebiet ab, von Blues bis Metal.

Die Clips 7 und 8 stellen den Amp mit meinem Referenz-Riff (RefRiff) vor, das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den (Zerr-) Charakter der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

 

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer!

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

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(erschienen in Gitarre & Bass 10/2017)

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