High Gain Ästhet:

MLC Subzero 100 MKII + 412 Retro 30 im Test

„Mark L Custom Guitar Electronic“ lautet der vollständige Name des Herstellers, der im Nachbarland Polen seinen Sitz hat. Bei uns im Michelland vermutlich noch vielen Kollegen unbekannt, ist MLC kein Newbie auf dem Markt und hat bereits ein umfangreiches Programm im Angebot. Wir stellen das Amp- Flagschiff vor, das u. a. mit MIDI-Steuerung auftrumpft.

(Bild: Dieter Stork)

Tatsächlich hat Marek Laskowski (Mark L) schon im Jahr 2002 begonnen sein Unternehmen aufzubauen. Es standen aber zuerst gar nicht Verstärker auf der Agenda, sondern MIDI-Controller, Patchbays und universelle Stromversorgungssysteme. Erst 2007 begann er sich überhaupt mit der Sound-Formung, sprich Amps, zu befassen. I2012 startete die Entwicklung der Subzero- Linie, die mittlerweile neben unserem Testkandidaten ein 60-Watt-Topteil und einen 2×60-Watt-Stereo-Head umfasst, sowie eine ausgefallene Kreation namens 9/18 die die Tugenden des Marshall- Plexi-Superlead und des Vox AC30 in sich vereinen soll; müssen wir uns baldigst auch einmal vorknöpfen. Außerdem sind 19“-Preamps im Programm, verschiedene Boxen und spezielle Line-Mischer für größere Guitar-Rigs.

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Konstruktion

Eine monströse Erscheinung, groß und mächtig wirkt der Subzero 100 MKII. Logisch, aufwendige Röhrentechnik braucht einfach Platz. Und MLC sorgt mit der Bauhöhe des eleganten Gehäuses und den Lochblechgittern an Front und Rückseite natürlich auch für einen gesunden Wärmehaushalt. Schließlich heizen dem Gehäuse vier EL34 und fünf 12AX7- Röhren ein. Wir haben es mit purer Röhrentechnik zu tun. Halbleiter finden sich im Signalweg nur in der FX-Loop-Sektion, wo sie – nebenbei bemerkt – einfach nur für die korrekte elektrische Anpassung sorgen, mit linearer Verstärkung, im Prinzip vollkommen klangneutral. Die Vorstufe ist in zwei separate Sektionen aufgeteilt, Clean und Crunch, die über identische Regelbereiche verfügen. Da sie mit Crunch gekoppelt ist, kommt die dritte Sektion, Lead, ohne die Dreibandklangregelung aus, d. h. hier sind nur die Gain-Intensität und die Lautstärke (das Poti Lead) variabel. Außerdem hat jeder der drei Kanäle einen dreistufigen Bright-Schalter, mit dem je zwei unterschiedlich intensive Höhenanhebungen aktiviert werden können.

(Bild: Dieter Stork)

Wie es mittlerweile Usus ist bei modernen Röhrentopteilen, verfügt der Subzero 100 MKII nicht nur über den klassischen Presence-Regler, sondern besitzt auch ein Poti, dass die Dynamik der Basswiedergabe variiert (Depth, links außen). Auf der anderen Seite der Frontplatte sehen wir zwei alternativ aktivierbare Master-Volumes, die allerdings erst in Betrieb gehen, wenn man den eben bereits erwähnten seriellen Einschleifweg aktiviert – Bypass manuell oder per Fußschalter möglich (siehe unten). Zusätzlich ist im FX-Return-Weg der Signalpegel regelbar.

An der Rückseite sehen wir sonst noch zwei Lautsprecheranschlüsse mit umschaltbarer Impedanz (4, 8 oder 16 Ohm) und zwei DIN-Buchsen. Das ist das Tüpfelchen aufs „i“: der Amp hat eine MIDI-Schnittstelle, über die die Schaltfunktionen adressierbar sind. Als da sind die Kanalanwahl, FX-Loop-On/Off, Master- Volume-Umschaltung und Mute. Dieselben wie bei dem sehr hochwertig gearbeiteten Schaltpedal, das mit einem knapp sechs Meter langen Kabel ausgerüstet ist.

(Bild: Dieter Stork)

An einem Miniatur-Drehschalter kann der MIDI-Kanal bestimmt werden. Achtung, ich betone es noch mal, damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Subzero 100 MKII besitzt keinen Programmspeicher, in dem Einstellungen abgelegt werden können. OK, nächster Schritt, Substanz checken, aufschrauben, Chassis raus, gucken was sich hinter der schnieken Fassade (der Amp ist im Betrieb innen rot beleuchtet) verbirgt. Oopps, darauf war ich nicht gefasst. Röhren-High-Tech, penibelste Verarbeitung nach höchsten Standards. Was das angeht, kann es der Subzero 100 MKII locker mit der Hautevolee der Boutique-Szene aufnehmen. Dementsprechend hochwertig sind die verwendeten Komponenten wie z. B. die beliebten Mallory M150 als Koppelkondensatoren (das sind die, die hinter dem Ausgang einer ECC83/12AX7 o.a. die Gleichspannung sperren und nur das Nutzsignal durchlassen). Um das Wechselstrombrummen so niedrig wie eben möglich zu halten, werden die Vorstufenröhren sogar mit stabilisierter Gleichspannung geheizt, technisch aufwendig gelöst. Macht alles einen sehr guten zuverlässigen Eindruck. Zwei Details sind aber doch eher unschön. Die Kontakte der Speaker-Ausgangsbuchsen packen für meine Begriffe den Stecker zu zaghaft und es irritiert auch, dass das Holzgehäuse des Amps allein schon mehr als zehn Kilogramm wiegt und damit das Gesamtgewicht unnötig in die Höhe treibt (ca. 26 kg). Vielleicht entschädigt dafür ja, dass man die Wahl zwischen acht verschiedenen Tolex-Farben hat (u. a. gelb, grün und orange).

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Praxis

In den Vorgesprächen zu diesem Test hat MLC nachdrücklich darum gebeten, eine Box mitschicken zu dürfen. Hhmm, muss eigentlich nicht sein, dachten wir uns. Aber OK, einverstanden. Als ich das Stack dann zum ersten Mal gehört hatte, war klar, warum das der Firma so wichtig war. Die beiden zusammen erreichen tonal eine Qualität, die mit einem normalen 4×12-Cabinet nicht unbedingt zum Vorschein kommt. Dabei zeigt das Subzero- Cab vordergründig gar keine Besonderheiten. Die Schallwand ist angeschrägt eingesetzt und die Schutzbespannung vorne ist – für das Mikrofonieren immer sehr erfreulich – abnehmbar. Aber sonst keine Besonderheiten. Abmessungen, Materialien und der Retro 30-Speaker von WGS/USA (Warehouse Guitar Speaker) ergänzen sich offenbar einfach günstig (optionale Speaker-Typen: Heritage G12M o. G12H, Scumback Ceramic).

Eine fett voluminöse und stets sauber kontrollierte Basswiedergabe, die die Dynamik des Verstärkers bestens unterstützt und eine betonte Frische in den oberen Mitten und Höhen, die sich unprätentiös und bei aller Transparenz ganz und gar nicht giftig ausbildet sind das Ergebnis. Was nach Gegenchecks mit anderen Amps ein kurzes Zwischenfazit zeitigt, nämlich, dass diese 4×12-Box sehr empfehlenswert ist. So, damit habe ich gleichzeitig schon angekündigt, dass auch der Subzero 100 MKII einiges für den Pluspunktekasten bereithält. Im Clean-Kanal erzeugt er fein ziselierte Klänge, HiFi-präzise im positivsten Sinne, warm mit großem Volumen, stramm in der Dynamik, trotzdem angenehm im Spielgefühl. Ein wesentlicher Teilaspekt seiner Qualität ist die Tatsache, dass er homogen in subtile Anzerrungen hineingleitet. So entsteht eine lebendig reagierende Quasi-Clean- Ebene, die eine Spur nachgiebiger auf Attacks reagiert. Dank der effizient arbeitenden Klangregelungen brillieren in dem Kanal Vintage-Strats genauso wie kraftvolle Gitarren à la Les Paul und Konsorten.

Die beiden Distortion-Sektionen mischen britische Charakteranlagen mit heißen Gain-Bereichen und modernen Tonelementen. Letztere zeigen sich darin, dass in den oberen Frequenzbereichen die Verzerrungen besonders intensiv sind, damit Obertöne und Feedbacks begünstigen, aber auch eine durchsetzungskräftige Schärfe erreichen. Das Interessante und Angenehme daran: Trotzdem wirkt die Tonformung nicht übermäßig angriffslustig, hart oder bissig. Nein, der Subzero 100 MKII singt hier im übertragenen Sinne wie der selige Boogie MKI. Wir reden vom Lead-Kanal, der ultra-heiß ausgelegt ist, viel Kompression erzeugt, und doch die Konturen der Noten sehr präzise darstellt und gedämpft gespielte tiefe Noten kraftvoll pulsieren lässt. Beim Solieren wirkt der Sound des Kanals letztlich auch gar nicht übermäßig verzerrt. Noch schöner, den Subzero 100 MKII muss man nicht laut spielen, damit er auflebt, er klingt auch relativ leise gespielt sehr gut.

(Bild: Dieter Stork)

Der Basis-Sound und die Art der Ansprache ist im Lead- und Crunch-Kanal sehr ähnlich. Lead agiert allerdings ungleich kraftvoller im Mittenbereich. Den Crunch-Einstellungen bekommt die luftigere Ausprägung natürlich. Denn komplexere Akkorde können sich so viel harmonischer ausbilden. Und sie tun es bravourös. Was so weit geht, dass man sich mit dem Amp auch in den klanglichen Gefilden eines John Mayer bewegen kann. Unter anderem dank der erfreulich reaktiven Ansprache. Im Übrigen erzeugt auch die Crunch-Sektion diese Art AC30- Brillanz. Und Crunch hat soviel Gain-Reserven, dass der Kanal vermutlich bei vielen Anwendern schon als Lead-Kanal durchgehen würde. Fragt sich noch, wie denn die beiden Kanäle mit der gemeinsamen, wiederum erfreulich variablen Klangregelung zurechtkommen. Nun, die Abstimmung erwies sich grundsätzlich als praxisgerecht. Je nach Einstellung, waren nach dem Umschalten zu Lead die Höhen etwas unterbelichtet, aber das ließ sich mit dem Bright-Schalter im Handumdrehen ausgleichen.

Auch in den weiteren Funktionen gibt sich der Subzero 100 MKII keine Blöße. Die Umschaltvorgänge gehen dezent vonstatten, ohne störende Nebengeräusche. Der Einschleifweg funktioniert ebenfalls elegant. Allerdings ist der Return Level-Regler nicht in der Lage, in der FX-Kette verringerte Signalpegel aufzuholen, sprich es gibt hier keine nachhaltige Nachverstärkung. Wer die Leistung des Amps ausschöpfen will, muss darauf achten, dass er in etwa am 0dB-Niveau bleibt. Oder einkalkulieren, dass er zwischen dem letzten Effektgerät und dem Return eventuell einen Line-Booster anschließen muss. Ein letzter Hinweis gilt der Anwendung mit unterschiedlichen Instrumenten. Wegen der hohen Gain-Intensitäten sind Singlecoil- Gitarren kritisch, es brummt natürlich unsäglich in Spielpausen. Ich sage mal, ohne Humbucker am Steg läuft wenig. Geradezu ideal wirkte der Amp im Zusammenspiel mit der Les Paul und elektrisch artverwandten Solidbody-Gitarren. Mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser waren die Ergebnisse bei aktiven Pickups.

Alternativen

Er hat nicht ganz soviel Höhen, aber im Charakter ähnelt der Subzero 100 MKII durchaus dem AFD100, den Marshall für Slash gebaut hat. Mit dieser Ausrichtung kommen als Alternative grundsätzlich alle Amps moderner britischer Klangausrichtung in Frage. Doch ich gebe zu bedenken: Der Subzero 100 MKII ist schon ziemlich speziell im Ton, charakterstark, insbesondere im Kombination mit dem 4×12-Cab. Genau so bekommt man das woanders nicht.

Resümee

MLCs Debüt in unserem Magazin hinterlässt einen bleibenden Eindruck, einen durch und durch positiven. Im Sound modern ausgerichtete High-Gain-Distortion, die den Ton des Instruments wahrt und Charakterstärke beweist, ein hochtransparenter und doch warmer Clean- Kanal, das trifft im Ton den Zeitgeist energiereicher Rockstilistiken auf den Punkt. Stimmiges Konzept, sehr gute Verarbeitung, keine Frage, das Preis-/Leistungsverhältnis ist zweifelsfrei gesund. Das gilt auch für das so souverän aufspielende 4×12-Cabinet, das man übrigens auch als Leergehäuse kaufen kann.

Plus

  • Sound & Variabilitat
  • Dynamik/Transparenz & Durchsetzungs vermo gen
  • hoher Schalldruck
  • MIDI-Schaltfunktionen
  • Ausstattung & Konzept
  • geringe Nebengerausche
  • wertiges Schaltpedal inbegriffen
  • Tonkultur des 4×12-Cabinets
  • Verarbeitung & Qualitat der Bauteile

Soundfiles

Hinweise zu den Soundfiles.

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis als Raum-Mikro und ein C414 von AKG, nahe platziert vor der Subzero-Box.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuert die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine 1957-Signature-Les-Paul „Lee Roy Parnell“ aus dem Gibson-Custom-Shop.

Bedeutung der Buchstabenkürzel:

CL-Ch: Clean-Kanal.

CR-Ch: Crunch-Kanal.

LD-Ch: Lead-Kanal.

CR: Crunchsound, etwas mehr Gain als bei Overdrive.

LG: Low-Gain, geringe Übersteuerung.

MG: Medium-Gain.

HG: High Gain, Distortion nahe am Maximum des hier bei diesem Amp Möglichen.

Git-Vol: Im Clip wird das Guitar-Volume-Poti benutzt, um die Verzerrungsintensitäten zu ändern.

LP: Les Paul.

Clips #1 bis #3 stellen den Clean-Kanal vor. Wenn man  möchte, hat er einen Chime/Glanz in den Höhen, der dem ehrwürdigen Vox-AC30 gleicht. Andererseits ist der Kanal nicht auf cleane  Sounds festgelegt, wie die anderen beiden Clips zeigen.

In den Clips #4 bis #6  hören wir den Crunch-Kanal des Subzero 100 MKII. Auch der ist überdurchschnittlich variabel und reagiert hochdynamisch. Außerdem spricht er sehr vorteilhaft auf das Guitar-Volume-Poti an, d.h. die Verzerrungsintensität lässt sich feinfühlig steuern, ohne dass problematische Lautstärkesprünge entstehen. Und wie voluminös die Strat im Clip 4 klingt! Unter anderem ein Verdienst des sehr „groß“ klingenden Subzero-Cabinets.

Die Clips #7 bis #9 betreffen den Lead-Kanal, der quasi eine heißere und fettere Subsektion des Crunch-Kanals ist. Sauber Artikulation der Attacks, holzig kraftvoller Ton bei moderatem Gain. Tragfähig, aber schon recht direkt in der Ansprache, nicht ganz den zu spielen.

Clip #10 verdeutlicht den Sound-Unterschied zwischen den beiden Distortion-Sektionen Crunch und Lead. Clip #11 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter (die Verzerrungen selbst sind hier gemeint) der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.


Aus Gitarre & Bass 02/2017

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