Die Flaxwood 3LP-T Laine im Test

E-Gitarre von Flaxwood, weiß, stehend

 

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In diesen Zeiten, in denen die Gitarristen scheinbar orientierungslos zwischen Billigst-Angeboten aus Fernost, Vintage-Gitarren im Gebraucht-Look und glanzvollen Custom-Shop-Boutique-Beauties hin und her taumeln, haben es neue Konzepte für den Working Musician besonders schwer.

 

 

Umso mehr freut es mich, dass die kleine, finnische Firma Flaxwood immer noch am Werke ist – genau die, über deren Modell Rautia ich bereits vor mehr als drei Jahren geschrieben habe. Ob die Welt eigentlich neue Gitarren bräuchte, habe ich damals gefragt. Heute weiß ich die Antwort: Ja! Nicht, dass es nicht schon genug Modelle gäbe. Aber allein die Tatsache, dass die menschliche Eigenschaft, Dinge ständig weiterzuentwickeln und damit die Erde am Drehen zu halten, auch für solche alten Rezepte wie das der E-Gitarre gilt, ist doch die Existenzberechtigung von Firmen wie eben Flaxwood. Was wäre die E-Gitarrengeschichte ohne all die Steinbergers, Parkers & Co.?

 

Konstruktion der Flaxwood 3LP-T Laine

Dabei erfinden die Finnen das Gitarren-Design nicht gerade neu. Innovativ und einzigartig ist lediglich das Material, aus dem Hals und Korpus hergestellt sind – eben jenes Flaxwood, das der Firma auch ihren Namen gibt. Jener geheimnisumwitterte Stoff besteht aus in seine Grundstrukturen aufgelöstem Holz und einem Bindestoff, den die Finnen nicht preisgeben wollen. Die so entstehende flüssige Masse wird in Formen gegeben, Hals und Korpus werden also regelrecht gegossen. Dieses Verfahren verspricht eine große Konstanz und Verlässlichkeit, was Form und Klang angeht. Flaxwood soll ein ungewöhnlich gutes Tonholz sein, weil es im Vergleich zu natürlich gewachsenem Holz keinen Maserungsverlauf und natürlich auch keine Knoten oder Astlöcher aufweist, die den Schwingungsablauf negativ beeinflussen können. In punkto Dynamik, Ansprache, Transparenz und Sustain sei Flaxwood jedem Naturholz überlegen, abgesehen davon, dass es auch unempfindlich gegenüber Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit sei, versprechen die Finnen. Außerdem verweisen sie auch auf den ökologischen Aspekt ihrer Produktionsweise, denn die Herstellung von Flaxwood erfordert keinen zusätzlichen Abbau seltener Tonhölzer, um Gitarren zu bauen. Flaxwood kann z. B. auch aus Abfallholz gewonnen werden.

Geht somit endlich der Traum aller Gitarristen in Erfüllung? Mit Sicherheit nicht so ohne Weiteres, denn wir alle sind die Unzulänglichkeiten von Holz gewohnt, ja – wir lieben dieses Unperfekte geradezu, wir sind schließlich damit groß geworden. Doch vielleicht ist es wirklich an der Zeit, auch als Gitarrist einfach einmal dazuzulernen?

Wenn wir die Laine (finnisch für Welle) näher durchleuchten, merken wir bald, dass auch in den Details nicht gespart, dafür aber sogar mitgedacht wurde. Da sind die feinen Gotoh HAP-Locking-Mechaniken und da ist der Tune-X-Sattel, der nicht nur aus selbstschmierendem Synthetikmaterial besteht, sondern auch die Intonation der Gitarre in den ersten Lagen verbessern soll. Der Hals, der ohne separates Griffbrett auskommt – sozusagen ein „one piece flaxwood“ – sitzt in einer Art Halstasche, wo er mit dem Korpus verleimt ist. Selbiger erinnert in seiner Silhouette ansatzweise an eine Fender Stratocaster, mit all seinen Konturen wie der gewölbten Decke und der leichten Kehlung am Rand jedoch auch an PRS-Konzepte. Die Saiten überqueren drei Lipstick-Pickups von Seymour Duncan und werden in einem Schaller-LP-Vibratosystem verankert. Die finnische Firma mag dieses Vibratosystem, das eigentlich zum Nachrüsten einer Les-Paul-type-Gitarre gedacht ist und deshalb an zwei Bolzen anliegt. Die Montage eines herkömmlichen Vibratosystems wäre allerdings auch gar nicht möglich, denn die Laine ist wie alle Flaxwoods zu großen Teilen hohl. Die Hohlräume werden rückseitig mit einer riesigen Platte abgedeckt, die auch klangliche Qualitäten mitbringen soll. Die sechsfach geschlitzte sogenannte resonating back plate soll sich nämlich günstig auf das Obertonspektrum auswirken und dort ein paar Brillanzen mehr freimachen.

Das Vibratosystem besteht aus zwei miteinander verbundenen Teilen, der hintere ist beweglich und wird von fünf kleinen, aber starken Federn auf Spannung gehalten. Dieses System kann ohne Modifikation auf jede Gitarre mit Tune-o-matic-/Stop-Tailpiece-Konstruktion gebaut werden. Es ist einfach zu installieren und liefert vom charismatischen Bigsby-Schimmern bis hin zu satten Dive-Bombs alle Facetten eines guten Vibratosystems. Und bis zu einem Ton höher vibrieren, das kann man auch. Die Saitenreiter sind zudem mit Rollen ausgestattet, die zur Stimmstabilität genauso beitragen wie der Sattel und die Mechaniken.

Master-Volume, Master-Tone und ein Blend-Poti, das das Signal des Hals-Pickups der jeweiligen Schalterstellung stufenlos zuregelt, stellen zusammen mit dem Fünfweg-Klingenschalter die Verwaltungseinheit der Laine dar.

 

Praxis

Eine perfekte, an der Fender Strat ausgerichtete Ergonomie und ein sich sehr gut anfühlender Hals mit einem mittelstarken Profil und leicht verrundeten Griffbrettkanten erzeugen Sympathie auf den ersten Akkord. Akustisch klingt die Flaxwood sehr laut, wobei der Klang sehr brillant und transparent rüberkommt – durchaus mit einer akustischen, an eine Resonator-Gitarre erinnernden Note. Am Verstärker erscheint die Flaxwood beim ersten Anspielen wie eine Fender Strat auf Testosteron. Mehr Bässe, mehr fette Höhen, weniger Mitten – sehr interessant. Zwischenstellungen erscheinen bei leicht zurückgedrehtem Volume-Regler fast wie eine E-Akustik-Gitarre, und diese ganz hohen, crispen Höhen hört man auch bei angezerrten und verzerrten Sounds deutlich heraus. Das ist ungewohnt. Grundsätzlich wird man in den einzelnen Pickup-Positionen mit Sounds bedient, die man ansatzweise zwar schon kennt, aber noch nicht in dieser Prägnanz. So schmatzt der Hals-Pickup wie ein XXXL-Texaner, und der Steg-Kollege kommt muskulös und gar nicht knochig aus der Hüfte. Hmm – hier trifft natürlich dieses ungewöhnliche, sehr dichte Tonholz-Material auch auf Pickups, die für ihre Direktheit, ihre Strahlkraft und ihren kompromisslosen Übertragungscharakter bekannt sind. Und da werden Kräfte frei gesetzt, die mit Vintage-Sounds tatsächlich nichts am Hut haben. Was ja auch gut ist, denn Gitarren, die Vintage-Sounds produzieren, gibt es genug auf der Welt. Brillanter Klang, schneller Attack, hohe Transparenz, satte Bässe, reichlich Höhen, ein gutes Sustain – wo können wir solch ein Profil einsetzen? Vielleicht als Monster-Surfer? Oder New Jazz? Funk? Ja, auf jeden Fall! Aber auch die, die mit vielen Effekten arbeiten, würden sich über eine solche Klangcharakteristik freuen. Eine Allround-Gitarre für alle Zwecke ist die Laine jedenfalls nicht, dafür klingt sie zu eigen, und Metaller, Blueser, Jazzer und Countryisten sind bekanntermaßen ihren Standards in der Regel treu bis ins Grab, da kann diese finnische Schönheit auch nichts dran ändern.

Was gibt‘s sonst noch zu berichten? Brummfreiheit in den Zwischenpositionen dank eines rwrp-Mittelpickups (reverse wound, reverse poled), sehr relaxte Spielbarkeit bis in die höchsten Lagen – und ein Vibratosystem, das sich in seiner Wirkungsweise irgendwo zwischen Vintage- und Floating-Systemen aufhält. Die Stimmstabilität ist exzellent, ebenso dank des Tune-X-Sattels die Intonation in den ersten Lagen.

 

Resümee

Die Flaxwood Laine ist eine mutige Gitarre. Angelehnt an den Fender-Klassiker mit den drei Singlecoil-Pickups treibt sie dieses Erfolgskonzept in extreme Bereiche vor – und das macht sie so gut, dass sie neue Türen damit öffnet und nicht mehr nur als Kopie oder Variante des US-Klassikers durchgehen kann. Mehr Brillanz, mehr Volume, mehr Attack, mehr Bässe, mehr Sustain – das ergibt eine Hyper-Version einer Gitarre mit Doppel-Cutaway und drei Singlecoil-Pickups, die die einen verschrecken, die anderen verzücken wird. Die Kombination von Flaxwood und Lipstick-Pickups stellt eine brisante Mischung dar, der wohl nicht jeder gewachsen sein dürfte.

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