Spanisch, blond & nachhaltig

Aragon ATPT-250AECE im Test

Akustik-Gitarre mit Cutaway von Aragon
(Bild: Dieter Stork)

 

Sehr blond und durchaus attraktiv kommt sie daher, die Aragon in ihrem Outfit aus Fichte und Ahorn, und von Langeweile kann optisch auch beim zweiten Hinsehen keine Rede sein. Aber kann sie auch mit den inneren Werten aufwarten, die uns an eine längerfristige Beziehung denken lassen?

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Zu klären wäre also zunächst einmal, ob sie aus gutem Hause kommt. Das kann man durchaus bejahen, denn die in Spanien ansässige Gitarrenmanufaktur von Manuel Raimundo baut traditionell hochwertige Nylonstring-Gitarren in geringen Stückzahlen. Interessant ist vor allem jene Baureihe, der auch das Testinstrument entstammt und die den Namen „Pro Tierra“ trägt: Hier legt man besonderen Wert auf Nachhaltigkeit; es kommen vornehmlich europäische Hölzer zum Einsatz, und wo aus konstruktiven Gründen auf Tropenholz nicht verzichtet werden kann, stammt dieses aus zertifizierter Holzwirtschaft. Inwieweit die kryptische Modellbezeichnung ATPT-250AECE neben den Buchstaben „PT“ für „Pro Tierra“ noch weiteren Aufschluss über Konstruktionsmerkmale geben soll, erschließt sich nicht unmittelbar, vermutlich stehen das „T“ und das „A“ für die „Traditional Art“-Serie, die durch einen starken Bezug zur Tradition spanischer Gitarrenbaukunst gekennzeichnet ist.

 

Konstruktion der Aragon ATPT-250AECE

Infolgedessen kommt einem auch das Testinstrument gleich sehr spanisch vor. Dies liegt zum einen daran, dass die Hals-Korpus-Verbindung in traditioneller spanischer Bauweise ausgeführt ist (dabei werden die Zargen vor Vollendung des Korpus in den Halsfuß eingeleimt) und die Fichtendecke über eine klassische 5-fach-Fächerbeleistung verfügt. Vor allem aber ist es der Auswahl des Tonholzes für Boden und Zargen zuzuschreiben: Gerade Flamencogitarren, bei denen es auf schnelle Ansprache und „silbrigen“ Klang ankommt, werden gerne aus Ahorn gefertigt. Im Falle der vorliegenden „Bella Bionda“ handelt es sich um eine vollmassive Ausführung mit Boden aus sehr attraktiv geflammtem österreichischem Bergahorn. Ein Mahagonihals mit flachem D-Profil und das Palisandergriffbrett mit 19 gut abgerichteten Medium-Bünden runden das Bild ab. Der Steg dürfte ebenfalls aus Palisander gefertigt sein und trägt eine Stegeinlage, die – ebenso wie der Sattel – aus Knochen besteht. Die traditionelle und auf geschmackvolle Art zurückhaltende Ornamentik weiß ebenso zu gefallen; dies gilt sowohl für die einfachen Zierstreifen aus schwarzem Holz an allen Korpusrändern sowie an der Mittelnaht der spiegelverkehrt zusammengefügten Hälften des Bodens, als auch für die Rosette mit zwei Zierstreifen und die vorderseitig mit einer Ahornschicht belegte Kopfplatte. Mir persönlich gefällt auch der Umstand, dass alle Oberflächen offenporig matt gestaltet sind.

Zu erwähnen wären natürlich zwei entscheidende Konstruktionsmerkmale: Die Korpusbauform gehört mit einer Tiefe von maximal 80 mm zur Gattung „Slim Body“. Den Cutaway will ich ebenfalls nicht unterschlagen. Im Zusammenhang mit Letzterem sei noch auf ein gelungenes Detail hingewiesen: Dort, wo der Korpus am Cutaway auf den Halsfuß stößt, knickt er nicht im 90°-Winkel in Richtung obere Zarge ab, sondern ist schräg, im 45°-Winkel ausgeführt. Aufgrund dessen weist der Halsfuß eine organisch geschwungene Form auf, die nicht nur optisch schön ist, sondern den Zugang zu den höheren Bünden erleichtert.

Wie üblich bei Slim Bodies, darf auch ein Pickup nicht fehlen: Ganz im Sinne der oben erwähnten Nachhaltigkeit haben wir es hier mit dem Acoustic Trio VT System der Firma Mi-Si zu tun, welches ohne Batterie auskommt und von außen geladen wird. Die Bedienelemente (Volume und Tone) sind vom Schallloch her zugänglich – keinerlei Löcher also in der schönen Außenhülle. Betrachtet man den handwerklichen Standard, würde man vielleicht konstatieren, dass man den einen oder anderen Übergang bei Gitarren asiatischer Provenienz schon einen Hauch präziser und makelloser gesehen hat. Ich will’s mal so sagen: Man sieht, dass diese Gitarre von Menschen gebaut wurde. Insofern: keine echte Kritik.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Die Aragon ATPT-250AECE in der Praxis

Die aufgrund der Holzauswahl vorherrschende Erwartung bestätigt sich prompt beim Spielen: Die Tonentwicklung ist wieselflink, der Ton wird unmittelbar greifbar und steht erfreulich lange im Raum. Das Frequenzspektrum ist bauartbedingt nicht besonders basslastig, jedoch sind die erdigholzigen Mitten sehr fein gezeichnet und werden durch den silbrigen Diskant vortrefflich komplementiert. Wie häufig bei spanischen Gitarren, ist auch dieses Instrument leicht und schwingfreudig, was sich physisch in der Magengegend des Spielers angenehm bemerkbar macht. Zur Leichtigkeit in der Gesamtanmutung der Aragon passt es, dass der flache, mit 51,5 mm geringfügig schmalere Hals (gemessen am Standard von 52 mm) auch dank der perfekten Saitenlage zu flinkem Spiel einlädt. Man könnte sagen, dass wir es hier nicht mit einem voluminösen Brauereipferd, sondern mit einem Araberpferdchen unter den Gitarren zu tun haben.

Um den elektroakustischen Klang zu untersuchen, bedarf es zunächst einer ungewöhnlichen Vorgehensweise: Das mitgelieferte Netzteil wird mit einer Steckdose und der Gurtknopf-Klinkenbuchse des Instruments verbunden. Nach 60 Sekunden reicht die Ladung der aktiven Elektronik angeblich für 16 Stunden Dauerbetrieb aus. Der elektroakustische Ton gibt den Naturton erstaunlich getreu wieder, und die etwas rudimentären Klangbeeinflussungsmöglichkeiten mittels Tonregler im Schallloch lassen dennoch keine Wünsche offen: Die werksseitig im System voreingestellte Frequenzkurve passt sehr gut zum Charakter der Gitarre.

 

Resümee

Sie ist ein besonderes, aus der Masse der elektroakustischen Nylonstrings herausragendes Instrument, die Aragon ATPT-250AECE. Angesichts des Listenpreises von € 1279 zwar kein klassisches Schnäppchen, aber wer den hispanisierenden Grundcharakter und die spezielle, wirklich geschmackvolle Optik in Verbindung mit den elektroakustischen Möglichkeiten zu schätzen weiß, wird mit dieser Blondine eine langjährige, erfüllte Liaison eingehen können.

 

Übersicht

Fabrikat: Aragon

Modell: ATPT-250AECE

Typ: elektroakustische Slim-Body-Konzertgitarre mit Cutaway

Herkunftsland: Spanien

Mechaniken: klassisch, mattsilbern mit Holzflügeln

Hals: Mahgoni

Sattel: Knochen

Griffbrett: Palisander

Halsform: D-Profil, flach

Halsbreite: Sattel 51,5 mm XII. 61,5 mm

Bünde: 19

Mensur: 650 mm

Korpus: österreichischer Bergahorn, geflammt

Decke: Fichte

Oberflächen: offenporig matt

Steg: Palisander

Stegeinlage: Knochen

Saitenbefestigung: 6-Loch, klassisch

Gewicht: 1,35 kg

Vertrieb: Reinhardt GmbH

72070 Tübingen

www.bestacoustics.de

Zubehör:

Preis: ca. 1279

 

Plus

  • Holzauswahl/Gestaltung
  • Klangcharakter, elektroakustischer Sound
  • Bespielbarkeit

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