Kolumne

Till & Tone: Deimel Hybridstar – One step beyond!

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Die Kopfplatte folgt der Ellipsen-Formsprache der Hybridstar (Bild: Deimel)

Noch ein paar Proben, dann geht es ab in den Sommerurlaub. Frankreich, Bretagne. Oui, je suis Boulangerie! Will sagen … mein französischer Wortschatz ist so groß wie Brigitte Macrons Bleistiftabsätze.

Gut, dass meine Mutter immer so gerne Mireille Mathieu gehört hat. Leider nur auf Deutsch. Egal. Die wichtigen Fragen im Urlaub sind ja doch eher: Schaffen es meine Tochter und ihre anbetungswürdige Mutter, ihre Plörren in einem gemeinsamen Koffer unterzubringen, oder braucht jeder wieder einen von diesen großen Rimowa-Alukoffern für sich alleine?

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Wie immer ist eine meiner Hauptfragen eher: Soll ich neben einer Ersatzunterhose auch meine Gitarre mitnehmen? Damit die Hornhaut gepflegt wird und die Finger geschmeidig bleiben? Ich habe doch diese wunderbare kleine Reisegitarre, die mein alter Freund, der Gitarrenbauer Frank Deimel, für mich gebaut hat.

„Alter Freund“, deswegen, weil er auch schon auf die 60 zugeht, und weil wir seit 1982 befreundet sind. Ich war dabei, als er aus der alten Küchenarbeitsplatte seiner Mutter eine Les-Paul-Junior-Kopie sägte, lackierte und zusammenklöppelte. Über die Jahre hinweg hat Frank viele Gitarren für mich gebaut, die allesamt exzellente Kopien der sattsam bekannten Gitarrentypen waren. Weil ich es so wollte.

Und da bin ich ja in großer Gesellschaft, denn Strat, Tele und Les Paul sind seit Jahrzehnten die beliebtesten und mit Abstand am meisten gespielten E-Gitarren. Ganz schön konservativ, oder? Bei der Verstärkung gibt es mehr Zukunft: Digitale Amps/Modeler kommen immer mehr zum Einsatz, als es den hartgesottenen Röhren-Dinos lieb ist.

Aber das Fass lassen wir zu, wir bleiben bei den Gitarren und Frank Deimel. Irgendwann, ca. 2011, hat sich Frank entschlossen, auf mehr Eigenständigkeit zu setzen, und kreierte die Firestar, ein Offset-Modell mit Design-Anleihen von Jazzmaster und Firebird, während die Modellreihen Singlestar und Doublestar sich mit ihrer Korpusform doch wesentlich eindeutiger an eine Les Paul bzw. Les Paul Doublecut orientieren.

Die Hybridstar mit Durchblick (Bild: Hoheneder)

INTERVIEW

Frank, du bist schon lange als Custom-Gitarrenbauer tätig. Deine Modellreihen Firestar, Singlestar, Doublestar und Bluestar verweisen im Design auf ikonische Modelle. Trotz dieser Anleihen hast du deine Gitarren eigenständig und individuell nach deinen Vorlieben weiterentwickelt, sie von reinen Kopien zu „Deimel-Gitarren“ entwickelt! Wie kam diese Entwicklung zustande?

Ja, das ist eine gute Frage, denn im Nachhinein betrachtet, unterliegt allen Modellen eine Philosophie, die ich erst später als roten Faden in meinen Gitarren-Ideen entdeckt habe und offensichtlich schon immer unbewusst verfolgt habe. Wenn ich ganz weit zurückdenke, z. B. an meine erste Liebe, die Doublecut Junior, die ich aus Restholz der Küche meines Elternhauses baute, entstand quasi notgedrungen schon eine „Mischung“ der verschiedenen Bauweisen der von dir genannten Klassiker.

Zum Beispiel, wie kriege ich einen alten Eko-Schraubhals an einen selbstgeschnitzten Doublecut-Body? Warum ist da – im Original – kein Halspickup drin, ein schmaler Tele-Rhythm-Neck-PU müsste doch gerade noch passen … das war natürlich alles grenzwertig, aber ich habe mir den Kopf zerbrochen, es hinzubekommen…und sogar heute baue ich es noch genauso, wie mit 16 (lacht)! Das hat sich dann verfestigt, ich muss immer irgendwas optimieren oder vermischen.

Bei der ersten Premiere der Firestar in Frankfurt 2012 habe ich es dann als „Best of Both Worlds“ vermarktet. Vor allem aber liegt der ganzen Sache die Idee zu Grunde, den Kunden nicht vor den Kopf zu stoßen, sie sollen sich immer noch „zu Hause“ fühlen – als wenn es meine Modelle auch schon in den 50/60gern gegeben hätte. Es ist Eigenständigkeit mit großer Nähe zu den Klassikern, korrekt! Auf der einen Seite also die Liebe zu diesen Ikonen, auf der anderen Seite der Optimierungsgedanke, den ich schon immer verspürt habe.

Gruppenbild mit Jimi (Bild: Hoheneder)

Du hast an zahlreichen Vintage-Gitarren Reparaturarbeiten ausgeführt: 58er und 59er Les Pauls, 50er und 60er Strats oder Teles … Wie siehst du als Hersteller neuer Instrumente den Hype sowie die Mythologisierung der alten Gitarren?

Ich finde das absolut gerechtfertigt, es sind nun mal die Instrumente, auf denen der Sound − und Bauqualität! − der ganzen Pop/Rock/Jazz Musik seit Erfindung der E-Gitarre geschrieben wurde. Insofern sind sie zu absoluten Ikonen geworden. Stell dir Hendrix mit einer Ibanez vor, oder Jimmy Page mit einer Aria, das funktioniert nicht und ist nicht beliebig.

Es gehört zusammen, die ikonische Musik und die ikonischen Instrumente. Man konnte und musste sich damit identifizieren: Hendrix, Strat. Page, Les Paul. Springsteen, Tele. Das ist bis heute ein elementarer Teil der Pop-Kultur.

Du entwickelst – inspiriert von Kundenwünschen – ungewöhnliche und aufwändige Tonabnehmer-Konfigurationen. Kannst du uns das an einem Beispiel exemplarisch aufdröseln?

Ja, gerne. Ich habe irgendwann aus Interesse angefangen, selbst Pickups zu bauen, um sie a) besser zu verstehen und b) auch als Reparaturservice anzubieten. Dann merkte ich, dass man mit wenigen Änderungen sehr viel bewirken kann und auch sehr individuelle Vorstellungen realisieren kann.

Seitdem ich auch die Spulenkörper selbst baue, kann ich jedwede Bauform abändern oder modifizieren. Bei unserem Firestar Bass habe ich mich dann richtig ausgetobt, die große Wanne des Jazzmaster-Pickups ist wie geschaffen für alle möglichen Bauformen intern. Egal ob MM-Style, Thunderbird-Type, Split Coil, etc., ich bediene mich gnadenlos der ganzen Bandbreite von PU-Konstruktionen, verändere oder passe sie den Klangvorstellungen der Kunden an.

Auch mit Piezo-Scheiben experimentiere ich schon ewig, diese verteile ich mitunter über das gesamte Instrument, bis etwas Spannendes dabei rauskommt. Interessant fand ich in diesem Kontext immer, wie sehr Leute eine Klangvorstellung mit der äußeren Form verbinden. Du kannst in Soapbar-Kappen einen Tele-Bridge-PU stecken − es klingt exakt wie Tele, aber das Gehäuse sieht wie ein P90 aus. Ich liebe es, mit diesen Irritationen zu spielen.

Deine neueste Kreation, Hybridstar, polarisiert sehr stark. Die Korpusform wurde von einigen als „Klodeckel“ verhöhnt, die gesamte Gitarre als potthässlich abgekanzelt. Ich war aber unter denen, die diese Gitarre schlichtweg großartig finden. Als tolles Statement, das archaische, alte Formen aufgreift und trotzdem hochmodern ist, durch die von dir verwendeten Materialien, Farben und Tonabnehmer-Systeme. Wie kam diese Gitarre zustande, woraus besteht sie?

Danke, das freut mich sehr! Der Grundentwurf entstand aus der Suche nach einer „neutraleren“, weniger konkret beeinflussten Form … Es war eher der Wunsch nach einer universellen Plattform, auf der meine Partnerin Kora Jünger und ich uns künstlerisch austoben können. Das Modell hing als Entwurf immer an unserer gemeinsamen Pinnwand, allerdings ohne konkreten Entwicklungs-Zeitplan.

Die Hybridstar besteht aus CNC-gefrästen, präzisen Decken-, Boden- und Zargenelementen, die sauber ineinander rasten und verbunden sind. Decke und Boden sind wie bei einer Archtop innen und außen gewölbt. Es gibt auch einen minimal gestalteten Centerblock, der wie bei einer Semi-Hollow alle Elemente zusammenhält und Hals, Steg, Vibrato und PU’s aufnimmt.

Darüber hinaus haben wir in unsere Experimental-Trickkiste gegriffen und Module in Ellipsenform eingesetzt … diese Module beinhalten z. B. den von David Torn entwickelten Tornipulator, den von Pascal Stoffels und mir mitentwickelten Pickup LesLEE sowie das von mir entwickelte Stereo-Piezo System sowie den ‚Expression Pot‘ … ich will nicht zu technisch werden, aber was du damit an unterschiedlichen Sounds bzw. Soundfärbungen kreieren kannst … ist unendlich vielfältig.

Nicht erst seit Woody Guthries Sticker „This Machine Kills Fascists“ auf seiner Gitarre Mitte der 40er-Jahre werden Gitarren politisiert. Du hast auch immer wieder Firestar-Gitarren von deiner Partnerin Kora Jünger künstlerisch gestalten lassen, zum Teil mit politisch und gesellschaftlich motivierten Botschaften. Wie sind die Reaktionen deiner doch manchmal auch konservativen Gitarren-Käuferschaft? Ich habe von jemandem neulich erfahren, dass selbst ein Peace-Zeichen bei amerikanischen Followern zu derben Kommentaren geführt hat. Du verkaufst ja sehr viel an internationale Guitar-Shops, hast auch in den USA viele Kunden. Werdet ihr weiterhin diese „Polit-Gitarren“ herstellen?

Eine gute Frage … denn insbesondere Kommentare aus den USA sind extrem, wenn es um die politischen Themen geht, die Kora in ihrer Artwork auf unseren Gitarren umgesetzt hat. Viele US-Follower warfen uns vor, wir sollten das auseinanderhalten, ein „Hersteller“ dürfe nicht schon quasi ab Werk eine Meinung anbieten. Dabei waren es ja immer konkrete Kundenwünsche, also Auftragsarbeiten, die sich kulturell unserem Zeitgeschehen widmen … und natürlich Koras künstlerische Meinungsfreiheit.

Es ist frappierend zu sehen, was so etwas auslösen kann und wie schnell persönliche Meinungsfreiheit intolerant angegriffen wird. Da haben wir massiv polarisiert. Sozial-psychologisch betrachtet fand ich das sehr interessant: die E-Gitarre steht für vieles, für Freiheit, Revolution, für Lärm und Protest. Aber eben auch für gediegenen Southern-Rock oder für Country-Musik.

Wir arbeiten aktuell an einer Auftragsarbeit aus den USA mit dem Thema „Aliens“ … ich bin gespannt, wie viele sich bei dem Thema aufregen oder nicht …

Wo geht die Reise hin bei Deimel Guitarworks?

Ich werde weiter an meinem roten Faden arbeiten, dem Vermengen von altbekannten Zutaten und neuen Konstruktionsweisen zu neuen, spannenden Gitarren. War es früher die Suche nach Optimierung oder Rekombination von guten Design-Bausteinen, ist jetzt die Zeit gekommen, sich final aus dem Fenster zu lehnen. Meine entwickelten Konzepte, resultierend aus 40 Jahren Erfahrung, der Jetztzeit, mit Aussichten für die Zukunft, optimiert im Sinne besserer Bespielbarkeit und vielfältiger Soundmöglichkeiten.

Unsere neue Modellreihe Hybridstar treibt es da auf die Spitze … das macht frei und fühlt sich richtig gut an, momentan. Ich freue mich, losgelöster zu arbeiten, und als freier Gitarrenbauer meine individuelle Stimme klar zu definieren. Es macht einfach Spaß, mich so − wie früher − auf die Suche nach einer Lösung zu begeben, deren Ausgang offen ist. Die Reise geht weiter, und das ist gut so.

Danke, Frank – und weiterhin alles Gute und Mut, dein Ding durchzuziehen.


Modern trifft Klassik
SlimFit
Tills Deimel Travelguitar

HYBRIDSTAR – ONE STEP BEYOND!

Klar, dass Frank und ich natürlich mit der Hybridstar in meinen Proberaum aufgeschlagen sind, um das crazy Mopped mal ordentlich durchzuorgeln. Von der letzten Probe war alles noch eingestellt … der Vox AC10 Handwired, mein Board, mein Kabel … nur, dass jetzt nicht die Tele eingestöpselt wurde, sondern die Hybridstar. Und? Oh man.

Erst habe ich die klassischen Deimel P-90 ausprobiert, sonst nix. Die gute Nachricht: Der Hals ist geschmeidig, liegt perfekt in meiner Hand, die Gitarre lässt sich ganz normal spielen und klingt, wie eine Rockgitarre mit P-90 eben klingt, über einen leicht dreckigen Vox Amp … herrlich! Aber dann demonstriert Frank, was passiert, wenn man den LesLee-Pickup aktiviert: Von leichten Phase 100 (Beast of Burden!!!) bis zu Uni-Vibe-artigen Sounds ist alles am Start … on board quasi!

Alles in Stereo geht natürlich auch, wenn man sich mit einem Stereokabel in die Hybridstar einklinkt. Wie wäre es denn, den Piezo an der Deimel-Kopfplatte oder den hinter dem Steg zu aktivieren? Weitere abgedrehte Effekte sind mit dem Tornipulator möglich … und mir wird schnell klar, dass die Hybridstar unbedingt in Hände gehört, die mehr als die übliche Rock ‚n‘ Roll-Milch aus diesem faszinierenden Tone-Tool melken wollen, können oder auch müssen.

Filmkomponisten, Soundmaler, Sounddesigner. Diese Gitarre gehört in jedes Studio, als Werkzeug, das mit irgendeinem Spezialsound einen Track veredeln kann − sozusagen Glanz an den Köttel bringt. In Zeiten, wo die Gitarrenwelt sich über eine 72 Jahre alte Korpus-Form streitet, zeigt die Deimel Hybridstar, wo der Weg in Zukunft hinführen kann. Ein innovatives Tone-Tool für alle, die die sattsam bekannten Klangpfade verlassen wollen. One step beyond!


(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)

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