Riff ist König

Im Interview: Josh Middleton & Sylosis

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(Bild: Jake Owens)

Josh Middleton ist Gitarrist, Sänger, Produzent und treibende Kraft hinter der britischen Modern-Metal-Band Sylosis. Selbst sieht er sich in erster Linie immer noch als Fan, doch im Interview zum neuen Album „The New Flesh“ wird deutlich, dass der 41-Jährige in all seinen Funktionen höchst professionell agiert und das Schreiben guter Riffs regelrecht zu einer Kunstform erhoben hat.

Und damit es gut klingt, greift er manchmal lieber auf Altbewährtes zurück, als sich in grenzenlosen digitalen Möglichkeiten zu erschöpfen.

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Josh, welche deiner frühen Einflüsse sind in deinem Spiel heute noch am deutlichsten zu erkennen?

Death Metal war das erste Subgenre, in das ich mich so richtig vertieft habe. Es begann mit Nirvana, Rage Against The Machine und Smashing Pumpkins, dann entdeckte ich Korn, Deftones und Slipknot, die mich schließlich zu Morbid Angel und Cannibal Corpse führten. Im Grunde höre ich immer noch vor allem Death und Thrash Metal der alten Schule.

Bist du Autodidakt oder hast du eine musikalische Ausbildung genossen?

Ich hatte Unterricht. Ich fing mit acht Jahren an und lernte Akustikgitarre, bekam dann mit neun oder zehn eine E-Gitarre und nahm weiterhin Stunden, bis ich 16 war.

Übst du noch strukturiert, um dich als Gitarrist weiter zu verbessern?

Das habe ich mehrere Jahre lang schleifen lassen − ich war einfach zufrieden mit meinen Fähigkeiten und mehr damit beschäftigt, Musik zu schreiben, statt der schnellste Gitarrist der Welt zu werden. Aber in letzter Zeit versuche ich wieder, meinen Horizont zu erweitern. Früher mochte ich Economy Picking nicht, weil ich dachte, es würde nicht kraftvoll genug klingen.

Den schnellen Wechselschlag im Death Metal fand ich viel intensiver, doch wenn ich jetzt Leute wie Rick Graham oder Wes Hauch höre, ist mir klar, dass Economy Picking auch knackig klingen kann. Und da ich Ideen habe, für die sich Economy Picking anbietet, lerne ich es gerade.

Die Musik von Sylosis ist sehr Riff-orientiert. Woran erkennst du ein gutes Riff?

Ich stelle mir vor, es live zu spielen, und weiß, dass es gut ist, wenn ich es immer wieder hören will und es mich zum Grinsen bringt. Mein Anspruch ist, dass es mich begeistern muss. Ich würde niemals etwas in einen Song einbauen, das ich nur für okay halte. Die Entscheidung fällt intuitiv.

Trotzdem: Wie viel Kopf steckt bei dir im Songwriting?

Ich versuche, den Kopf möglichst auszuschalten, wenn ich an Songs arbeite. Oft schreibe ich quasi auch ohne Gitarre; beispielsweise stelle ich mir unter der Dusche vor, wie eine neue Single einer meiner Lieblingsbands klingen könnte. Was würde ich mir wünschen, was würde mich überraschen, was wäre live ein cooler Einstieg in den Song?

Da ich früher auch ein bisschen Schlagzeug spielte, habe ich ein Gefühl für Strukturen und kann Stücke vor meinem geistigen Auge zusammensetzen, ohne ein Instrument in der Hand zu halten. Ich habe genug Gitarre gespielt, um zu wissen, wie ein Riff klingt, ohne es zu spielen. Im Grunde versuche ich also, meine eigene Lieblingsband zu werden.

Wenn etwa die klassische Sepultura-Besetzung, die „Arise“ und „Chaos A.D.“ gemacht hat, heute ein Album aufnehmen würde, eine Mischung aus diesen beiden Platten, im Jahr 2026: Wie würde es sich anhören? So schreibe ich.

Wie hast du gelernt, zu deinem rhythmisch mitunter komplexen Spiel zu singen?

Es dauert bei jedem neuen Song, bis ich ihn spielen und dazu singen kann. Es ist besonders schwierig, wenn der Rhythmus gegen den Gesang läuft. Das muss man einfach lange üben.

Wenn meine Frau und die Kinder im Bett sind, setze ich mich auf die Couch, spiele Gitarre ohne Amp und flüstere meine Gesangsparts, bis ich es kann. Das kann pro Song mehrere Wochen dauern.

Welcher Teil deines Equipments ist für deinen Sound unverzichtbar?

Das klingt jetzt vielleicht langweilig, aber das Wichtigste ist für mich eine gute Box mit einem guten Speaker. Ein schriller Klangcharakter mit merkwürdigen Spitzen im Hochtonbereich klingt furchtbar. Durch meine Erfahrung mit Musikproduktionen ist mir klar geworden, dass eine Gitarre richtig gut klingen muss, bevor sie im Mix eingebettet wird, denn je mehr man sich auf einen EQ verlässt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es unnatürlich klingt, weil die Phase verschiedener Frequenzen verschoben wird.

Für mich ist also auch die Positionierung des Mikrofons vor der Box entscheidend. Zu Hause, beim Komponieren, spiele ich entweder über einen Neural Quad Cortex mit meiner eigenen Impulse Response oder über einen EVH 5150 III, live und im Studio sind es normalerweise ein EVH 5150 oder 5150 III mit einem Maxon-OD-808-Pedal, das immer eingeschaltet ist, um den Sound zu straffen und leicht zu komprimieren. Ich mag auch aktive Pickups sehr, denn obwohl ich mir viel auf mein gleichmäßiges Rhythmusspiel einbilde, machen sie es noch ein bisschen tighter.

Ich brauche keine Dynamik in meinem Rhythmusspiel und verstehe nicht, warum Metal-Gitarristen bei ihrem verzerrten Ton Wert darauf legen sollten, besonders, wenn man je zwei Gitarren auf dem linken und rechten Kanal aufnimmt.

(Bild: Jake Owens)

Du nutzt den Quad Cortex also nur zum Üben, während andere moderne Metal-Gitarristen keine Scheu haben, Alben damit aufzunehmen.

Ja, ich verwende echte Amps, wo immer es geht. Auf dem letzten Album bin ich gerade umgezogen und habe kein schallisoliertes Heimstudio, also habe ich einen Peavey 6505 mit Loadbox aufgenommen und dann eine Impulse Response von einer meiner Gitarrenboxen im Mix verwendet, die gleiche oversize Mesa-Boogie-Box, mit der gleichen Mikrofonposition wie auf dem Album davor. Sie ist 26 Jahre alt und mit Aufklebern übersät – wir nennen sie „Sneap Twin“, weil ihre Seriennummer auf jene der Box folgt, die Judas-Priest-Gitarrist Andy Sneap benutzt. Er gehört zu meinen Lieblingsproduzenten und hat vor allem in den frühen 2000ern viele fantastische Alben gemacht.

Da meine Box nach seiner vom Band gelaufen ist, erinnert mich ihr Sound an meine Jugend. Der Gitarrensound auf den meisten zeitgenössischen Metal-Veröffentlichungen gefällt mir nicht. Er ist mir zu mittenlastig und flach, durch Plugins wie ‘Soothe’ gehen der Biss und die Aggression verloren, die ich mag.

Die Saitenstimmung ist auch ein Faktor; wir spielten früher in E-Standard und gehen jetzt bis auf Cis runter, was im Vergleich zu den meisten modernen Bands immer noch recht hoch ist. Es klingt heavy und tief, aber die Höhen sind noch vorhanden. Wenn man tiefer als Cis stimmt, verliert man sie.

Du bist also kein Freund siebensaitiger Gitarren?

Ich höre durchaus Bands, die in tieferen Stimmungen spielen, eben Cannibal Corpse oder Morbid Angel. Trotzdem ziehe ich den Sound von beispielsweise Testament vor, der höher und durchsetzungsstärker ist.

Welche Saiten verwendest du?

In Cis-Standard benutze ich einen 11-56-Satz, in Es 10-52, aber im Studio kann es noch etwas dünner sein, eine tiefe E-Saite in Stärke 48 oder 46, weil mir das bei Aufnahmen gefällt. Live fällt das Spielen damit schwer, weil du kräftiger anschlägst und die Spannung zu niedrig ist.

Was brauchst du als Gitarrist heute nicht mehr, das du früher für unverzichtbar gehalten hast?

Auch wenn ich es ungern sage: Analoge Verstärker. Ich liebe es, sie im Studio zu benutzen, und lasse mir das auch nicht nehmen, aber mit einem Profiling-Amp wie dem Quad Cortex können wir entweder den Sound meiner Boxen oder sogar eine komplette Simulation des Equipments, das ich auf einem Album benutzt habe, live benutzen. Die Klangqualität ist großartig und mittlerweile sehr nah an den originalen Geräten.

Ich könnte definitiv eine Platte ohne echte Amps aufnehmen, tue es aber nicht, weil mir die zwei Prozent Unterschied wichtig sind. Streng genommen muss man jedoch keinen Verstärker mehr besitzen.

Hat deine Arbeit als Produzent dein Gitarrenspiel verändert?

Auf jeden Fall. Ich dachte lange Zeit, in Sachen Picking und Palm Muting könne mir niemand mehr etwas vormachen, doch im Laufe der Jahre, während ich meine Lieblingsgitarrensounds analysiert habe, ist mir klar geworden, dass es nicht die eine Art des Anschlags und Dämpfens gibt. Daher probiere ich jetzt viel mehr im Studio aus.

Und wenn ich andere Bands produziere oder abmische, bekomme ich manchmal DI-Aufnahmen, die zwar rhythmisch genau sind, aber keine Power haben, weil zu sanft angeschlagen wurde – beim Nachbearbeiten kann man da nicht viel mehr herausholen, also ist es für Metal wichtig, einen kräftigen Anschlag zu haben.

Du bist zweifellos das Aushängeschild von Sylosis, aber wie viel tragen die anderen Mitglieder zum Gesamtergebnis bei?

Mittlerweile ist die Band in einem höheren Maß ein Gemeinschaftsprojekt als früher. Ich bin immer noch der Hauptkomponist, ermutige die anderen aber, mehr zu schreiben, sowohl unseren Leadgitarristen Conor Marshall als auch unseren Bassisten Ben Thomas, der ebenfalls ein ausgezeichneter Leadgitarrist ist; das tut er bei Venom Prison, doch wir brauchten einen Bassisten, als Conor vor zwei Jahren vom Bass an die Gitarre wechselte. Ben hat beispielsweise ‚Spared From The Guillotine‘ vom neuen Album fast alleine geschrieben, von mir stammen nur ein paar Ideen gegen Ende des Songs.

Joshs Signature-Gitarre, die LTD JM-II (Bild: ESP Guitars)

Musstest du als Gitarrist innerhalb der Band lernen, den anderen Freiräume zu lassen?

Sagen wir so: Ich denke jetzt mehr darüber nach, dass ich gleichzeitig singen und spielen muss. Ich frage mich also vor allem, ob ich etwas live umsetzen kann. Viele unserer älteren Songs musste ich sehr lange üben, was auch an unserer früheren Arbeitsweise lag; ich baute ein Lied in Cubase zusammen, gab es dem Schlagzeuger, der dann dazu trommelte.

So nahmen wir ganze Alben auf, ohne die Songs jemals gemeinsam performt zu haben. Deshalb gibt es auch einige, die ich gerne live bringen würde, die aber durch die Doppelbelastung aus Gesang und Gitarre einfach zu schwierig für mich sind. Aus diesem Grund komponiere ich jetzt anders.

Hast du noch das Bedürfnis, dir oder anderen etwas auf der Gitarre zu beweisen?

Ich versuche immer noch, mich zu verbessern und weiterzuentwickeln, habe aber kein Interesse daran, der schnellste oder technischste Gitarrist zu sein. Das überlasse ich Leuten wie Ichika Nito, deren Fähigkeiten einfach nicht von dieser Welt sind. Mir reicht es, gute Riffs zu schreiben, das ist meine Stärke.

Und obwohl ich ein versierter Leadgitarrist bin, würde ich mich, wenn ich es mir in einer Band aussuchen könnte, immer für die Rhythmusgitarre entscheiden.

Was würde dein 16-jähriges Ich an deinem Spiel heute noch wiedererkennen, was nicht?

Ich habe in dem Alter wirklich viel geübt und schnell große Fortschritte gemacht, glaube aber, mein jüngeres Ich würde über mein heutiges Timing und die Tightness, die damit einhergeht, staunen. Die meisten Gitarristen neigen dazu, zu schnell zu spielen, was ich oft merke, wenn ich Aufnahmen anderer bekomme und ihre Spuren dann im Mix regelrecht vor dem Rest der Band davonrennen. Zu lernen, sich zurückzuhalten, ist entscheidend, zumal es deutlich heavier klingt, wenn Gitarre und Bassdrum zusammen auf den Punkt kommen.

Was bewegt dich nach all den Jahren noch dazu, die Gitarre in die Hand zu nehmen?

Ich habe immer noch das Gefühl, mich verbessern zu können – bessere Songs, bessere Riffs schreiben. Außerdem bin ich in erster Linie immer noch ein Fan dieser Musik. Es stört mich ein bisschen, wenn ich mich auf Tour gerne mit anderen Gitarristen über neue Bands oder Alben unterhalten würde und sie gestehen, dass sie eigentlich gar keinen Metal mehr hören.

Für mich bedeutet das, dass sie einfach nur ihren Schuh herunter spielen, einen Job machen. Ich selbst sehe Metal hingegen als Leidenschaft an und höre fast nichts anderes. Ich suche aktiv nach neuen Bands und erfreue mich nach wie vor an den Alben, die ich in meiner Jugend gehört habe.

Letzten Endes versuche ich, Sylosis zu meiner Lieblingsband zu machen, indem ich alle meine Lieblingsbands miteinander verschmelze. Darum nehme ich meine Gitarre immer noch gern in die Hand.


(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)

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