Nachdem es im letzten Workshop um verschiedene Country-Begleitungen ging, gibt es diesmal die Melodie zum Hank-Williams-Klassiker ‚I Saw The Light’.
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COUNTRY SHRED?
Die cleane Country-Gitarre ist ja mittlerweile so eine Art Ersatz-Genre für Gitarristen geworden, die keinen Metal mögen, aber trotzdem gerne sehr viele Noten spielen möchten. Das kann cool sein, hat aber meiner bescheidenen Meinung nach wenig mit dem Original-Spirit des Genres zu tun.
Bis zum Rand mit Sechzehnteln gefüllte Takte, in denen jeder Chicken-Picking-, Steel-Bending- und Banjo-Roll-Trick angewandt wird, mögen als Gitarren-Artistik interessant sein. Sie werden aber wie alle auf reiner Virtuosität basierenden Gitarrenparts mit stetiger Wiederholung langweiliger. Für das Thema von ‚I Saw The Light’ habe ich deswegen einen anderen Ansatz gewählt.
OPEN STRINGS
In Beispiel 1 siehst du das Thema in der ersten Lage. So würde es wahrscheinlich auch ein Gitarrenanfänger spielen, mit vielen Tönen auf Leersaiten und ohne komplizierte Spieltechniken. Man kann Leersaiten aber eine Menge Charakter abgewinnen, indem man z. B. Töne auf benachbarten Saiten ineinander klingen lässt.
Beim G und H im A-Teil klingt das durch den Terzabstand recht gefällig. Beim H und Bb im Chorus erzielt man so eine spannende Sekundreibung. Tonal kann man die Leersaite durch Variation der Anschlagsposition stark prägen.
Kurz vor dem Saitenreiter erzeugt man einen typischen, knochentrockenen Country-Twang, weiter vorne klingt es weicher und jazziger … und das ohne Umschalten des Pickups! Diese Variante wäre ein guter Opener für ein Arrangement.
DREIKLÄNGE
In Beispiel 2 habe ich das Thema mit Dreiklängen harmonisiert. In den ersten acht Takten funktioniert das ganz schlicht, indem man die Dreiklangsumkehrung verwendet, die den Melodieton in der Oberstimme hat. Ist der Melodieton nicht im Dreiklang enthalten, wie das E am Ende des ersten Taktes, verändere ich einfach den Ton des Dreiklangs, der dem Melodieton am nächsten liegt.
In diesem Fall wird also aus dem D (der Quinte) die Sexte E. In den nächsten acht Takten kommen Leersaiten zu den Dreiklängen dazu. Das erzeugt wieder spannendes Ineinanderklingen von Akkord- und Melodieton und erleichtert oft auch das Umgreifen zum nächsten Akkord.
Ein kleiner Fill leitet den Refrain ein. Auch hier nutze ich überwiegend Dreiklänge. In Takt 8 findest du einen verschobenen offenen C-Griff, der am achten Bund zum G-Dur Akkord wird und mit der leeren G-Saite sehr reizvoll klingt.
Harmonisch passiert eigentlich nichts, wir haben immer noch nur die drei Töne des Dreiklangs, aber die Leersaite verleiht dem Akkord Charakter. Am Ende spiele ich ein paar Melodie-Töne als Flageoletts, was ebenfalls eine simple Methode ist, aus Leersaiten spannende Klänge zu holen.
Viel Spaß mit dem Thema von ‚I Saw The Light’ und versuch, den hier dargestellten Mut zur Simplizität auch mal auf andere Stücke anzuwenden − das Publikum wird es euch danken! Wenn man Melodien auf Leersaiten spielt, kann man sogar mal kommunikativ in die Gesichter der ersten Publikumsreihe schauen …