Parts Lounge: KI-K.O.? Die Zukunft der Popmusik… Teil 2
von Udo Pipper,
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In SUNO lassen sich die Instrumente in so genannten STEMS extrahieren. (Bild: Udo Pipper)
Ich kann mich noch gut erinnern, wie mühsam ich als Musiker die 80er und 90er erlebt habe, wenn es darum ging, einen Platten-Deal zu bekommen. Man hat buchstäblich Berge von Demo-Tapes versendet, persönlich vorgespielt oder über einen Musikverlag verbreitet.
Meist ohne Rückantwort und selten mit ein paar Tipps, wie man die Musik gestalten solle, damit sie zum Erfolg führt. Obwohl das ärgerlich war, denke ich heute, im Nachhinein, dass die strengen A&R-Manager der Labels Recht hatten und die Musik einfach noch nicht gut genug war.
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Wenn es dann schließlich doch einmal gelang, einen Vertrag samt Produktion zu bekommen, lief eine ungeheure Marketing-Maschinerie an, die dafür sorgen sollte, dass das neue Werk auch wahrgenommen wurde. Das funktionierte teilweise auch sehr gut, kostete das Label und den Verlag aber nochmals Unsummen.
Dann kamen die Rechner und die DAWs, und plötzlich freuten sich alle über die vermeintliche Demokratisierung des Schaffens, weil man alles selbst in die Hand nahm. Jeder konnte jetzt Tonträger aufnehmen.
Und scheinbar zur richtigen Zeit entstanden Streaming-Dienste, die sogar den Vertrieb fast kostenlos möglich machten. Einmal auf eine Plattform geladen, konnte die ganze Welt deinen Song hören. Das Zeitalter der Tonträger – auch wenn es da noch ein paar Vinyl-Nostalgiker zu geben scheint – ist endgültig zuende.
Doch schnell wurde klar, dass der Musiker beziehungsweise Urheber am Streaming so gut wie nichts mehr verdienen kann. Man tauscht also die beinahe kostenlose Produktion gegen die beinahe kostenlose Verbreitung. Ausgenommen sind natürlich einige wenige Super-Stars wie Ed Sheeran oder Taylor Swift, die auch damit noch Kasse machen, weil sie Milliarden Streams vorweisen können.
VOM DEMO-TAPE ZUR STREAMING-FLUT
Die neuen KI-Dienste sorgen nun dafür, dass Produktionen noch billiger werden, denn man benötigt auch keine Gastmusiker mehr. Die Ergebnisse sind jetzt schon so professionell, dass man sich auch um das Mixen oder das Mastering keine Sorgen mehr machen muss.
Stimmen, Gitarren oder Drums klingen teilweise so gut, dass man sich auch keine Instrumente mehr kaufen muss. In dieser Hinsicht ersetzt nun KI mit atemberaubender Geschwindigkeit eine ganze Industrie.
Mittlerweile habe ich eifrig mit SUNO, einer der beliebtesten KI-Plattformen, experimentiert und musste feststellen, dass da sehr schnell Langeweile aufkommt. Ich habe alte Demo-Songs, teilweise aus sehr schlechten Proberaumaufnahmen, von SUNO neu mischen und bearbeiten lassen.
Dazu habe ich jede Menge Prompts eingegeben, um Stilrichtung, Sound, Tempo und Komplexität der Songs zu verfeinern. Ist das alles geschehen, drückt man das „Create”-Knöpfchen und wartet gespannt auf das Ergebnis. Meist dauert das bei mir so um die fünf Minuten.
Dann spuckt SUNO zwei neue Versionen des vorgegebenen Songs aus. Was dabei herauskommt, ist jedoch aus Sicht eines Kreativen meist totaler Schrott. Man hört völlig überproduzierte Bearbeitungen mit sehr vielen digitalen Artefakten, voll gestopft mit irgendwelchen Instrumenten oder Chören, die man gar nicht haben wollte.
Also löscht man die Versuche, verfeinert seine Prompts und versucht es noch mal. Man kann ganze Nächte damit verbringen (was ich auch gemacht habe!).
Auf einer Studioplattform kann man schneiden und mixen. (Bild: Udo Pipper)
CREATE-KNÖPFCHEN-LOTTERIE
Mit etwas Glück findet man schließlich eine Version, die vielleicht brauchbar klingt. Es fühlt sich an wie beim Lottospielen. Die KI macht zu oft nicht das, was man selbst wollte, sondern erzeugt einfach eine Art Kakofonie der ursprünglichen Song-Idee.
Klar, ich kann mir vorstellen, dass es einigen Kreativen einfach Spaß macht, damit zu spielen. „Mal sehen, was passiert”, lautet der Satz, den man in Gedanken jedes Mal ausspricht, wenn man das „Create”-Knöpfchen gedrückt hat. Mal ist man dann überrascht, mal entsetzt oder auch mal richtig sauer, weil SUNO aus dem eigenen Song etwas völlig anderes gemacht hat. Wozu dann so lange auf das Ergebnis warten?
Eine Version, die mir recht gefiel, habe ich dann mit einem Stem-Splitting-Tool, das die neueste SUNO-Version bietet, in einzelne Spuren zerlegt und in Cubase geladen. Eigentlich eine gute Idee, denn so kann man die KI-Instrumente nach und nach durch eigene Spuren ersetzen.
Aber was ich dann auf den Einzelspuren zu hören bekam, war unfassbarer Mist. Eine von der KI hinzugefügte Keyboardspur (obwohl ich in den Prompts immer wieder eingegeben habe, dass nur Gitarren verwendet werden sollten) bestand nur aus völlig verrauschtem Matsch. Eine Art Füllkleber im Hintergrund, dachte ich.
Drums und Gitarren klingen besser, aber immer sehr ähnlich, und haben nur bedingt etwas mit meiner Art zu spielen zu tun. Gesänge scheinen überhaupt immer im Kölner Dom aufgenommen worden zu sein. Hall und Echo, was das Zeug hält. Was aber, wenn’s mal trocken und „nah” klingen soll? Auch Chöre sind so zugeballert mit Stimmen, dass einem schwindelig wird.
Manchmal sind die Ergebnisse zwar beeindruckend, aber meist sehr kühl und unpersönlich. Aber darum scheint es der KI schließlich zu gehen. Persönlichkeiten sollen abgebaut werden. Im Werbe-Spot, bei YouTube, im Möbel-Design, in der medizinischen Diagnose, in der Produktberatung, in der Bildbearbeitung unserer Selfies und natürlich auch in der Musik.
So entsteht ein Allerwelts-Sound, den man mittlerweile eben auch in den Hollywood-Produktionen von Katy Perry, Lady Gaga und Konsorten hört. Es wird immer schwerer, echte Persönlichkeiten auszumachen. Das begann im Techno, im Schlager (wo schon seit Langem alles gleich klingt) und in der sogenannten Stimmungsmusik am Ballermann.
Musik ist nur noch Soundtrack für die Party, und da will man schließlich wenig Abwechslung. Sie hat ja eine Funktion zu erfüllen, und solange die stimmig ist, passt das schon. Und die KI-Programme scheinen im Moment so generiert, dass bloß keine Stille oder Pause aufkommen darf. Beschäftigt man sich eine Weile damit, werden Muster sichtbar, die genau diese Pfade weiter austreten.
Noch dazu ist alles so platt komprimiert, dass auch jede Dynamik auf der Strecke bleibt. Es ist noch sehr, sehr schwer, die Prompts so zu formulieren, dass all die persönlichen Wünsche auch erfüllt werden.
Ein weiteres Feature ist die Möglichkeit, die eigene Stimme von der KI analysieren und dann für neue Songs nutzen zu lassen. Klasse Idee, wenn man nicht so gut singen kann. Aber auch dieser Versuch ging daneben. Auf diese Weise habe ich einen Song gemacht, den ich selbst über die KI singe. Das klang hinterher recht gut, aber überhaupt nicht nach meiner Stimme. Jedenfalls nicht so, dass Zuhörer meine Stimme darin erkannten.
Es gibt also noch jede Menge Luft nach oben für zukünftige Versionen dieser Programme. Aber das wird sich vermutlich mit rasanter Geschwindigkeit weiterentwickeln, wie sämtliche KI-Plattformen generell.
Die Startseite von SUNO (Bild: Udo Pipper)
ALLERWELTS-SOUND VS. URHEBERRECHTE
Es wird sicher bald unmöglich sein, KI-Songs von handgemachten Stücken zu unterscheiden. Und dann erreichen wir auch urheberrechtlich eine Ebene, die für alle Musikschaffenden eine echte Katastrophe sein wird. Momentan werden auf Spotify schon etwa 60.000 KI-Songs täglich hochgeladen. Es gibt bereits gut organisierte Unternehmen, die Songs in purer Masse raushauen. Beherrscht man solche Programme erst einmal, können auch absolute Laien Musik produzieren.
Im Netz herrscht nun schon großer Optimismus, werden doch diese Programme als der „nächste Schritt in die Zukunft” für alle Kreativen ausgerufen. Es finden sich da unzählige Tutorials, die uns die neuen Systeme erklären sollen. Natürlich immer mit dem Hinweis, dass man damit nur eigene Ideen umsetzen solle. Aber das ist ein Märchen.
Man macht sich unweigerlich Sorgen um die Urheberrechtslage und vor allem um unsere Musikkultur überhaupt. Ich habe mal angefangen, Musik zu machen, weil ich es schön fand, mit anderen zu spielen. Von den anderen habe ich gelernt, habe ich Inspiration bekommen und habe schließlich meine Persönlichkeit geformt. Die Band war meine zweite Familie und manchmal sogar die erste.
Nun habe ich meinen Frankfurter Weggefährten und Freund Götz von Sydow angerufen. Mittlerweile ist er Manager von PUR und sitzt im Aufsichtsrat der GEMA. Und dort brodelt es, angesichts von Spotify und KI, gewaltig.