Die Gitarre & Bass – Autoren Christian Tolle und Udo Pipper testen KI-Systeme zuhause am Rechner. (Bild: Udo Pipper)
Es begann eigentlich schon viel früher, nämlich vor drei Jahren, als ich während eines Volksfestes in meiner nordhessischen Heimatstadt über den Rummelplatz schlenderte. Eigentlich war alles noch wie in meiner Kindheit, als ich dort regelmäßig auftauchte. Gut, die Karussells waren jetzt moderner und waghalsiger, aber die Losbuden und Popcornstände schienen dieselben zu sein. Doch eines hatte sich drastisch verändert.
In den Siebzigern liefen im Autoscooter und an den Karussells Sweet, Slade, Suzi Quatro, T. Rex und dann auch oft deutscher Schlager. Jetzt gab es in ohrenbetäubender Lautstärke aber teils diese Mallorca-Bumm-Bumm-Musik, mancherorts aber auch Lady Gaga, Katy Perry, Ed Sheeran und Miley Cyrus. Da ich solche Musik privat gar nicht höre, fiel mir sofort auf, dass mit diesen mächtigen, oft völlig überproduzierten Songs irgendetwas nicht stimmte.
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Man hörte riesige Hallräume, völlig aufgeblähte Chorstimmen, Trommeldonner, alles super exakt „in time”, und in jedem Takt schien etwas Neues zu passieren. „Wow, das ist Maschinen-Musik”, dachte ich sofort. Drums, die nicht mehr nach Drums klangen, Gitarren, die nur noch zerrige Flächen bildeten, Keyboards, die klangen, als wären sie mit hundert Fingern gespielt worden, und dazu eine ganz merkwürdige Geräuschkulisse undefinierbarer Herkunft.
Am schlimmsten klangen die Stimmen. Völlig überdreht. Höher, schneller, weiter! Mir war das zu viel, also gingen meine Frau und ich schnell in eine gemütliche Kneipe in der Altstadt. Dort lief dann aber Mickie Krause und Konsorten, viel zu laut, sodass die billigen Lautsprecher mächtig verzerrten.
Mir wurde klar: Ich hatte etwas verpasst. Und zwar die Entwicklung der modernen Popmusik. Eine Musik, die mittlerweile so komplex und überladen wirkt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Menschen das in monatelanger Arbeit programmieren. Ist das nicht viel zu aufwändig und teuer für all diesen langweiligen Instant-Schrott?
In den Monaten danach begann ich zu recherchieren. Ich hörte mir alles an, was ich in diesem Genre bekommen konnte. Sogar rheinländische Karnevals-Songs. Aber überall begegnete mir dieselbe Machart. Maschinen-Musik eben!
MUSIK AUF KNOPFDRUCK
Erst kürzlich kam ich auf die Idee, mir das KI-Musikprogramm Suno herunterzuladen. Und hier wurde ich schnell fündig. Suno ist eine Art Thermomix der Popmusik. Man drückt, vereinfacht gesagt, ein paar Knöpfe und schon purzeln fertig produzierte Songs in mehreren Versionen heraus.
Es ist, als hätte man eine scheinbar unbegrenzte Bibliothek superintelligenter Songschreiber aus der Maschine. Und da waren sie wieder: diese überproduzierten Klänge mit all ihrem Gedonner. Zunächst einmal beeindruckend, und ich muss zugeben, dass ich damit anfangs eifrig „komponiert” habe. Aber die Ergebnisse waren oft völlig willkürlich und flach. Alles schon mal dagewesen. Das wundert kaum, denn diese intelligente und lernfähige KI-Software generiert ihre Produkte aus der gesamten Tronträger-Historie und fügt sie einfach neu zusammen.
Der Producer muss nur sogenannte „Prompts” eingeben. Das sind so etwas wie Stil-Befehle. Anschließend erhält er innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis. Je genauer und umfangreicher diese Prompts formuliert werden, desto eher entspricht der Song den Vorstellungen. Man kann Genres vorgeben, festlegen, ob ein Mann oder eine Frau singt, eine grobe Songstruktur und natürlich die Instrumentierung. Zusätzlich können semantische Begriffe wie ich kürzlich an dieser Stelle beschrieben habe verwendet werden: tragend, lieblich, leise, aggressiv, druckvoll usw.
SUNO ist eine der führenden KI-Plattformen für „ künstliche Musikproduktionen“ (Bild: Udo Pipper)
Au Backe! Ist das jetzt das K.O. der Popmusik, wie wir sie kannten? Wozu noch ein Instrument lernen oder Gesang üben, wenn einem die KI alles abnimmt? Und was ist mit den Urheberrechten? Gibt es bei KI überhaupt noch Urheber?
Ein Tonstudio braucht man erst recht nicht mehr. Es genügen ein Rechner und zwei Monitore. Zunächst verfiel ich in eine Art Endzeitstimmung. Nicht erst seit Corona sterben die Klubs, kleinere Bands lösen sich auf und kaum noch jemand kauft einen analogen Gitarrenverstärker oder ein teures Studiomikrofon.
Laut nicht mehr ganz aktuellen Studien werden täglich circa 150.000 Songs auf Spotify hochgeladen. Davon sollen 20 bis 30 Prozent von Künstlern stammen, die es gar nicht gibt, also von KI.
DIE WURZELN
Mein anfängliches Entsetzen wich jedoch bald der Erkenntnis, dass diese Entwicklung bereits seit einem halben Jahrhundert andauert. So genannte Intelligenz war seit jeher für Musikproduktionen gefragt, nur ist sie jetzt eben „künstlich”. Macht das einen Unterschied?
Zunächst waren da die Musikproduzenten der Sechziger, die die Sounds ihrer Künstler mal mehr, mal weniger auf Erfolgstauglichkeit zuschnitten. Was wären die Beatles ohne George Martin gewesen? Jeder weiß heute, welch enormen Einfluss dieses Genie auf den Sound der Beatles hatte. Er sorgte mit Band-Loops, automatischem Double-Tracking oder übersteuerten Fairchild-Kompressoren für den typischen Charakter dieser Band. Er fügte auch Orchester oder Streichquartette hinzu, „verfälschte” Instrumenten-Sounds und arbeitete mit Vari-Speed an den analogen Bandmaschinen, um bestimmte Sounds zu ermöglichen.
Seine Techniken prägten bald die gesamte Szene, bis mit dem Mellotron und den ersten Synthesizern Klänge hinzukamen, die kein spezifisches Instrument mehr nachbildeten. Anfang der Siebziger demonstrierte dann die Band Kraftwerk aus Düsseldorf, dass Musik auch nur mit Maschinen gemacht werden kann. Auch das veränderte die Welt der Musik.
Und dann kam mit dem Synclavier eine wahrlich übermenschliche Musikmaschine, die MIDI-gestützt moderne Computer mit möglichst fremdartigen Klängen fütterte. Hier begann sich die Musikwelt bereits zu spalten. Einerseits gab es noch Musiker in klassischen Besetzungen mit Schlagzeug, Bass, Keyboards und Gitarren, andererseits entstand nur einen Steinwurf von meinem damaligen Tonstudio in Frankfurt entfernt die sogenannte Techno-Musik, die ausschließlich mit Rechnern kreiert wurde. Ich erinnere mich noch daran, wie Sven Väth und seine Partner mich damals auslachten, weil wir noch mit Instrumenten, Bandmaschinen und Mikrofonen arbeiteten.
Dann verschlug es mich ins berühmte Church-Studio der Eurythmics in London. Bei meinem ersten Besuch im Sommer 1992 wurde dort gerade ein neuer Song aufgenommen. Es gab einen Pilot-Track mit Gitarre und einem einfachen Drum-Beat. Dann strömte eine ganze Heerschar junger Programmierer in den Regie-Raum und improvisierte auf den beiden synchron laufenden 24-Spur-Maschinen irgendwelche Sound-Ideen.
Jeder von ihnen hatte nur für ein paar Stunden die Chance, sich auf einem der Songs des weltberühmten Duos zu verewigen. Dann hieß es: „Dankeschön! Wir melden uns, wenn etwas dabei war.” Und dann durften die Jungs wieder gehen. Während sie draußen in ihr Auto stiegen, wurde manches schon wieder gelöscht und manches zum Durchhören aufgehoben. Aber nur die wenigsten Spuren wurden verwendet.
„Ach so läuft das…”, räumte ich beim Feierabendbier im Pub nebenan ein. „Scheißegal”, kam es zurück, „That’s what the kids want.” Die „Intelligenz” wurde damals einfach für ein paar Pennies gemietet.
FREMDE MUSIK…
Nur zwei Jahre später verbrachte ich drei Wochen bei dem englischen Musikproduzenten Tony Swain. Er sollte mir beim Songwriting helfen und beweisen, dass er als Produzent für unsere nächste Produktion in Frage käme. Immerhin hatte er Pop-Acts wie Kim Wilde, Alison Moyet, Spandau Ballet oder Bananarama zu Welthits verholfen. Er produzierte längst zu Hause in einem beachtlichen Landsitz und saß vor seinem Mac-Rechner, an den Berge von Samplern angeschlossen waren.
Auf Tastenbefehl erzeugte er Spur für Spur, bis meine Songs schließlich wie gewaltige Pop-Produktionen à la Stock, Aitken, Waterman klangen. Nur war das gar nicht meine Musik. Einmal fragte er mich, wie ich das fand, was er da machte. Ich antwortete: „Nun ja, wir sind eine kleine Gitarrenband und können diese gewaltigen Sound-Teppiche live gar nicht erzeugen.” „Ach so, ihr spielt noch live”, fragte er völlig verwundert. „Das macht heute doch keiner mehr. Wozu gibt es Sampler?”
Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich Ende 1994 mein Tonstudio aufgegeben. Auch, weil unser Manager mir damals Xavier Naidoo und Moses Pelham vorgestellt hatte und mir riet, es ihnen gleichzutun und zu Hause am Computer zu arbeiten. Aber das wurde nie so ganz meine Welt. Also suchte ich mir eine Blues-Band und machte keine Aufnahmen mehr. Ich wurde Musikjournalist, was sicherlich kein Fehler war. Ende der Geschichte.
Mittlerweile ist das Samplen mit digitalen DAWs der Standard geworden. Große und daher teure Tonstudios sterben aus. Bis hin zur Veröffentlichung auf der Spotify-Plattform wird Musik digital produziert. Dank der technischen Möglichkeiten kann man ordentlich tricksen, schneiden, Spuren aufblasen, verdoppeln oder loopen. Es muss kaum noch etwas von Anfang bis Ende durchgespielt werden. Das heißt, technische Unterstützung ist schon seit Langem ganz normal.
Doch nun greift die KI auch enorm in den kreativen Prozess ein. Und das ist eine ganz andere Dimension. Sie kann Musik generieren, ohne dass eine menschliche Idee oder Hilfe nötig ist. Man gibt einfach ein Genre ein, und schon entsteht Musik. Diese ist systembedingt Gema-frei. Das wird bisher noch nicht überschaubare Folgen haben. Dazu mehr in der nächsten Ausgabe.