Strahlende Klänge!

Test: Citadel Plutonium Overdrive

Anzeige

(Bild: Dieter Stork)

Santiago Alvarez ist einer der Helden hinter den Kulissen unserer Musikwelt. Als Entwickler und Produktmanager bei Marshall hatte er großen Einfluss auf die Sounds auf unseren Bühnen, ohne dass die meisten je von ihm gehört haben. 2025 gründete er sein eigenes Unternehmen, Citadel Electronics, und rückt damit nun selbst mehr in den Vordergrund. Zum Test liegt mir ein moderner Overdrive vor, der auf Bass spezialisiert ist.

Anzeige

Angesichts des Firmengründers sind die Erwartungen an die Entwicklung und technische Umsetzung zumindest recht hoch. Ich bin vom Design und Konzept des in China gefertigten Geräts von Anfang an angetan.

ÜBERSICHT

Das auf „Plutonium“ getaufte Gerät ist in einem zweiteiligen, gekanteten Blechgehäuse untergebracht. Für die Praxis ist das zwar irrelevant, ich empfinde die Abweichung vom typischen 125B-Style-Gehäuse jedoch als erfrischend. Auch die anderen Geräte des Herstellers nutzen den gleichen Gehäusetyp. Dieses Modell ist matt schwarz beschichtet und schnörkellos weiß beschriftet.

Die Anschlüsse für Input und Output sowie für 9-V-Gleichspannung befinden sich allesamt an der Stirnseite, was auf einem Pedalboard für eine effizientere Platzierung sorgt. Bei der Positionierung der Klinkenbuchsen wurde auch darauf geachtet, ausreichend Platz für die flachen, aber breiten „Pancake“-Stecker zu lassen, die häufig bei selbst konfektionierten Patchkabeln verwendet werden.

Als Mechanismus für den True-Bypass kommt eine Relaisschaltung zum Einsatz, die von einem Fußtaster ausgelöst wird. Streng genommen ist der eigentliche Taster lediglich ein SMD-Bauteil und der äußere Teil, der mit dem Fuß gedrückt wird, ist nur eine Verlängerung.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Geräten mit einer derartigen Konstruktion kommt hier ein größerer und robusterer SMD-Taster zum Einsatz, der eine längere Lebensdauer verspricht. Auf der rechten Gehäuseseite befindet sich eine kleine Fräsung, in der sich ein Schalter befindet, mit dem sich einstellen lässt, in welchem Bypass-Zustand das Gerät beim „Hochfahren“ starten soll.

Überaus praktisch, wenn man den Drive sowieso als „Always on“-Gerät oder in einem Looper-Switcher verkabelt nutzt. Schönes Detail!

Im Betrieb genehmigt sich das Pedal ca. 45mA. Der DC-Eingang ist mit einer selbstzurücksetzenden Sicherung gegen Überstrom und Verpolung geschützt. Insgesamt wirken Konstruktion und Elektronik gut durchdacht und hochwertig.

KONZEPT

Citadel bewirbt den Plutonium als modernen und vielseitigen Bass-Overdrive auf Operationsverstärkerbasis. Letzteres ist eigentlich nur interessant, wenn man es mit anderen, populären Geräten auf dem Papier vergleichen will (die z.B. auf CMOS-Verzerrung basieren). Mich persönlich interessiert aber vor allem, wie es klingt. Dazu gleich mehr.

(Bild: Dieter Stork)

Wie für Bass-Verzerrung üblich, besitzt das Gerät einen Clean-Blend, mit dem sich das unverzerrte und ungefilterte Basssignal wieder beimischen lässt. Für die Abstimmung des Gesamtsounds steht ein 2-Band-Equalizer mit Bässen und Höhen zur Verfügung, der auch das Clean-Signal mit betrifft.

Der eigentliche Kniff beim Plutonium ist aber der Crush-Regler. Hierbei handelt es sich um einen Hochpass in der Zerrsektion der Schaltung. Während auf Rechtsanschlag das gesamte Signal verzerrt wird, gelangen weniger Bassfrequenzen in die Verzerrung, je weiter links das Poti steht. Auf dem Papier sorgt das für einen aufgeräumteren und drahtigeren Sound. Auch beliebte Metal- und Djent-Sounds basieren darauf, dass lediglich die hohen Frequenzanteile des Basssignals verzerrt werden. Das Konzept klingt also schlüssig. Zeit, es einem Praxistext zu unterziehen.

SOUND

Es ist gar nicht so leicht, „den einen“ Grundcharakter der Verzerrung zu benennen, denn aufgrund des Filters ist dieser sehr wandelbar. Ein Grund, weshalb ich großer Freund von Filtern (auch EQ) vor der Zerre bin. So lassen sich Problembereiche bereits vorher entfernen, bevor sie durch die Verzerrung zu einem noch größeren Problem werden.

Insbesondere im Bassbereich hat eine Beschneidung immense Auswirkungen. Steht der Crush-Regler ganz rechts, lässt also das Signal vollständig durch, klingt das Plutonium eher fuzzy und sehr roh mit einem Hang zum „Bienenschwarm“. Die Bassanteile sind vollständig vorhanden und in Einstellungen mit wenig Gain kann das Pedal so auch als Fullrange-Zerre zum „Anknuspern“ genutzt werden, wobei der Verzerrungsgrad auch im niedrigen Gain-Bereich schon deutlich hörbar ist.

Auf der rechten Seite unten ist ein Schalter für den Boot-Status des Bypass-Modus. (Bild: Dieter Stork)

Bereits auf neun Uhr wird das „Low Gain“-Territorium verlassen. Für quasi „unhörbare“ Sättigung ist es eher nicht das richtige Gerät, wenngleich der absolute Grad der Verzerrung mit dem Clean-Blend schon noch etwas angepasst werden kann. Die Stärken liegen aber definitiv eher in deutlich wahrnehmbaren Sounds. Das Plutonium will gehört werden.

Mit höherem Gain entsteht ein dichter Teppich, der schon fast an Fuzz erinnert. So macht das Pedal seinem Motto „Total Bass Annihilation“ alle Ehre und präsentiert sich als ein brachiales Brett, das sich im Stoner oder Doom wie zu Hause fühlt.

Für etwas mehr Feingefühl reicht es bereits, den Crush-Regler nach links zu drehen. Durch weniger Bassanteile vor der Zerre lichtet sich der Wald aus Obertönen und der Sound wird klarer und definierter, der Matsch aus den unteren Registern verschwindet. Auch die Dynamik nimmt zu, da nicht bereits jeder tiefe Bassimpuls verzerrt wird und das Pedal so besser auf die Finger reagiert.

Bis circa zwölf Uhr bleibt der Klang noch voll genug, sodass er unter Zuhilfenahme des Bass-Reglers auch ohne Clean-Anteil noch genügend Tragweite und Druck besitzt. Das resultierende Klangbild würde ich als „rockig“ beschreiben. Ein dynamisch reagierender Overdrive, der vom Charakter des Instrumentes noch vieles durchlässt und das Klangbild andickt, ohne es zu wuchtig werden zu lassen.

Auch vom Attack eines Plektrums bleibt in dem Setting viel übrig. Wer es noch direkter mag, kann natürlich auch wieder Clean-Anteile beimischen und noch mehr zusätzliche Dynamik in den Sound holen.

In meinen Ohren ist der Clean-Regler spätestens dann zwingend notwendig, wenn sich der Crush-Regler links von der Mittelstellung befindet. Hier fehlen der Zerre so viele Bassanteile, dass auch der Equalizer das nicht mehr vollständig zu kompensieren vermag. Interessant werden diese Settings für besonders drahtige und aggressive, aber kontrollierte Sounds, wie sie im (modernen) Metal gern genutzt werden.

Bei niedrigem Gain entsteht so ein drahtiger und attackreicher Sound, der sich im Mix durchsetzt und für die nötige Portion „Clank“ sorgt. Für aggressive Djent-Bretter muss der Gain noch weiter aufgedreht werden. Tatsächlich gefallen mir am Plutonium die High-Gain-Sounds am besten.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde das Pedal hier zum Leben erwachen. Auch im Low- bis Mid-Gain-Bereich klingt es gut, gar keine Frage. Die Brutalität, die bei hohem Gain zutage kommt, macht aber deutlich, wofür es geschaffen worden ist.

Der Wohlfühlbereich liegt eher auf den Dopesmoker- und Periphery-Enden des Zerrspektrums. Da der Equalizer auf der Summe, also hinter allen anderen Reglern liegt, erlaubt er Anpassungen des Sounds, ohne dabei den Charakter der Zerre zu verändern.

Bei beiden Filtern handelt es sich um Kuhschwanz-Filter, sie heben also sehr breitbandig an bzw. senken ebenso ab. Im Bassbereich beträgt die Reichweite des Regelbereichs ±18dB. Damit ist deutlich mehr als nur Feinabstimmung möglich.

Dieser Regelbereich ist der Grund, weshalb das Pedal auch ohne Nutzung des Clean-Reglers, selbst bei recht starkem Cut der Bässe vor der Zerre, noch sinnvoll genutzt werden kann. Solange sich noch einige Bassanteile im Signal befinden, können diese mittels EQ nun wieder herausgearbeitet und dem Sound so wieder zu mehr Druck verholfen werden. Das funktioniert insbesondere für mittlere Gain-Settings gut, um Sounds à la Tim Commerford zu erreichen. Mit einem Mü Clean-Anteil ist das Klangbild somit perfekt.

Auf der Treble-Seite des EQs liegt der Wert für die maximale Anhebung/Absenkung bei 15dB, was mehr als ausreichend ist, um etwas belegten Boxen auf die Sprünge zu helfen oder den Klang bei Boxen mit viel Hochton zu entschärfen. Als klassisches Tone-Poti ist der Regler aufgrund der Kennlinie eher nicht zu gebrauchen, in meinen Augen dient er vor allem der Anpassung an den nachfolgenden Amp oder eben die Box und weniger der Soundgestaltung an sich.

RESÜMEE

Mit dem Plutonium hat Citadel Electronics ein strahlendes Debüt in den Pedalmarkt hingelegt. Für einen vergleichsweise überschaubaren Preis bekommt man hier hochwertige Verarbeitung, gepaart mit äußerst vielseitigem Sound. Von dezentem Anknuspern über Stoner-Brett bis Djent-Peitsche ist die Bandbreite groß. Ich wünsche dem sehr jungen Unternehmen viel Erfolg und freue mich auf zukünftige Entwicklungen.

Plus

  • Wertige Konstruktion
  • Konzept
  • Flexibler Klang

Übersicht

Fabrikat Citadel Electronics
Modell Plutonium Overdrive
Typ Verzerrer
Bedienfeld 6x Potis: Level, Crush, Blend, Drive, Bass, Treble; 1x Bypass-Switch; 1x Fußschalter
Versorgung ca. 45mA, 9V DC
Gewicht 250g
Größe 114 x 62 x 58mm
Preis (Street) ca. € 169

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.