Produkt: Gitarre & Bass 07/2020
Gitarre & Bass 07/2020
Im Test: Fender Custom Shop 63 Stratocaster Relic Masterbuilt, Sadowsky J/J MetroLine & MasterBuilt LTD2020, MEC J/J-Style Metal Cover Bass Pickups u.v.m. +++ Stefan Stoppok: Deutschrocker, Universaltalent und Sound-Tüftler +++ Rabea Massaad: YouTube-Gitarrist & Equipment-Nerd +++ Carl Martin Acoustic Gig: Live-Tool für Akustiker +++
Ein Sound, der Geschichte schrieb

Vintage Guitar Stories: 1961 Gretsch Tennessean

Gretsch gehört mit seinen ikonischen Designs zweifellos zu den Klassikern der amerikanischen Gitarren-Geschichte. Und wer legte den Grundstein dafür? Ein gewisser Friedrich Gretsch aus Mannheim. Etwa als daselbst Carl Benz mit dem ersten Automobil auf die Straßen rollte, eröffnete der Immigrant Friedrich Gretsch eine Werkstatt in New York.

Der gebürtige Mannheimer und spätere Firmengründer Friedrich Gretsch wanderte 1873, erst 17-jährig, in die USA aus. Zehn Jahre später eröffnete er in Brooklyn eine Werkstatt für den Bau von Banjos, Tambourines und Schlagwerk. Erfolg stellte sich umgehend ein, aber bereits 1895 starb Friedrich Gretsch mit nur 39 Jahren und sein erst 15-jähriger Sohn Fred musste das Geschäft übernehmen.

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(Bild: Franz Holtmann)

Unterstützt von der Mutter und zwei jüngeren Brüdern erweiterte er das Programm nicht nur um Mandolinen, Ukulelen und Tenorgitarren, sondern erwies sich auch mit dem Import und Vertrieb der damals in Mode kommenden Instrumente als kluger Geschäftsmann. 1916 zog die aufstrebende Company in ein 10-stöckiges Gebäude in Brooklyn um. Das Gretsch Building, Firmensitz für Dekaden, steht übrigens noch heute. In den ausgehenden 20er-Jahren begann man dann auch eigene Gitarren zu konzipieren und der Katalog von 1933 präsentiert bereits eine ganze Reihe beachtlicher Archtops.

Ende der 30er und erst recht in den 40ern etablierte sich Gretsch am Markt mit exklusiven Konstruktionsdetails. Cat’s Eye Soundholes bei den Synchromatic-Modellen oder Triangular Soundholes bei Flattops demonstrieren selbstbewusst eigenständigen Gestaltungswillen. 1942 zog sich Fred Gretsch sen. zurück und überließ seinen Söhnen Fred jun. und William (Bill) das Geschäft. Fred jun. wurde alsbald zur Navy eingezogen und Bill führte die Geschäfte bis zu seinem frühen Tod 1948 fort, danach übernahm Fred jun. die Führung dauerhaft bis 1967.

Electrics: Gretsch hatte sich an dem geradezu verbissen geführten Wettkampf der Vorkriegsjahre um die Elektrifizierung von Gitarren überraschenderweise nicht beteiligt. Ab Ende der 30er-Jahre gab es bei Gretsch-Modellen zwar schon die ein oder andere Ausstattung mit einzelnen Pickups, aber auch nach dem Krieg fertigte man weiterhin geradezu stoisch akustische Archtops.

(Bild: Franz Holtmann)

Nachdem Fred Gretsch jun. sich eingearbeitet hatte, leitete er aber ab 1951 einen signifikanten Kurswechsel ein. Die musikalischen Trends hatten sich unüberhörbar gewandelt, die Musik wurde lauter, der Siegeszug der elektrifizierten Gitarre als Soloinstrument hatte begonnen. In der entscheidenden schöpferischen Phase des elektrischen Gitarrenbaus der 50er-Jahre kam also auch Gretsch mit einer ganzen Reihe bemerkenswerter Designs heraus, angefangen 1953 bei der Duo Jet, dem Gibson-Les-Paul-Modell nicht unähnlich, aber mit teils ausgefrästem Mahagonikorpus und zwei DeArmon-Pickups auf der tiefschwarzen Decke, gefolgt von der Round-Up mit viel Zier und Piniendecke (1954), oder der silbrig glitzernden Silver Jet, ganz zu schweigen von der feuerroten Jet Fire Bird (1955).

Der entscheidende Schritt für die Firmengeschichte war aber zweifellos die Zusammenarbeit mit Country Star Chet Atkins ab 1954. Dessen Signature-Modelle, die berühmte 6120 und die beiden späteren Variationen Country Gentleman (6122) und Tennessean (6119) machten schnell Furore, aber natürlich ist auch die glamouröse Gitarren-Diva White Falcon mit ihrer kleinen BlingBling-Schwester White Penguin hier zu nennen. Weitere Designs wie Country Club, Streamliner, San Salvador, Rambler, Clipper und die Anniversary-Modelle ergänzten das augenfällige Programm.

GEORGE HARRISON

Für das auf dieser Seite vorgestellte Modell Tennessean gibt es mit George Harrison einen berühmten Protagonisten. Mehr braucht es wohl nicht, um einen Sound zu empfehlen, der Geschichte geschrieben hat und den jeder von uns schon einmal, nein vielmals gehört hat.

George Harrison wechselte 1963 von der Country Gentleman zur Tennessean und entschloß dabei sich für ein Modell mit Singlecoils, also für einen Sound mit mehr Twang und Präsenz.

(Bild: Franz Holtmann)

Eine seiner zwei Country Gents verlor er übrigens 1965. Sie war auf dem Weg zum Gig vom Tour-Bus gefallen und von einem Transporter überrollt worden. Dessen Fahrer, die zerbrochenen Teile überreichend: „Hat dieses Banjo irgendwas mit euch zu tun?“ Schöne Geschichte, aber vielleicht etwas zu bunt kolportiert. 1963 erwarb George jedenfalls sein Tennessean-Modell und spielte mit ihm die Alben ‚A Hard Days Night‘ und ‚Beatles For Sale‘ ein, auch auf ‚Help‘ und ‚Rubber Soul‘ ist es zu hören. Bedeutende Titel wie ‚Ticket to Ride‘ oder ‚I Feel Fine‘ leben vom Sound der Tennessean, ganz abgesehen von den vielen Gigs, die George mit dieser Gitarre spielte. Bis 1965 blieb die Tennessean Harrisons Hauptinstrument.

(Bild: Franz Holtmann)

Unsere Demo-Tennessean aus dem Jahr 1961 (aus der Sammlung G. Hilden), die erste Version mit zwei Pickups, ist etwas älter als das von George gespielte Modell. Es hat noch den 5,7 cm tiefen Korpus mit schwarz aufgemalten f-Löchern – spätere Modelle erkennt man leicht an deren weißer Rahmung. Der zweiteilige Hals aus Ahorn trägt ein Griffbrett aus Palisander mit seitlich angeordneten Neoclassical „Thumbprint” Inlays und 21 Bünden (erneuert). Nicht original an diesem Instrument sind die Space Control Bridge anstelle einer Bar Bridge und die Kluson-Mechniken.

Diese Gitarre spielt sich mit ihrem tollen Hals fast von selbst und klingt schon akustisch ausgezeichnet: drahtig mit schöner Festigkeit und höchst definiert, dabei erstaunlich wenig nasal wie manch andere Box, obwohl natürlich von der Hollowbody-Konstruktion mit perkussiv pointiertem Kick ausgestattet. Die Hi-Lo‘Tron-Pickups sind auf ihre Art schon schneidig, tönen aber keineswegs harsch. Sie vermitteln nach Holz schmeckende, kompakte, dabei markant trockene, durchsetzungsstarke Sounds, die sofort Assoziationen wachrufen.

(Bild: Franz Holtmann)

Die Preise am Vintage-Markt liegen für frühe Tennessean-Modelle je nach Zustand etwa zwischen € 4000 und € 6000.

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

Produkt: Gitarre & Bass 07/2020
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Im Test: Fender Custom Shop 63 Stratocaster Relic Masterbuilt, Sadowsky J/J MetroLine & MasterBuilt LTD2020, MEC J/J-Style Metal Cover Bass Pickups u.v.m. +++ Stefan Stoppok: Deutschrocker, Universaltalent und Sound-Tüftler +++ Rabea Massaad: YouTube-Gitarrist & Equipment-Nerd +++ Carl Martin Acoustic Gig: Live-Tool für Akustiker +++

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