Produkt: Oye Como Va – Santana
Oye Como Va – Santana
Oye Como Va: Hol Dir die Playalong-Versionen des Klassikers von Santana!
Workshop & Transkription von Peter Fischer

Special: Eddie Van Halen – Rock-Gitarre neu gedacht

(Bild: Warner/Universal)

Mit Eddie Van Halen ist es ein bisschen so wie mit dem Internet: Man kann sich kaum noch eine Zeit davor vorstellen, in der es mal Rockgitarre OHNE Spielelemente von Edward Van Halen gegeben haben soll. Meine persönliche Perspektive ist, dass es zwei Phasen von Rockgitarre gibt, einmal VOR und einmal SEIT EVH.

Hätte es die Karrieren von Gitarristen wie Paul Gilbert, Greg Howe, Nuno Bettencourt, Dimebag Darrell, Steve Vai oder Joe Satriani in der uns bekannten Form gegeben? Wahrscheinlich nicht! Zu intensiv war der EVH-Impuls in die gesamte Gitarrenszene am Ende der 1970er-Jahre, als amerikanische Rockmusik deutliche Ermüdungserscheinungen entwickelte und Europa sich mit Punk und New Wave anfreundete. Hätte dieser Impuls nicht stattgefunden, wäre vieles sicherlich anders verlaufen …

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(Bild: Thorsten Brauer / TBArtpixx)

PETER FISCHER, WAS KANN MAN VON EDDIE VAN HALEN LERNEN?

Heutzutage wird bei den meisten Rockproduktionen doch sehr nach Perfektion gestrebt, mit Tonhöhen- und Rhythmik-optimierten Tracks und auf Lautheit getrimmten Masterings. Hört man mal in die isolierten Gitarrentracks alter Van-Halen-Songs rein (die einem ja dankenswerterweise im Internet zur Verfügung stehen), erlebt man eine gänzlich andere Klangästhetik: Es gibt Nebengeräusche, die Parts sind manchmal leicht verstimmt, auch sind nicht alle Bendings immer 100 % präzise. Rhythmisch gesehen sind die Tracks eher lebendig mit Verzögerungen und Beschleunigungen – und manchmal hat man das Gefühl, dass EVH so gerade eben noch die Kurve gekriegt hat. Es klingt so, als sei alles voll auf Risiko bzw. nur mal eben so nebenher gespielt. Eddie Van Halen hat dies in vielen Interviews so beschrieben: “Falling down the stairs and trying to land on my feet”. Hat geklappt, Eddie!

RIP Eddie Van Halen, the greatest of all times. Forever your fan, p.


Eddie Van Halen Interview Gitarre & Bass(Bild: Kevin Baldes)

PERSÖNLICHE EINFLÜSSE

‚Glad All Over‘ von The Dave Clark Five ist laut eigener Aussagen der wichtigste Song in Eddie Van Halens Leben, weil ihn dieser dazu motivierte, Gitarre spielen zu lernen. Generationsbedingt wächst EVH danach mit den britischen Bluesrock-Gitarristen der späten 60er auf, von denen Eric Clapton und Jimmy Page die größte Wirkung auf ihn ausübten. Ich persönlich höre den direkten musikalischen Einfluss von Claptons Bluesbreaker- und Cream-Ära ehrlich gesagt eher nicht bei ihm. Höchstens bei der in Van Halens Spiel wirklich nur sehr, sehr selten vorkommenden Kombination von Dur- und Moll-Pentatonik in einem Blues-Kontext, wie man sie bei Clapton in dieser Zeit ja recht regelmäßig hören kann.

Licks aus Led Zeppelins Song ‚Heartbreaker‘ sollen der Auslöser für Van Halens Two-Hand-Tapping-Technik gewesen sein, was schon eher nachvollziehbar ist. Ab dem Album ‚Fair Warning‘ kann man in vielen Legatolinien und der oft lockeren, freien Rhythmik in seinen Soli einen starken Einfluss von Allan Holdsworth finden.


CHARAKTERISTISCHE STILELEMENTE

„Eddie Van Halen – the original rule breaker.“

„It’s music theory, not music facts.”

„Rules? What rules? There are no rules! If it sounds good, it IS good.”

Dies sind bekannte Zitate zu oder von EVH, die sich seit Jahrzehnten halten, und die eigentlich Van Halens Stil gut umreißen. Sein Spielwitz, sein Humor und eine gewisse Unberechenbarkeit prägen seinen Stil sehr stark und sind Elemente, die sich nur schwer in Erklärungen und Notationen festhalten lassen. Wollte man eine komplette Analyse seines Spielstils verfassen, ließe sich sicher ein ganzes Buch mit Inhalt füllen!

In diesem Feature geht es daher eher um den Ansatz, wie man das eigene Gitarrenspiel, den eigenen Stil mit den ganz stilprägenden Elementen Van Halens und seinen Must-Know-Licks anreichern kann.


SONGWRITING

Van Halen haben sehr song- und erfolgsorientierte Musik produziert. Meinem Verständnis nach lässt sich das Werk EVHs in vier Phasen aufteilen:

  • Bis 1980, also die Zeit als ungesignter Act, VH 1, VH2 und Women and Children First
  • 1981–1984, Fair Warning, Diver Down, 1984
  • 1986–1996, „Van Hagar“, 5150, OU812, F.U.C.K., Balance
  • 1998–2015, VH III und die Reunion mit David Lee Roth

Phase 1

Die erste Phase der Karriere ist sicherlich die einflussreichste, weil sie der Rockgitarre und ihrem Vokabular die meisten Innovationen hinzufügt und Elemente, Sounds, Klischees und Licks enthält, die man durch die gesamte Karriere Van Halens hört, und die mit dem EVH-Style am stärksten in Verbindung gebracht werden. Auf dem Debütalbum findet man 1978 eine völlig neue Klangästhetik vor.

Classic-US-Hard-Rock-Songwriting und Classic-Rock-Licks treffen auf die vielen innovativen Spielkonzepte Eddies und eine große Portion Humor und pure Spielfreude. Innerhalb von sehr kurzer Zeit entwickelt sich die Gruppe von einer Club-Coverband zum Stadion-Rock-Act.

Die ikonische Van-Halen-Besetzung mit Michael Anthony am Bass und David Lee Roth am Gesang (Bild: Universal)

Interessant ist übrigens, dass auf den von Gene Simmons (Kiss) finanzierten ersten Demos der Band die meisten Rhythmusgitarren noch fast durchgängig gedoppelt wurden, was ab VH 1 nicht mehr der Fall war und damit maßgeblich zum lebendig wirkenden Band-Sound der ersten Alben beitrug.

Phase 2

Diese Phase ist meiner Meinung nach eine Art Übergangszeitraum, in dem sich Sound, Produktionsstil und Songwriting der Band veränderten, und die Grundlagen für den Mainstream-Erfolg und die nächsten Jahre gelegt wurden. Erstmalig kamen Keyboards zum Einsatz (was David Lee Roth gehasst hat), man hört den starken Einfluss seines Kumpels Allan Holdsworth in Van Halens Stil, und auch der Gitarrensound verändert sich. EVH benutzt deutlich weniger Gain, und statt Phaser und Flanger werden chorusartige Harmonizer-Sounds und Delays eingesetzt.

Sein spektakulärer Gastauftritt bei Michael Jacksons Hit ‚Beat It‘ fällt auch in diese Phase und ist damals die beste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ambitionierte Gitarristen auf der ganzen Welt – musste doch fortan in den nächsten Jahren auf so gut wie jeder Produktion ein flashy Gitarrensolo vorhanden sein.

„Van Hagar“: Sammy Hagar löst David Lee Roth am Gesang ab. (Bild: Warner)

Phase 3

Van Hagar. Bei den großen Hits dieser Besetzung spielen Keyboards eine sehr entscheidende Rolle. Die Gitarre tritt etwas in den Hintergrund und spielt einige der seltenen, wirklich melodischen Soli im Van-Halen-Katalog. Das Album ‚5150‘ soll die Antwort auf David Lee Roths ‚Eat Them And Smile‘ sein und wird ein weiterer Meilenstein in der Erfolgsgeschichte der Band. Das Album klingt „produzierter“, und auch der Gitarrensound wird größer und ist noch stärker von Effekten wie Harmonizer und Delays bestimmt. Außerdem wird die Sound-Palette überraschend durch Halstonabnehmer- und Wah-Wah-Klänge erweitert. Es wird allerdings auch der Kontrast in der Qualität zwischen Hits und „Füll-Songs“ größer. Auf jedem Album nach ‚5150‘ gibt es zwar noch immer ein bis zwei richtige Kracher, aber wenn man ehrlich ist, auch genügend Songs, die doch recht lieblos zusammengeschustert wirken.

Die letzte Van-Halen-Besetzung: David Lee Roth ist zurück, den Bass übernimmt Eddies Sohn Wolfgang. (Bild: ©2007 Robert Yager)

Phase 4

Darüber reden wir nicht ;-). Spaß beiseite. Besonders VH III, aber auch die mit David Lee Roth neu produzierten Bonustracks der Greatest-Hits-CD sind doch eine ziemliche Prüfung für alle alten Van-Halen-Fans. Dies hat auch sicherlich mit dem über viele Jahre hinweg durch Krankheit und Drogenkonsum doch sehr angeschlagenen Bandleader zu tun. Das von John Shanks produzierte Album ‚Different Kind Of Truth‘ (2012) hat zwar durchaus einige sehr gute Momente und Songs, aber auch zahlreiche Kompositionen, die einem von älteren Produktionen seltsam bekannt vorkommen.

Eddies Pedalboard von der 2007er-Reunion-Tour mit David Lee Roth. Phaser, Flanger und Wah stammen aus seiner Signature-Serie mit MXR. (Bild: Thomas Berg)

VAN HALEN STATISTIK

Hier sind ein paar interessante statistische Infos: Von den rund 100 Van-Halen-Songs, je nachdem, ob man kurze Sensationen wie ‚Eruption‘ oder ‚Spanish Fly‘ etc. mitzählt, sind um die 40 in einer mixolydisch/bluesigen Harmonik angesiedelt, ungefähr 25 basieren auf dem dorischen Modus, ca. 20 sind in Moll und um die zehn sind in Dur komponiert. Bei einigen Kompositionen trifft man auf eine Dur-Moll-Vermischung (Modal Interchange). Die beliebtesten Grundtonarten sind E und A, mit je ungefähr einem Drittel der Kompositionen, D mit ungefähr 15 % und C mit ca. 10 %. Einige wenige Titel sind in F, G und H komponiert.

Interessant ist auch, dass während der Van-Hagar-Zeit deutlich häufiger in den Songs moduliert wird als zuvor, was manchmal leicht konstruiert klingt. Die ungefähren Zahlen ergeben sich übrigens aus der Tatsache, dass ich die in einem Song überwiegend vorkommende Tonalität gewertet habe, und es auch einige Songs gibt, bei denen eine Zuordnung nicht wirklich möglich ist. Bis zum ‚Diver Down‘-Album stimmt Eddie Van Halen seine Gitarre überwiegend einen halben Ton tiefer, seitdem überwiegend im Standard-Tuning. Ich habe dies in der Auswertung allerdings nicht miteinbezogen, sondern durch das Tuning in Eb klingende Songs dem Ton E zugeordnet. Fun Fact: fast alle wirklich großen Hits sind in C-Dur komponiert.

Rhythmisch gesehen scheint es eine Vorliebe für drei Tempozonen zu geben: 90-110 bpm, 120-140 bpm und deutlich höher als 180 bpm. Nur gut 10 % der Van Halen Songs sind in einem ternären Feel, alle anderen basieren auf binärer Rhythmik.

Das ultimative EVH-Gear-Aufgebot in den EVH-Headquarters (Bild: Kevin Baldes)

RHYTHMUSGITARRE

Die meisten Van Halen-Songs (mit Ausnahme der auf Keyboards basierenden Kompositionen) sind auf Gitarrenriffs aufgebaut. Diese Riffs können aus unterschiedlichen Komponenten bestehen, oft auch aus der Kombination dieser Elemente:

  • Umkehrungen von Dur-Dreiklängen auf der D-, G- und H-Saite (z.B. ‚Running With The Devil‘, ‚Women In Love‘, ‚Unchained‘, ‚Panama‘)
  • Blues-Fragmente oder Einzelnoten, die aus der Blues-Tonleiter stammen (z.B. ‚Feel Your Love Tonight‘, ‚Jamie’s Cryin‘, ‚Beautiful Girls‘, ‚Hot For Teacher‘)
  • Powerchords (in fast jedem Song vorkommend)

Bei auf Powerchords basierenden Riffs erweitert EVH diese oft durch eine None, was einem Sus2-Akkord entspricht. Anno 1978/79 war dies ein völlig neuer Sound.

Ein weiteres Stilmittel, um einfache Powerchords etwas aufzuhübschen, ist der Einsatz von Leersaiten, die dem Akkord hinzugefügt werden und dadurch für attraktiv klingende Akkorderweiterungen sorgen. U.a. zu hören bei ‚Pretty Woman‘, ‚Panama‘, ‚Girl Gone Bad‘ oder ‚Poundcake‘.

Diese Konzepte findet man bei nahezu jedem Song der Band, was sie zu sehr stilprägenden Elementen macht. Es ist auch keine Überraschung, dass Gitarristen wie Nuno Bettencourt und Paul Gilbert – neben anderen – diese Ideen aufgriffen und durch den Erfolg ihrer Bands dazu beitrugen, einen neuen Basis-Sound im Rock zu etablieren.

Ein beliebter Trick ist daran anschließend, die Basstöne der Akkordbewegungen nicht mitzugehen, sondern auf einem Basston zu verharren, was den Riffs und Parts eine gewisse Größe gibt. (wie z.B. bei ‚Running With The Devil‘, ‚And The Cradle Will Rock‘, ‚Poundcake‘ und vielen anderen).

Bei Kompositionen in D, wird meist die tiefe E-Saite auf D heruntergestimmt. Der Klang eines tiefen Db (damals stimmte EVH noch auf Eb) bei ‚Unchained‘ war 1981 wirklich sehr ungewöhnlich und passte gut zum düsteren Grundsound des ‚Fair Warning‘-Albums. Open Tunings kommen im Van-Halen-Katalog kaum vor, ein wirkliches Open-Tuning-Lied ist lediglich ‚Top Jimmy‘ (DADACD-Tuning).


SOLOGITARRE

In vielen Interviews erläutert EVH den Ursprung seines Gitarrenstils damit, dass er ursprünglich mit überwiegend drei Fingern gespielte Blues-Rock-Roots hat, bei vielen Licks aber nicht die originale Spielweise herausfinden konnte und aus Unwissenheit sein eigenes Ding daraus gemacht habe. Nach eigenen Angaben kommt ein weiterer stilprägender Durchbruch dann durch das Entdecken der Möglichkeiten des kleinen Fingers. Solcherlei Aussagen klingen heutzutage zwar etwas naiv, spiegeln aber den Status Quo der Rockgitarre in den 1970er-Jahren recht realistisch wider.

Es gibt, bis auf einige wenige Ausnahmen, in der gesamten Van-Halen-Diskografie keine wirklich langen, frei gespielten Soli, die den engen Songrahmen gesprengt hätten, aber interessanterweise auch nur sehr wenige ausgearbeitete melodische Soli, wie man sie von anderen Künstlern der Zeit und des Genres – wie zum Beispiel Gary Moore oder Neil Schon – kennt. Eddies Soli sind im Großen und Ganzen zwar einigermaßen festgelegt, die Ausführung live variierte dann aber immer doch recht erkennbar.

Den Van-Halen-Style prägt ein eher natürlicher Spielfluss mit einer ständigen Neuorganisation von Kernelementen, zu denen auf jeder Veröffentlichung immer mal ein neues Element, eine Idee oder kleine Gimmicks hinzugefügt wurden. Man kann besonders gut außerhalb der gewohnten Komfortzone seiner eigenen VH-Songs hören, wie EVH seine Signature-Licks in neuen Reihenfolgen immer wieder neu zusammensetzt, was zu einem eindeutigen und leicht zu identifizierenden Style führt. Schöne Beispiele dazu sind das Konzert anlässlich Les Pauls 80. Geburtstag sowie einige Gastauftritte in amerikanischen Talkshows.

Man könnte also sagen, dass die eigentlich einigermaßen überschaubare Menge an Ideen/Licks/Konzepten von EVH zusammen mit seinem Sound den Stil deshalb so leicht erkennbar machen. Diese Kernelemente haben es natürlich in sich und haben die Rockgitarre seit 1978 neu definiert und geprägt. Man war in dieser Zeit immer gespannt, was sich EVH wohl wieder Neues auf jeder neuen Veröffentlichung hatte einfallen lassen. Und man wurde nur sehr selten enttäuscht.


SKALEN UND … SHAPES

Aufgrund ihrer Tonalität (Mixo-Bluesig/Dorisch/Moll) gestatten es die meisten Van Halen Songs, dass man über sie mit der Moll-Pentatonik improvisiert, wovon EVH auch ausgiebig Gebrauch macht. Er verwendet dazu überwiegend eine leicht erweiterte Version des von uns allen so geliebten Basispatterns dieser Tonleiter.

Dieses Ausgangspattern wird von ihm durch einige Zusatznoten erweitert, so dass man sagen könnte, dass es sich um eine durch die Blue Note erweiterte dorische Tonleiter handelt, die er sowohl über Moll-Akkorde wie über Dom7-Akkorde spielt, womit die Mehrheit der Van-Halen-Songs abgedeckt wäre. An dieser Stelle sei allerdings darauf hingewiesen, dass Eddie Van Halen NICHT in solchen Kategorien und Bezeichnungen gedacht hat!

In Gitarrenzeitschriften der frühen 1980er-Jahre wurde regelmäßig und fälschlicherweise der Versuch unternommen, ein von ihm oft eingesetztes Konzept durch den schnellen Wechsel von Tonleitern zu erklären, was jedoch nicht weiter von der Wahrheit hätte entfernt sein können. Die Rede ist von so genannten „Moveable Shapes“.

Mit einfachen Worten erklärt: EVH spielt generell sehr gerne den Fingersatz 1 – 2 – 4. (Die Fingerkombination 1- 3 – 4 findet man bei ihm sehr viel seltener und wenn, eher mit den Fingern 1 – 2 – 3 gespielt).

Dieses „Shape“ bewegt er dann in einer Lage bleibend über die Saiten. Dadurch, dass er in einer Lage bleibt, entsteht der Bezug zum Grundton, und durch den gleichbleibenden Fingersatz werden Töne gespielt, die nicht gemeinsam in einer Tonleiter existieren (und ganz genau betrachtet auch falsch sind).

So entsteht der Eindruck, dass EVH in rasender Geschwindigkeit die Tonleiter wechselt. Dies ist jedoch einfach nicht der Fall und entspricht schon mal gar nicht EVHs Ansatz vom Gitarrenspiel. Der Fingersatz ist einfach nur bequem zu spielen und für den Eindruck der Richtigkeit sorgen Geschwindigkeit und eine gleichbleibende Rhythmik. Beispiele hierfür findet man in zahlreichen Songs wie ‚I’m The One‘, ‚ Ice Cream Man‘, ‚Spanish Fly‘, ‚The Dream Is Over‘ oder ‚Source Of Infection‘.

Als letztes Element zum Thema Griffbrettorganisation sei noch eine schrittweise Erweiterung des Tonraums entlang der H- und E-Saite erwähnt, wie man sie erstmals bei dem 1979er-Juwel ‚Spanish Fly‘ findet.

Innerhalb dieser wenigen Fingersätze spielt Eddie Van Halen die meiste Zeit. Wichtig ist außerdem, dass sein Spiel einen sehr hohen und sich natürlich ergebenden Anteil von Hammer-Ons und Pull-Offs enthält, was vielleicht noch die größte Übereinstimmung zu seinen Einflüssen Clapton und Page ist. Ausgedehnte Wechselschlagpassagen sucht man in EVHs Spiel vergeblich. Zur rechten Hand ist zu sagen, dass er einen überraschend weichen Anschlag hat und über weite Phasen seiner Karriere eher dünne Picks benutzt hat. Die Ausnahme ist vielleicht das besagte ‚Spanish Fly‘, welches eher nach hartem Anschlag und dickem Pick klingt.

Ab Phase 2 seiner Karriere findet man regelmäßig den Einsatz eines weit überstreckten Shapes, das aus zwei Moll-Dreiklängen besteht und deutlich den Einfluss von Allan Holdsworth dokumentiert. Holdsworth benutzt dieses Shape bei seinem populären Solo von ‚In The Dead Of Night‘ der Band UK auf deren Debütalbum aus dem Jahr 1978. Bei Van Halen findet man es unter anderem bei ‚Push Comes To Shove‘, ‚Hear About It Later‘, ‚The Full Bug‘ und natürlich ‚Beat It‘. Für Menschen mit kleineren Händen ein kleiner Trost: Jennifer Batten spielt diese Passage übrigens immer mit zwei Händen als Tapping-Lick.

Über diese Grundkonzepte hinaus, was die generelle Orientierung auf dem Griffbrett betrifft, lebt der Van-Halen-Style natürlich in erster Linie vom Einsatz seiner Signature-Licks und Spieltechniken. Ich persönlich glaube ja sehr stark an die hohe Wirksamkeit von kurzen Licks, wenn man sein Spiel bereichern oder verändern will, da sich diese viel leichter integrieren lassen als lange Lines. Daher sind alle folgenden Phrasen recht kurzgehalten, und zur besseren Orientierung ist A die Grundtonart. Als Referenz seien nochmal die verschiedenen Gastauftritte Van Halens erwähnt, bei denen man sehr gut nachvollziehen kann, wie EVH seine stilprägenden Licks aneinandersetzt.

Noch ein Wort zu den Beispielen: Van Halen hat besonders in seinen Soli oft eine recht bewegliche Auffassung von Timing und Rhythmik und es werden gerade bei schnellen Passagen Noten einfach noch in den Takt reingequetscht. Gibt man sich Mühe und notiert diesen Zustand wirklich ganz präzise, entsteht oft ein doch recht komplexes Notenbild. Um Frustration zu vermeiden, sind die folgenden Beispiele zum Lernen rhythmisch alle etwas begradigt. Manipulieren kann man sie später ja immer noch auf eigene Faust.


WIDE BENDS

Ein wichtiges, wenn auch vergleichsweise unspektakuläres Element des EVH-Stils ist der sehr häufige Einsatz großer, weiter Bendings, die sehr oft über drei und vier, manchmal sogar über fünf Halbtonschritte gehen. Dadurch werden aus gewöhnlichen Rock- und Blueslicks ungewohnt und intensiv klingende Licks.

Hier einige Startpunkte für dieses weite Saitenziehen. Sie funktionieren auch sehr gut effektiv eine Oktave/12 Bünde höher.


FLY PICKING

In vielen seiner Soli benutzt Eddie zur Steigerung der Intensität schnelles Tremolo-Picking, was er in Interviews meist „Fly Picking“ nennt (weil seine Anschlagshand wie die Flügel einer Fliege aussehen). Hier dürften ‚Eruption‘ und ‚Beat It‘ die bekanntesten Songs mit dieser Technik sein. Am leichtesten fällt diese Spieltechnik, wenn man direkt über dem Tonabnehmer anschlägt.

 


TWO-HAND-TAPPING

Bekannterweise war Eddie Van Halen sicherlich nicht der Erfinder dieser spektakulären Spieltechnik. Neben einigen anderen wie Billy Gibbons, Harvey Mandel, Steve Hackett und Emmet Chapman findet man z.B. schon bei ‚It’s Late‘ vom 1977 veröffentlichten Queen-Album ‚News Of The World‘ recht ausgedehnte Two-Hand-Tapping-Licks von Brian May. Die lange Tapping-Passage von ‚Eruption‘ brachte 1978 aber den Durchbruch für diese Technik – und für Eddie Van Halen.

Man findet zahlreiche unterschiedliche Anwendungen der Tapping-Technik in Van Halens Spiel. Bevor es zur bekannten triolischen Akkordzerlegung kommt, zuerst noch einige andere attraktive Licks, die so oder so ähnlich sehr oft als Fills oder Teile von Soli gespielt werden. Sie verbinden Tapping mit Saitenziehen.

Ladies and Gentlemen – the lick that shook the world:

Hier ist eine Variation dazu im Stil von ‚You’re No Good‘, die auch von Randy Rhoads bei ‚Flying High‘ eingesetzt wird.

Ein absolutes Signature-Lick: ein Repeating-Pattern, basierend auf der ‚Eruption‘-Triole. Findet man in vielen Soli und mit verändertem Fingersatz auch bei ‚Beat It‘.

Weitere Signature-Phrasen:


VIBRATOHEBEL

Neben dem Two-Hand-Tapping ist der massive Einsatz des Vibratohebels sicherlich Eddies spektakulärstes Stilelement. Neben den Dive Bombs, sind es vor allen Dingen die Passagen, in denen EVH mit dem Hebel sozusagen in Noten „reinstippt“, die sehr präsent in seinem Spiel sind.

Zu den Dive Bombs mit Flageolett-Tönen lässt sich vielleicht noch sagen, dass sich die G-Saite dafür eigentlich am besten eignet. Etwas tricky ist, dass man nicht mit der rechten Hand anschlägt, sondern innerhalb SEHR kurzer Zeit mit dem Hebel die Saite zuerst etwas entspannt, sie mit dem linken Zeigefinger anschlägt, sofort an der richtigen Stelle für den Oberton abdämpft, den Hebel wieder hochkommen lässt, um die Saite wieder zu spannen und sie dann erst abstürzen lässt.


HARMONICS

Ein weiteres innovatives Element Eddie Van Halens ist das Spiel mit Obertönen. Einerseits nutzt EVH die natürlichen Obertöne für Fills (‚I’m The One‘, ‚Ain’t Talking Bout Love‘ und fast jedem anderen Song der frühen Platten) anderseits, wie bei ‚Poundcake‘ als Begleitkonzept.

Seit Van Halen II sind getappte Obertöne, bei denen man recht kräftig kurz exakt 12 Bünde über einem gegriffenen Ton auf das Bundstäbchen hämmert, ein wichtiges Element seines Stils. Diese Technik benutzt Van Halen sehr oft sowohl als eine außergewöhnliche Art der Akkordbegleitung (u.a. ‚Dance The Night Away‘, ‚Women In Love‘-Intro, ‚Girl Gone Bad‘) als auch als Solotechnik.

Dieses Lick ist ein absolutes Trademark, das oft als Einstieg in ein Solo benutzt wird.


REPEATING PATTERN

Hier sind zwei Repeating-Patterns, die Eddie oft einsetzt. Das erste ist ein eher traditionelles Classic-Rock-Pattern. Das zweite ist ein Pattern, das wegen seiner Leersaiten in unterschiedlichen Lagen witzig klingt.


LICK-ENDUNGEN

Recht interessant und stilprägend ist, dass Eddie Licks und Phrasen häufig mit immer wiederkehrenden Endungen abschließt. Ich habe das o.g. Repeating-Pattern mal mit drei sehr oft verwendeten Endungen kombiniert.

Ach ja – ein kleiner Tipp: die meisten der oben gezeigten Licks klingen übrigens deutlich authentischer, wenn man einen langsam eingestellten, nicht zu intensiven Phaser spielt.

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

Produkt: Locomotive Breath – Jethro Tull
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