Workshop

Blues Bootcamp: Gary Moore

Anzeige
Live in Manchester 1983 (Bild: Harry Howard Potts (By-Sa 3.0))

Greetings and salutations, my dearest Blues-Friends! Na, was geht ab bei euch? Nachdem wir in der letzten Ausgabe unseres Blues Bootcamps mit Scott Henderson mal wieder die Finger in die Grauzone zwischen Blues und Fusion/Jazz gesteckt haben, geht es jetzt weiter mit einem Gitarristen, der über Jahrzehnte eine musikalisch sehr abwechslungsreiche Karriere hatte und der zusammen mit Stevie Ray Vaughan die vielleicht am stärksten treibende Kraft hinter dem Blues-Revival der 1990er-Jahre war – Gary Moore.

WER WAR DIESER GARY MOORE?

Gary Moore wird am 4. April 1952 in Belfast geboren und fängt schon im Alter von acht Jahren mit dem Gitarre spielen an. Mit 14 Jahren zieht er nach Dublin und beginnt sehr intensiv zu üben, was zur Folge hat, dass er schon in seinen späten Teenager-Jahren professionell Musik machen kann, und seine damals schon vorhandene Virtuosität sich schnell herum spricht.

Anzeige

Seine ersten beiden Alben mit der Band Skid Row spielt er schon mit unter 20 Jahren ein, und 1973 erscheint schon ein erstes Soloalbum, das eher Jazz Rock orientiert ist und – erfolglos. Die weiteren 1970er-Jahre pendelt er zwischen Soloveröffentlichungen und Bandarbeit mit Colosseum II und Thin Lizzy.

Gary Moore live 1978 mit Thin Lizzy (Bild: Copyright (c) 2009 David Fowler/Shutterstock)

Die 1980er-Jahre markieren eine erste sehr erfolgreiche Phase mit zahlreichen Solo-Alben, die seinen Ruf als virtuosen Rockgitarristen von Weltklasse festigen. Anderes Thema, aber mindestens genauso wertvoll und interessant wie der Blues-Gitarrist Gary Moore.

BACK TO THE BLUES

1990 kommt dann der stilistische Wendepunkt mit seiner (Rück-)Besinnung zum Blues. Im März des Jahres erscheint ‚Still Got The Blues‘ mit dem gleichnamigen Single-Welthit und dem ebenso sehr erfolgreichen ‚Walking By Myself‘. Das Album ist angereichert mit einigen Gastauftritten (Albert King, Albert Collins, George Harrison), die einen interessanten, eher traditionellen Kontrast zu der sehr energiegeladenen, rockigen Interpretation des Blues Gary Moores darstellen.

Zu diesem Album merken Kritiker zwar an, dass Gary Moore sich an den vom Tod von Stevie Ray Vaughan verursachten Blues-Boom hängt. Das ist allerdings Unsinn, denn SRV ist zur Zeit der Veröffentlichung von ‚Still Got The Blues‘ noch recht lebendig.

Das Nachfolgealbum ‚After Hours‘ (1992) ist ebenfalls sehr erfolgreich und folgt der Rezeptur des Vorgängers mit Gastauftritten von B.B. King und Albert Collins und sehr populären Titeln wie ‚Cold Day In Hell‘ und ‚Since I Met You Baby‘ und einem zuweilen leicht souligen Sound.

In den folgenden 1990er-Jahren veröffentlicht Gary Moore sowohl weitere Blues-Alben, wie auch zwei für ihn eher ungewöhnlich experimentelle Alben, bevor er mit ‚Back To The Blues‘ (2001) und ein paar weiteren Platten wieder zum Thema zurückkehrt. Von 2000 bis 2009 prozessierte Moore um die Urheberrechte seines größten Hits ‚Still Got The Blues‘ und einigte sich schließlich auf einen Vergleich. In dieser Zeit, und bedingt durch die damit verbundene finanzielle Situation, veräußert er auch seine legendäre Burst „Greeny“, deren weiterer Verbleib ja hinlänglich bekannt sein dürfte.

PERSÖNLICHE EINFLÜSSE

Gary Moores erste Einflüsse waren die Hauptdarsteller der britischen Blues-Rock-Bewegung, wie Eric Clapton, Jimi Hendrix, vor allem aber Jeff Beck und Peter Green. Später waren aber auch Fusion-Gitarristen wie John McLaughlin und Bill Connors wichtig für ihn, was man schon früh in der virtuosen, eher nicht bluesigen Komponente seines Styles nachvollziehen kann. Der Einfluss Jeff Becks ist dabei am deutlichsten ausgeprägt.

(Bild: Livepict.Com (By-Sa 3.0))

EQUIPMENT UND SOUND

Auch was das Equipment betrifft, durchläuft Gary Moore doch recht unterschiedliche Zeiten, analog zu den musikalischen Phasen, in denen er sich gerade befindet. Generell lässt sich jedoch sagen, dass es während seiner Blues-Periode überwiegend Gibson Les Pauls sind, die er spielt, was jedoch nicht bedeutet, dass man nicht auch mal eine Tele oder eine ES-3xx hören kann. Übrigens ist es nicht „Greeny“, die man auf den Blues-Alben überwiegend hört, sondern seine andere 1959er Burst mit dem Spitznamen „Stripe“, die Anfang 2026 den Besitzer gewechselt hat.

An Amps benutzt er zu Blues-Zeiten überwiegend Marshall-Amps, meist einen 1989er JTM 45, kombiniert mit Overdrives wie Marshall Guv’nor als Grundsound und einen Ibanez TS 10 zum zusätzlichen Boosten. Ich habe ihn zu Anfang der 1990er-Jahre allerdings auch mehrmals mit dem Soldano SLO-100 live gesehen, den Joe Bonamassa kürzlich gekauft hat. Später haben sich auch überraschend viele günstige, „unlegendäre“ Geräte wie der Digitech Bad Monkey oder Overdrives von T-Rex auf sein Pedalboard verirrt.

In Sachen Sound ist es vor allen Dingen der hohe Verzerrungsgrad, der ihn von anderen unterscheidet (u.a. auch von seinen Gästen der beiden erfolgreichsten Alben), was unter Blues-Puristen zu dieser Zeit gelinde gesagt nicht unumstritten ist. Weitere Effekte sind etwas Delay und Hall, bei ihm in der Regel von sehr erschwinglichen Geräten generiert. Also kein Boutique-Gear bei Herrn Moore.

CHARAKTERISTISCHE STILELEMENTE

Eine für mich sehr attraktive Konstante in Gary Moores Spiel, unabhängig in welchem Jahrzehnt oder welchem Stil, ist seine enorme Intensität und Power, mit der er das Instrument angeht. Da kann man als Gitarren-Streber auch schon mal über die eher suboptimalen Handhaltungen, vor allem der linken Hand, hinwegsehen. Die Power und der Attack der rechten Hand … fast unerreicht! Kritiker haben das, besonders im Kontrast zu Blues-Größen wie B.B. King oder Albert King, oft als etwas überzogen und unangemessen kritisiert. Was für ein Kokolores …

Seine legendäre Virtuosität und Geschwindigkeit muss ich an dieser Stelle besonders erwähnen: besonders in den 1980ern – meine Güte, was für ein Gesamtpaket. Notenauswahl, Speed, Vibrato (damals noch sehr oft mit dem Vibratohebel erzeugt!), Power und Ausdruck. Wahnsinn…

SOLOGITARRE

Da Gary Moores Stil, Ruhm und seine Wirkung überwiegend auf seinem Sologitarrenspiel basieren, klammern wir das Thema Rhythmusgitarre heute mal aus. Auch fancy Improvisationskonzepte findet man eigentlich nicht. Überwiegend sind es Pentatonik und die Blues-Skala und bei den Balladen sehr Akkordton orientierte Melodien, weil sonst wird es ja nix mit den ansprechenden, ergreifenden Melodien.

Einen Aspekt, den ich schon immer an Gary Moores Spiel bewunderns- und erstrebenswert fand, ist seine Intonation, besonders beim Thema Saitenziehen. Dies wird ja gerne als gegeben hingenommen, ist aber, wenn man es richtig, richtig gut machen möchte, schon eine Herausforderung. Bei diesem Thema fallen einem natürlich besonders die Themen-Melodien der großen Gary-Moore-Balladen ein: ‚Parisienne Walkways‘, ‚The Loner‘, ‚Still Got The Blues‘, ‚Story Of The Blues‘, ‚The Prophet‘ … einfach mal was davon lernen. Um das Thema Saitenziehen zu kultivieren, gibt es ja viele Übungen. Ich habe eine ganze Weile mit der Melodie von ‚The Loner‘ verbracht und ich glaube, das hat mir ganz gut getan. Hier ist eine Saitenziehübung, die sich weniger um die stumpfe Mechanik des Vorgangs kümmert, die natürlich auch wichtig ist, sondern eher um die Feinmotorik in Bezug auf Halbton- und Ganzton-Bendings.

(zum Vergrößern klicken!)

In Beispiel 1 findest du eine einfache, kurze Melodie in A-Moll, die ich durch die unterschiedlichen Tonstufen auf der D- und G-Saite das Griffbrett hoch verschiebe. Beispiel 2 ist die gleiche Melodie, nur diesmal auf der G- und H-Saite. In Beispiel 3 kommen die H- und die hohe E-Saite zum Zug.

Beispiel 4 ist eine leichte Variation dazu: Die letzte Note wird immer durch ein Halbton-Bending erzeugt. Für den typischen 80er-Jahre-Sound von Gary Moore könnte man auch in jede letzte Note mit dem Vibratohebel „herein dippen“ und dann Vibrato mit dem Hebel hinzufügen. An dieser Stelle möchte ich nochmal darauf hinweisen, wie überaus wichtig es ist, wirklich genau vor dem Bundstäbchen zu greifen. Das klingt besser und erleichtert Saitenziehen und Vibrato enorm.

LET’S TRY SOMETHING ELSE

Für das Solo zu dieser Episode habe ich mir mal was überlegt: Mein alter GIT-Lehrer Scott Henderson hat mich damals regelmäßig daran erinnert, ein Solo nicht nur Note für Note zu lernen, sondern auch VON dem Solo. Also: Welche Konzepte, verwertenswerte Passagen extrahieren etc. Das Solo ist diesmal eine Art Mash-Up. Gary Moore ist ja besonders bekannt für sein äußerst melodisches Gitarrenspiel, und wenn man mal genau hinschaut, ist sein größter Hit ‚Still Got The Blues‘ ja auch kein wirklicher Blues, sondern wieder mal eine tolle Gitarrenballade. Teil 1 von Beispiel 5 ist Riff basierter Blues Rock im Stile Gary Moores. Bei Teil 2 habe ich versucht, bekannte Melodien Gary Moores zu nehmen und, leicht harmonisch verändert, in einen völlig anderen Kontext zu bringen. Enjoy.

(zum Vergrößern klicken!)

WAS KANN MAN VON GARY MOORE LERNEN?

Play it like you mean it! Einfach mal mit der rechten Hand Gas geben und die Belastungsgrenze der Saite erforschen. Auf Risiko gehen und keine Angst vor unerwarteten Geräuschen haben. Was soll einem schon passieren?

So viel für diesen Monat vom Blues Bootcamp. Viel Erfolg beim Üben und auch sonst so. Haltet durch und bleibt echt. Immer.

PS: Mehr Informationen zu Gary Moore gibt es übrigens in zwei meiner Bücher (Masters Of Rock Guitar und Blues Guitar Rules). ●


(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026) 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.