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Solo Basics: ‚Softly, as in a Morning Sunrise‘ – Joe-Pass-Style
von Wolfgang Kehle, Artikel aus dem Archiv
(Bild: Tom Marcello Webster (CC BY-SA 2.0))
‚Softly, as in a Morning Sunrise‘ ist einer der am häufigsten gespielten Jazz-Standards überhaupt. Er wurde 1928 von Sigmund Romberg (Musik) und Oscar Hammerstein II (Text) für die Operette ‚The New Moon‘ komponiert. Ursprünglich war das Stück im 2/4-Takt in E-Moll geschrieben.
1955 transponierte das Modern Jazz Quartett den Song nach C-Moll, hielt sich aber sonst weitgehend an die Akkordfolge des Originals. Sonny Rollins etablierte den Song 1955 im Kanon der Jazz Standards, wegweisend für unzählige spätere Interpretationen wurde aber John Coltranes energetische Live-Version von 1961 (‚Live At The Village Vanguard‘).
Die in dieser Aufnahme gespielten Changes setzten sich als Benchmark durch. Beispiel 1 zeigt das Leadsheet der 32-taktigen AABA-Form.

In den drei A-Teilen treffen wir auf Bekanntes. Sie bestehen durchweg auf einer zweitaktigen II-V-I-Verbindung in C-Moll. Diese lässt jede Menge improvisatorischen Freiraum. Die vorgezeichnete Tonart C-Moll legt C-Äolisch als Basis-Mode nahe.
Und auch das im sechsten Takt im Thema zu hörende Ab untermauert dies. Tatsächlich aber kann man statt C-Äolisch auch C-Dorisch und sogar C-Melodisch-Moll für die Improvisation nutzen. Natürlich kann man die II-V-I-Verbindung auch ausspielen, wegen des halbtaktigen Wechsels von Dm7b5 zu G7b9 wird aber oft nur G7b9 über den ganzen Takt gespielt.
Mit Takt 16 wechselt als Vorbereitung auf den B-Teil die Tonart zunächst zur parallelen Dur-Tonart Eb. Mit C7b9 kommt dann eine sogenannte Sekundär-Dominante (V7/IIm7) ins Spiel. Hier wird aus dem leitereigenen Eb der Leitton E, der sich perfekt nach Fm7 auflöst.
F#o7 besteht aus F#, A, C und Eb, die gleichen Töne können auch als D7b9 gedeutet werden. Und mit G7b9 in Takt 23 sind wir wieder auf dem vertrauten Terrain von C-Moll.
Grundlage von Jazz-Standards sind immer die Akkorde: Beispiel 2 zeigt einige Basis-Voicings, angeordnet als Studie, um in verschiedenen Lagen ein Repertoire an Akkorden abrufbereit zu haben.
In Beispiel 3 legen wir das Comping vom Großmeister der Jazz-Gitarre Joe Pass unter die Lupe. Der begleitete das Solo des Kontrabassisten Red Mitchell bei einem Duo-Konzert in Stockholm 1992 super groovy und mit viel Fantasie. Joes Voicings sind oft nicht wirklich schwer zu greifen, die Griffdiagramme zeigen auch den Fingersatz.
Und er wechselt munter zwischen Single Notes, Double Stops, Dreiklängen und Vierklängen hin und her. In Takt 12 etwa skizziert er die Akkorde Ab7 und G7 nur mit zwei Tönen, Terz und Septime reichen völlig aus, um den Akkordsound darzustellen.
Die perkussiven Noten mit dem Kürzel RH (für „rechte Hand“ zeigen an, dass hier die Fingerkuppen der Anschlagshand auf die Saiten klopfen und ein perkussives Geräusch erzeugen.
Die 32 Takte sind spieltechnisch nicht unlösbar, aber Joe‘s Time und sein Groove sind nicht von dieser Welt. Ganz großes Kino!

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2026)
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