Produkt: Fender Sonderausgabe
Fender Sonderausgabe
Das FENDER-SONDERHEFT von GITARRE & BASS mit Stories, Workshops und Testberichten rund um das legendäre Instrument.
Workshop

Parts Lounge: Telecaster-Elektronik

Testgitarre: Custom Shop 50s Telecaster (Bild: Udo Pipper)

Wie in der vergangenen Folge versprochen, widmen wir uns ab dieser Ausgabe der Elektronik der Fender Telecaster. Die ursprünglichen Schaltungskonzepte aus den Fünfzigern mit Bass-Preset-Schaltung möchte ich dabei mal außer Acht lassen, da das für heutige Anwendungen meist schon ziemlich speziell erscheint. Beginnen wir daher mit dem sogenannten Modern Wiring.

Hier werden beide Pickups an jeweils ein Ende der beiden Ebenen des Dreifachschalters gelötet. Die Ebenen werden so verbunden, dass in der Mittelstellung beide Pickups aktiv sind. Das ähnelt im Prinzip der Verschaltung einer Les Paul mit zwei Humbuckern, nur dass sich bei der Telecaster beide Tonabnehmer über nur jeweils ein Volume- und Tone-Poti regeln lassen. In der Regel (und da gibt es schon zahlreiche Ausnahmen) werden hier zwei logarithmische 250K-Potis sowie ein 0.05uFKondensator für die Tone-Regelung verwendet.

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Zusätzlich haben die meisten Telecaster über dem Eingang und dem Schleifer des Volume-Potis einen Treble-Bleed-Kondensator (1000pF), der zugunsten einer besseren Regelbarkeit parallel mit einem 150KWiderstand gebrückt ist. Dieser Kondensator soll dafür sorgen, dass beim Herunterdrehen des Volumens die Höhen erhalten bleiben und nicht vom Widerstand des Potis „geschluckt“ werden. Und obwohl diese Schaltung eigentlich nur eine von zahlreichen Optionen ist, nennen wir das jetzt einfach mal die „Telecaster-Standard-Schaltung“.

Es ist wirklich nicht einfach, bei meinen Klangbeschreibungen auf sämtliche Optionen einzugehen. Denn davon gibt es praktisch unzählige. Wir wollen aber zunächst verstehen, wie sich die frühen Telecaster-Pickups entwickelt haben, und während allen Testdurchläufen habe ich diese Schaltung verwendet. Die Klangergebnisse sind nämlich sehr von der jeweiligen Schaltung abhängig. So findet man immer wieder sowohl unter sämtlichen Vintage-Modellen als auch im Fender-Custom-Shop-Angebot Modelle, die von dieser Schaltung abweichen.

Ohne Treble-Bleed-Kondensator klingen Telecasters grundsätzlich etwas dunkler, denn der Kondensator wirkt sich auch ganz leicht bei voll aufgedrehtem Poti aus. Dann gab es zahlreiche Variationen beim Tone-Kondensator. Je kleiner dieser ist, desto heller und mittiger klingt die Gitarre insgesamt. Wir finden hier Modelle mit 0.02uF, mit 0.05uF oder mit 0.1uF. Ich werde noch beschreiben, wie sich dieser Tone-Cap im einzelnen auswirkt. Später gab es auch Telecaster-Modelle mit 1Meg-Potis, was einen deutlich helleren Klang zur Folge hatte. Unsere Standard-Schaltung soll allerdings die Bestückung der frühen Telecaster repräsentieren, natürlich ohne die Bass-Preset-Option, die ich hier einfach mal übergehe, um auch die Klänge in der Mittelposition beschreiben zu können.

DIE ERSTEN TELECASTER PICKUPS

Da sich bei dem Front-Pickup der Telecaster seitens der Bauform im Laufe der frühen Jahre nur wenig änderte, betrachten wir zunächst die Entwicklung der frühen Bridge-Pickups. Wie so oft waren die Übergänge fließend, weshalb ich nur ungefähre Datumsangaben mache. Vermutlich wurde damals sogar etwas mehr experimentiert als heute tatsächlich bekannt ist.

Wer einmal eine ganz frühe Broadcaster aus der sogenannten Prototyp-Ära gespielt hat, wird sich nur allzu gut an den mächtig klingenden Bridge-Pickup erinnern, der beispielsweise an einem Vintage-TweedAmp sehr an eine frühe PAF- oder P90-Les Paul erinnert. Die frühen Prototypen hatten tatsächlich AlNiCo-5-Magnete und waren mit Gauge 43 Enamel-Wire gewickelt. Die Polepieces waren flat. Ich konnte solch eine Telecaster bisher nur einmal testen. Diese Gitarre klang unglaublich hölzern und sonor. Der Bridge-Pickup war genau das, was sich ein Les-Paul-Spieler wie ich wünscht. Fette, tiefe Mitten gepaart mit der typischen Durchsichtigkeit eines Singlecoils. Gitarren wie diese sind heute beinahe unbezahlbar, ähnlich wie eine 54er-Strat.

Aber schon sehr bald darauf (50/51), also in der Zeit, in der Fender offiziell die Modellnamen Broadcaster und Esquire verwendete, wurden die Eigenschaften der Bridge-Pickups verändert. Fender verwendete von nun an AlNiCo-3-Magneten, aber immer noch den recht dünnen Draht (Gauge 43), weshalb diesen Pickups aufgrund der schwachen Magneten ein paar Wicklungen mehr spendiert wurden. Aus dieser Zeit etwa stammt Mike Campbells Telecaster.

Nach dem Rechtsstreit mit Gretsch musste Fender die Modellbezeichnung Broadcaster streichen – das war etwa Ende 1950. Etwa zu dieser Zeit stieg man auf einen dickeren Draht um (Gauge 42). Die schwächeren AlNiCo-3-Magneten wurden jedoch beibehalten, wodurch sich der Sound der Telecasters zahmer und nochmals durchsichtiger präsentierte. Diese Kombination wurde bis circa 1954/55 verwendet. Sprechen wir heute von der legendären „Blackguard“-Ära, ist von genau diesen Gitarren die Rede. Jeff Becks berühmte Esquire, Danny Gattons Blackguard oder Keith Richards Micawber waren allesamt aus dem Jahr 1953 – also genau aus dem Zenit dieser Ära.

Etwa 1954/55 stieg man für die Telecaster-Pickups wieder auf AlNiCo 5 um und erhöhte zunächst leicht die Magneten für die G- und D-Saite. Obwohl diese PUs von da an stärker und durchsetzungsfähiger wurden, zeichnete sich die Ära 1950 bis 1954 als die goldenen Jahre ab. Der berühmte Blackguard-Telecaster-Bridge-Pickup hat daher flache Polepieces, Gauge 42 Enamel-Wire mit etwas geringerer Wicklungszahl als in den Anfängen und AlNiCo 3-Magneten.

Vor einigen Jahren schickte mir ein in Paris lebender Gitarrist seine 1953er Telecaster für ein Setup. Später entschied er, dass ich zusammen mit Florian Jäger eine möglichst genaue Replik dieser Gitarre bauen sollte, denn sie war ihm mittlerweile zu wertvoll für Club-Gigs. Ich hatte diese Gitarre beinahe ein ganzes Jahr zuhause und spielte sie sehr oft. Damals war ich schon reichlich überrascht, wie schwach vor allem der Bridge-Pickup war.

Erst mit der Zeit lernte ich, wie ich diesen Pickup bedienen musste. Der Tonabnehmer klang so offen, dass ich manchmal glaubte, ich spielte über eine elektrisch verstärkte Akustikgitarre. Die Mitten waren leicht gescooped, die Bässe markant und ausgesprochen knackig, der Hochton gläsern und schlank. Um die Gitarre in den Overdrive zu bringen, brauchte ich entweder einen sehr lauten Amp, einen zerrfreudigen Tweed Deluxe oder gleich zwei Pedale in Kombination. Aber für High-Gain-Sounds waren diese Telecaster auch nicht geeignet. Sie waren die perfekte Lösung, wenn der Produzent im Tonstudio forderte: „You need something exposed!“ Und das war sehr oft der Fall.

Solche Telecaster ließen sich spielend über eine Frauenstimme oder Streicher-Keyboards legen. Außerdem schien es perfekt, damit eine Akustikgitarre zu doppeln. Ich nenne diese Klänge „Nashville-Sounds“, da man sie hierzulande kaum hört, weil auch in unseren Breiten von einer Telecaster stets dieser fettere Riffsound gefordert wird. Im Shop habe ich eine Tele mit Fat-50-Pickups, die schon beinahe wie eine Gibson und damit vielleicht am anderen Ende der Skala klingt.

Damals begab ich mich auf die Suche nach Pickup-Repliken, die exakt diese Eigenschaften bieten und testete eine ganze Reihe Aftermarket-Produkte. Fündig wurde ich schließlich bei Amber Pickups, von denen ich schließlich ein Set in der Telecaster Replik verwendete. Sehr zur Zufriedenheit übrigens des Auftraggebers! Florian Jäger hat diese Gitarre tatsächlich gebaut, und die Amber-Pickups schienen die perfekte Paarung.

Fast jedenfalls, denn für diese Story schickte mir Amber-Chef Wolfgang Damm ein neues Twangtone-Set, das wirklich noch mehr auf den Punkt kommt. Die Polepieces des Bridge-Pickups sind flat, die Drahtstärke stimmt und AlNiCo3-Magneten gibt es obendrein. Diese Pickups sind zwar noch etwas schwächer, besitzen durch das Magnetmaterial und die flachen Pole noch weniger hohe Mitten als die etwas stärkeren Vorgänger. Alles Geschmacksache, aber dieses Set ermöglicht genau „meinen“ Telecaster-Ton. In der Summe erinnert diese Bestückung schon ein wenig an die von mir geliebten Gretsch Filtertron PAF-Pickups.

53er Amber Twangtone Set aged (Bild: Udo Pipper)

Seit jeher kämpfte ich mit einer zu prominenten G-Saite, nicht nur bei Stratocasters, sondern vor allem beim Tele-Bridge-Ton. Die flachen Pole schaffen hier Abhilfe. Zudem hat Damm die eigentlich histirosch korrekt verchromte Messigkappe des Frontpickups durch eine Neusilber/Nickel-Kappe ersetzt. Dadurch ist die Balance zwischen dem tendenziell hellen Bridge-Pickup und der Front noch harmonischer. Ich habe eine Custom-Shop-Blackguard-Telecaster sowie meine 60s Telecaster Custom mit diesen Sets bestückt, wobei Letztere einen underwound Spirit-of-59-Pickup in der Frontposition bekam.

Testgitarre: 60s Custom Shop Telecaster Custom (Bild: Udo Pipper)

Auch diese Kombination funktionierte großartig, denn ich nutze die Telecaster vor allem für Blues und Stones-Riffs, was beides mit dem Front-Pickup absolut überzeugend gelang. Dieses Pickup-Set hat etwas von einer Harfe im Oberton, was aber niemals schneidend oder schrill rüberkommt. Vielleicht eine Folge von Wolfgang Damms Wickelkunst oder dem recht schwachen AlNiCo-3-Magneten geschuldet – vermutlich beides!

Da ich die 1953er-Telecaster schon lange wieder dem Besitzer zurückgegegeben hatte, musste ich zum Vergleich eine Blackguard von einem Sammler ausleihen. Dabei handelte es sich um eine Esquire von 1953, die an Jeff Becks legendäre Yardbirds-Gitarre erinnerte. Der Besitzer hatte allerdings irgendwann mal einen Front-Pickup ergänzt. Ich vermute das alte Holz war daran schuld, dass diese Gitarre noch einen Hauch dynamischer und feiner auflöste, in puncto Bespielbarkeit und Regelbarkeit seitens der Elektronik aber etwas zu Wünschen übrig ließ.

Die modernen Gitarren ließen sich jedoch leichter bedienen und waren seitens der Sound-Kombinationen mit Hilfe der Klangregelung etwas flexibler. Eine klassiche Pattsituation, könnte man sagen. Jedenfalls klingen die Twangtones von Amber so nah am Original wie ich das vormals noch nie gehört habe. Bedingt war das jedoch auch unter Mithilfe eines alten „Red Jupiter“-0.05uF-Kondensator, der noch in meiner Wühlkiste lag. Dieser Kondensator steuerte noch einen Schuss Wärme bei, den die neuen Gitarren manchmal ein wenig vermissen lassen.

Für Fans der Blackguard-Ära sind diese Pickups auf jeden Fall einen Test wert. Erhältlich sind die Amber-Produkte neuerdings auch beim Tube Amp Doctor in Worms.

Testgitarre: 60s Telecaster Bigsby (Bild: Udo Pipper)

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

Produkt: Fender Sonderausgabe
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Das FENDER-SONDERHEFT von GITARRE & BASS mit Stories, Workshops und Testberichten rund um das legendäre Instrument.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich denke mal, wir reden hier eher von Elektrik, nicht von Elektronik 😉

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  2. Vielen Dank für diesen Artikel. Die Erfahrungen des Autors gepaart mit der Chance, die alten Originale zu testen, das kann ein Normalverdiener ja nicht selbst machen. Ich fühle mich damit sehr gut informiert!

    Ich bin Hobby-TECH seit rd. 50 Jahren und experimentiere beim Pimpen primär von Strats, seit neustem aber auch Teles, mit der Elektronik (Elektrik), also eine Vielzahl verschiedener PUs, Kabel, Schalter, Kondensatoren, Potis, vor allen Dingen aber vielen verschiedenen und zumeist von mir entwickelten Schaltungen, die sich bei Gitarren-Käufern auf Musikerflohmärkten und ebay bester Beliebtheit erfeuen, weil sie Vielfalt bieten, die man sonst mit so wenig Bedienelementen nicht kaufen kann.

    Bei Teles habe ich – angeregt durch Free-Way 6-fach-Lever – eigene Schaltungen entwickelt. Die umfangreichste holt aus den 2 PUs 9 Sounds mit einem 5-Pos.-Lever sowie Kipp- oder Push-Push bzw. Push-Pull heraus. Bei letzteren alles von außen nicht sichtbar. Die Alternative mit Kippschalter, gut plaziert, finde ich zuverlässiger und übersichtlicher. Dieser Zusatzschalter stört die meisten Interessenten dann auch tatsächlich nicht. Einige Gitarristen lassen von mir gerade diese Schaltung einbauen bzw. kaufen fertig gepimpte Tele-Kopien von mir.

    Ich schreibe das, weil – wie der Autor eingangs selbst schreibt – die Standard-Schaltung häufig durch andere Beschaltungen (so würde ich es nennen bzgl. Treble-Bleed und Caps) bzw. komplett andere Schaltungen (wie man sie z.B. von Free-Way, oder als 4-fach-Lever zum Selbsteinbau kaufen kann) ganz andere Ergebnisse liefert. Ich ermuntere hiermit andere Lötkolben-Kundige damit zu experimentieren. Wer sich weitere Anregungen zu Schaltungen holen möchte, kann gerne mal auf meinem YT-Kanal Gittevarii schauen. Dort kommt in Kürze auch mein erstes Demo zu der 9-Sounds-Schaltung, von mir “Tele-MEGA – 9 Sounds” genannt, weil mehr ohne weitere Zusatzschalter aus 2 Pickups kaum geht. Viel Spaß!
    Mit musikalischen Grüßen
    MrHKBlues – alias gitte-varii

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  3. Hallo Udo, immer wieder ein Vergnügen Deine Artikel zu lesen. Liebe Grüße aus Frankfurt, Olaf (ex Flatsch!!)

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