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Japan Vintage: Archtop-Klassiker – ES-175 Kopien

Wenn auch viele Jazz-Musiker auf die ganz dicken Archtops wie Gibsons L-5, Super 400, Tal Farlow, Wes Montgomery oder sogar auf Edelmodelle von Benedetto und D’Angelico stehen, die nicht nur einen soliden Kontostand demonstrieren, sondern auch jede Menge Bauchansatz verdecken können, bleibt die schlanke ES-175 sicher die am meisten gespielte Jazz-Gitarre.

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Das liegt neben ihrem günstigeren Preis auch an der Handlichkeit des 16″-Korpus, dem hochlagenfreundlichen florentinischen Cutaway, dem geringen Gewicht und der Tatsache, dass ihre laminierte Decke relativ unanfällig für Feedback-Einschwingungen ist. Ikonen wie Jim Hall, Jimmy Rainey, Wes Montgomery, Herb Ellis, Howard Roberts, Joe Pass und Pat Metheny haben dieses Modell gespielt, aber auch Rocker wie Yes-Gitarrist Steve Howe, Mark Knopfler, Ex-Guns-N’-Roses-Sideman Izzy Stradlin oder Keith Richards wurden mit ES-175ern gesehen, ebenso Mr. B.B. King in seinen frühen Jahren.

War bei der originalen ES-175 bis 1953 nur ein P-90-Pickups an Bord, bis 1957 dann zwei, wechselte man ab dann zur klassischen Bestückung mit zwei Humbuckern, einem Pickup-Wahlschalter und den vier Reglern für Volume und Tone. Die ES-175 war übrigens das erste Gibson-Modell mit Humbucker-Tonabnehmern, die Seth Lover neu entwickelt hatte.

Keine Frage, dass man in Japan schon früh die Beliebtheit dieses Gibson-Klassikers registriert hatte und sich ab Anfang der 1970er-Jahre ans Kopieren machte – und zwar des damals aktuellen zwei-Humbucker-Modells, meist in Sunburst-Lackierung oder hellem Ahorn-Natur-Finish. Die besseren Modelle hatten, wie das Original, einen Hals aus Mahagoni und ein Palisander-Griffbrett mit 20 Bünden. Und so kamen einige wirklich großartige Instrumente auf den Markt, die weniger als die Hälfte des Originals kosteten, dabei aber nicht unbedingt schlechter gefertigt waren – nur bei den Tonabnehmern gab es oft deutliche Ausreißer nach unten, denn ein klassischer Gibson-Humbucker ist nun mal ein klassischer Gibson-Humbucker, dessen Sound auch mit der ES-175 Musikgeschichte geschrieben hat.

Mir sind in den vergangenen Jahren qualitativ unterschiedliche Kopien von History, Ventura, Jedson, Laguna, Shiro, McCormick, Antoria, El Degas, CMI, Eagle, Westone, Teisco, Aztec, Fresher und natürlich Tokai, Maya bzw. El Maya, Greco, Cimar, Burny, Aria und Ibanez begegnet – und ganz sicher gibt es noch eine Menge mehr.

Cimar-Kopie der ES-175 aus der Post-Lawsuit-Phase. Das Model 1948 stammt vermutlich aus den späten 1970er-Jahren.

Die meisten dieser Instrumente entstanden in den 1970er-Jahren und wurden gegen Ende der Dekade, aufgrund der Androhung von Klagen durch Gibson (Lawsuit) meist in Details verändert: Oft verzichteten die Japaner nur auf die Open-Book-Kopfplatte, und Ruhe war im Karton. In Japan selbst nahmen sich Labels wie Tokai, Greco und Burny aber weiterhin alle Freiheiten. Und auch die von Gibson lizensierten Epiphone-Kopien der US-Klassiker hatten im Fall ihrer besseren Japan-Ausgaben meist alle Design-Details der Originale – also nicht die gewöhnungsbedürftige, langgezogene Epi-Europe-Kopfplatte, die uns hier, im alten Europa, die seit den 90ern wirklich brauchbaren Gibson-Kopien mies machte.

Aria 2302 aus den frühen 70er-Jahren
Aria 2302 aus den frühen 70er-Jahren

Auch die Epiphone ES-175 aus der VS Limited Edition aus dem Custom-Shop in Unsung, Korea, die um 2005 auf den Markt kam, ist eine gute Jazz-Gitarre, die gebraucht für wenig Geld zu haben ist. Von Burny/Fernandes gab es ab den 00erJahren sogar ein in China gefertigtes ES175-Modell mit einem Humbucker, die RFA-75. Gibson was not amused. Sie war außer in Ostasien und Russland trotzdem auf dem englischen Markt sehr präsent, in Deutschland aber kaum zu kriegen.

Gesuchter Klassiker: Ibanez 2355 von 1973

Die Ibanez 2355 war praktisch eine 1:1-Kopie, die von ca. 1971 bis 1977 gebaut wurde. Es gibt ganz frühe Modelle ohne Ibanez-Logo auf der Open-Book-Kopfplatte, ab spätestens 1974 hatten die Gitarren dann Logo und auch Seriennummern.

Ibanez 2355 von 1977
Kopfplatte angepasst: Ibanez 2355 von 1977

Bei der nach 1976 erschienenen 2355 mit Super-70-Humbuckern war die Kopfplatte umgestaltet. Von dieser Ibanez-Jazz-Gitarre gab es Modelle mit Mahagoni- aber auch mit Ahornhals, die von FujiGen Gakki, eventuell teilweise auch von Matsumoku gefertigt wurden.

Ibanez-Katalog von 1976
Ibanez-Katalog von 1976 (Bild: Ibanez)

Im 1978er-Katalog hatte dann die mit einem anderen Tailpiece ausgestattete FA100 die 2355 abgelöst. Zwei Jahre früher gab es auch schon mal kurz ein ähnliches Modell, die Ibanez Artist 2616 mit Stern-Einlagen im Griffbrett. Jahre der Selbstfindung. Im Netz findet man immer wieder eine identische „Ibanez 2335“ – hierbei handelt es sich aber sehr sicher um einen weiterkopierten Schreibfehler. Die 2335 war nämlich eigentlich eine Kopie der legendären Black Beauty, einer frühen Les Paul mit P-90-Pickups.

Noch eine Anmerkung zu den Preisen: Die genannten Ibanez-Kopien sind inzwischen sehr gesucht, und die 2355 mit Mahagoni-Hals wird im originalen Koffer kaum unter 1500 Euro zu haben sein; ich habe sogar schon Angebote bis 2200 Euro entdeckt. Die Preisspanne der anderen japanischen ES-175-Kopien umfasst einen Bereich von ca. 700 Euro bis 1500 Euro, abhängig natürlich von Zustand, Koffer und Markennamen.

Da man weiß, dass über die Jahrzehnte verschiedenste Hersteller für Ibanez produziert haben, und auch eigentlich fast immer sehr gute Arbeit leisteten, lohnt es sich im Umkehrschluss, bei den unbekannteren Labels immer mal nachzuschauen, aus welcher japanischen Fabrik sie ursprünglich kamen. Fujigen Gakki produzierte ab 1970 neben den Ibanez-Instrumenten auch unter anderem für Greco, Yamaha, Antoria und Epiphone. Und aus der Qualitätswerkstatt von Matsumoku kamen unter anderem Instrumente für die Marken Greco, Guyatone, Yamaha, Arai, Aria, Aria Pro II, Diamond, Apollo, Arita, Barclay, Burny, Capri, Columbus, Conrad, Cortez, Country, Cutler, Dia, Domino, Electra, Epiphone, Granada, Hi Lo, Howard, Lindberg, Lyle, Luxor, Maxitone, Mayfair, Memphis, Montclair, Pan, Pearl, Raven, Stewart, Tempo, Univox, Vantage, Ventura, Vision, Volhox, Washburn, Westbury, Westminster und Westone.

Sehr gute ES-175-Kopie von Maya, ca. 1976

Mit diesem Wissen und ein wenig Glück und Geduld kann man immer mal wieder gute Instrumente entdecken, die wegen ihres unbekannten Namens in Läden oder privat verstauben. Viel Spaß bei der Suche!

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2021)

Produkt: Gibson Guitars Special
Gibson Guitars Special
Gibson Guitars: Testberichte, Stories, Workshops im Gitarre & Bass-Special

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ach je, so viel Aufwand um paar hundert Euro mittels einer vielleicht guten Kopie zu ergattern….. Ich besaß eine Epiphone 175 und trennte mich von ihr. Sie klang einfach nicht so wie man es von einer Gitarre diesen Typs erwünscht. Jahre später kaufte ich mir das Gibson 175 Original und nach dem einstecken in den Verstärker ist alles wie man es sich wünscht. DER 175 Jazz Sound. Kriegst auf den Kopien nicht. Habs probiert zu sparen, bin Schwabe, aber zwecklos.

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  2. “Ex-Guns-N’-Roses-Sideman Izzy Stradlin oder Keith Richards wurden mit ES-175ern gesehen” – Stradlin wurde nicht nur mal mit einer gesehen, er hat sogar die komplette AfD mit einer eingespielt. Zu sehen ist die Gitarre z. B. beim legendären Ritz-Konzert von 1988.

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