Produkt: Show Me The Way – Peter Frampton
Show Me The Way – Peter Frampton
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Interview & Workshop

Hellmut Hattler – 50 Jahre Kraan und kein bisschen leise

(Bild: Gerald Langer)

Nur ganz wenige deutsche Rockbands können auf ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte zurückblicken. Das Trio Kraan, bestehend aus dem Bassisten Hellmut Hattler sowie den Brüdern Peter Wolbrandt (Gitarre) und Jan Fride Wolbrandt (Drums), kennt sich noch aus der Schule und hat zuletzt sein neues Album ‚Sandglass‘ veröffentlicht.

Hellmut Hattler wurde vor drei Jahren mit der furchtbaren Diagnose Leukämie konfrontiert, hat die Krankheit aber nach drei Chemos und einer Blutstammzell-Transplantation überstanden. In seinem Haus in Senden trafen wir auf einen optimistisch in die Zukunft blickenden Musiker.

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INTERVIEW

Hellmut, ihr feiert doch tatsächlich das 50. Band-Jubiläum von Kraan!

Unfassbar, wirklich unfassbar! Aber das ist tatsächlich so. Ich habe mal innen an die Tür unseres Bandtransporters geschrieben „Kraan 1971-1991“ und fand das total witzig. Ich dachte mir, dann bist du schon ein alter Opa, und jetzt schreiben wir das Jahr 2020.

1970 haben sich die Beatles aufgelöst, Jimi Hendrix ist gestorben, Kiesinger war Bundeskanzler, der Vietnam-Krieg war in vollem Gange …

Wir haben natürlich schon weit vorher Musik gemacht. Jan Fride, mein damaliger Nebensitzer in der Schule, war ja mit zwölf schon ein Kinderstar am Schlagzeug, er spielte mit seinem Bruder Peter in einer Beat-Band. Das war für mich damals eine völlig fremde Welt, weil ich in einem ziemlich rigiden schwäbischen Haushalt aufgewachsen bin. Ich kam dann erst nach dem Tod meiner Eltern 1966 dazu. Da ist das Gefängnis, in dem ich war, plötzlich auseinandergebrochen, und ich konnte mir vorstellen, mit meiner großen Liebe, der Musik, etwas anzufangen. 1970 tauchte dann der Name Kraan auf.

Hellmut Hattler live mit Kraan (Bild: Steffen Meyer)

Ihr seid dann zusammen in eine WG in Wintrup gezogen.

Ganz genau. Von Berlin sind wir wieder zurück nach Ulm, haben da ein Domizil gesucht. Dann ergab sich die Möglichkeit, in das ehemalige Gestüt des Grafen Metternich, das Weidegut Wintrup zu ziehen. Ab da ging die Band ziemlich kometenhaft ab, weil wir im Süden schon eine Infrastruktur hatten, wo wir spielen konnten.

Von Ostwestfalen aus zogen wir dann unsere Kreise bis Hamburg. So konnten wir gleich landesweit agieren und verkümmerten nicht in der Regionalität. Wir hatten einen Deal mit Intercord, die gleich das erste Album ‚Kraan‘ (1972) mit ganzseitigen Anzeigen massiv promotete, und so ging es sehr schnell aufwärts.

Wart ihr damals politisch, denn man darf euch doch wohl als Teil der 68er-Bewegung betrachten?

Absolut! Als ich aufgewachsen bin, waren viele Erwachsenen vom Zweiten Weltkrieg traumatisiert, die waren teilweise verstrahlt bis in die Knochen! Und diese vom Nazi-Ungeist kontaminierte Denkweise hat uns auf die Palme gebracht, auch wenn es noch so verdeckt daherkam. Dagegen haben wir rebelliert, mit langen Haaren und „Negermusik“ – welch ein unseliger Alltagsbegriff damals. Wenn wir zusammen durch die Straßen liefen, hörten wir überall Sprüche wie: „Beim Adolf hätte es das nicht gegeben! Ihr gehört doch an die Wand gestellt! Euch sollte man vergasen!“ Das heutige Rassisten-Vokabular haben wir damals hautnah volle Granate selbst abgekriegt, man hetzte sogar Hunde auf uns, das muss man sich mal vorstellen. Und das war nicht etwa in den Südstaaten der USA, sondern mitten in Deutschland.

Unser Manager Walter Holzbaur, der seine Funktion gar nicht so nennen durfte, weil Management damals in Deutschland verboten war und die Vermittlung von Auftritten von Gesetz wegen eigentlich nur dem Arbeitsamt erlaubt war, sah, dass wir eine geile Band waren, und zog die Platten-Deals und viele Konzerte an Land. Das dritte Album ‚Andy Nogger‘ (1974) wurde dann auch in den USA und in England veröffentlicht. Dabei waren wir gar nicht so übermäßig ehrgeizig, dachten damals eher, US-Touren sind viel zu viel Action, lass uns doch lieber rausgehen und am Lagerfeuer sitzen. Aber so sind wir halt, und deshalb spielt die Band auch so, wie sie spielt. Wir sind ja alle Autodidakten, nur gesegnet mit Talent und Gespür, aber ohne tieferes Wissen über theoretische Zusammenhänge. Beim nächtelangen Jammen haben wir per Trial & Error herausgearbeitet, was geht – und auch was nicht.

Du warst in der Band schnell in einer prominenten Rolle als Bassist, hast offensiv und mit viel Autonomie gespielt. In der Dekade, in der ihr erfolgreich wurdet, fand ja auch eine E-Bass-Revolution statt. Stanley Clarke zeigte sich bei Return To Forever 1974 mit superbrillantem HiFi-Sound, …

… was ja weit nach uns war! (lacht)

… und Jaco Pastorius revolutionierte mit seinem ersten Soloalbum 1976 die Basswelt. Dann kamen plötzlich Edelbässe wie Alembic auf den Markt, und die Bass-Industrie geriet mächtig in Bewegung. Du warst doch von Anfang an bei dieser Entwicklung dabei, oder?

Ich hatte noch nie Ehrfurcht vor einem sogenannten „amtlichen“ Bass-Sound. Da ich immer der schlechteste Gitarrist war und deshalb Bass spielen musste, habe ich auch ein bisschen Gitarre gespielt auf dem Bass. Ich habe ganz früh angefangen mit Verzerrern und Bandechos zu experimentieren, und alle dachten: Der hat ne Meise, das darf man doch gar nicht als Bassist. Als Bassist musste man hinten stehen, mit den Fingern zupfen und nett aus der Wäsche gucken.

Hellmut Hattlers Status Bass (Bild: Wolfgang Kehle)

Ein Wendepunkt waren die ungeschliffenen Roto-Sound-Saiten, da war es um mich geschehen. Dann besorgte ich mir einen Roland-Jazz-Chorus-Gitarren-Amp, platzierte mich zehn Zentimeter von den Speakern weg und badete im Stereo-Sound. Genauso einen Sound wollte ich haben. Das war meine Vorlage für meinen breiten Stereo-Sound, der gerade im Trio natürlich gut zur Geltung kommt.

Und du stehst bis heute auf Stereo-Sound und Chorus.

Absolut, und seit dem Kraan-Song ‚Wintruper Echo‘ (1982) setze ich gerne Tap-Delays ein.

Hellmuts Live-Setup:
• Glockenklang Bugatti Preamp
• Digitech IPS 33B Super Harmony Machine
• Zwei FBT Maxx 2A Aktivboxen
(Bild: Wolfgang Kehle)

Bist du selbst auf die Idee mit den Delays gekommen?

Ja, ich hatte so ein Roland Space-Echo und bin dann schnell auf den Trichter gekommen, dass man mit Delays in der Länge einer punktierten Viertelnote mächtig Schub erzeugen kann. Ich habe aber Effekte nie um ihrer selbst willen eingesetzt, sondern immer geschaut, ob die mich musikalisch inspirieren, um dann auch Songs damit zu schreiben. Später bei Tab Two haben wir dann entdeckt, dass man mit Sound-Loops super arbeiten kann. Auch die haben mich inspiriert zum Komponieren.

Lass uns über das neue Kraan-Album sprechen. Es liegt ja fast auf der Hand, dass ihr zum 50-jährigen Band-Jubiläum ein neues Studioalbum einspielt.

Das wäre eigentlich logisch, aber Kraan ist total unlogisch (lacht!). Kraan hat sich noch nie um irgendwelche Vorgaben oder Gesetzmäßigkeiten gekümmert. Ich arbeite viel mit Martin Kasper zusammen, ein großartiger Keyboarder, der jede Menge Loops am Start und dazu auch noch einen sehr guten Musikgeschmack hat. Er half mir dabei, für Hattler und Siyou’n’Hell zu schreiben, und wir waren letzten November an zwei Songs dran, die verdächtig nach Kraan klangen. Nach Weihnachten kam ein weiterer Song dazu. Dann habe ich Jan und Peter gefragt, ob sie nicht dazu trommeln und Gitarre spielen wollten. Das taten sie, und so öffnete sich plötzlich ein neues Kapitel der Bandgeschichte. Aber mit drei oder vier Songs kann man kein Album machen, Geburtstag hin oder her.

Dann kam Covid-19 und der Lockdown, und meinem Studio-Mann Jürgen Schlachter, der ja auch ein sehr guter Drummer ist und viel live spielt, brachen alle Gigs weg. Dann habe ich nochmal rumgefragt, ob es nicht doch noch irgendwo versteckt ein paar Songideen gab, um ein Album zu machen. Peter sagte dann: „Ach nö, ich habe nur irgendwelche Riffs auf dem Rechner“. Aber Jan meinte: „Peter hat doch massenhaft coole Stücke in der Schublade, er hat mir schon vor Jahren die Mehrspur-Files geschickt, damit ich darauf spiele.“

Ich fragte dann: „Peter, hast du vielleicht vergessen, dass du coole Songs auf Lager hast?“ Und Peter nur: „Ach so, die, ja!“ „Na dann, her damit!“ Jan lieferte die Files an, und ich fuhr damit zu Jürgen Schlachter ins Studio. Zu dieser Zeit hatte ich wegen Corona nur mit zwei Personen Kontakt, eben zu Jürgen und zu Siyou, meiner Süßen, und für sechs Wochen sonst niemanden im Haus gehabt. Dann haben wir eifrig die Files hin- und hergeschickt. Ich hatte noch Aufnahmen mit Chords von unserem früheren Keyboarder Ingo Bischof, der ja am 26. Januar 2019 gestorben ist, und dachte mir, dass es schön wäre, ihm zu Ehren auch noch ein paar Töne von ihm auf dem Album zu haben. Und so kamen diese dreizehn Stücke aufs Tablett, und zur Überraschung aller ist das die erste Platte, von der alle Mitwirkenden sagen: Die hat überhaupt keine Schwachstellen.

Jürgen Schlachter war natürlich hocherfreut, weil er die ganze Zeit den heißen Atem des Vertriebes im Rücken spürte, der sagte: „Macht doch mal ne Kraan-Platte!“ Er hatte ja auch die beiden CDs ‚The Trio Years‘ (2018) und ‚The Trio Years – Zugabe‘ (2019) editiert und super gemischt, was genau in die Zeit fiel, als ich im Krankenhaus darniederlag und nicht wusste, welche Überlebenschance ich hatte. Jeden Tag bekam ich da neue Mixdowns geschickt und war zum Teil zu Tränen gerührt, weil ich gar nicht mehr wusste, dass wir bestimmte Stücke je live gespielt hatten. Das alles hat mich damals sehr aufgebaut. Siyou hat es dann sogar geschafft, dass ich meinen Bass in der Isolierstation des Krankenhauses bekam, natürlich unter der Maßgabe, ihn ständig zu desinfizieren. Dann haben wir dort sogar angefangen Musik zu machen, sie sang und ich spielte Bass. Ich habe auch allein gespielt und tolle Songs geschrieben.

So ist das Titelstück von Siyous Solo-CD ‚Signs Of Love‘ (2018) im Krankenhaus entstanden. Ich habe sogar Studio-Sessions überwacht, z.B. die für ‚Mayday In Paradise‘, einem Song für Hattler, den Fola Dada gesungen hat. Alle Beteiligten waren sehr bemüht und dachten, vielleicht ist es sein letztes Aufbäumen vor der letzten Ausfahrt. Aber so waren beide Katastrophen, sowohl meine eigene, die vor drei Jahren begann, als auch der Lockdown im Frühjahr, Katalysatoren für eine der kreativsten Perioden meines Lebens.

Ihr habt das komplette Album auf Click eingespielt.

Ja. Wir konnten ja nicht zusammenspielen. Das ist also das erste Kraan-Album, das nicht gemeinsam im Studio entstanden ist.

Hellmut Hattlers Heriba-Plektrum. Die werden nicht mehr produziert, aber Hellmut hat einen ordentlichen Vorrat davon. (Bild: Wolfgang Kehle)

Wie hast du deine Bass-Tracks eingespielt? Wie ist der Signalweg?

Direkt! Jürgen Schlachter bevorzugt das direkte Signal und formt den Sound dann im Mix so, dass er zum Song passt. Der Bass klingt also nie gleich.

Habt ihr viel mit Overdubs gearbeitet?

Genau, es ging nur darum, wie es am Schluss klingt. Es ist so, dass ich bei meinen Songs die Melodieführungen, mit meiner Stimme und dem Bass vorskizziere in der Hoffnung, dass jemand das später ersetzt. Das hat dieses Mal nicht geklappt, d.h. meine Pilotgesänge sind einfach draufgeblieben. So singe ich auf meinen Stücken und Peter auf seinen. Die Fretless-Parts waren auch nur Vorskizzen für Keyboards, Bläser oder Gitarren, sind dann aber auch aufs Album gekommen.

Vielen Dank für das Interview, Hellmut. Bleib gesund!


TRANSKRIPTION

Beispiel 1: In ‚Path‘ hören wir eine dieser Vorskizzen, eine wunderschöne Melodie, eingespielt auf einem Magnus Krempel Sharky-Fretless.

Beispiel 2 stellt einen prototypischen Hattler-Groove vor. ‚Pick Peat‘ wurde eingespielt auf Hellmuts Hauptbass, einem Custom Made Status mit Kahler Tremolo Bridge, bestückt mit Alembic Pickups. Grundsätzlich ist nur der P-Hals-Pickup aktiv. Hellmut spielt .045-Elixier-Strings und hat seine Saitenlage sehr hoch eingestellt. Sein Anschlag ist ziemlich kräftig, so entsteht schon ohne Verstärkung ein sehr lauter Basston. Die Transkription zeigt durch Dokumentation der Auf- und Abschläge und der Deadnotes auf der G-Saite exakt, wie Hellmut spielt.

(zum Vergrößern klicken!)

Beispiel 3 schließlich zeigt das Bass-Solo von ‚Pick Peat‘, das aus mehreren Takes zusammengeschnitten wurde. So musikalisch kann Editing sein. Zum Solo liefern wir ein Playalong der Original-CD, nur eben ohne das Solo. Es beginnt drei Takte vor dem Auftakt. Vielen Dank an Jürgen Schlachter.

(zum Vergrößern klicken!)

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

Produkt: Let it Happen – Jimmy Eat World
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. „Kraan“ kenne ich auch noch.Ich würde ihre Musike mal eher als „experimentell-instrumentale Klangwelt“ bezeichnen.
    Der Begriff „Krautrock“ hingegen,scheint mir hier nicht zwingend der passende Ausdruck zu sein,denn ihre Mukke lief akustisch leider immer irgendwie an mir vorbei.Sie erinnert da viel stärker an eine gewisse Art an Untermalungs/-Hintergrund Musik,die man,damals,wie heute,schon eher in Supermärkten,Einkaufszentren oder gar Möbel Discounter akustisch dann überhaupt weniger „wahr nimmt“.
    Reine Instrumentalmusik (völlig ohne Gesang!) geht klanglich meistens immer irgendwie „unter“.
    Eine absolute Ausnahme bildet da vermutlich Joe Satriani und Steve Vai.
    Ihre „Instrumentalmusik“ ist ja vordergründig mit eingängigen Melodien und sehr ausgedehnten Gitarrensolis ausstattet,die selbst später immer noch im Ohr bleiben.
    Es gab ja damalig wohl noch einige weitere einheimische „Krautrock Bands“,wie „Amon Düül“ u.s.w. Wobei ich mich für diese regionalen Bands eigentlich nicht so sonderlich interessierte,da hörte ich schon viel lieber echten Hard Rock aus England oder den U.S.A.
    Sorry,aber auch diese besagten deutschen Bands „schwirrten“ immer wieder an mir vorüber.Es ist eben so wie es ist,da kann man absolut nichts machen.

    Freue mich aber für Hellmut,daß er seine Leukämie so gut überstanden hat,und sich bis heute der Musik zuwendet!
    Und das meine ich wirklich sehr ernst,egal,ob man die Musike von „Kraan“ &Co. nun gut findet,oder auch nicht.

    In diesem Sinne.
    Bleibt gesund und munter!

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. In einem Kaufhaus in dem Kraan läuft würde ich gerne mal shoppen gehen. Läuft nur leider nie. “Echten” Hard Rock aus UK/USA (gibt’s eigentlich auch falschen?) kann man auch prima im Mainstream-Dudelfunk beim Abspülen hören.

      Auf diesen Kommentar antworten

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