Stratocaster-Statement

The Blue Poets: Marcus Deml mit neuer Band

Krisen, Clinch und Katastrophen: das neue Album von Marcus Nepomuc Deml, alias Errorhead, stand unter keinem guten Stern. Vielleicht ist es gerade deshalb eines seiner besten geworden.

FOTO: CMM

Große Emotionen schaffen große Kunst. So verhält es sich auch bei The Blue Poets, dem neuen Projekt des Wahlhamburgers Marcus Deml. Der Tod seines Vaters, dem das Album gewidmet ist, ließ Deml innehalten und in sich hinein hören. Das Resultat war nach drei Wochen fertig: ein nostalgisches Blues-Rock-Album, eine Rückkehr zu seinen musikalischen Wurzeln Jimi Hendrix, B.B. King, Deep Purple – eben zu seinen alten Jugendhelden. Mit neuen Sidemen – Bassist Markus Setzer, Schlagzeuger Felix Dehmel und dem australischen Sänger Gordon Grey – machte sich Deml auf zu einem Abenteuer, das in jeder Hinsicht die Neujustierung fast aller Parameter verlangte.

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Marcus, zum letzten Album hatte dir ein Freund eine ‘63er Dakota-Red-Strat geschenkt. Wie macht sie sich?

Sie ist super, mit ihr habe ich jetzt drei „heilige Strats“: Die schwarze ‘57er Vintage- Reissue, die ich mal in Hollywood eingetauscht habe, dann meine ‘63er Olympic White und nun die Dakota Red aus dem selben Jahr, die ganz anders klingt, als meine weiße. Wobei ich sagen muss, dass ich bei den Blue Poets nur die Oly White gespielt habe. Sie hat etwas ganz Eigenes: Sie bleibt nicht in Stimmung, lässt sich schwer spielen, sie brummt und ist teilweise mit Tipp-Ex refinished worden. Aber sie hat diese gewisse Magie! (lacht)

Du hast ja alternativ auch noch neue Instrumente zur Verfügung.

Stimmt, ich habe das Glück eines Fender-Endorsements und hab einige hervorragende neue Strats bekommen. Eine dieser Neuen kommt tatsächlich nahe an die rote ‘63er ran. Denn meine alten Gitarren spiele ich zu Hause nie. Gerade die Weiße! Mit der muss ich kämpfen und ich bin nicht immer im Kampfmodus, wenn ich zu Hause bin. Außerdem habe ich sie in den zehn Jahren die ich sie besitze schon dreimal neu bundieren lassen. Ich hab‘ Angst, dass irgendwann das Griffbrett weg ist. Ich will diese Gitarre noch spielen, bis ich in die Kiste hüpfe.

Als wir uns das letzte Mal trafen und ich dich fragte wie es dir gehe, meinest du: „zwischen Wahnsinn und Euphorie“. Wie geht’s dir heute?

Ich habe die zwei schwierigsten Jahre meines Lebens hinter mir. Es hat sich alles in meinem Leben verändert, und das ist der Soundtrack dazu. Es gab einige Tragödien, es sind liebe Menschen gestorben und ich hatte Rechtstreitigkeiten mit ehemaligen Geschäftspartnern. Das volle Programm, wie man es aus dem Rock-Lexikon kennt. Deswegen bin ich back to the roots gegangen. Diese Platte war meine Therapie. Es klingt pathetisch, aber wenn es einem beschissen geht, kann man auch Musik machen, anstatt sich eine Flasche Rotwein in den Kopf zu kippen.

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Zurück zu den Wurzeln – das gilt auch für deinen Produktionsansatz: „Keine Tricks, keine Korrekturen, keine Computer!“ Klare Ansage!

Es sollte diesmal keine Bastelplatte werden. Wenn man ein eigenes Studio zu Hause hat, läuft man halt immer Gefahr, sich zu verrennen. Bei meinem Album ‚Evolution‘ standen am Ende 2.500 Arbeitsstunden auf der Uhr! Das lief dann schon mal so, dass mir Gitarrensolo Nummer 74 wieder nicht gefiel. Ich spiele zwar nie mehr als drei Takes, aber das kann ich ja drei Wochen lang jeden Tag so machen … eben diese Eric- Johnson-Krankheit, bis du das Solo völlig getötet hast! (lacht) Deshalb haben wir diesmal auch nicht bei mir aufgenommen, sondern im Proberaum. Wir haben Mikros aufgestellt, mit Kai Fricke einen guten Toningenieur engagiert und Live- Musik gemacht.


Discografie

Errorhead (1998)

Error Rhythm (2004)

Modern Hippies (2008)

Live (DVD) 2010

Organic Pill (2012)

Evolution (2014)

The Blue Poets (2016)


Die Rückbesinnung zur Schlichtheit betrifft auch die Sounds des Albums.

Das Album war eine Restriktion für mich: Eine Gitarre, ein Amp und als einzigen Bodentreter ein Univibe-Style-Effekt von Love Pedal (das Pickle Vibe). Ansonsten gab‘s nüscht! (lacht) Ich wollte ein Stratocaster- Statement, das war mir wichtig. Und ich wollte auf diesem Album mit einer Gitarre verwachsen wie Rory Gallagher, dessen Gitarre die Verlängerung seiner Identität war. Ich wollte die Beschränkung, um mich auf die Performance zu konzentrieren.

Und Amps? Spielst du noch den Tube Thomsen 50 Watt Errorhead und den Nepomuc?

Das war alles der Errorhead-Amp, der mit der Seriennummer 001. Niels Thomsen hatte vor seinem Tod noch zwei weitere Verstärker in Arbeit, die leider nie fertig geworden sind. Den Amp habe ich über eine Thomsen-4×12-Box gespielt, und zwar mit Lautsprechern die fast jeder hasst, nämlich Celestion Neodymiums. Aber für mich klingen die sensationell mit meiner weißen Strat und einem Kloppmann SSS Blue Poet Pickup-Set, das ihr, glaube ich, parallel in dieser G&B-Ausgabe verlost. (Siehe das Give Away in dieser Ausgabe!)

Bei Songs wie ‚Alien Angel‘ oder ‚It’s About Time‘ hast du diesmal nicht so heiße High- Gain-Sounds am Start.

Ich bin ja adaptionsfähig! Bis auf zwei Clean-Sounds ist das alles der High- Gain-Kanal, volle Bratze auf und dann an der Gitarre zurückgedreht. Ganz old school. Es gab keine Umschaltereien, obwohl der Amp ein Dreikanaler ist. Im Grunde ist es das gleiche Setup wie bei Errorhead: gleiche Gitarre, gleicher Amp, gleicher Typ! (lacht) Und doch wirkt es hier ganz anders. Ich habe schließlich auch gefährliches Halbwissen als Tontechniker. Was die anderen Musiker spielen und wie sie klingen, ist mitentscheidend für den Gitarren-Sound. Wir hatten im Vergleich zu Errorhead hier wesentlich weniger Aufnahmespuren zur Verfügung, gerade mal 16, inklusive Schlagzeug. Da ist nicht viel los. Dieser Raum dazwischen und der Schlagzeug-Sound sind entscheidend, wie deine Gitarre wirkt.

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Das musst du mal erklären …

Wir sind es heute gewohnt, dass ein Schlagzeug in einer Produktion nicht so klingt wie es tatsächlich in einem ganz normalen Raum klingt. Was ich auf Aufnahmen höre sind zumeist hoch komprimierte und undynamische Sounds mit extrem vielen Höhen. Das ganze Geheimnis ist, sich frequenzmäßig aus dem Weg zu gehen – und jedes Instrument hat sein Frequenzfenster. Aber so wie Schlagzeug heutzutage gemischt wird, pupsen die Drums uns Gitarristen massiv in die Frequenzen! (lacht) Wenn jetzt jemand ankommt und von alten Van-Halen- oder Stevie-Ray-Vaughan-Scheiben schwärmt, kann ich nur sagen: Dann hör dir mal den Schlagzeug-Sound dazu an! Dann weißt du, warum die Gitarre so groß klingt! Darauf haben wir diesmal sehr geachtet. Der Produktionsansatz war: Gesang und Gitarre sind vorne, die Rhythmus-Sektion hat eher die traditionelle Rolle, damit der Song klingt. Das ist ein großer Unterschied, auch zur letzten Errorhead- Scheibe.

Mit was für Mikrofonen hast du die Thomsen-Box abgenommen?

Ich hab‘ zum ersten Mal kein Shure SM57 benutzt, sondern von meinem Nachbarn Peter Weihe ein TUL-G12 bekommen, ein handgebautes Mikro einer kleinen Firma aus Südafrika. Das geniale ist, dass dieses Teil das gesamte Frequenzspektrum abbildet. Normalerweise nehme ich ein SM57 und dazu noch ein Royer 121 Bändchenmikrofon für die Bässe. Das TUL dagegen knallst du direkt fünf Zentimeter vor die Kalotte, was eigentlich absurd ist. Aber es klingt tierisch! Auf der Aufnahme klingt es wie mein Amp im Raum.

FOTO: CMM

Und der restliche Signalfluss?

Diesmal kamen keine Plug-Ins, sondern höchstens ein EMS-Reverb, ein Lexicon- Delay oder ein Neve-EQ zum Einsatz. Und am Ende wurde auf Tonband aufgenommen, deswegen rauscht die Platte auch so schön. Auch das ist ein Sound! Instrumentenkabel sind auch wichtig, da werde ich von Klotz supportet. Und wenn wir schon dabei sind: die neuen D’ Addario-N.Y.XL-Saiten sind unfassbar gut – sie haben irgendwie mehr Spannung. Und für mich als Strat-Spieler unfassbar: ich musste die frischen Saiten überhaupt nicht stretchen, die Gitarre blieb total in Stimmung! Ich habe eine Menge Saiten gespielt – aber hier ist wirklich ein deutlicher Unterschied. Man hört es!

Was für einen Satz spielst du? 010er?

Nein, ich bin ein Mädchen, ich spiele 009- 046! (lacht) Aber das fühlt sich bei meiner Strat in etwa so an wie bei einer neuen Strat 011-052! Dafür habe ich keine Mädchensaitenlage! (lacht) Es darf halt nichts schnarren. Ich finde die Saitenlage für den Ton entscheidender, als die Saitenstärke.

Inwiefern hat dieses neue Album dich künstlerisch weitergebracht?

Was diesmal wichtig war: Ich habe nichts erzwungen. Ich habe einfach nur gespielt, ganz unambitioniert. Ich wollte niemanden beeindrucken, musste nichts beweisen und reduzierte mich auf meine Stärken die da heißen: Melodie, Ton und Saitenziehen. Auch schon mal bis zur Quarte. (lacht) Daher die dünnen Saiten!

Vielen Dank fürs Gespräch!

 

www.thebluepoets.com

www.errorhead.com

3 Kommentare zu “The Blue Poets: Marcus Deml mit neuer Band”
  1. Claudio

    Ich war neugierig auf die Band, gerade weil die Zusammenarbeit mit Markus Setzer ausdrücklich beworben wurde. Und dann: Gig in der Music-Hall ohne Setzer, ohne Info etc. Der Ersatz war gut, ok. Aber wenn ich wegen Setzer hingehe, zahle, und einen Ersatz bekomme, finde ich es mehr als ärgerlich. Und die Erklärung zeugte von unfairem und unprofessionellem Verhalten. Schade.

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  2. grabowski nacker

    marcus deml.ein musiker der auf dem teppich geblieben ist.sowas wünscht man sich öfters.bleib so wie du bist.so lebt man den blues.

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  3. grabowski nacker

    marcus deml.super mensch und musiker. freue mich auf seine neue band in Rheine.

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