Während Superstar Steve Vai derzeit mit seinem nicht minder berühmten Kollegen Joe Satriani unter dem Logo „Satchvai” durch Amerika tourt, fiebern seine deutschen Fans auf die ersten Konzerte seines aktuellen Nebenprojekts Beat mit der Musik der Progrock-Legende King Crimson im Juni 2026 hin. Gespielt werden die drei Kultscheiben der Achtziger, namentlich ‚Discipline’ (1981), ‚Beat’ (1982) und ‚Three Of A Perfect Pair’ (1984). Zur Beat-Besetzung gehören neben Vai und Tool-Schlagzeuger Danny Carey die jahrelangen King Crimson-Mitglieder Adrian Belew (Gitarre, Gesang) und Tony Levin (Bass).
Auf welche Weise dieses spektakuläre Line-Up zustande gekommen ist und wie sich Vai auf die überaus komplexe Musik der Gruppe vorbereitet hat, erzählt der 65-jährige Ausnahmegitarrist in einem langen Gespräch. Übrigens: Ein aktuelles Live-Album zur bevorstehenden Beat-Tour gibt es auch bereits, es nennt sich ‚Neon Heat Disease – Live In Los Angeles’.
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Steve, wie war dein Verhältnis zur Musik von King Crimson, bevor ihr Beat gegründet habt?
Ich bin schon in sehr jungen Jahren mit Rockmusik aufgewachsen. Meine Geschwister brachten alle möglichen Platten mit nach Hause, vor allem mein älterer Bruder. Ich habe Sly And The Family Stone, Creedence Clearwater Revival und Elton John gehört, mit zehn oder elf zeigte mir meine Schwester dann Led Zeppelin und Alice Cooper.
In unserer Straße, nur drei Häuser von der Wohnung meiner Familie entfernt, wohnte ein Typ namens John Sergio, der die exotischste Plattensammlung besaß, die man sich damals vorstellen konnte, mit Queen, Jethro Tull, Emerson, Lake and Palmer und all den hochinformativen Bands. Die Musik war sehr progressiv und übte auf mich eine unglaublich große Faszination aus.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, bislang in einem Winterschlaf gewesen zu sein, aus dem ich nun von einem Musikstil geweckt wurde, von dem ich vorher nicht einmal wusste, dass er existiert. Eines Tages spielte John mir das Album ‚In The Court Of The Crimson King’ von King Crimson vor. Ich war wie elektrisiert, da hier alles anders als bei sonstigen Platten klang, vor allem dank Robert Fripp. Soweit ich es damals beurteilen konnte, war er die geistige Kraft hinter diesem Werk. Seine Herangehensweise, seine Fingertechnik und sein Sound unterschieden sich völlig von sämtlichen Gitarristen, die ich bislang gehört hatte, also Brian May, Jimi Hendrix oder Steve Howe, und auch von Fusion-Spielern wie Al Di Meola oder John McLaughlin. Robert Fripp war sein eigener Planet, ein Universum für sich allein. Ich war restlos begeistert!
Wie lange hielt die Begeisterung seinerzeit an?
Ich liebte diese Musik und folgte Fripp für einige Platten, dann änderte sich mein Geschmack und mein Interesse galt fortan eher dem kompositorischen Rock, so wie ihn Frank Zappa damals spielte, diese Art hochinformative Musik in Verbindung mit Rock’n’Roll.
Als in den Achtzigern die besagten drei King-Crimson-Alben veröffentlicht wurden, war das für mich der absolute Gamechanger, die Scheiben waren ein völlig neuer Ansatz, denn sie hatten diese unglaubliche Robert-Fripp-Gehirnleistung in Verbindung mit Adrian Belews absoluter Brillanz. Die ineinandergreifenden komplexen Gitarrenparts, der Soundteppich und die enorme Experimentierfreude waren die perfekte Kombination zweier großartiger Künstler. Ich vermute, dass Fripp so etwas mit keinem anderen Gitarristen hätte machen können.
Auf allen drei Alben findet man wunderschöne, kaskadierende Gitarrenparts und – on top of it – die unnachahmliche Art, in der Tony Levin seine Basslinien orchestrierte. Als ich vor einigen Jahren anfing, meine Parts für Beat zu lernen, hörte ich Tony spielen, dachte aber, es sei eine Gitarre. Tony ist ein verrückter Typ, er spielt Bass, tippt gleichzeitig auf seinen Chapman Stick, er wechselt von einer Taktart und einer hochkomplexen Polymetrik zu nächsten. Und dann gab es da natürlich auch noch Bill Bruford, der seinen Feenstaub drüberstreute.
Besonders ungewöhnlich für damalige Zeiten waren auch die Sounds!
Robert und Adrian waren die Ersten, die auf sinnvolle Weise mit Gitarrensynthesizern experimentierten. Sie nahmen die ersten verfügbaren Gitarrensynthesizer und pressten sie so lange aus, bis deren Potenzial ausgereizt war und die Dinger um Gnade bettelten. Diese drei King-Crimson-Platten mit ihren zwei Gitarren und den Gitarrensynthesizern erschufen ganze Wolken atmosphärischer Klänge, einfach großartig!
Die handbemalte Ibanez Ivya (Bild: Steve Vai)
Nicht zu vergessen Adrians Gesang, eine Stimme zum Sterben zu schön, ebenso wie seine interessanten Texte. Ich könnte so etwas nicht einmal dann kreieren, wenn man mir eine Waffe an die Schläfe hielte. Das alles zusammen hätte völlig überkandidelt klingen können, tat es aber nicht. Für mich sind die drei Platten der perfekte Sturm. Der Song ‚Elephant Talk’ lief sogar im Radio, eine einzige musikalische Freakshow. Alle drei Alben wurden für mich zu Tattoos. Ich weiß, dass nicht jeder Mensch einen Draht zu dieser Musik hat, aber Prog-Fans verstehen und lieben sie.
Und plötzlich eröffnete sich für dich die Chance, die drei Scheiben mit Adrian Belew und Tony Levin sogar selbst zu spielen! Welche Erwartungen hat Belew an dich als Robert-Fripp-Nachfolger geäußert?
Als ich erfuhr, dass Adrian versucht mich zu erreichen, ahnte ich, dass er etwas gemeinsam mit mir machen möchte. Ich dachte: Steve Vai und Adrian Belew, das könnte echt cool werden, weil Adrians musikalischer Kosmos und sein Gitarrenuniversum völlig anders sind als meine Welt. Als er dann tatsächlich anrief, erzählte er, dass Fripp und Bruford darüber unterrichtet habe, die drei King-Crimson-Alben der Achtziger auf die Bühne bringen zu wollen, die beiden aus terminlichen Gründen aber nicht zur Verfügung stünden.
Adrian erläuterte mir seine Wunschbesetzung mit Tony Levin, Danny Carey und mir. Mein erster Gedanke war: Und was hält Robert Fripp davon? Adrian versicherte mir, dass Robert nicht nur seinen Segen gegeben, sondern mich sogar explizit vorgeschlagen habe. Also erklärte ich ihm: „Ja, ich würde es gerne machen, aber ich muss mir sicher sein, dass ich es auch tatsächlich spielen kann.”
Ich hasse es, wenn jemand versucht, irgendwelche Songs originalgetreu zu spielen, es aber nicht kann. In solchen Fällen wäre es besser, das betreffende Material in seiner eigenen Sprache neu zu erfinden. Meine Aufgabe in dieser Band ist aber nun einmal in erster Linie, Robert Fripps phänomenale Leistung zu ehren. Für mich war es daher wichtig, jede einzelne Note zu respektieren, was natürlich ein schwieriges Unterfangen ist, da es sich immerhin um Robert Fripp handelt.
Ich meine: Ich bin jetzt 65. Robert Fripp aber war Anfang der Achtziger, als die besagten drei Alben entstanden, gerade erst 35 und am Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Also musste ich die Songs erst einmal genau analysieren und konnte erst dann Adrian zusagen. Außerdem hatte ich vorher noch mein Soloalbum fertigzustellen und eine bereits fest gebuchte Tournee zu absolvieren. Insofern musste Adrian lange auf mich warten, was ich bemerkenswert fand, denn es zeigt seine Entschlossenheit, Beat auf eine ganz bestimmte Weise zu machen.
Den Rest des Gesprächs gibt’s auf Seite 2…
Prog-Supergroup Beat: Tony Levin, Steve Vai, Adrian Belew und Danny Carey. (Bild: Alison Dyer)
Wie hast du dich auf die ersten Proben mit Beat vorbereitet?
King Crimson hat eine loyale, intensive, manchmal sogar fanatische Fangemeinde mit überwiegend sehr musikalischen Menschen, die sich gerne von gehirnstimulierenden Songs unterhalten lassen. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich einer von ihnen bin. Es gibt eine Gruppe von Musikern, zu denen Trey Gunn und ein paar weitere gehören, die eine forensisch genaue Untersuchung der drei King-Crimson-Alben vorgenommen und eine Transkription der Songs angefertigt haben, eine wirklich außergewöhnliche Arbeit.
Umso erstaunlicher, da Adrian Belew und Robert Fripp damals dieselben Verstärker eingesetzt haben, womit ineinandergreifende Dinge kaum voneinander zu unterscheiden sind. Aber: Hier zählt jede einzelne Note, und es gibt zehntausende von ihnen! Wenn man einen Ton weglässt oder ihn schneller oder langsamer spielt, entgleist der Zug, geht das Ganze den Bach runter. Also habe ich mir die Transkription besorgt und anhand dieser geübt. Mitunter war es ziemlich knifflig, weil es nicht meinem eigenen Stil entsprach, daher kommt in solchen Momenten das Steve-Vai-Element ins Spiel.
Jeder Musiker, der die Parts eines anderen spielt, hat keine andere Wahl, als er selbst zu sein. Man kann zwar dieselben Noten spielen, dieselben Stimmen lernen, dieselben Verstärker und Gitarren verwenden, trotzdem klingt es anders, vor allem für diejenigen, die sich mit dem Material gut auskennen. Als Außenstehender denkt man vielleicht: Okay, Steve Vai macht jetzt also einen auf Robert Fripp!
Wie hast du diesen Gewissensentscheid gelöst?
Ich habe Robert per E-Mail kontaktiert und mit ihm Informationen ausgetauscht. Er war unglaublich hilfsbereit, hat oft Videos geschickt und mir gezeigt, wie er bestimmte Sachen gespielt hat. Aber jedes Mal sagte er: „Na ja, ich habe es zwar so gemacht, aber mach du es nicht so, sondern sei einfach Steve Vai. Denn wenn ich auf ein Beat-Konzert komme, dann möchte ich Steve Vai gerne so sehen, wie er wirklich ist.”
Vai mit Ex-Crimson-Gitarrist Adrian Belew. (Bild: Dan Ermey)
Also habe ich entschieden, es tatsächlich auf meine Art zu spielen, auch wenn man mich dafür anschließend den Hintern vorshält. Als es um die Parts für die Gitarrensynthesizer ging, habe ich mir die entsprechend neuesten Instrumente gekauft, weil die Dinger aus den Achtzigern schwer zu bedienen sind und ständig kaputtgehen. Ich werde also versuchen, Roberts Parts so gut es geht zu ehren, dass niemand sagen kann, dass ich auf der Bühne Robert Fripp sabotiere.
Aber es gibt einige Dinge, die ich spieltechnisch umgestalten musste, ohne jedoch die Noten zu ändern. Wie etwa in ‚Three Of A Perfect Pair’ oder im schnellen Picking-Teil von ‚Frame By Frame’, eine Art Cross-Picking, das ich aufgrund meiner Schulter- und Handoperationen nicht so wie Robert spielen kann. Ich habe es versucht, war aber nicht zufrieden, also dachte ich kurzzeitig: Ich spiel den Teil einfach in die Luft … du weißt, was ich meine: Mit einem total abgefahrenen Tapping. Ich war mir aber nicht sicher, ob die Fans es akzeptieren würden. Daher war ein Doublepicking das Nächstliegende.
Nach der ersten oder zweiten Show schrieb mir Robert, der sich Clips davon auf YouTube angeschaut hatte: „Mir gefällt sehr, wie du das spielst, aber darf ich dir für ‚Frame By Frame’ einen Vorschlag machen? Weshalb spielst du es nicht einfach als Hammering? Vergiss den Originalpart!” Ich antwortete ihm: „Ich würde es aber gerne genauso wie im Original spielen!” Er entgegnete: „Tu es nicht, mach das, was du kennst, sei einfach Steve Vai!” Von diesem Abend an habe ich auch das Solo in ‚The Sheltering Sky’ so gespielt, wie es sich für mich ganz natürlich anfühlt.
Unterscheidet sich dein Equipment bei Beat signifikant vom Gear deiner Soloshows?
Ich musste alles neu zusammenstellen. Mein Gitarrentechniker Doug MacArthur hat ein komplett neues Rack für mich gebaut, da die Musik von Beat völlig anders funktioniert als die Satchvai-Musik oder alles, was ich als Solokünstler mache. Meine Hauptgitarre ist die von mir handbemalte Ibanez Ivya, die mit einem Synth-Tonabnehmer ausgestattet ist. Normalerweise brauche ich keine speziell gebaute Gitarre, es sei denn, es ist eine JEM oder eine PIA für andere Sachen.
Die Ivya geht in einen Lehle-Splitter und dann zur Hälfte in einen Roland Jazz Chorus, also in den gleichen Verstärker, den die Jungs auch damals benutzt haben. Die andere Hälfte geht in mein normales Synergy-Vai-Signature-Modul, von dort aus in eine Fryette-LX-II-Endstufe und dann in ein Fractal Axe FX III Turbo. Zusätzlich gibt es zwei Roland-Synthesizer, einen JD-800 und einen SH-1000 mit unterschiedlichen Funktionen. Der SH-1000 ist wie ein regulärer Synthesizer, der JD-800 eher wie ein Sampler. Beide haben vier verschiedene Bänke mit unterschiedlichen Presets, die man individuell zusammenstellen kann.
Mann, ich hatte jede Menge Spaß, als ich monatelang diese wunderbaren Sounds zusammengebaut habe! Hör dir mal ‚Industry’ an, der absolute Mördersound! Das Problem ist nur, dass bei Beat jeder Song mindestens vier bis 16 Presets hat, also Refrain, B-Part, Strophe, Solo, und dann wieder von vorne. Es geht also nicht nur darum, lediglich den Kanal zu wechseln, bei Beat muss ich mehrere Dinge gleichzeitig umschalten, die Synthesizer, die Gitarren, die Verstärker, die Effekte.
Zum Glück habe ich eine Geheimwaffe namens Doug MacArthur, ich nenne ihn den General, er übernimmt alle Programmänderungen. Es ist wirklich spannend ihm dabei zuzusehen, wie er am Bühnenrand alle Programmwechsel exakt im richtigen Timing erledigt. Weißt du: Ich mache beim Spielen Fehler, Doug macht sie nicht! Alles verändert sich, vom Intro zur Strophe zur Bridge zum Refrain zum Solo und zurück, und dann alles wieder von vorne und zurück, mitunter 50- bis 100-mal in einem einzigen Song. Und da es so chaotisch ist, aber nahtlos klingen und immer die richtigen Level haben muss, passen wir während der gesamten Tour die Patch-Level jeden Tag beim Soundcheck neu an.
Jetzt ist es für mich ein Kinderspiel, da ich mich nur um den kleinsten Part kümmern muss: Ich aktiviere lediglich die Verzerrung und trete auf mein Dunlop Cry Baby, alles andere erledigt Doug.