(Bild: Mark Seliger)
Laut Lucinda Williams ist 2026 das Jahr, in dem es die amerikanische Demokratie vor dem Exitus zu bewahren – und Donald Trump endgültig loszuwerden gilt. Eine Botschaft, an die sich aktuell kaum ein Künstler wagt, geschweige denn sie zur Kernaussage eines kompletten Albums macht. Lucinda tut es – weil sie sich dazu berufen fühlt und keine Angst vor Repressionen hat. Eine mutige Art des Denkens, die hoffentlich Schule macht.
Am 26. Januar ist die Grande Dame des Americana stolze 73 Jahre alt geworden – was man ihr aber nicht anhört: Auf ihrem 16. Studio-Album ‚World’s Gone Wrong’ klingt Lucinda vielmehr wütender und bissiger, denn je. Aus gutem Grund: Sie hat genug vom aktuellen US-Präsidenten, aber auch von der Unentschlossenheit ihrer Landsleute. Als Kind der Sechziger hat sie an Protesten und Märschen gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechtsbewegung teilgenommen. Davon schwärmt sie bis heute – und genau das vermisst sie: Dass ihre „fellow Americans” zusammenhalten und für das kämpfen, was ihnen wichtig sein sollte: Ihre Freiheit, ihre Rechte und alles andere, was gerade in akuter Gefahr ist.
‚World’s Gone Wrong’ ist das bislang rockigste Album ihrer gesamten Karriere: Es wartet mit neun Eigenkompositionen und einem Cover von Bob Marleys ‚So Much Trouble In The World’ auf – eingespielt mit Gästen wie Norah Jones, Ex-Black-Crowes-Gitarrist Marc Ford und Gospel-Institution Mavis Staples. Gitarre&Bass hat sie eine rare Audienz gewährt.
Lucinda, in deinen Worten: Worum geht es dir mit diesem Album?
Ich versuche, das einzufangen und zu kommentieren, was aktuell in den USA passiert – an jedem verfluchten Tag. Es ist das pure Chaos und das Verrückte ist allgegenwärtig. Man kann dem gar nicht entfliehen, weil es keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gibt. Man wird überall mit Sachen konfrontiert, die einen anfressen, weil sie so haarsträubend dumm sind.
Wie gehst du damit um bzw. wie handhabst du das?
Ich schreibe Songs darüber – für mich ist das der einzige Weg, um damit klarzukommen. Deshalb ist das Album, was es ist.
Also pure Selbsttherapie?
Ganz genau. Es ist offensichtlich, dass wir nichts, aber auch wirklich gar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Wir machen immer wieder dieselben Fehler – und die Folgen werden jedes Mal schlimmer. Was mich persönlich am meisten frustriert, ist die Tatsache, dass sich immer noch so viele Leute hinstellen und sagen: „Ach, so übel ist das doch alles gar nicht.” Doch das ist es! Und es wird auch nicht besser – versteht das endlich! Und deshalb versuche ich, die Leute aufzuwecken und ihr Bewusstsein zu schärfen.
Ich will, dass sie wütend werden statt einfach nur lethargisch zu sein. Ich will, dass sie Stellung beziehen. Denn: Wir brauchen wieder so etwas, wie eine organisierte Bewegung – so, wie wir sie schon einmal in den 60ern und 70ern hatten.
Dann bist du so etwas wie ein musikalischer Brandbeschleuniger in Sachen Protest und Widerstand?
Ja, ich bemühe mich, als Songschreiberin zurückzuschlagen. Und ich habe das Gefühl, dass das meine Aufgabe und Pflicht als Künstlerin ist – dass alle, die in meiner Branche tätig sind, ihre Position und ihren Einfluss nutzen müssen, um zum Ausdruck zu bringen, was wichtig ist – wofür es sich zu kämpfen lohnt. Gerade Musiker müssen da mit gutem Beispiel vorangehen.
Du folgst also der Schule von Tom Petty, Bob Dylan und Bruce Springsteen?
Ja! Einfach, weil mir das wichtig ist. Und ich bin ganz ehrlich: Stücke wie ‚We’ve Come Too Far To Turn Around’ sind im Grunde nichts anderes als mein Versuch, die Leute mit derselben Botschaft zu konfrontieren, wie es der Klassiker ‚We Shall Overcome’ getan hat. In den 1960ern war das der Song, der alle zusammengebracht hat. Im Sinne von: Jeder kannte ihn und jeder hat ihn lautstark mitgesungen. Er hat ein ganz besonderes Gefühl transportiert – er hat uns stark gemacht und uns vereint. So etwas hat es leider nie wieder gegeben – was ich vermisse.
Also habe ich versucht, es noch einmal zu beschwören. Obwohl du frustriert und wütend bist, gibt es doch nichts besseres, als die Verbundenheit zu Menschen zu spüren, die genauso denken, wie du. Also zu merken, dass du nicht alleine bist. Das ist extrem wichtig.
Und warum fällt das Album musikalisch so rockig aus? Haben die harschen, direkten Texte gar nichts anderes zugelassen?
Richtig. Das hat einfach besser dazu gepasst. Und das Lustige ist, dass ich sie mit meinem Mann Tom geschrieben habe – was das allererste Mal gewesen sein dürfte, dass ich in einer solchen Situation war. Bislang habe ich immer alles alleine gemacht, und fand es auch sehr wichtig, da eine klare Trennung zu vollziehen. Doch in diesem Fall ist es einfach passiert.
Ich erinnere mich noch sehr gut, wie er mir irgendwann, als ich gerade an einem Song gebastelt habe, einen Zettel mit ein paar Texten überreichte und dann ein paar begleitende Melodien vorsummte. Zuerst dachte ich: „Oh Mist, was wenn mir das nicht gefällt?” Denn er ist schließlich mein Ehemann und wir arbeiten eng zusammen – er ist auch mein Co-Producer und Manager. Doch als ich mir das genauer angeschaut habe, dachte ich: „Na, das ist ja gar nicht so schlecht.” (lacht) Also habe ich die Texte und die Melodien weiter bearbeitet und bin so zu Songs gekommen, die ich sogar richtig gut finde. Das zeigt: Er kennt mich doch ziemlich gut. (lacht)
Wobei alle Stücke auch einen starken Groove aufweisen – wie kommt’s?
Das dient einzig dem Zweck, sie ein bisschen interessanter zu gestalten und ihnen etwas Positiveres zu verleihen, Denn das ist wichtig, gerade wenn die Texte ein bisschen düsterer sind. Dann sollte die Musik etwas Positives, Lebensbejahendes haben, um da eine emotionale Balance zu erzielen. Und das erinnert mich an ein Zitat von Emma Goldman: „Wenn ich da nicht tanzen kann, will ich nicht Teil deiner Revolution sein.” Denn sich dazu bewegen zu können, macht einen Song einfach lustiger. Und darin waren zum Beispiel die Talking Heads immer sehr gut: „This ain’t no party, this ain’t no disco, this ain’t no fooling around.” Eine Menge Rock-Musiker sind diesem Ansatz gefolgt – und das war nicht zu ihrem Nachteil.
Wie kommt es, dass du diesmal nur bei einem einzigen Song Gitarre spielst – beim finalen Duett mit Norah Jones?
(Bild: Danny Clinch)
Weil mir das immer noch sehr schwerfällt. Also, ich kann zwar wieder Akkorde greifen – das kriege ich inzwischen hin –, aber nicht sonderlich gut vom einen zum anderen wechseln, weil das immer noch wehtut. Insofern verlege ich mich aktuell eher aufs Singen, und nichts anderes. Aber ich vermag weiterhin, Songs zu schreiben. Einfach, weil ich es ganz langsam und ruhig angehen lassen kann und es nicht schlimm ist, wenn ich einen Wechsel nicht sofort hinkriege. Ich entwickle Melodien einfach im Kopf und schreibe sie dann auf.
Also kämpfst du immer noch mit den Folgen deines Schlaganfalls?
Ja, aus dem einfachen Grund, weil es sehr lange dauert, sich davon zu erholen. Insofern würde ich das wirklich niemandem wünschen – nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Aber ich bin schon sehr weit gekommen, was meine Wiederherstellung betrifft. Ich habe so schnell mit der Physiotherapie angefangen, wie eben möglich. Und obwohl ich immer noch nicht richtig Gitarre spielen kann, kriege ich fast alles andere hin – und ich bin geistig fit. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich nicht lange pausiert, sondern so schnell wie möglich wieder gearbeitet habe. Darauf bin ich sehr stolz.
Wenn du zur Gitarre greifst, was verwendest du dann?
Wenn ich zuhause oder im Studio bin, dann meine Martin D-28. Ich habe sie seit 1979 und schreibe all meine Stücke darauf. Einfach, weil sie so toll klingt und ich auch nichts anderes brauche. Ich bin eine Singer/Songwriterin und sie ist das perfekte Werkzeug für mich. Ich fühle mich damit sehr wohl und sie inspiriert mich. Das ist das Wichtigste – alles, worauf es ankommt.
Mit auf Tour nehme ich sie allerdings nicht, dafür ist sie zu wertvoll und auch zu anfällig. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ihr etwas zustoßen würde. Also verwende ich eine neuere Gibson, wenn ich unterwegs bin – eine J-45.
Spielst du eigentlich nur noch akustisch oder greifst du auch noch – wie du es lange getan hast – zur Elektrischen?
Momentan ist es nur noch die Akustische, weil das für meine Zwecke reicht, und ich ohnehin stark eingeschränkt bin. Deshalb sind die Telecaster, die ich lange benutzt habe, erst einmal außen vor. Was nicht heißt, dass ich nicht irgendwann wieder darauf zurückgreifen werde, aber ich habe ja jetzt einen neuen, zweiten Gitarristen in der Band, der meine Parts übernimmt.
Damit meinst du keinen geringeren als Marc Ford, Ex-Gitarrist der Black Crowes?
Ganz genau. Und er ist einfach nur toll. Er hat dieses Blues-Ding, das in allem durchschimmert, was er spielt. Das ist immer auf subtile Weise präsent – er lässt das halt irgendwie einfließen.
Wie bist du zu ihm gekommen?
Ich habe ihn vor Jahren in Los Angeles kennengelernt, durch einen gemeinsamen Freund. Wir sind dann in Kontakt geblieben. Und als wir irgendwann in London waren, hat er im selben Hotel übernachtet und Tom – mein Mann – hat ihn zufällig an der Bar getroffen. Marc meinte zu ihm: „Ich würde Lucinda gerne produzieren.” Also fingen sie an, sich zu unterhalten. Es ist zwar nie etwas daraus geworden, aber als wir dann einen weiteren Gitarristen brauchten, war er der Erste, an den wir dachten.
Dann ist er jetzt festes Mitglied deiner Band?
Ja, er teilt sich die Arbeit mit meinem Langzeit-Gitarristen Doug Pettibone – und die beiden harmonieren wirklich gut. Sie wechseln sich bei Lead und Rhythmus ab, was prima funktioniert. Und das gibt Doug Gelegenheit, auch mal an die Pedal Steel oder die Harmonika zu wechseln. Gerade live ist das eine echte Bereicherung. Etwas, das einen sehr positiven Vibe hat. Und auch auf dem Album macht sich Marcs Sound sehr gut. Er hat etwas ungemein Druckvolles und Erdiges, wovon die Stücke definitiv profitieren. Ich halte ihn für einen wunderbaren Gitarristen.
Und: Sorgt er für das vielleicht rockigste Album deiner gesamten Karriere?
Es scheint so. Ich meine, ich weiß noch nicht, was als nächstes kommt, aber das hier gefällt mir sehr gut. Es ist etwas, das ich schon länger ausprobieren wollte, und es tut gut, Songs mit Biss zu schreiben. Das ist mir früher nicht so leicht gefallen, doch mittlerweile bekomme ich es deutlich besser hin. (kichert) Das Irre ist nur, dass das längst nicht allen gefällt – also die Tatsache, dass ich jetzt ein bisschen offener und direkter bin, was meine Meinung betrifft, sorgt auch dafür, dass Leute zu mir kommen und sagen: „Du solltest nicht ganz so politisch sein. Das will doch keiner hören. Künstler sollten eher auf der Bühne stehen, um zu unterhalten.” Solche Sachen.
Nach dem Motto: „Stell dich da hin, sing deinen Song, aber halte ansonsten die Klappe. Und vor allem: Sing ja keine Protestlieder. Die will doch keiner hören. Dadurch verlierst du nur deine Fans.” Da kann ich nur sagen: „Ok, sollen sie sich doch ins Knie ficken.” (lacht) Das ist meine Einstellung. Und die teile ich mit Leuten wie Neil Young oder Bruce Springsteen: Ich sage, was ich denke und lasse mir von niemandem den Mund verbieten.
Du spielst dieses Jahr nur ein Konzert in Deutschland – am 13. September in Berlin. Was erwartet uns da bzw. wie sieht dein aktuelles Set aus?
Im Mittelpunkt steht natürlich das neue Album, aber ich bringe auch gerne Auszüge aus den älteren. Und für gewöhnlich beenden wir das Set mit ‚Joy’ und fügen dann noch eine stürmische Fassung von ‚Rockin’ In the Free World’ hinzu, die immer sehr gut ankommt. Ich gehe dann an den Bühnenrand und versuche, jeden zum Mitsingen zu animieren – so dass das Publikum das Stück quasi alleine beendet. Aber mehr sollte ich besser nicht verraten, sonst ist die Überraschung weg. Und das wäre doch schade …
(erschienen in Gitarre & Bass 06/2026)