Meilenstein 1990

Rory Gallagher: Fresh Evidence

Meilenstein Rory Gallagher
(Bild: INTERCORD/CAPO RECORDS/COLM HENRY/PHIL SMEE/DAVE PEABODY)

Der irische Sänger, Gitarrist, Saxofon- und Harp-Spieler verfolgte mit seiner Band Taste und ab seinem Solo-Debüt ,Rory Gallagher‘ (1971) einen klaren Kurs. Blues, Rock, ein wenig Jazz und die musikalischen Wurzeln seiner Heimat vereinte er begleitet von Drums und Bass zu einer eigenen Mischung, die live noch einmal an Kraft gewann. Energisch bearbeitete Gallagher seine runtergerockte 61er-Fender-Stratocaster, jagte virtuos übers Griffbrett oder setzte gefühlvolle Akzente.

Schließlich avancierte der Mann aus dem historischen Ballyshannon, im Nordwesten der grünen Insel gelegen, zu einem der heute klassischen Guitar Heroes der 70er-Jahre. Dabei gab er sich mit langer Matte, kariertem Hemd und Jeans-Klamotten stets als erdverbundener Rocker. In dieser Zeit entstanden einige seiner größten Alben wie ,Tattoo‘ und ,Irish Tour‘. Auch zu Beginn der 90er-Jahre spielte Rory Gallagher auf ,Fresh Evidence‘ seinen dynamischen Bluesrock, der von vielen Zwischentönen lebte.

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,Kid Gloves‘ ging mit einem trockenen Rock-&-Roll-Riff, rollendem Klavier und Bläsern nach vorne. Mit Bendings und Bottleneck-Fills umspielte er seine raue Stimme. Eine ganz andere, melancholischere Stimmung bestimmt das getragene ,King Of Zydeco‘. Mit Akkordeon und cleanen Schrammelgitarren präsentierte Gallagher eine rockige Interpretation des traditionellen Musikstils aus dem Süden des US-Bundesstaates Lousiana. Das Stück ist Clifton Chenier gewidmet, einem der großen Zydeco-Musiker.

Gallagher besaß ein großes Interesse an den Ursprüngen der Rock-Musik, die er auf seine Art interpretierte. Auch die akustischen Interpretation des Blues-Klassikers ,Empire State Express‘ von Eddie „Son“ House unterstrich dies. Blaue Wurzeln fanden sich dann ebenso im hypnotischen ,Middle Name‘, in dem Harp-Player Mark Feltham im Wechsel mit der Gitarre eine dichte Atmosphäre erzeugte. Geradezu dramatisch klangen hier die für Gallagher so typischen Pinch Harmonics – Obertöne, die durch einen gleichzeitigen Anschlag der Saite mit dem Plektrum und der Daumenseite entstehen.

Die Zerre produzierte Gallagher meist mit der Kombination aus einem Vox-AC30-Top-Boost-Verstärker und einem Hawk-Treble-Booster. Befeuert von wesentlich heftigeren HiGain-Sounds gehörten Pinch Harmonics im Hard-‘n‘-Heavy-Lager der 80er-Jahre zum Standardrepertoire eines jeden Gitarristen. In den 90ern erhob Zakk Wylde in seiner Zeit bei Ozzy Osbourne die Pinch Harmonics zu seinem Markenzeichen schlechthin.

Meilenstein Rory Gallagher
(Bild: INTERCORD/CAPO RECORDS/COLM HENRY/PHIL SMEE/DAVE PEABODY)

Zurück zu erdigeren Sounds und Songs: Auch ,Ghost Blues‘ entwickelt sich nach opulentem Keyboard-Auftakt zu einer schnellen Blues-Nummer, die begleitet wird von einem knackigen Riff und Bottleneck-Einlagen auf der Acoustic. Und da ist schließlich das unglaublich packende, langsam dahinwalzende ,Heaven‘s Gate‘ mit einem scharfen Unisono-Lick von Gitarre und Bass. Letzteren spielte übrigens mal wieder Rorys langjähriger Kollege Gerry McAvoy. Der scharfe mittige und harsch verzerrte Solo-Sound springt den Hörer geradezu an.

Auch ,Walkin‘ Wounded‘ ist so ein hypnotischer wie gemächlicher Song, in dem Gallagher noch mal ein ganz starkes Riff raushaut. In den düsteren wie kraftvollen Texten beschwört Gallagher einen trotzigen Kampfgeist in schwierigen Zeiten. Mit dem lässig rockenden ,Slumming Angel‘, das viele 70er-Vibes verströmt, endet das Album. Endet? Kommt drauf an welche Version man besitzt, denn später erschien ,Fresh Evidence‘ noch einmal remastert mit anderem Cover und den Bonustracks ,Never Asked You For Nothing‘ und ,Bowed Not Broke‘.

,Fresh Evidence‘ war das erste Album, das Gallagher auf seinem eigenen Label Capo Records veröffentlichte. Und es sollte sein letztes reguläres Album zu Lebzeiten sein. Am 14. Juni 1995 starb Rory Gallagher in London an den Komplikationen infolge einer Lebertransplantation. Mit seiner Leidenschaft, der lebendigen Spielweise und seinem eigenständigen Sound hat er auch zahlreiche Kollegen beeindruckt und beeinflusst, darunter etwa Brian May, Slash, Johnny Marr und The Edge.

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(erschienen in Gitarre & Bass 03/2018)

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