Gegenentwurf zum High-Gain-Wettrüsten

Prog auf der Akustikgitarre: A Kew’s Tag im Interview

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(Bild: Kyas Photography)

Während sich Prog in den letzten 20 Jahren in immer härtere Gefilde entwickelt hat, liefern A Kew’s Tag den organischen Gegenentwurf zum High-Gain-Wettrüsten: Johannes Weik spielt seine waghalsigen Riff-Eskapaden und Rhythmuswechsel nicht auf einer elektrischen Achtsaiter, sondern ganz klassisch auf einer Akustikgitarre. Dass das der Durchschlagskraft ihres Prog-Rocks zwischen Agent Fresco und The Hirsch Effekt keinen Abbruch tut, zeigt ihr aktuelles Konzeptalbum ‚Hephioz‘ eindrucksvoll. Wir sprachen mit Johannes über den Unterschied von elektrisch und akustisch, sein unorthodoxes Gitarren-Setup und die epische Geschichte von ‚Hephioz‘.

INTERVIEW

‚Hephioz‘ ist euer drittes Album, und auch davor habt ihr bereits Prog mit Akustik-Gitarre gemacht. Was ist dieses Mal anders?

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Abgesehen davon, dass es ein Konzeptalbum ist, ist der Sound völlig anders – gerade, was die Akustik-Gitarre angeht. Bei unserem Vorgängeralbum ‚Silence Of The Sirens‘ war es wirklich nur die Akustik-Gitarre, die wir aufgenommen haben. Alles, was da an Verzerrung hinzukam, ist nachher digital passiert. Seither (2015, Anm. d. Aut.) hat sich mein Gitarren-Setting sehr verändert: Ich spiele jetzt über zwei Amps gleichzeitig, habe mehrere Pedale und eben auch Verzerrer. Dementsprechend hat sich auch die Musik verändert, aber vor allem der Gitarrensound.

‚Hephioz‘ ist ein episches Konzeptalbum mit einer Parabel um den ewigen Zwiespalt, Progressivität und Konservatismus. Umreiß die Story doch kurz für uns.

Es geht um Vögel, die auf einem riesigen, schwebenden Baum leben. In der Rahmenhandlung erzählt ein Vater einem Vogel die Hauptgeschichte des Albums. Hier lernt man die Titelfigur Hephioz kennen. Ein Feuervogel, der über dem Baum thront und die Funktion der Sonne einnimmt. Wenn er sich erhebt und Licht macht, ist Tag, und wenn er sich niederlegt und seine Federn auslöschen lässt, ist Nacht. Er ist das mächtigste Wesen – kein Vogel hat ihn je gesehen, aber alle glauben, dass er da ist. Ein junger Vogel namens Stravoz hat sich in den Kopf gesetzt, ein paar Dinge zu hinterfragen, die man auf dem Baum eigentlich nicht hinterfragt. Zum Beispiel: Was ist eigentlich außerhalb des Baums? Gibt es noch andere Bäume?

Umreiß doch kurz eure bisherige Band-Geschichte.

Wir haben uns offiziell schon 2011 gegründet, noch mit anderer Besetzung. Ein paar Monate später haben wir schon unser erstes Album aufgenommen und damals selbst über ein eigenes Label veröffentlicht. Damit haben wir ein paar Tourneen und Festivals gespielt. 2015 haben wir dann unser zweites Album ‚Silence Of The Sirens‘ veröffentlicht. Das war ein riesiger Unterschied zum ersten Album, das nämlich noch sehr poppig war. Wir wollten halt irgendwas mit Akustik-Gitarre machen. Ende 2018 sind wir dann ins Studio gegangen, um ‚Hephioz‘ aufzunehmen, also vor ziemlich genau drei Jahren. Ich habe das Konzept entworfen, die Musik geschrieben und in Zusammenarbeit mit unserem Sänger Julian die Story ausgearbeitet und die Texte geschrieben.

Takamine TSF48C mit
Röhren-Preamp
(Bild: Johannes Weik)

Wie kamt ihr darauf, die Musik, die ihr macht, mit Akustikgitarre zu spielen? Damit seid ihr ja eine ziemliche Ausnahmeerscheinung.

Als wir die Band gegründet haben, kamen wir nicht im Traum darauf, die Musik zu machen, die wir heute machen. Das war nie der Plan. Es gab diese Band und die Idee, mit der Akustik-Gitarre eher Poporientiert zu spielen – schon etwas anspruchsvoller, aber nicht wirklich Prog. Und dadurch, dass ich von Anfang an den Großteil der Musik geschrieben habe und eben aus dem Prog-Rock komme, sich außerdem mein Hörverhalten in den Jahren verändert hat und deutlich härter geworden ist, ist die Band da einfach mitgegangen. Die Akustik-Gitarre ist aber geblieben, wenn auch stark verändert im Vergleich zum Anfang. Aber die Idee, die Akustik-Gitarre zu ersetzen, gab es nie. Das war eher ein schleichender Prozess. Aber ich bin auch sehr froh, dass wir uns da treu geblieben sind.

Sind diese waghalsigen Läufe und Parts, die du spielst, technisch anspruchsvoller als auf einer E-Gitarre?

Ja, ich finde schon. Auf der Elektrischen ist es doch ein bisschen leichter. Auf der Akustik-Gitarre muss man viel mehr Kraft reinstecken. Bei der E-Gitarre lässt sich vieles vertuschen, gerade wenn sie verzerrt ist.

Glaubst du, dass du auch anders Musik schreiben würdest?

Das habe ich mich auch gefragt (lacht). Ich glaube schon, dass es eine Rolle spielt. Auf der Akustik-Gitarre ist es so: Wenn ich etwas schreibe, dann sitze ich daran und weiß letztendlich – auch, wenn da noch Pedale und Amps hinter kommen – wie der Sound sein wird. Bei der E-Gitarre passiert da ja noch viel mehr an Sound-Verarbeitung bis zum finalen Produkt. Ich glaube, das führt schon dazu, dass ich unbewusst anders schreibe. Dazu kommt noch das perkussive Element – allein, was Dead Notes angeht. Da lässt sich viel bewusster mit arbeiten. Auf der E-Gitarre würde ich auch viel mehr Powerchords spielen, und auf der Akustischen sind es meistens größere und vollere Akkorde.

Mit welchen Effekten und Amps arbeitest du?

Ich spiele zeitgleich über einen Fender Hot Rod DeVille für den E-Gitarren-Sound und einen AER-Akustik-Amp, um eher den Sound der Akustikgitarre wiederzugeben. Ein Morley Tripler splittet das Signal auf und schickt es an beide Amps gleichzeitig. Zwischen der Gitarre und dem AER ist nichts, aber vor dem Fender ist ein Verzerrer, der Archer von J. Rockett. Dann spiele ich zwei Pedale von Ernie Ball: Den Expression Overdrive und das Ambient Delay. Beides Pedale, die man stufenlos dazu fahren kann, was ziemlich cool ist. Das war es aber tatsächlich schon.

Ungewöhnliches Setup für eine Akustikgitarre: Das Signal wird gesplittet und wandert anschließend in den AER-Alpha-Amp für den Akustik-Sound sowie durch die Effektkette in den Fender Hot Rod DeVille für den verzerrten Sound.
Ungewöhnliches Setup für eine Akustikgitarre: Das Signal wird gesplittet und wandert anschließend in den AER-Alpha-Amp für den Akustik-Sound sowie durch die Effektkette in den Fender Hot Rod DeVille für den verzerrten Sound.
Die Effektkette: J. Rockett Archer, Ernie Ball Ambient Delay & Expression Overdrive, TC Electronic Polytune und Morley Tripler

Wie habt ihr die Gitarre im Studio denn abgenommen?

Da haben wir natürlich die Gitarre mikrofoniert. Das würde ich live auch am liebsten machen, aber das ist auf der Bühne nicht möglich. Im Studio gibt es sozusagen nicht den AER, sondern die Direktabnahme und parallel das Signal, das an den Fender-Amp geht.

Hast du live Probleme mit Feedback?

Ja. (lacht) Je nach Bühnengröße muss man immer ein bisschen gucken, wie aggressiv man die Zerren einstellt und wie laut man den Amp macht. Ich spiele eine Takamine TSF48C, und die hat eine Röhre im Preamp. Das sorgt natürlich auch dafür, dass sie deutlich anfälliger ist. Ich habe da schon Probleme, aber nichts, was sich nicht über die Lautstärke regeln lassen würde. Und auf großen Bühnen ist es eh kein Problem. Ich bin deswegen auch auf In-Ear umgestiegen, aber das löst es auch nicht ganz. Man merkt das Feedback, aber es lässt sich beim Spielen in den Griff kriegen. Aber klar: Keines der Pedale ist im Ansatz dafür gedacht, von einer Akustik-Gitarre verwendet zu werden. Was aber auch ein bisschen den Reiz ausmacht! (lacht)


(erschienen in Gitarre & Bass 01/2022)

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