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Im Interview

Philipp Fankhauser: Let Blues Flow

(Bild: Adrian Ehrbar)

Seit über drei Jahrzehnten spielt der Schweizer Sänger und Gitarrist Philipp Fankhauser den Blues. 1989 veröffentlichte er das erste Album ,Blues For The Lady‘ mit L.A.-Chanteuse Margie Evans. Im vergangenen Jahr kam mit ,Let Life Flow‘ sein 16. Werk heraus. Und hier kann man berührende Songs erleben, die mit viel Soul aufgeladen wurden.

Im Mittelpunkt steht der Bandleader mit seiner angerauten Stimme und knackigen Gitarren-Licks. Letztere – befeuert von einer funky Rhythmsection – setzen tolle Akzente zwischen Background-Chören, Bläsern und Hammond-Orgel/Piano. Auf dem neuen Album folgt der Musiker (Jahrgang 1964) aus dem Emmental dem souligen Kurs, den er 2017 auf ,I‘ll Be Around‘ begonnen hat. Ein Gespräch über Blues, den Sound des Soul, große Vorbilder und die Entstehung eines beseelten Albums.

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Philipp, wie lief das Songwriting zum neuen Album ab?

Der erste Song ,Let Life Flow‘ wurde von Kenny Neal geschrieben, und das war der Startschuss. Danach habe ich Flo Bauer, diesen jungen Gitarristen aus dem Elsaß, entdeckt und mit ihm und Dennis Walker ein paar Sachen gemacht. Mit Dennis arbeite ich meistens via Email, er schreibt die Texte und ich vertone sie dann. Meistens habe ich direkt ein Gefühl dafür, in welche Richtung er mit einem Text gehen möchte.

Wie gehst du an die Musik heran?

Zunächst erstelle ich mit der Gitarre ein Akkordgerüst und nehme das auf. Das spiele ich dann beim nächsten Treffen der Band vor, und die finden es dann toll oder eben nicht. Entsprechend arrangieren wir ein Stück dann um. Es kam auch schon vor, dass wir einen Song ganz verworfen haben.

Deine neuen Songs zeigen einen sehr starken Soul-Einfluss. Teilweise haben sie mich an Bobby „Blue“ Bland (1930-2013) erinnert.

Das freut mich sehr, dass du das sagst. Er ist unter meinen Idolen in den Top 5. Ich habe ihn das erste mal vor gut 35 Jahren entdeckt, auch Dank der Blues-Sängerin Margie Evans, die in den 80er-Jahren Vocalcoach für Bobby war. Ich habe schon immer großen Gefallen an diesen Soul-Einflüssen im Blues gefunden. Das gefällt ja nicht jedem, wie zum Beispiel der 12-Takt-Drei-Akkorde-Blues-Polizei. Aber ich war stets Fan von diesen souligen Chords und Harmoniefolgen, und so denke ich auch, wenn wir an neuen Songs arbeiten.

Wie wurde das Album eingespielt?

Wir spielen immer live ein. Wir stehen alle in einem Raum zusammen, die Verstärker sind ein wenig abgeschirmt, aber Übersprechungen der Tonspuren sind bei uns auch gewünscht. Nur das Schlagzeug bekommt einen eigenen Raum.

(Bild: Ueli Frey)

,Let Life Flow‘ wurde in drei verschiedenen Studios aufgenommen, in Kriens-Obernau/Schweiz, in Sheffield/Alabama und in Jackson/ Mississippi. Wie lief da genau die Produktion ab?

Das vorherige Album ,I‘ll Be Around‘ wurde komplett in den USA aufgenommen, diesmal haben wir es gesplittet. Produzent Kent Bruce war zehn Tage in der Schweiz und in der Zeit haben wir das komplette Album aufgenommen. Mit diesen Aufnahmen ist er dann nach Sheffield geflogen und hat dort die Gitarre und die Blues-Harp von Kenny Neal sowie die Bläser und die Backing-vocals aufgenommen. Anschließend bin ich nach Jackson geflogen und habe einen Song, mit dem ich nicht so zufrieden war, neu eingesungen.

Direkt darauf ging es ans Mischen. Kent Bruce hat zahlreiche Bobby-Bland-Alben in den Malaco Studios gemischt, von daher ist es natürlich schon klar, dass das neue Album von der Tonphilosphie her zum Glück an diesen Malaco-Sound erinnert. Das war auch meine Absicht. Malaco haben es wirklich geschafft, neben Stax und Motown, einen eigenen Sound zu kreieren. Es heißt ja auch „Malaco – The last soul company“. Und davon durften wir ein wenig profitieren. Natürlich spielt meine Band anders als jeder Studiomusiker dort.

Kommen wir zu deinen Instrumenten. Spielst du auf dem Album diese hellgelbe Gibson Les Paul, mit der man dich auch auf dem Cover sieht?

Ja, die habe ich 1996 von Johnny Copeland bekommen. Das ist eine ’87er-Gibson-Les-Paul-Studio. Das war eine Sponsoring-Gitarre. In den 80er-Jahren hatte Miller Beer ein paar Künstler unter Vertrag, und denen haben sie unter anderem Gitarren gesponsert. Auf dem Pickguard – heute nicht mehr gut zu sehen – steht Miller Genuine Draft. Johnny hat damals neue, bessere, schönere und teurere Gibsons bekommen, und die ’87er lag nur rum. Er hat sie mir dann geschenkt. Ich habe sie jahrelang nicht benutzt, aber seit zwei, drei Jahren spiele ich sie sehr oft, auch auf der Bühne. Ich wechsle zwischen der Les Paul und einer Gibson ES-125.

Welches Baujahr hat die ES?

Das ist eine ’52er mit dickem Sunburst-Hollowbody. Dann habe ich noch eine baugleiche ’55er, die ich fast noch ein bisschen lieber mag. Dann habe ich mir vor ein paar Jahren in Los Angeles eine ’61er-ES-125-Thinline gekauft, und die hat im Gegensatz zu den anderen beiden zwei P-90-Pickups. Das ist eine etwas aggressivere Gitarre, hat aber immer noch diesen dicken 50er-Jahre-Gibson-Hals, den ich sehr liebe. Ich habe nicht gerne dünne Hälse und dünne Saiten. Ich spiele GHS-Saiten in der Stärke von .013 bis .059, und da brauchst du schon einen Hals, der das auch halten kann.

Stimmst du deine Gitarren bei diesen dicken Saiten etwa um einen Halbton herunter?

Ich spiele im Standard-Tuning und das gibt schon ziemliche Hornhäute auf den Fingern. Aber ich kämpfe gerne mit meinen Gitarren. Es soll nicht gemütlich, sondern ruhig ein bisschen Arbeit sein. Wenn du eine .013er-E-Saite anschlägst, dann kommt auch was, im Gegensatz zu einer .009er. Ich habe keine Effektgeräte, dadurch bin ich darauf angewiesen, dass die Saite auch richtig Klang bringt, wenn ich sie anschlage. Louisiana Red hat sogar einen Satz mit .014er E-Saite gespielt, aber das kriege ich nicht hin; .013 geht da noch gerade so. Auf meinen ES-Modellen ist die G-Saite umwickelt, auf der Les Paul nicht.

Du hast gerade gesagt, du benutzt keine Effekte, weil du den Ton hören willst. Welche Verstärker setzt du ein?

Ich habe ziemlich lange einen Bad Cat gespielt, ein Röhren-Amp mit Reverb. Im Moment spiele ich ein Schweizer Produkt, das sich Harper nennt. Das ist ein angenehmer 15-Watt-Röhrencombo, aus dem ziemlich was rauskommt. Er hat einen 1×12″-Lautsprecher und alles ist ein bisschen archaisch.

Das ist der Stand heute. Wie sahen denn deine Anfänge als Gitarrist aus?

Etwa 1976/77 habe ich aus der Bravo einen Elvis-Presley-Starschnitt an die Wand gehängt, und Elvis hatte diese schöne blonde Gibson J-200 Acoustic. Ich dachte, die möchte ich auch und habe mir die Gitarre zu Weihnachten gewünscht. Die war natürlich furchtbar teuer. Meine Mutter hat sich dann beraten lassen und ich bekam eine Aria J-200, mit der Bedingung, dass ich zu einem Gitarrenlehrer gehe, was ich dann auch gemacht habe.

Eine Stunde habe ich bekommen, woraufhin mein Lehrer meine Mutter anrief und sagte ich sei komplett talentfrei. Er wollte mir Harmonielehre und Notenlesen beibringen, aber ich wollte John Lee Hooker und solche Sachen spielen. Das war mit 12 oder 13, meine erste und letzte Stunde.

Dann habe ich anhand der Platten von Hooker, Josh White, Sonny Terry & Brownie McGhee und Muddy Waters versucht, so gut wie möglich etwas zu lernen. Dadurch bin ich als Gitarrist ein bisschen limitiert. Ich kann Musik weder lesen noch schreiben, kenne nicht alle Akkorde und auch nicht die Harmonielehre. Ich bin halt gitarristisch gesehen ein relativ einfach gestrickter Bluesmusiker.

Sideman: Marco Jencarelli (Bild: konzertbilder.ch)

Aber deine Musik klingt gar nicht so einfach gestrickt.

Das hat damit zu tun, dass ich glücklicherweise eine versierte Band habe und ich mich da drauflegen kann. Ich muss ja auch nicht alles mitspielen können, ich spiele eher die Dekorationsgeschichten. Ansonsten sind dann diese schönen Akkorde Marco Jencarellis Werk.

Du hältst die Songs mit deiner Stimme zusammen.

Ja, und in der Hinsicht habe ich Schwein gehabt. Ich hatte nie eine Ausbildung. Ich war vor ungefähr 25 Jahren bei einem Gesangslehrer, weil ich nach einer Zeit immer heiser wurde. Und der hat mir versucht zu erklären, wie man anders atmet. Da hätte ich mich immer furchtbar konzentrieren müssen beim Singen und dann habe ich das aufgegeben. Heute ist das zum Glück nicht mehr so schlimm und ich kann sechs, sieben Konzerte nacheinander spielen, ohne dass die Stimme versagt, wie mir das schon passiert ist. Ich habe also zu meiner Stimme nicht viel beigetragen, außer dass ich viel singe. Ungefähr 80 bis 90 Konzerte im Jahr.

Du bist in den USA gewesen und tourst mit deiner Band durch Europa. Wie sieht denn die Blues-Szene in der Schweiz aus?

Es gibt in der Schweiz eine ganz tolle Musikszene, aber keine Blues-Szene in dem Sinne. Es gibt ein paar Blues-Festivals, z. B. in Bern, Bellinzona, Basel, Baden und das Vallemaggia Magic Blues. Aber sonst gibt es keine speziellen Blues-Clubs. Meistens wir in den Musik-Clubs Pop, Funk, Blues oder Mundart gespielt.

In Deutschland gibt es sehr viele Blues-Clubs und man hat Mühe in die Mainstream-Clubs reinzukommen. Der Nachteil für mich dabei ist, dass ich in Deutschland – ich sage das bewusst ein wenig despektierlich – die Blues-Professoren zu wenig anspreche, weil das für die zu wenig ,Sweet Home Chicago‘ und ,Hoochie Coochie Man‘ ist. Ich möchte eigentlich viel lieber ein Publikum, das einfach auf die Musik abfährt. Ich habe sehr viele Fans in der Schweiz, die sich gar keine Gedanken darüber machen, ob das jetzt Blues ist oder nicht.

Blues hat immer noch den Nimbus, dass es langweilige und melancholische Musik ist, in der die Gitarristen dann 15 Minuten lang Solo spielen und alle ein trauriges Gesicht machen. Aber irgendwie sind wir ziemlich genau das Gegenteil von dem. Bei der letzten Deutschland-Tour waren wenige Blues-Clubs auf unserer Route. Dadurch hatten wir eher ein interessiertes Mainstream- und Kulturpublikum, dem gut gefallen hat, was wir da machen.

Und ich freue mich – ohne das böse zu meinen – wenn wir uns näher zu diesen normalen Musikkonsumenten hinbewegen. Wir sind keine Museums-Band. Wir lassen nicht die alten Blues-Zeiten wieder aufleben und wir spielen keine originalen Instrumente aus dieser Zeit. Dass ich eine alte Gibson spiele, hat damit zu tun, dass sie eine der wenigen Gitarren ist, die mir wirklich gut in den Händen liegen. Ob die jetzt von 1955 oder 1975 ist, ist mir persönlich nicht so wichtig.

Natürlich ist Blues ein Kulturgut und wir respektieren das. Unsere Musik kommt von dort und ich bin großer Fan der Originale. Aber ich möchte nicht verwechselt werden mit einem Kopisten, der versucht wie Freddie King zu klingen. Ich bin ich und meine Band hat eigentlich am wenigsten Ahnung von dieser alten Blues-Geschichte. Wenn ich denen sagen würde, sie sollten mal versuchen wie die Band von Muddy Waters zu klingen, würden die mich auslachen, das können die gar nicht. Diese Jungs klingen eben wie sie klingen und sie spielen einfach frei von der Leber weg.

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2020)

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