Der Gitarrist von Billy Idol

Steve Stevens: Ich liebe Gitarreneffekte, mit denen man extreme Sounds erzeugen kann

Steve ist einer der kreativsten und originellsten Gitarristen, die die 80er-Jahre-Rock-Szene hervorgebracht hat. Bekannt wurde er vor allem durch seine 30-jährige Zusammenarbeit mit Billy Idol und seine Arbeit an Michael Jackson’s „Dirty Diana“. 

Steve Stevens und Billy Idol

Im Grunde genommen begann Billy Idols Solokarriere mit einem Widerspruch: In der Welt des Punks, aus der er Anfang der Achtziger mit seiner Band Generation X kam, waren Gitarrenhelden der alten Schule, wie sein musikalischer Partner Steve Stevens, verpönt.

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Doch der englische Sänger wollte seine weitere musikalische Laufbahn nicht in irgendeinem Londoner Hinterhof fristen, sondern als charismatischer Frontmann die ganze Welt erobern. Dass ihm dies gelungen ist, liegt nicht zuletzt am grandiosen Steve Stevens, dessen innovatives Spiel aus den poppigen Kompositionen echte Rock-Tracks machte und der ohne Zweifel auch heute noch zu den außergewöhnlichsten und virtuosesten Gitarristen der Welt zählt.

Was Steve Stevens so alles draufhat und wie er seine Rolle in der Band seines Mentors sieht, verriet er uns bei einem Idol-Konzert im Hamburger Stadtpark 2014.

Steve, dein Gitarrenspiel und dein Sound waren Mitte der Achtziger maßgeblich am Erfolg von Billy Idol beteiligt. Spielst du die Hits von damals eigentlich immer noch unverändert wie bei den Originalaufnahmen?

Nun, in der Zwischenzeit sind ja ein paar Dinge passiert, die unsere Sicht auf einige Stücke verändert haben. Vor allem das Album ,Storytellers‘ mit Akustikversionen unserer Songs. Ich denke, dass uns diese Scheibe den Blick auf die Essenz der Stücke anstatt ausschließlich auf ihre Produktion eröffnet hat. Wir waren gezwungen, einen Song wie ,White Wedding‘ zu zweit umzusetzen, nur Billy und ich. Diese Essenz des Stücks haben wir beibehalten.

Wir beginnen auch jetzt noch diesen Song jeden Abend zu zweit, bis nach etwa einem Drittel des Stückes die Band einsteigt. Einen solchen Unplugged-Ansatz haben wir beispielsweise auch bei ,Eyes Without A Face‘ oder ,Sweet Sixteen‘ konserviert, haben aber unseren Rhythmusgitarristen Billy Morrison hinzugezogen, wodurch wir in der Lage sind, die Gitarren-Parts der Originalvorlage ziemlich genau nachzuempfinden und mich diejenigen Parts der Studioversion übernehmen zu lassen, die ich spielen möchte.

Auf den Originalen gibt es massenhaft Gitarren-Overdubs, und ich habe es immer gehasst, wenn ich in Konzerten bei meinen Soli kein Rhythmusfundament hatte, sodass die Songs einfach nicht wie auf den Scheiben klangen. Vor jeder Tour schaue ich mir die Setliste genau an und überlege, wie man sie neu und frischer aufbereiten könnte, vor allem die Generation-X-Stücke, die mittlerweile bis zu 34 Jahre alt sind.

Diese Stücke werden von uns so interpretiert, wie wir sie heutzutage spielen wollen, das heißt, dass einige der Rhythmusgitarren aktualisiert wurden. Aber natürlich immer nur in dem Maße, dass die Fans die Songs auch wiedererkennen. Der Spirit der Originale muss immer erhalten bleiben, gleichzeitig sollen sie aber natürlich auch für uns weiterhin frisch und aufregend bleiben.

Würdest du aus heutiger Sicht sagen, dass euer weltweiter Erfolg damit zusammenhing, dass ein britischer Sänger und ein amerikanischer Gitarrist sozusagen best of both worlds darstellten?

Nein, so würde ich das nicht sehen, denn ich bin von vielen britischen Gitarristen beeinflusst. Ich komme künstlerisch eben nicht von Country oder Blues, stammte also nicht von der Generation eines Chet Atkins ab, sondern von englischen Musikern, die natürlich ihrerseits auch amerikanische Inspirationen in ihrem Spiel hatten.

Als ich dreizehn war und meine erste eigene Gitarre bekam, hörte ich immer eine Radiosendung, die jeden Freitag drei Stunden lang ausgestrahlt wurde und „Things from England“ hieß. Dort hörte man all die obskuren Sachen, die man in Amerika nicht kaufen konnte, wie Hatfield And The North, Matching Mole, diese verrückten progressiven Rock-Scheiben. Das war die Musik, die mich neben Hendrix am meisten interessierte.

Auch Hendrix war ja kein amerikanisches, sondern eher ein internationales Phänomen. Insofern glaube ich nicht, dass ich Billy einen amerikanischen Sound verpasst habe, zumal ich ganz unterschiedliche Musikarten liebe und nicht nur an Gitarren interessiert bin. Ich liebte damals ebenso Keyboards und Synthesizer und wollte auch diese Instrumente so gut wie möglich erforschen.

Das ging sogar soweit, dass ich nach einem Gitarren-Sound suchte, der stark nach Keyboards klingt. Denn für mich stand fest: Wenn ich dieses Terrain nicht mit meiner Gitarre besetze, kommt irgendein Typ mit einem DX7-Synthie und übernimmt die Rolle. Als wir ,Rebel Yell‘ produzierten, bat ich Keith Forsey: „Bevor du Keyboards aufnimmst, lass mich bitte erst all meine Gitarren einspielen. Ich möchte Gitarren-Parts kreieren, die wie Keyboards klingen. Wenn du anschließend immer noch Synthis brauchst, dann können, wenn du es unbedingt möchtest, damit die noch freien Stellen gefüllt werden.“

Allzu viele wurden offenkundig nicht mehr gebraucht …

Richtig, es waren nur einige wenige Parts als zusätzliche Farbgebung. Es gibt mehrere Stellen in ,Rebel Yell‘, bei denen jeder dachte, dass es Keyboards seien. In Wirklichkeit sind es jedoch Gitarren-Parts. Ich nahm so viele Gitarren auf, wie nur irgend möglich.

Heute habt ihr Keyboards an Bord, plus mit Billy Morrison einen exzellenten Rhythmusgitarristen. Unter welchen Gesichtspunkten hast du dementsprechend dein Equipment für diese Tour zusammengestellt?

Wir müssen ja einen Katalog von 33 Jahren abdecken, dementsprechend vielseitig muss auch mein Equipment ausgelegt sein. Der Sound zu ,Flesh For Fantasy‘ ist beispielsweise ein völlig anderer als bei ,Rebel Yell‘. Ich muss ständig zwischen Amps mit super cleanem und mit verzerrtem Sound hin- und herschalten, deswegen habe ich bereits seit etwa fünfzehn Jahren dieses Gitarren-Rig.

In den Achtzigern arbeitete ich mit Bob Bradshaw zusammen, als ich dann vor 16 Jahren nach Los Angeles umzog, traf ich Dave Friedman, der meine Amps baut und dem ich erklären konnte, welche Möglichkeiten ich mir bei meinem Rack wünsche.

Die Grundlage ist ein puristischer Gitarren-Sound, bei dem wirklich nur diejenigen Effekte zu hören sind, die ich der Situation entsprechend benötige. Ich möchte nicht wie durch einen Prozessor gejagt klingen. Aber ich brauche nun einmal all diese Effektgeräte, damit ich den Sound der Originalscheiben rekonstruieren kann.

Besitzt du zwei identische Rigs, eines für Amerika und eines für Europa?

Nein, für Billy Idol gibt es nur dieses eine. Bei den anderen Bands, in denen ich mitspiele, zum Beispiel den Kings Of Chaos mit Glenn Hughes, Matt Sorum und Duff McKagan, habe ich nur ein kleines Pedalboard dabei, allerdings auch meinen Friedman-Amp. Die Geräte klingen einfach fantastisch, und ich weiß aus Erfahrung, dass sie robust und belastbar sind.

Man findet bei dir ein paar abgedrehte Effekte, wie z.B. den Moogerfooger.

Richtig, ein tolles Gerät. Ich liebe die Sachen von Moog, ich habe unter anderem ja auch ein Theremin und einen MiniMoog, sie nennen ihn glaube ich Moog Voyager. Immer wenn wir mit den Proben beginnen, stellen mir Firmen ihre neuen Geräte vor und bitten mich, sie auszuprobieren. Ich mache das gerne, weil ich auch selbst immer sehr neugierig darauf bin. Ich suche ständig nach neuen Ideen, Geräten und Möglichkeiten.

Es gibt mittlerweile zahllose Firmen, die Boutique-Effektpedale herstellen. Ich liebe alle Gitarreneffekte, mit denen man extreme Sounds erzeugen kann, z.B. diese Ringmodulatoren, mit denen man sagenhafte Sachen machen kann.

Neugierig dürften deine Fans auf dein zweites Signature-Modell von Knaggs Guitars sein, das du im kommenden Jahr vorstellen wirst. Auf dieser Tour testest du offenbar bereits den Prototyp, wenn ich es richtig gesehen habe.

Ja, das stimmt. Zunächst: Die weiße und die schwarze Gitarre auf dieser Tour sind identisch, es sind beides SS2-Versionen, wir werden sie im kommenden Jahr bei der NAMM Show vorstellen. Ich habe einen Vertrag mit Knaggs über weitere 100 in den USA handgefertigte Gitarren unterzeichnet. Ich wollte verhindern, dass einfach nur die Lizenzen freigegeben, und die Gitarren dann in China oder Korea gefertigt werden. Ich musste so etwas früher schon einmal erleben und ich selbst spiele solche Billigmodelle nicht. Wie soll ich dann andere davon überzeugen?

Knaggs Guitars sind in Maryland und bestehen aus nur neun Mitarbeitern. Joe Knaggs ist der Typ, der früher den Custom Shop von PRS Gitarren geleitet hat. Ihn lernte ich durch Peter Wolf von PRS Guitars kennen. Ich mag Peter und schätzte seine Arbeitsphilosophie. Eines Tages rief mich Peter an und erzählte mir, dass er jetzt für Knaggs Guitars arbeitet. Er sagte: „Joe ist der Typ, der dir deine wunderbaren PRS-Modelle gebaut hat. Willst du nicht mal eines seiner eigenen Modelle testen?“ Ich antwortete: „Klar, schick mir doch mal eines vorbei, ich checke es mal.“

Steve Stevens Gitarren

Als ich sie zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich schwer beeindruckt. Die handwerkliche Leistung und das hohe Level sämtlicher Details sind wirklich erstaunlich.“ Ich sagte zu Peter: „Ein wirklich schönes Modell, wenn auch nicht die Art Gitarre, die ich spielen würde. Wenn ich für euch ein Modell entwickeln soll, dann sollte es diesen Korpus, jene Elektrik und jene Tonabnehmer haben.“ Also bauten mir Knaggs vier oder fünf Prototypen, bis wir das gefunden hatten, was ich mir vorstellte. Und wie gesagt, meine Bedingungen lauteten: 100 Exemplare, allesamt in Amerika handgefertigt. Sie hielten sich an diese Vereinbarung, und nachdem ich zwei oder drei Tourneen mit der SS1 gespielt hatte, kam die Idee eines Nachfolgemodells auf.

Das aber nicht einfach nur andere Farben hat, richtig?

Genau das ist der Punkt: Es soll ein anderes Modell werden, ein wenig traditioneller als die SS1. Deswegen gibt es dieses Gibsonmäßige Tailpiece, hergestellt von Tone-Pros, für die ich schon seit zehn Jahren Endorser bin.

Eine weitere Änderung betrifft den Headstock-Winkel, außerdem wird es gezielt auf die SS2 entwickelte neue Pickups geben und der Korpus wird ein klein wenig größer als der meiner SS1, um die Gewichtsverteilung ein wenig zu optimieren.

Die Gitarre wird mit 3,8 Kilogramm nicht viel schwerer als die SS1, aber sie hat eine bessere Gewichtsverteilung, eine bessere Balance. Ich mag es, wenn Gitarren schwer sind.

Überrascht war ich, als mir dein Gitarrentechniker Marty erzählte, dass alle deine Gitarren bei Billy Idol in Standard-Tuning gestimmt werden.

Ja, ich liebe es eigentlich, wenn die Gitarre in E-Flat gestimmt ist, dann klingt sie fetter und das Vibrato ist besser. Zuhause sind alle meine Gitarren in E-Flat gestimmt. Aber bei Billy Idol funktioniert das nicht.

Vermisst du in der Idol-Band manchmal die Herausforderungen deiner erstaunlichen Fähigkeiten als Flamenco-Gitarrist. Oder die Vielseitigkeit der Kings Of Chaos?

Um ganz ehrlich zu sein: Billy Idol liegt mir besonders am Herzen, weil ich mit ihm schon seit 34 Jahren Musik mache. In diesem Business ist eine so lange Partnerschaft total ungewöhnlich. Das Beste daran: Wir mögen uns noch immer und werden im Oktober ein neues Album veröffentlichen, das wir gerade in England mit Trevor Horn aufgenommen haben.

Es war wie früher: Einfach rein ins Studio und schauen, was dabei herauskommt. Manchmal fragen mich Leute, warum ich nicht mehr Instrumentalscheiben aufgenommen habe. Ich kann dann immer nur antworten: Kein noch so grandioses Solo kann einem jenes Gefühl bringen, das man bekommt, wenn Tausende Fans im Publikum einen Song Ton für Ton, Zeile für Zeile mitsingen, an dessen Entstehung man aktiv teilgenommen hat! Deswegen hat die Billy Idol Band eine so große Bedeutung für mich.

Interview: Matthias Mineur

Ein Abend mit dem Billy-Idol-Gitarristen

Auf der Musikmesse 2017 lud der Grammy-Gewinner Steve Stevens ein und bewies, dass er mit unterschiedlichen Gitarren Menschen zum Weinen, Schreien, Feiern, schlicht zur Ekstase bringen kann. Gemeinsam mit seiner Band und Special Guest Gus G. – Gitarrist von Rocklegende Ozzy Osbourne – spielte er Hits wie „Pistolero“ und das „Top Gun Anthem“, aber auch Songs seiner Soloalben „Flamenco a Go Go“ und „Memory Crash“ sowie seine Hits mit Billy Idol – „Rebell Yell“ und „White Wedding“. Als Bandmitglieder hat Steve keine geringeren als den Gitarrist Ben Woods, Bassist Uriah Duffy (Whitesnake), Schlagzeuger Michael Bennett (Slash, Stevie Wonder, Bruno Mars) und Sänger und Keyboarder Franky Perez (Apocalyptica) mit auf Tour.

 

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